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Der Israelit · 1929-05-16 · Heft 20 (16.5.1929) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 20 (16.5.1929)
Date
1929-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Ritualmordhehe in Bayern. München, 10. Mai. Kultusminister Dr. Goldenberger wandte sich in der Sitzung des Haushaltsausschusses des bayerischen Landtags sehr entschieden gegen die nationalsozialistische Rilualmordhetze in Unterfranken, die im Zusammenhang mit der bisher unaufgeklärten Ermordung eines kleinen Knaben in Manau getrieben wird. Der Kultusminister teilte mit, er habe durch Erlast an die Schulbehörden angeordnet, daß in den oberen Klassen die Schulkinder über die Grundlosigkeit der Ritualmordlegende aufgeklärt werden. Im Namen der Bayrischen Volkspartei billigte der Abgeordnete S t a n g diesen Erlaß. Ein national-sozialistischer Abgeordneter wagte zu behaupten, es gäbe im Judentum noch heute gewisse Richtungen, die dem Aberglauben des Ritualmordes huldigen. Darauf erhob sich der Kultusminister und gab die folgende Erklärung ab: „Im Kultusministerium erschienen Vertretilngen der jüdischen Gemeinde und beschwerten sich über die Verhetzung des Volkes gegen die jüdischen Mitbürger. Als Unterrichts- und Kultusminister habe ich es als geboten erachtet, an den Regierungspräsidenten von Unterfranken eine Weisung ergehen zu lassen, daß in den Volksschulen die Jugend über diese Hetzereien in Bayern aufgeklärt wird. Wiederherstellung des Friedens in München. München, 2. - Mai. Wie die Vertagung der Beratungen des Gemeindeparlaments in. der vorletzten Sitzung bereits erwarten ließ, ist in der Vertretersitzung vom 29. April die Einigung in der Frage der Subventionierung der Ohel Jakob- Volksschule zustande gekommen. Die liberale Fraktion gab für die Abstimmung den Fraktionszwang auf mit der Begründung, ein Teil der liberalen Herren sei jetzt zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Erziehung in der jüdischen Volksschule ein religiöses Bedürfnis für die gesetzestreuen Mitglieder darstelle, und werde deshalb für dieses Jahr der Erhöhung der Subvention zustimmen. Diese wurde alsdann mit 13 gegen 9 Stimmen bcischlossen. Eine Position von M. 3000 zur .Gewährung von Aussteuerbeihilfen in Höhe von je M. 500 Zwecks Ermöglichung von Frühehen gelangte mit der ^knappen Mehrheit von einer Stimme zur Annahme. Es ist jedenfalls ein erfreuliches Zeichen, wiq auch auf diesem Gebiete der Liberalismus allmählich umzulernen anfängt. Wie lange ist es her, daß liberale Philantropan in einen wahren Paroxismus volkswirtschaftlicher Fortschrittlichkeit gerieten, wenn man von ihnen einen Beitrag für die altjüdische nbv nvwn niL» haben wollte! Jetzt gründen sie selber „Frühehekassen" und sehen ein, daß unsere altmodischen Väter und Mütter doch nicht so Unricht hatten. Man sollte konsequenter Weise de,n oft aus dem Osten zu uns kommenden Rabbonim und würdigen Thoragelehrteil Mehr Respekt entgegenbringen, die es nicht verschmähen, ihre Würde aufs Spiel zu setzen, um als gute Väter die Mittel zur Versorgung ihrer Töchter aus der Wanderschaft aufzubringen. Tagung der Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen israelitischen Landesverbände. Stuttgart, 12 .Mai. Am 5. Mai 1929 fand in Stuttgart, dem Vorort der Arbeitsgemeinschaft der süddeutschen israelitischen Landesverbände, eine Besprechung statt. Es wurden bei der Tagung folgende Gegenstände besprochen: a) Reichsarbeitsgemeinschaft, b) Soziale Aufgaben der Verbände, c) Arbeiterkolonie, d) Unterstützung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, e) Antrag der Zentralwohlsahrtsftelle der deutschen Juden in Berlin aus Bildung eines Ausgleichsfonds aus den aufgewerteten Stiftungskapiiatien, f) Ferienfortbildungskurse für Rabbiner und Religionslehrer, g) Unterstützung der Rabbiner- und Lehrer- Seminare, h) Herausgabe einer Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, i) Gehälter der, Rabbiner (Anfrage der Jüdischen Gemeinde Berlin), j) Zuschußgesuch der Misrachi World Organisation. Bei den meisten Fragen wurde eine grundsätzliche Einigung erzielt. Die Tagung selbst, die unter dem Vorsitz des Präsidenten des Oberrats der Jsr. Rel.-Gemeinschaft Württembergs, Reg.-Rat Dr. Nördlinger, stattfand, nahm einen harmonischen Verlauf. Eine Verdammung des Antisemitismus in Oberschlesien. R a t i b o r , 5. Mai. Im Rahmen einer gewaltigen republikanischen Kundgebung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (Gau Oberschlesien) in Ratibor am Sonntag, den 5. Mai, wandte sich der Bundesvorsitzende, Oberpräsident z. D. Otto Hörsing (Magdeburg) in einer großen politischen Redej auf deni Ringe vor tausenden von Zuhörern u. a. aufs schärfste gegen die Agitation der Nat ionalsozialisten und ihre Judenhetze. Die Unterscheidung, die die Hakenkreuzler zwischen „schaffendem" und „raffendem" Kapital machen, bezeichnete er als irrsinnig, die gegen die jüdischen Mitbürger betriebene Hetze als verbrecherisch. Hörsing fand mit seinen Ausführungen stürmischen Beifall. Oesterreich. Iugendtag der österreichischen Orthodoxie. Wien, 15. Mai. Am Sonntag, den 9. Jjar 5689 (19. Mai 1929) findet im Festsaale der A g u d a s - I i s r o e l - Jugendgruppe, Wien II, Obere Donaustr. 69 (Floßgasse- 1) die 1. Bundestagung österreichischer orthodoxer Jugendvereinigungen statt. Auf dem Programme stehen neben Begrüßungen, Wahlen usw., Referate über „Orthodoxe Jugenderziehung" (Herr Dr .Leo Deutschländer), „Der orthodoxe Arbeiter und Angestellte" (Herr M. Rothschild, Baden), „Die Keuessioh Gedauloh" (Herr Alfred Stroh), „Jugend- und Weltorthodorie" (Herr S. Stern). Sonntag abend 8 Uhr findet anläßlich des 10jährigen Bestehens der Agudas Jisrosl-Jugendgruppe, Wien, eine Fe st Versammlung statt. Als Festredner ist Herr Oberrabbiner Simon H i r s ch l e r - Modra (Slovakei) gewonnen. Das Lemberger Rabbinat. Lemberg, 8. Mai. Der Kampf um Besetzung des Rabbinates hat den Höhepunkt erreicht. Die Zionisten arbeiten mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln, ihren Kandidaten nach dem Muster von Wilna durchzubri.'lgen, doch steht heute schon fest, daß Rabbiner L e w i n aus Rischa die Mehrheit bekommt. In einigen Zeitungen war eine Erklärung von „Belzer Ehassidim" gegen Rabbiner Lewin veröffentlicht. Wie sich nun herausstellt, ist die ganze Veröffentlichung eine gemeine Fälschung und eine Machenschaft der Gegner Lewins. ' Die erste Probe. Wilna, 9. Mai. Als sich am zweiten Pesachlage Herr Rabbiner Rubi n st e i n anschickte, in der großen Schul die Kanzel für seine erste osfizielle Rede zu besteigen, entstand eine solche Aufregung unter den Betern, daß die Predigt unterbleiben mußte. Stimmen wurden laut: „Cr möge bei den Zionisten oder vor der Regierung reden, die ihn zürn Rabbiner gewählt haben. Wir wissen -nichts davon". Ein Trupp junger Zionisten stürzte in die Schul und bedrohte die Alten tätlich. Es kam zu Tumulten, die nur dadurch beendet wurden, daß Herr Rubinstein nun von selber auf die Kanzel verzichtete. In wenigen Tagen wird der Prozeß gegen die jüdische Zeitung „Das Wort" beginnen, wegen seiner bekannten Angriffe auf die Gemeindeverwaltung und die Faktoren, die zur Wahl des „Oberrabbiners" beigetragen haben. Es wird ein großer Apparat in Bewegung gesetzt, um die ganze Frage des Wilnaer Rabbinates vor dem Forum der Oeffentlichkeit auszurollen. Generalversammlung der Adast Jisroel- Gemeinde. London, 6. Mai. Die Jahresversammlung der Adaß Jisroels y n a g o g e fand letzten Sonntag unter Vorsitz des Präsidenten I. Kestenbaum statt. In dem Berichte wird hervorgchoben, daß die Tätigkeit der Gemeinde sich in vielen Richtungen über die unmittelbare Arbeit einer lokalen Synagoge hinaus erstreckt. Durch ihre-, innige Verbindung mit der „Union os orthodox Synagogues" hat die Gemeinde den Schutz der allgemeinen Interessen der Orthodoxen in England sortsühren können. Wichtige Verhandlungen in bezug aus die Schechüa fanden > stall. Die Erziehungsinstitutionen der Gemeinde entwickelten sich stetig; außer der Pessode Torah-Schule wurden eine Anzahl Schiurim und Studienzirkel täglich abgehalten. Etwa 25 Schiurim finden in Verbindung mit der Synagoge und mit den: Jugend-Verein Ben Sackai statt. Der Schatzmeister Mr. Lunzer legte den Jahresabschluß vor. Er weist Einnahmen von Lstr. 3300.— aus, die nur knapp hinreichen, um den mannigfachen Erfordernissen gerecht zu werden. Mr. Goodman berichtet Über die Vertretung der Gemeinde im Board of Deputies. Er sagte, daß die 3 Delegierten in Verbindung mit denjenigen anderer gesinnungsverwandter Synagogen recht guten Erfolg bei der Vertretung der Anschauungen der unabhängigen Orthodoxie im Board of Deputies erzielt hätten. Die Delegierten saßen in mehreren Ausschüssen, und insbesondere im Schechitakomitee, an dem sie stark interessiert waren, hatten sie eine wirksame Vertretung. Angesichts der Versuche, die unzweifelhaft gemacht werden würden, um dem Chief Rabbinat ein Schechitamonopol zu sichern, hält Mr .Goodman die Vertretung für besonder wichtig. D'.e Union orthodoxer Gemeinden wird fortschreiten zu einem immer wichtigeren Faktor innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Mr. L e i s e r o - w i tz beantragt eine Resolution, die Zusammenwirken mit der zionistischen Bewegung und einen Beitrag von Lstr. 3.— jährlich an die zionistische Organisation verlangt, während Mr. Broza eine Resolution einbrachte, die sich gegen die Verbindung der Adaß Jisroel mit der Agudas Jisroel wandte. Mr. Goodman erklärte, daß es seiner Meinung nach für orthodoxe Juden unmöglich ist, Mitglieder einer Gemeinde zu bleiben, die den von orthodoxen Rabbinern der ganzen Welt bekämpften „Jüdischen Nationalfonds" unterstützt. Jeder Versuch, die Synagoge, in der Agudisten und Zionisten stark vertrenet sind, in diesen Kampf zu verwickeln, würde unvermeidlich zu Disharmonien und Streitigkeiten führen. Schließlich wurde eine Resolution Pollack angenommen, die erklärte, daß die Adaß Jisroel-Synagoge in politischen Angelegenheiten absolut neutral ist, es jedoch für notwendig hält, auf verschiedenen Gebieten mit anderen Körperschaften zusammenzuacbeiten. Die Vorstands rahl ergab die Wahl von Mr. Fleischmann zum Präsidenten, Mr. Paros zum Vizepräsidenten, zum Schatzmeister Mr. Lunzer, außerdem Mr. Goodman, Mr. Eckstein, Mr. Herman, Mr .Hamburger, Mr. Splitter, Mr. Sebba, Mr. Homa und Mr. Zimmer. Die hiesige Stock Exchange (Effektenbörse), die aus etwa 4000 zum größten Teil nichtjüdischen Mitgliedern besteht, har den monatlichen Abrechnungstag mit ausdrücklichem Hinweis auf das jüdische Pesachfest um einen Tag verschoben. Palästina. Brief aus Palästina. Jerusalem, 3. Mai. Zwei Momente hielten die Bevölkerung ein paar Tage in Augst und in Atem: Die Araberprozes-» s i o n e n zum Grabe des N a b i a l M u s s i und der erste Mai. Das Prozessionsfest der Araber zu Ehren Mosis, wie die von anderer Seite geplanten Maidemonstraionen veranlaßten die Behörden zu umfassenden Maßnahmen. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte für Aufrechterhaltung der Ordnung. Beide Tage sind, bis auf kleine Zusammenstöße mit Kommunisten am 1. Mai ruhig verlaufeil. Infolge der Absperrung konnte leider ein Zusammentreffen zwischen Felix Marburg und Rabbi S o n ü e - f e l d nicht zustande kommen. Marburg hatte sich mit Cyrus Adler und anderen Amerkailern füri Sonntag Vormittag beinr Rabbi angesagt und dieser rüstete sich, die hohen Gäste in den „Bote machst" würdig zu empfangen. Gegen 11 Uhr langte aber dort eine Depesche ein, wonach es den Herren wegen Absperrung der Straßen nicht möglich sei hinzukommen. Die Amerikaner wünschten dem Rabbi weitere vergnügte Feiertage. In T el-Av iv, Jaffa und umliegenden Kolonien ist bis jetzt für 7500 Familien (24 000 Seelen) die palästinensische Einbürgerung besorg! worden. Es sind Handwerker, Arbeiter, Kaufleute, Land- Lwirte, Beamte. und Inhaber freier Berufe. Darunter viele Sefardim aus orientalischen Ländern, der größte Teil stammt aus Osteuropa. Amerikanische, englische und französische Bürger bekommen die Staatsangehörigkeit nicht. In Tel-Aviv und Jaffa sowie den umliegenden Kolonien gehört jetzt rund die Hälfte der Bevölkerung

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