Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1929)
- Date
- 1929-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 20 Seite 3 16. Mai 1929 _' ■ __ dies für Litauen wirklich zutrifft, lassen wir dahingestellt fein. Aber daß heute in Kowno die litauische Justiz gegen die deutsche äusgefpielt werben, hie ganze deutsche Kultur so in den Staub gezerrt werden darf, daß guch sonst aus den Vorgängen so reiches politisches Kapital gegen das Deutschtum im Memelland geschlagen werden kann, dafür kann sich Deutschland bei den deutschen Gerichten in der Stadt Memel bedanken. Die Königsberger „Hartungfche Zeitung" macht in beachtenswerten Artikeln auf die moralischen Folgen aufmerksam. Das mahnende Wort hat wenigstens zur unmittelbaren Folge gehabt, daß von Königsberg aus eingegrisfen wurde. So hat der Ordinarius der evangelischtheologischen Fakultät in Königsberg, Prof. Dr. Max L o e h r ein bedeutsames Gutachten veröffentlicht, das für uns gewiß nichts Neues enthält, aber ausklärend und beruhigend aus diejenigen wirken muß, die die Wahrheit suchen. Zuletzt hat sich auch der Oberstaatsanwalt M Memel,, reichlich spät, zu einer Erklärung in der Presse herbeigefunden, daß „in der Todessache Martha Jakumeit bisher noch kein Anhaltspunkt für eine strafbare Handlung sich ergeben hat." Hoffentlich vermögen diese Erklärungen nöch den letzten Rest von Achtung für die deutsche Justiz und deren Hüter im Memelgebiet zu retten. „Praktische Anregungen zur Heiligung des Sahbats". Äon ft. E. in Hamburg. Der Artikel unter dieser Üeberschrist in der letzten Nummer Ihres gesch. Blattes regt, abgesehen von seiner allgemeinem Aktualität, jeden ernsthaften Jehudi, insbesondere deshalb zum Nachdenken an, weil der darin ausgesprochenen Behauptung, daß die Aktion zur Sabbatsrage aus dem Stadium der Reden noch nicht herausgekommen ist, leider nicht widersprochen werden kann. Wohl steht aus bevorstehendem Tagungen die Besprechung der Sabbatsrage mit an erster Stelle, wohl Haben es sich bedeutende Organisationen zur Ausgabe gemacht, diesem Problem mit in erster Linie ihre Beachtung zu schenken und es liegt absolut keine Ursache vor, sich von den Auswirkungen im Lause der Zeit nicht einiges zu versprechen. Die Gefahr liegt aber nahe, daß die Einzelnen unter uns die Bearbeitung dieser Angelegenheit ihren Organisationen, denen sie angehören, überlassen; die Beiträge werden für diesen Zweck vielleicht vorübergehend erhöht und die Arbeit ist hiermit in die Die beliebteste loiletleseite! Macht jung und schön! In Qualität unerreicht! Gewicht 90 Grämm Preis 35 Pfennig Alleinige Hersteller:, Giinllter £ Haussner Akt.-Ges. Chemnitz 16 Hände einiger Herren im Vorstand resp. unseren Rabbinern überlassen. Es soll nicht verkannt werden, daß Mancher beiseite steht, der gerne Helsen möchte, aber keine Gelegenheit dazu findet. Und trotzdem! Jedem Einzelnen bietet sich Gelegenheit, an diesem großen Werk mitbauen zu Helsen. Daß jeder FiNmeninhaber nur jüdisches sabbathaltendes Personal einstellen sollte, sollte gar nicht mehr gefordert werden müssen. Eine gleiche Selbstverständlichkeit sollte aber auch die Bevorzugung sabbattreuer Lieferanten, Aerzte, Rechtsanwälte usw. sein. In diesem Punkt ist noch sehr, sehr viel gutzumachen. Ob die Ursache, daß bisher hier soviel vernachlässigt wurde, Gleichgültigkeit war oder die Nichtkenntnis der einzelnen Schaumre Schabbos, ist einerlei, — hier ist ein Feld, das ganz systematisch bearbeitet werden muß. Jeder Kegelklub, jeder Turnverein, dessen Mitglieder nur durch das lose Band gemeinsamer Statuten zusammengehören, verlangt von seinen Mitgliedern solidarische gegenseitige Unterstützung beim Warenemkaus. Das sollten wir nicht auch sertigbekommen könen? Steht bei uns nicht viel mehr als Solidarität aus dem Spiel? Haben wir nicht damit das Bewußtsein, daß wir unsere Brüder und Schwestern vor Uebertretungen göttlicher Geböte schützen, daß wib das für unsere Kinder retten, was den Bestand des Judentums im Lause der Jabrhunderte überhaupt gesichert hat? Ist erst der Sabbat gefährdet, dann stehen auch die vielen anderen großen Dinge, die uns als Juden adeln — Kaschrus, Maasser üsw. — auf dem Spiel; an diese alte Erfahrung kann nicht oft genug erinnert werden. Grundsätzlich sollte jeder, gesetzestreue Jude jede VerdlenstmöglichMt, die er zu vergeben hat, an gesetzestreue Juden weitergeben. Die jüdische Hausfrau sollte ihren Lieferantenkre-is nicht nur gezwungenermaßen aus dem frommen Schlachter, Milchhändler usw. zusammensetzen, die schon, wenn sie rituell zuverlässig seilw sollen, am Schabbos ihre Geschäfte schließen müssen, sondern sie sollte ihre Grünwaren, Kolonialwaren, Haushaltüngsgegenstände bei gleichgesinnten Jehudim einkausen. Der jüdische Kaufmann sollte seine Rechtsangelegenheiten vor Gericht voin« sabbathaltenden Rechtsanwälten austragen lassen, der jüdische Patient konsultiere nur gesetzestreue Aerzte. Es genügt nicht, sein Solidaritätsgesühl aus den jüdischen Kreis allgemein wirken zu lassen, sondern es muh gespürt werden, daß ein Unterschied besteht zwischen den Juden, die das Opfer der Sabbatheiligung von Woche zu Woche unter größten Schwierigkeiten, allen Gewinnmöglichkeiten zum Trotz, darbringen und denjenige,n, die kleinlich verzagten oder aus schnöder Gewinnsucht den göttlichen Ruhetag entweihen. Main« hat uns oft den „Vorwurf" gemacht, daß wir, der gesetzestreue Kreis, so stark Zusammenhalten, daß wir gleichermaßen eine Stadt in der Stadt bilden. Lassen wir uns diesen Vorwurf ruhig weiter zur Ehre gereichen,, wenn er auch nur insofern völlig berechtigt ist, als er sich aus unser gesellschaftliches Zusammenarbeiten bezieht. Bei unserengeschäftlichen Angelegenheiten nehmen wir es leider nicht so genau. Das muß jetzt anders werden. Die zuständigen Gemeindebehörden, Organisationen usw. müssen den Anfang machen. Es ist erforderlich, daß in jeder Stadt ein alphabetisch registriertes Verzeichnis erscheint, in dem in regelmäßigen Abständen sämtliche Branchen, Berufsstände usw. angeführt werden, denen Schaumre Schabbos angehören. Die Schaumre Schabbos selber werden dann unter den einzelnen Abteilungen namentlich ausgesührt. Man wende nicht ein, dieses System würde aus die Dauer zu einer Art Moinopolstellung der einzelnen Betriebe führen; die Lieferanten würden sich allmählich so sicher fühlen, daß sich das später in der Preisfestsetzung, Bedienungsweise usw. nur nachteilig aus die Kundschaft auswirken kann. Ein vernünftiger Geschäftsmann ist sich darüber klar, daß seine Kundschaft in dem Augenblick zur Konkurrenz übergeht, in dem er auch nur den leisesten Versuch spürbar werden läßt, seine Bedienungsweise zu vernachlässigen. — Eine Gegenmaßnahme etwa seitens nichtjüdischer Geschäfte kommt gar nicht in Frage, denn die Schaumre Schabbos bilden — leider — einen so verschwindend kleinen Prozentsatz, daß selbst in einer kleineren Stadt mit prozentual größerer gesetzestreuer jüdischer Bevölkerung diese Maßnahmen garnicht fühlbar werden können. Ein reeller und gewissenhafter Geschäftsmann hält Kleines Feuilleton. Freitagabend. Von 3saac Schönberg. Strahlest so traulich zitternder Schein; träufelst den Trost ins Herz uns hinein. Wenn leise du wallest iü güldnem Glanz, im Weine dich tummelst in funkelndem Tanz, Wenn lichtwärts der Seele Schwingen sich breiten, in Sphären der Eintracht hinüd erg leiten, Dann steigest Lied, du, sanft empor; strömst harsensüß und sreüdgewiegt hinauf. bis an des Himmels Tor . , . Sabbat-Vorabend in Marienbad. ZüdislHes iw westtischen Aöhmen. Da ist eine kleine Gasse in Marienbad, dort weht um die Gestalten der Schreitenden der dunkle östliche Kaftan, lange, oft wundervoll silberweiße Bärte umrahmen ehrwürdige Patriarchengesichter, selbst der kleine Junge, der seltsam still und scheu ernsthafte Spiele spielt, trägt runden Hut, Schläfenlocken und Kaftan. Es ist ein freundliches, vom großen Zug der internationalen Welt umbrandetes Ghetto dort oben, aber ein Ghetto der treten Wahl, ein selbstgewähltes Beisammensein der Ostjüden; also der frömmsten europäischen Juden, das der näheren Umgebung ruhig, aber entschieden den Stempel jüdischer Eigenart ausgedrückt Mittelpunkt dieses orthodoxen Bollwerkes in partibus infidelium ist das Hotel,National". Großes Haus mit allem Komfort. Aber der Komfort besteht nicht nur aus Einrichtungen, die ändere Häuser auch haben, sondern er erstreckt sich auch auf die religiösen Bedürfnisse der Menschölchruppe, die dort verkehrt: Dü ist ein rituelles Bäd, ein Belsääl und eine rituelle Küche Der schöne hohe Speisesaal ist am Vorabend des Schabbos voll von Menschen. Auf dem langen Familientisch brennen in silbernem Zweiarm die Sabbat-Kerzen. Der Wirt und seine Söhne tragen das schwarze Käppchen zum dunklen Festtagsgewand. Än den Fenstern des Bstfaales, die in Stock- Höhe in den Saal herunterblicken, zeigen sich Köpfe: Betstunde der Chasstdim. Vorderer stngen halblaut» dumpfes Myryreln guislt pjeher. Tropft in das Schweigens vasden großen Saal Überflutet hat. Die Sabbatkerzen flackern wie geweihte Ueberreste alter Zeit unter dem strahlenden Glanz prächtiger Lüster. Dann wird es stille oben. Der fromme Jude im Saale bedeckt sein Haupt, legt die Serviette über den Teller, schenkt Wein ein und singt, stehend das Glas vor sich hinhaltend und fich im Stehen wiegend, eine leise, unkennbare Melodie. Gebet? Segensspruch? Und nun beginnt das Mahl: Lautlose Kellner. Silber, leckere Gerichte, duftender starker Wein, klingende Gläser: Festbeainn. Man sieht niemand rauchen. .. Der Oberkellner scheint nicht zu kassieren . .. Ein Stück fremde Welt unter guten Bekannten. Wie nahe grenzt doch ost schattenhafte Ferne an grelle Gegenwart, wie weltweit sind die innersten Gefühle zusammenlebender Menschen voneinander entfernt in jenen Reservationen der Seele, die wir dem Göttlichen bewahrt haben! B.—ng. (Die Getauften, Halbgetauften und llebergetauften in Ungarn wehren sich.) Soeben ist in Budapest im Ber- Blage des Verfassers Peter Ujvari das „Magyar Zsido Leröon", eine Enzyklopädie des ungarischen Judentums, erschienen. Das Buch gibt u .a auch eine Uebersiäst darüber, um welche Werte die ungarische Kultur durch die Juden bereichert wurde. Man erfährt, daß in Ungarn Juden schon vor der Landnahme gewohnt hatten, wie dies u a. der in der römischen Kolonie „Aquincum" bei Budapest üufgesundene Grabstein des Judenmädchens Maria Septini beweise. In dem Buche werden die jüdischen Camara-Grafen aufgezählt, die in den.Anfängen des ungarischen Königtums eine große Rolle gespielt haben, .ferner die jüdischen Burgherren, Gelehrten, Aerzte, Politiker usw. Erwähnt werden u. v. a. der jüdische D anus von Kroatien; Emerich Fortunatüs, die ungarischen Bischöfe jüdischer Abstammung, Geschichtsschreiber Und Kodifikatoren jüdischen Glaubens. In die ungarische Akademie der Wissenschaften, diese exklusive Institution, sind 49 Juden gelangt. Nun regnet es