Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450566--75962-2533512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 1× ep/1000754
OCR text
Der Israelit 10. 2M 1929 Seife 4. Nr. 19 Hebräische Schriftzeichen überall. Alle möglichen Disziplinen werden dort gelehrt. Aber von jüdischer Religion hört man nichts. Die Feldarbeit ruht überall am Sabbat, aber die Schulen sind offen. Der Verfasser will nicht verallgemeinern. In den Kolonien Weißrußlands sind zwar auch die Schulen am Sabbat geöffnet, aber die Kinder gehen nicht hin. Außerhalb der Schule erhalten sie Religionsunterricht, Unterweisung in Hebräisch und Bibel durch einen „Rebben". In einem Chaluzim - Dorf in der Nähe von Dschankoi in der Krim, das ursprünglich für 130 Personen bestimmt war, gibt es heute nur etwa 60 Siedler. Von den übrigen ist es etwa der Hälfte geglückt, an das Ziel ihrer Sehnsucht, nach Erez Israel, zu kommen, die andere Hälfte hat ihre Zionssehnsucht mit Sibirien büßen müssen. Der auf der Kolonie verbliebene Rest hat offiziell den Zionismus abgeschworeni. In dieser Chalugim-Kolonie fand der Verfasser ein prachtvolles Menschenmaterial: junge Männer und junge Mädels, arbeitsfähig und arbeitslustig. Sie haben in wenigen Jahren Wertvolles zuwege gebracht. Große Obstplantagen, die von einem motorischen Brunnen gespeist werden, große Traktoren, lebendes und totes Inventar zeigen einen gewissen Wohlstand und das Leben der jungen Leute untereimander macht einen harmonischen und freien Eindruck. Ein richtiges Gemeinschaftsleben: Alles gehört Allen, alle arbeiten für alle. Ein Gottesdienst ist aber nicht vorhanden, wer will, geht zu dem eine Stunde von der Kolonie entfernten „Minjan". In den meisten neuen Kolonien aber, in denen es noch an Synagogen fehlt, findet sich in einem der Häuser ein „Minjan". Fast überall ist am Orte selbst oder in erreichbarer Nähe ein Schauchet vorhanden, der die Leute mit rituell geschlachtetem Fleische versieht. Minsk mit seinen 60 000 Juden unter 110 000 Einwohnern ist nicht Leningrad, und wenn man am Freitag vor Sabbat durch die Straßen geht, in denen fast ausschließlich Juden wohnen, so grüßen aus den Fenstern die Sabbatlichter. Die Synagogen und Betstuben sind besucht. All das ist selbstverständlich. Es soll auch nicht verkannt werden, daß Kalmindorf, die Kolonie, in der der Verfasser den Sabbat verbrachte und von der er oben sprach, die Hochburg des jüdischen Kommunismus darstellt. Anderswo steht es besser um die Religion. Was hier aufgezeigt werden sollte, das find die Tendenzen, die zurzeit im religiösen Leben der russischen Juden wirksam sind, die Entwicklung, mit der man zu rechnen hat, wenn das Wahrzeichen des russischen Judentums von Morgen „Kalinindorf" heißt. Als Herr Dr. Freund nach Moskau zurückkam, hatte er eine Aussprache mit führenden Persönlichkeiten der russischen Regierung. Er wurde zunächst von demVorsitzenden des Komzet, Herrn Smidowitsch, empfangen, der die maßgebende Regierungsinstanz für alle religiösen Fragen überhaupt ist. Nachdem Dr. Freund der Aufforderung entsprechend über die Eindrücke Vortraggehalten hatte, die er von den Kolonien in wirtschaftlicher Hinsicht empfangen, kam er auf die religiöse Frage zu sprechen. Er betonte, daß für den deutschen Juden, wie für den westeuropäischen überhaupt, der Begriff des Judentums von der religiösen Frage nicht zu trennen sei, auch nicht für diejenigen, die grundsätzlich auf nationalem Boden stehen. Er schickte die allgemeine Frage voraus: „Kennt Rußland überhaupt Glaubens¬ und Gewissensfreiheit?" Die Antwort lautete: „Die russische Verfassung gewährleistet ausdrücklich diese Freiheit". „Wir haben," fuhr Smidowitsch fort, „Trennung von Staat und Kirche. Der Staat ist gegenüber der Religion neutral. Wo die Juden; eine Mehrheit darstellen, haben sie völlige Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die jüdischen Feiertage sind Staatsfeiertage ufw. Niemand hindert die Jugend, auch die unter 18 Jahren, Synagogen zu besuchen, wenn ihre Eltern es wollen; sie dürfen auch in einem Synagogenchor Mitwirken. Religionsuniterricht ist aus den staatlichen Schulen ausgeschlossen, wenn aber die Eltern privatim die Kinder in den Rekigionsfächern unterweisen lassen wollen, steht dem nichts im Wege." . Smidowitsch versicherte Herrn Dr. Freund gegenüber, daß die Moskauer Synagoge den Juden nicht genommen werden wird. Herr Mereschin, Vizepräsident des Komzet, der selbst Jude ist, bestätigt in allen Vunkten die von Smidowitsch erteilte Auskunft. Herr Dr. ^reunö1 stellt einen klaffenden Widerspruch fest zwischen den Antworten der Regierungsstellen und den Antworten, die man von den Leuten erhält. Er erklärt diesen Widerspruch damit, daß neben der Regierung noch eine zweite Instanz , existiert; die kommunistische Partei. Innerhalb dieser Partei gibt es eine jüdische Sektion, die sogenannte Jewsekzia, die hetzt und treibt. Es unterliegt für den Verfasser gar keinem Zweifel, daß die verantwortlichen russischen Regierungsstellen es ernst meinen mit der Nichteinmischung in die religiösen Angelegenheiten als Konsequenz des Grundsatzes her Trennung von Staat und Kirche, aber die jüdischen! Kommunisten fühlen sich als Gralshüter der kommunistischen Ideologie. Auch hier sind es nicht die eigeMichen Führer, sondern die Götter minderen Ranges, die sich hervortun möchten. Eine Atmosphäre der Verängstigung ist geschaffen. Man hält viele Dinge für verboten, die tatsächlich gar nicht verboten sind. Wenn die Entwicklung, wie sie im Flusse ist, sich hemmungslos weiter vollzieht, dann ist, wenn das alte Geschlecht gegangen, in zehn oder 20 Jahren das russische.Judentum als religiöser Begriff gewesen. Die Gesundung muß von innen heraus kommen, von den Juden selbst. Man braucht uni der Zukunft nicht zu verzweifeln. Dazu berechtigt das Vertrauen auf den Wirklichkeitssinn der russischen Regierung. Es ist aber notwendig, daß dem Judentum der ganzen Welt die Bedeutung des russischen Judenproblems aufgeht, daß es begreift, daß es sich in ganz anderem Ausmaße als bisher aktiv an dem russischen Wiederaufbauwerk beteiligt. Diese Interessiertheit der ganzen Welt an ihrem Schicksal wird auch den religiösen! Elementen im russischen Judentum das Rückgrat stärken und damit die Keimzelle schaffen für den Wiederaufbau auch des religiösen Lebens. Korrespondenzen « llacdücdten. Deutsches Reich. 3ahresverfammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Verl ln, 3. Mai. Sonntag, den 28. April, hielt unter dem Vorsitz von Reichsminister a. D. Dr. Ing. e. h. Georg Gothetn i)-er Verein zur Abwehr des Antisemitismus- E. V. (Sitz Berlin) in Dortmund feine Jahresversammlung! ab. die aus den Kreisen der Dortmunder MWliederschast sowie von auswärtigen Delogierten, darunter Stuttgart, Hannover, Münster, Kiel, Frankfurt (Main), stark besucht war. In seinem Tätigkeitsbericht skizzierte der Geschäftsführer des Vereins, Oberleutnant a. D. Dr. Horlache r , Ziele und Methodik der Abwehrarbelt und deren Durchführung im ab gelaufenen Gesch äftsjah r. Hauptzielpunkt sei die lausende sächliche Widerlegung der von den Antisemiten immer wieder vorgebrachten falschen von den Antisemiten immer wieder vorgebrachtenfalschen Behauptungen und hetzerischen Ausstreuungen; dies nicht in -einseitiger Schutzstellung! für das Judentum, sondern im Dienste von Wahrheit un& Gerechtigkeit, religiöser und sozi-afer Ethik. In reger Aussprache wurden die Grundsätze der Dereinspolitik einmütig gutgeheißen und gegenüber der zunehmendm Aktivität der Judenhetzer die Notwendigkeit scheu zwischen der Welt der Natur und Schöpfung. Demjenigen Menschen sichert Gott den höchsten harmonischen Einklang zu, der als..wahrer Gotteldierjer erscheint. Nur dem Atemzuge An'es' wahrhaft Gottt dienenden Menschen jubelt der Einklang des Weltalls Harmonien zu, jene. Harmonien der EWeltentwicklungen aller Zeiten und aller Regungen unseres Seelenlebens. Dieser inneren Struktur der Psyche eines jeden jüdischen Menschen entsprechend, haben wir Juden die Einheit und Harmonie bei allem scheinbaren Dualismus. Wir haben einen doppelten Zeitzyklus. Ein Weltjahr, das mit Tischri ein jüdisches Jahr, das mit Nissan beginnt. Wir haben zwei Jahresanfänge, wie auch zwei Tagesanfänge. Wir haben ein Jahr, das mit dem Herbste endet. Und haben ein Jahr, das mit dem Frühling beginnt, und wenn es auch Herbst und Winter kennt, doch immer wieder mit dem Frühling endet. Und so haben wir auch einen Tag, der mit dem Abend beginnt, und wenn er zu Morgen und Mittag steigt, doch wieder mit dem. Abend endet; und haben einen Tag, der mit dem Morgen beginnt, und wenn er auch in Abend und Nachtversinkt,' doch wieder mit .dem Morgen endet. Außer dem Heiligtum beginnt und schließt der Tag mit Abend, im Heiligtum beginnt und schließt der Tal mit Morgen. Die Mahnung an unsere Doppelnatur ist im Wanderbuch unseres Lebens verzeichnet: Alles Irdische wird aus Nacht und blütenlos geboren; und ob es auch zum Glanz des Mi^ tags blühend und fruchtreich, steigt, es . findet btütenlos m Nacht sein Grab. Alles heilige und Jüdische, stammt! aus Licht und Lebest, und ob es auch In seiner Laufbahn Mitte mit Nacht und Tod zu kämpfen-hat, aus Nacht und Tod ringt es sich doch wieder zu Licht und Leben und das aus Morgen und Frühling Geborene endet im Morgen zum Frühling verjüngt. S. R. Hirsch Erodus S. 103.) Licht-und Schatten, Morgen und Abend, Freiheit und! Golus, sie sind zu allen Zeiten dem Weltenergiegesetz entsprechend vorhanden, nur bei den Menschen liegt es, sie auch im Sinn des Gotteswillens zu verteilen. Hier liegt des Rätsels Lösung/' Und Elias hilft dem -Menschen seine Aufgabe erfolgreich zu lösen: Denn die Spuren Elijahus sie sind ja so sichtbar, sie leuchten ja so hell in unserer modernen Go-/ lüsnacht, wenn wir diese Spuren nur mit „Feuerzeichen" vverfolgen, jener Feuerzeichen, die ja nichts anderes sind als Symbol fürs Heiligtum des Lebens, eines geistigen Wiederaufbaus der Schönheiten und Wahheiten des Judentums, wie sie auch unsere Väter im Golus wahrhaft exlebt haben. ' Denn siehe, Ne Spuren Elijahus, sie leuchten auch yns in unserer modernen Golusnacht. i (Akademische Halacha.) Herr Oberrabbiner Dr. Josef Ca rieb« ch in Altona schreibt uns: In das Maniufkriipt des in der letzten Nummer veröffe-nMchten Aufsatzes „Akademische Halacha" haben sich leider einige Diktatfehler eingeschlichen, Ae ich Si>e bitte, wie folgt zu berichtigen:! „Auf Seite 2, zweite Spalte, Zelle 13—14 des zweiten Abschnittes muß es Heißen: . . . geht für den Ger Toschab nicht ins Galuth (statt w o hl ins Galuth), dagegen auf Zeile 18—19 des gleichen Abschnittes-: wohl Galuth (statt nicht Galuth). 7! In der dritten Spalte muß der Beginn des zweiten f bfchnittes wie folgt lauten: „ . . . bleibt also nur die rage, warum man dem Ger Toschab die fahrlässige Tötung strenger ahndet und dieselbe Harmlosigkeit bssi einem Totschlag nicht zuträut. . . m. E. ist es-- ganz klar, daß, wenn die Schuldlosigkeit! und Unvorsätzlichktelt zu beweisen -ist, -er straffrei bleiben oder nur: durch eine Schutzhaft, eine Art Exil strafbar fein muß." (Von der Brauchbarkeit einer Thorarolle.) In -einer kleinen Schrift (I. Kauffm-ann, Verlag, Frankfurt a. M.) stellt Herr . Lehrer Simon Unna, Frankfurt a. M. -a-fle Vorschriften zusammen', die für bile Bmuchbürkeit -einer Seferthorä gelten und führt die Fehler an,gW ÜVii» tsrb-rschen der Vorlesung bedingen. Klar "und. Übersicht li-ch i-st das Schriftcheni und. geradezuunentbehrlich für kleine Gemeinden, wo e-in Thora-gelehrter.-.'nicht gstsch am Platze ist, um im gegebenen Falle eine Entscheidung zu treffen. In einem Anhang bringt Unna eine Bemerkung Salomon Geigers, des Verfassers d-esn»^V aus dem handschriftliichen Nachlaß dieses treuen Hüters des alten Frankfurter Minhag. 5ENKlJ\f0 Das unübertroffene Vorbild! Ideales Braten - Backen! Sparsamster Brand! Niedriger Preis! Zafcilungs - Ef leic'ji t er ung! E. HAGE & ff Om j®scbenhei Lassen Sie Ihre UHREN: bei Neeser-LAPP, Allegasse L reparieren. Sie geben gut und die Preise sind billig. Alles unter Garantie.