Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 19. SeAe 5 10. Ma>'r 1929_ verstärkter Intensität des Mwehrkampfes betont. Vor allem müsse auch der Idealismus der vielfach irregeleiteten Jugend für die -eMen Bestrebungen des Vereiüs ZSwonnen werden. Geschäfts- und Kassenbericht fanden einmütige Billigung. Vorstand und Ausschuß wurden ergänzt durch die Wahl von Studienrad Dr. A me dick -chörde, Umv.-Prof. Martin Ho bo hm-Potsdam, Professor Dr. theol. Carl Maria Kaufmann-Frankfurt (Main), Univ.-Pros. Kinkel-Gießen, Amtsgevichtsrat Stern -Essen, Pfarrer Tribukatt-Dortmund, Univ.-Pros. Konrat Ziegler - Greifswald. Reichsminister a. D. Gothein schloß die Versammlung mit. der Versicherung, daß der Abwehrverein wie in den bisherigen zwanzig Jahren fernher Vorstandschaft so auch künftig streng auf politische und konfessionelle Neutralität halten werde, um von dieser breiten Plattform aus der Kulturschande des Antisemitismus' entgegenzuwirksn. Die Iflemelet Ritualmordlegende. Berlin, 5. Mai. Aus Memel neu eingledroffene Nachrichten besagen-, daß. zwar die jüdische Bevölkerung noch! immer unter' dem Druck der Ritualmordhetze gewisser Elemenlte steht, daß aber in die Justizkreise die Besinnung einzu-kehren beginnt. Die Kriminalpolizei hat der memelländifchew Pbesse eine Mitteilung zugeh-en lassen, 'tro der erklärt wird, Laß die in Stadt und Land umherschwirrenden wilden Gerüchte über einen jüdischen Ritualmord an dem Dienstmädchen Martha Jakumeit in keiner Weife begründet seren, sondern daß die Jakumeit an dien Folgen einer aus einen Unglücksfall zurückzuführenden Gasvergiftung gestorben fei. Die Staatsanwaltschaft hat die Exhumierung der Leiche -ungeordnet und gleichzeitig der Presse eine Erklärung übergeben, daß nach den bisherigen Untersuchungen ein Verbrechen als ausgeschlossen erscheint. Prof. Dr. Loehr von der Evangelischen Theologischen Fakultät der Universität in Königsberg hak ein Gutachten abgegeben, das ebenfalls frer memelländischen Presse zügele itet worden sei Ed in welchem Loehr betont, daß die Behauptung eines jüdischen Ritualmordes in das Reich der Fabel zu verweisen ist, da den Juden grundsätzlich der Genuß irgendwelchen Blutes verboten ist. Das Gerücht von einem Rtdualmord wurde über das ganze memelländische Land verbreitet, und es fetzte' eine Hetze gegen die Duden -ein, die jenseits der memelländischen Grenze, in dem titanischen- Städtchen Krottingen, zu pogromartigen Ausschreitungen führte. Auf Bitten memelländischer Juden hat der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens feinen Königsberger Syndikus entsandt, um sie im Kampf gegen die Ritualmordlüge zu schützen. Große Protestkundgebung in Würzburg. Würzburg, 7. Mai. Die Ortsgruppe Würzburg des Central - Ber - eins .deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am Montag, den 6. Mat, abends, gegen das wegen des Man a u e r Kindermordes von den Nationalsozialisten durch ganz Franken und auch durch Würzburg mit Wort und Schrift in die Bevölkerung getragene Ritualmordmärchen eine öffentliche Protestkundgebung. Der Huttensche Garten, der größte Saal Würzburgs, war lange vor Beginn vollkommen' überfülA, fo daß er pol-i-ze-Mch gesperrt werden mußte und Hunderte keinen Einlaß mehr fanden. Die Zahl der Besucher betrug etwa 1500 bis 1800 Personen, darunter 300 bis 400 Nationalsozialisten. Nach einleitenden Worten des Vorsitzendender Ortsgruppe Würzburg des C. V., Jüstizrat Rosentha-l, sprach Pfarrer Rudolf Winkel mann aus Frankfurt a. M. gegen den Ritualmordwahn. Dr. Alfred Wiener, der Syndikus des C. 23., entwickelte sodann in ausführlichem Vorträge alle Beweisgründe gegen einen sogenannten Ritualmord und benutzte die Gelegenheit der Masfen-persammtung, um die Stellung des deutschen. Juden im deutschen Volke und der deutschen Kultur überhaupt darzulegen. In der Aussprache nahmen der Oberbürgermeister von Würzburg, Dr. L oefsl er, Geheimrat Vogt und Stadtmt Brandtm-ann das Wort. Bon nationalsozialistischer Seite sprachen der Landtagsabgeordnete Dr. H >e l l m u t h sowie der Redakteur des Nürnberger „Stürmer", Stadtrat Carl Holz. UniversWtsprosessor Gehe>imrat Hehn, der sich ebenfalls als Referent zur Verfügung gestellt hatte, war leider im letzten Augenblick am Erscheinen verhindert, hatte Mer in brieflicher Form seinen wissenschaftlichen Standpunkt gegen einen sogenannten Ritualmord idargebegt. Die Versammlung konnte bis zu dem Schlußwort der beiden Referenten durchgeführt werden. Als Pfarrer Winkel mann fein Schlußwort halten wollte, fetzten derartige Störungen von nationalsozialistischer Seite -ein, daß die Polizei die Versammlung gegen- 11.30 Uhr schloß. Litauen. Ein Pogrom in Litauen. Kowno, 2. Mai'. In dem Städtchen Newi in der Nähe von Kowno veranstalteten mit Revolvern bewaffnete litauische Faszisten einen regelrechten Pogrom gegen die jüdisch« Bevölkerung des'Ortes, die insgesamt 17 Familien zählt. Mindestens die Hälfte der jüdischen 'Einwohnerschaft wurde grausam mißhandelt, einige Juden liegen infolge der Verletzungen bedenklich darnieder. Der 40jährige David Schliachtil wurde, als er seiner von den Huligans schwer bedrohten Frau b-eistehen wollte, durch einen Revolverschuß getötet. Mehr als fünf Stunden, lang dauerte der Pogrom. Auch Greise und kleine Kinder wurden nicht verschont. Die jüdischen Häuser wurden ausgeraubt. Als die herbeigerufene Polizei erschien, waren die Huligans in dem Städtchen nicht mehr anzutreffen.. Die jüdische Bevölkerung des Städtchens ist durch diese Erlebnisse seelisch furchtbar niedergedrückt. Rutzlanv. Die Große Antjpesfachkampagne in Rußland. Moskau, 29. April. In diesem Jahre ist die kommunistische Antipessach- Kampagne in Rußland straff organisatorisch durchgeführt worden. In zahlreichen Städten Rußlands und der Ukraine fanden am 1. und am 2. Sederabend Umzüge jüdischer Kommunisten statt. In Kiew sollen, sich' laut Meldung der ji ddisch-kommunisti schen Presse an einer solchen Demonstration einige tausend jüdische Arbeiter und Jugendliche beteiligt haben. In Tultfchin nahmen 1500 Arbeiter an dem Antiseder-Umzug teil. Imposant sollen auch die Umzüge in, Charkow und ln Schepetowke gewesen sein. In Moskau fanden öffentliche Umzüge nicht statt, hier veranstaltete man in verschiedenen Klubs einen sogenannten „proletarischen Seder" mit Propa-gandareden und Kunstdarbietun-gen. Die Zeitung „Emes" ermahnte die jüdischen Arbeiter, an den P-essachtagen zur Arbeits^ stätte zu kommen; wer fernbleibt, stemple sich selbst zu einem Klassenfeind. Ungeachtet dieser starken Kampagne wurde in den jüdischen Familien, das Pesfachf-est traditionell beobachtet, die Synagogen waren von Andächtigen überfüllt. Die Moskauer Jüdische Gemeinde verteilte große Quantitäten Mazzoth und zahlreiche Geldu n-terstützun-gen, ohne daß die Sowjetorgane diese' Aktion irgendwie stören konnten. In Kremen tschug haben die Frauen der jüdischen Arbeiter zum Protest gegen die Einstellung des Verkaufs von Koscherfleisch in den Läden der Konsumgenossenschaften den Hausfrauenstreik proklamiert. Sie erklärten, für ihre Männer nicht mehr das Essen zubereiten zu wollen, wenn nicht baldmit dem Verkauf von Koscherfleisch wieder begonnen wird'. Ein schriftliches Ultimatum mit dieser Forderung wurde von, mehr als hundert Arbeiterfrauen' unterzeichnet. Schweiz. Das Appell-Recht der jüdischen Minderheiten an den Völkerbund. Genf, 29. April. Das aus Chamberttir, Qumones de Leone und Adatct bestehende Dreier-Komitee für die Prüfung und Durchberatung der Minderheiten-denkschriften und Noten trat am Montag den 29. April in- London zusammen. Das Dreier- Komitee hat sich u>. a. auch mit dem Memorandum zu befassen, welches der Rat für Ne Rechte der jüdischen Minderheiten (Paris) soeben beim Völkerbund für das Dreier-Komitee emgereicht hat. England. Das Schächten in der englischen Schlachtungsbill. London, 28. April. Colonel Moore brachte foeb-eN' im britischen Unterhaus die Tierschlachtungsbill ein, in der vorgesehen ist, daß die Tötung, -des Schlachttiers in einem Augenblick erreicht werden müsse, oder daß das Schlachtt-ier vor der Tötung betäubt und unempfindlich für Schmerz gemacht werden müsse. Eine Ausnahme macht die Bill für die Schächtung von Tieren nach jüdischem Ritus, bei der Schächtung ist eine vorherige Betärlbu-ng nicht erforderlich. Die Schächtung müsse aber von Personen ausgeführt werden, die vom Oberrabbiner hierzu die Beglaubigung, sowie eine Lizenz der lokalen jüdischen Behörde haben. Lichlenslein. Der Lichlensteinische Landtag lehnt den Anlischächtanlrag ab. Vaduz, 3. Mai. Der Lichtensteinische Landtag hat den Antrag, das Schächten nach jüdischem Ritus zu Verbieten, mit 11 gegen 4 Stimme n a b g e l e h n t. Die Frage unterliegt nunmehr verfaffungsgemäß der Entscheidung durch eine Volksabstimmung. — Die Frage des Schächbens -in Lichtenste-inhat bekanntlich große Bedeutung für die Schweizer Judenheit, deren Koscherfloifchbedarf aus Lichdenstein gedeckt werden soll. Amerika. Roscher-Bill im Staate Minnesota. N e w y o r k, 3. Mai. Die Gesetzgebende Körperschaft dse Staates Minnesota hat eine Koscher-Vill, wie sie -im Staate Newyork schon besteht, angenommen. Danach wird jeder Geschäftsmann, der rituell verbotene Nahrungsmittel als „koscher" anbietet, oder an seinem Schild unberechtigterweise das Wort „koscher" führt, mit Gefängnis bestraft. Die Antischächt-Bill in Connecticut zurückgezogen. Hartford (Connecticut), 20. April. Die von den Schächtgegnern in Connecticut eingebrachte Bill wegen Verbots der Schächtung ohne vorangegangene Betäubung, hat eine so starke Opposition erweckt, . daß die Antragsteller es vorgezogen haben, die Bill zurückzuziehen, bevor sie noch die Unterschrift des Gouverneurs, die zur Vorlage andas Staatsparlament notwendig ist, erhalten hat. Die orthodoxe Rabbinerschaft des Staates unter Führung von Rabbi Jsaac C. H u rwitz in Hartford, hat sich mit größter Entschiedenheit gegen die Behandlung des Antrages durch das Parlament gewandt. Palästina. Abermals Ausschreitungen an der klagemauer. Jerusalem, 6. Mai. Während der Gottesdienste an der Klage mau er zu Jerusalem am Freitag Abend und am Sonnabend Morgen wurden die jüdischen Andächtigen von Moslemiten mit Steinen beworfen, von denen mehrere der betenden Judengetroffen und verletzt wurden-. Der jüdische Auffichtsbeamte (Schamines) wurde schwer verletzt.