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Der Israelit · 1929-05-10 · Heft 19 (10.5.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 19. Seite 3 10. Mai 1929 krrmmissionzu fügen. Man wollte aus eigene Faust die Umwandlung vornehmen. Da fiel aber der L eh re-rv e rb an d , dem auch misrachistische Lehrer angehör-en, „Sichron Jakob" in den Rücken, indem er die Sperre über die dortige Schule verhängte. Keines von feinen! Mitgliedern dürfte danach an die Schule nach S. I. gehen. Und nun kommt der Tragödie vorletzter Akt. Den Drohungen der Zionistischen Organisation und den Lockungen der Miß Sold unterlag der Misrach'i undging darauf ein, einen gemeinsamen Aufsichtsrat, zu gleichen Teilen aus Misrachisten und Zionisten bestehend, zu bilden. Der geschlossene Pakt, der weder im Geiste des Misrachi ist, noch den Wünschen der Elternschaft Rechnung trägt und im Gründe Nur die absolute Hilflosigkeit des Misrachi dokumentiert, ist unterzeichnet von Henriette S o I d und Meier B e r l i n. Der letzte Akt besteht darin, daß auch dieses Abkommen von der Zionistischen Leitung nicht e i n g e h a l t e n wird. Die Kapitulation des Misrachi schien ihr nicht vollkommen. Bei Schulbeginn blieb die Schule in! Sichron Jakob geschlossen. „Entweder Ihr unterstellt Euch bedingungslos der Zionistischen Organisation, oder die Schule bleibt geschlossen," lautete das Ultimatum, das auch von Miß Sold, allen Versprechungen zum Trotze, gebilligt und im Namen der Z. L. verkündet wurde. Die Schule blieb unter dieser Voraussetzung geöffnet, und es blieb alles wie es war. Alle Kämpfe warenumsonst geführt. Man hat e i n e n, wie man beteuert, „religiösen" Lehrer dem Lehrerkollegium von S. I. einverleibt. Das genügt Miß Sold, und wie es scheint auch dem Misrachi. „Seit 30 Jahren," so schreibt Rabbi Fishman in Besprechung dieser Ereignisse, „stehe ich im Zionismus und im Misrachi und predige stets für Frieden, Versöhnung und Ausgleich. Und jetzt? Er glaubt jetzt noch au die innere Kraft des Misrachisagt es wenigstens, wiewohl der Ton die Verzweiflung nicht verleugnen kann. Wir aber meinen: Wenn die Geschichte von „Sichron Jakob" dem Misrachi nicht zur Lehre diente, dann ist und bleibt er unbelehrbar. Allein, auch wir glauben an die mUere Kraft — zwar nicht des Misrachi, — aber seiner Mitglieder, an den starken jüdischen Impuls, der sie auf ein Arbeitsfeld führte, wo sie, in einem übertriebenen Optimismus, Gegenliebe und Gewinn für die jüdische Sache erhofften, der sie aber bald, nach den anhaltenden schmerzlichen Enttäuschungen, doch zu uns herüberbringt, wo sich innerlich Geeinte und Gleichgestimmte z u r j ü d i schen vor Vudenhänden sicher, — dann sind unsere Erdenruhe, unsere Reinheit und unsere Gesetzesbefolgung der Achtung oller Mächtigen und Edlen dieser Erde gewiß. „Die Edlen der Völker versammeln sich gern als Volk des Gottes Abrahams; denn Gottes sind der Erde Schilde, und das ist feine höchste Erhebung." nix» px ’3i» D’psV ’3 amnx ',?i>x aj? laoxi a’»s? '2'N3 Uleines Feuilleton. Eliasspuren. Von 3of. Heymann in Frankfurt a. 21t. Seitdem die Mauern des Ghetto gefallen, fühlt sich der moderne Jude frei, frei in doppeltem Sinne; frei nach innen> losgelöst von Tradition- und jüdischer Gesetzeslehre, frei nach außen, indem er mit dem nichtjüdischen Milieu in dauernder Wechselwirkung steht. Dieser scheinbare Niesensorlschritt der modernen jüdischen Welt, er hat auch schon seine bedenklichen Schattenseiten gezeigt, denn die heutige jungjüdische Generatton, sie ist im Kriege, in einer Atmosphäre der Furcht groß geworden, sie ist eine von Furcht geplagte Generation, diese Furcht durchsetzt allgemein das tägliche Leben des modernen Juden,, ebenso wie seine . gesamte Tätigkeit, und beginnt das früher so einzig vorbildliche jüdische Familienleben verhängnisvoll in den Hintergrund zu verdrängen. Man sieht sonnenklar, daß gerade das vielverkaunta und vielverachtete, ja heute verspottete Ghetto doch kulturhistorisch gesehen auch seine gewaltigen Lichtseiten hatte, im Verhältnis zu den bedenklichen Schattenseiten, die das moderne jüdische Leben auszuweisen hat. De t I s r a e lit_ A r b e i t die B ru d er H an d reichen k ö nnenu n d solle n. Landkagswahlen in Sachsen. Nächsten Sonntag werden im Freistaat e S a ch s e n die L andtagswah l e -Nlv or sich gehe n. Im ganzen Reiche sieht man dem Ausgang mit gespanntem Interesse entgegen, da der Wahltag die Feuerprobe für das bisherige radikal sozialistische Regime in Sachsen bedeuten wird. Auch ■ für uns Juden wird der sächsische Wahlsonntag von Bedeutung sein. Der Linksradikalismus in Sachsen war der religiösen! undgar der j ü d i s ch e n Sache wenig zuträglich. Der Kampf um d e n S a b b a t f ü r d a s j ü d i s ch e Kind in der allg-em-ein-en Schule ist bekannt, und er ist typisch für die religiöse Intoleranz derer, die im Namen der Freiheit — „Freiheit, die ich meine" — an die Macht gekommen sind und Recht sprechen. Und dennoch drohen! den Juden Sachsens die schwersten Gefahren von anderer Seite. Wie kaum in -einem andern Lande sind dort die N a - t i o n a l s o zi a l i sten rührig und betriebsam, diese gewalttätigen Rechträuber, die aufs Ganze gehen und für alles Weltenunheil, oft nur um das Volk von dem wahren Schuldigen abzule-nLen, den Juden haftbar machen. Wie von unterrichteter Seite in der „E. V.-Ze-itung" berichtet wird, haben die Ultranationalisten bei der Wahlpropaganda in d-en letzten Wochen in Sachsen einen wahren Rekord geschlagen, und die ganze Wahlkampagne von dieser Seite geht u-rlter der Parole „Gegen die Juden!" Der direkte jüdische Einfluß auf 'die Wahlen in Sachsen ist ungemein gering (Sachsen dürfte im Ganzen 10 000 deutsche Juden zählen), der intellektuelle und politische Einfluß könnte aber nichtsdestoweniger hie und da wesentlich in die Wagschale fallen. Es versteht sich von selbst, daß die Juden all denen die Hand zur Hilfe reichen werden, die gegen die drohende Seuche des Rassenhasses, des Rechtraubes und der Volksverhetzung arbeiten. Die liberalen Mittelparteien, zu denen wir auch das Zentrum zählen, haben in Sachsen leider keine Aussicht aus entscheidende Stellung im Parlamente. Der Kampf geht dort zwischen! den Extremen. Radikale Linke und radikale Rechte kämpfen um die Palme. Wo Juden, um das größere und größte Uebel zu verhüten, mit der Linken gehen, werden sie gut tun, auf diese etwas dämpfend einzuwirken und eine Sicherheit für die Zukunft zu schaffen, daß die religiösen Belange der jüdischen Gemeinschaft beim Ausbau des Stckates im Sinne wahrer Toleranz geschont und gehütet bleiben. Doch wer tiefer zu schauen versteht, der erkennt bald, daß gerade die moderne Zeit dem Juden. Eliasspu - rcn von gewaltiger Tiefe in seine jüdische Welt ausgeprägt hat. Während in den glücklichen Jahren der Vorkriegszeit bereits deutlich Mestiassvuren erkennbar waren, hat der Krieg und die Nachkriegsperiode diese sichtbaren Spuren wieder verwischt. Unsere Gegenwartskultur vermißt schmerzlichst die beiden Hauptmerkmale, die das Kommen und Nahen des Messias begleiten, den Ueberflutz im Segen der Natur wie auch den Frieden in der Menschenwelt. Diese Eliasspuren, sie keuchten für alle Juden, auch in die Nacht der Moderne, wenn man sich nur die Mühe nimmt, sie richtig zu verfolgen. - Wer jüdisch zu denken vermag, dem fällt es auch nicht o schwer, diese Eliasspuren zu verfolgen. Schachnowitz hat in seinem historischen Roman „Feuerzeichen" (Hermon-Verlag 1928) den dankenswerten Versuch unternommen, diesen Spuren in der tiefsten Golusnacht des jüdischen Volkes nachzugehen und uns scheint,' dieser Versuch ist ihm auch glänzend gelungen. Der Held seines Romans, der große Rabbi Rastatt Kohn, er -ist die verkörperte Eliasgestalt. Das Licht, das aus seiner Lernstube noch spät in die Gasse leuchtete, strebte weit hinaus in die weite, tiefe Golusnacht. Er zählte zu den Wächtern in der Nacht, deren Augen und Sinne wach bleiben mußten, indes die anderen schliefen. Weit über anderthalb Jahrtausende dauerte schon die Golusnacht im „vierten" Reiche, die letzte. Er selbst war ja nur ein Symbol der Golusvielfalt seines Volkes. Und wenn er-im Sinnen und Forschen den Blick in die finstere schlafende Gasse h-mausschweifen -ließ, so erhielt er auf die bange Frage: „Wächter, wie. steht es um die Nacht. Wächter, wie weit ist die Nacht?" keine andere Antwort als: „Wieder Nacht, wieder Nacht!? . Warum wußten die berufenen Wächter nichts besseres zu sagen als: Nach! Religiöse Hilfe für Rußland. Herr Dr. Jsmar Freund referierte l-etzthin über „Das Juden-Problem in Sowjet-Rußland" und führte u. a. aus: In demselben Maß-e, wie ich von dem wirtschaftlichen Wiederaufbauwerk in Rußland im allgemeinen außerordentlich günstige, zum Teil geradezu erhebende Eindrücke mitgenommen habe, so niederdrückend ist der Eindruck gewesen, den ich gewonnen habe, soweit es sich um das kulturell-religiöse Lebemi handelt. Herr Dr. Freund schildert die Eindrücke, die er bei dem Besuch der Leningrader Großen Synagoge gewonnen hat. Zu dem Sabbat-Gottesdienst hatten sich ungefähr 40 Menschen eingesunden: alte Leute und „Vatlonim", beschäftigungslose Mühiggämlg-er. Der Kantor bestritt den gesamten Gottesdienst allein, ein Chor war nicht vorhanden. Kinder unter 18 Jahren, sagte man ihm, dürfen die Synagoge nicht besuchen, geschweige denn im Chor Mitwirken. Die Kirchen aber waren am Sonntag gefüllt. Auch in der Moskauer Synagoge, die vielleicht 1200 bis 1500 Menschen faßt, fand der Verfasser auch nur eine kleine Zahl Betende vor, ein Kantor war nicht vorhanden, sondern nur ein Chordirigent. In Odessa fand er die größte Synagoge in einen Klub umg-ewandelt, in Minsk in ein Kino, in Cherson und Simforopol fürchtete man «ein ähnliches Schicksal. Nicht anders war die geistigreligiöse Atmosphäre m einer Kolonie des Cherson-Distrikts, die schon etwa 123 Jahre besteht und an die 4000 Seelen zählt. Dort gibt es nicht nur drei Synagogen und jüdische Schulen-, nicht nur ein jüdisches Hospital, sondern jüdische Polizei, -em jüdisches Gericht und einen jüdischen Dorfrat. Man kann sich schwer vorstellen, wie die jüdische Autonomie restloser durchgeführt fein könnte, als hier. Zum Freitag-Abendgottesdienst in einer der Synagogen fanden sich aber bloß 11 Personen ein. Am nächsten Vormittag Mg der Verfasser in die zweite Synagoge. Er traf an die 20 Menschen an. Das Bild aber das Gleiche: ausschließlich alte Leute. Die Alten hängen noch am Judentum. Sie sind durchaus religiös eingestellt und leben nach alter Weise. Aber sie sehen ihre Welt versinken. Die Jugend ist kommunistischatheistisch, antireligiös. Systematisch wird durch die von der Partei organisierte antireligiöse Propaganda dieser Geist auch in der jüdischen Jugend großgezogen. Diese Beeinflussung beginnt bereits in der allerfrühesten Jugend. Sie Iurchdringt das letzte Dorf und sie formt auch die jüdische Jugend. Jüdische Schulen fand der Verfasser in allen übrigen jüdischen Kolonien, die er besuchte, vor. und wieder Nacht? Warum taten sie nichts, um den Morgen zu wecken und zu künden? Gewitterschwüle Stimmung im Ghetto, in der Judengasse, aber alsbald bricht die Sonne doch aus dem Nebel hervor. Denn was verstehen wir Menschen von den Unberechenbarkeiten des lebendigen Lebens, die alle noch so geistreichen Kombinationen über den Haufen werfen? Selbst der große Rabbi, er muß ja bekennen, daß wir alle ach so wenig von den Dingen in und. um uns wissen, wie sollten wir da die Dinge über uns erkennen? Nie werden Erkenntnisse in uns neu geschaffen, sie werden nur aus alten verschlossenen Kammern der Seele ans Licht gezogen. Ist doch der Mensch, wie S. R. Hirsch einmal so herrlich in seinem Pe ntate uchkommmtare sagt, «ein Doppelreis des Geschöpflichen, des Veqeta!i:en und des Animalischen, mit der Einheit eines Göttlichen verbunden. Eine Zwienatur des Himmlischen und Irdischen, Göttlichen und Animalischen, Ewigen und Vergänglichen. Das organisch Stoffliche und das göttlich Ewige, in feiner Verbindung ist der „Mensch". Das physische Genuß- und Geschlechtsleben, das dem Organisch-Leiblichen angehört, wie nicht minder das Leben des Denkens, Woliens und Vollbringens, in welchem sich das geistig Göttliche des Menschen vollzieht, beide bedürfen der zreien Hingebung an die Direktive der Gotteslehre und des Gottesgesgtzes. Mit dem dritten Schöpfüngskage trat die phrstsch-organi-! sche Welt mit dem Gepräge des göttlichen Leminaugesetz-es ins Leben, der siebente Tag steht da als der Unterordnung des gottebenblldttchen Menschen mit seinen gottgleichen weltbeherrschenden Tatenleben unter die Eottasherrschaft. Trotz dieses Gegensatzes des ewigfreien und vergänglich-gebundenen Elements, fühlt sich der reine Mensch nicht zwiespältig, sondern einheitlich, ja schon das Bewußtwerden dieses Gegensatzes ist selbst schon eine Trübung. Gott ist der Urgrund des Ausgleichs des Men- U

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