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Der Israelit · 1929-05-10 · Heft 19 (10.5.1929) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 19 Der Israelit Kurzum: mcmi kann mit Midraschim und Peßukim Mißbrauch treiben wie mit allem in der Welt, aver man soll die gute jüdische Tradition nicht in Verruf bringen, die für jeden Gedanken und jede Gefühlsregung die Wardeiung in der Thora fordert. Dabei geht >es auch nicht an, die scharfe Grenzlinie zwischen Halacha und Agada zu ziehen«, die dem Verfasser offenbar vorschwebt. Handelt es sich um welta >nifchauliche Fragen, so darf das agadifche Quellenmaterial nicht ausgeschaltet werden, und der halachische Grundsatz rvmKn p i'X gilt eben nur für die Halacha, nicht für die Weltanschauung. Endlich findet der Verfasser, daß — abgesehen von den am»» und der nsbn — die Anschauung vom Judentum,'die S. R. Hirsch vertritt, eine „völlig neue R ich t u n g " darstelle und daher für uns nicht „bindend" sei. Nun sind wir zwar völlig zufrieden mit einer Jugend, die sich durch die 13 nnax npj? öes Q'oan und den Gesamtkomplex der Halacha, wie sie in den criwx") und D’innx medergelegt ist, gebunden fühlt — niemand wird den Glauben beispielsweife an die Richtigkeit der S. R. Hirfch'fchen Symbolik oder Etymologie zu den miax ’ipjr zählen. Aber machen denn diese der innersten Individualität des unsterblichen Meisters entsprossenen geistigen Schöpfungen das W e - s e n seines geschichtlichen Wirkens aus? Selbst diese individuellen Auffassungen Hirschs sind nur in ihrer großartigen Einheitlichkeit und Ausgestaltung „neu" — nicht ihrem Prinzip e nach. Ganz und gar nicht eine „neue Richtung" im Judentum aber stellt das eigentliche G l a u b e n s s y st e m Hirschs dar, das, was man W e l t a n sch a u u n g nennt. Hier steht S. R. Hirsch ganz und gar auf den Schultern aller Geistesgrößen der jüdischen Vergangenheit, im besonderen eines R a m b a n und eines I e h u d a H a l e v y. Es ist ein Märchen, ebenso unwissenschaftlich wie gefährlich (letzteres in pädagogischer Hinsicht), S. R. Hirsch zu einem „Reformator" zu stempeln, weil er den Mut hatte, das uralte, in Spanien und im jüdischen Orient immer anerkannte und auch sonst stets nur praktisch (aus xvn nxT) nicht prinzipiell bestrittene Qtf min in Deutschland zur Geltung bringen, als wirklich schon nichts mehr zu verlieren war. Man kann — wenn man sich die Kompetenz zutraut — dies oder jenes in der reichen Fülle dessen, was Hirschs schöpferischer Geist aus der Tiefe der Thoraweisheit erschaut hat, ablehnen — aber der innerste Kern feiner „Weltanschauung " ist völlig identisch mit eben jenen miax npy und eben jener Halacha, von denen der Verfasser zugibt, daß sie der gemeinsame Besitz und das gemeinsame geistige Band des ganzen thoratreuen jüdischen Volkes in Ost und West feien. lvochenrundschau. Zionistische Erziehung. Dem zionistischen Erziehungsd ep arte m e n t in Jerusalem wird von Rabbi F i s h - man: im „Hator" vom 12. April wieder einmal die durchaus negative Tendenz gegen Misrachi und fein Schulwerk attestiert. Seit dem Bestände des misrachistifchen Aufsichtsrates ist kein einziger orthodoxer Kindergarten errichtet worden, dafür werden die bereits bestehenden gesetzestreuen Kindergärten systematisch verkleinert und geschwächt. Zur gleichen Zeit dürfen die andern in der Kulturliga und in der Arbeiterorganisation einen Kindergarten nach dem anderen eröffnen. Das Bestreben des Erziehungsdepartements ist, die Autonomie der religiösen Erziehung möglichst einzuschränken und ihre Wetterausbreitung zu verhindern. Die zugesagten« autonomen Rechte nach der Londoner Abmachung blieben alle auf dem Papier. Besonders lehrreich in dieser Beziehung sind die Vorgänge m „Sichron Jakob", die unseren Lesern im Ganzen noch in Erinnerung sein dürften. Dort bestand eine allgemeine Schule, in der Jahre hindurch der Nachwuchs „ohne Thora, ohne Religion und wie viele wissen, auch ohne allgemeine Bildung", (wir zitieren Fishman) erzogen wurde. Eine große Anzahl der Eltern wünschte kategorisch die Ueberleitung.der Schule in misrachistische Regie. Aber sin Paragraph schreibt für solche Entscheidungen eine Willensäußerung der Mehrheit vor. Da die Lehrer auf die Klagen der Eltern mit einer noch weiteren Radikalisierung der Schule reagierten, hatten sie sozusagen selber für die nötige Mehrheit der Protestler gesorgt. Während die Verhandlungen BiOXULTDA Oie sfarKxhSumende Sziutzrstoff-Zeihnpixstgi Wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Probe-Flasche gratis. Max Elb A. G., Dresden '__ 10. Mai 1929 mit der zionistischen Organisation noch schwebten, kam der bekannte Tisch oben w - E x z e ß und schlug wie eine Bombe ein!. Indes die Alten in der Synagoge > auf dem Boden bei ihren Trauergebeten sitzen, dringt lustige Tanzmusik aus der nahen Schule. Dort wird für Lehrer und Schüler ein Schulfest gefeiert mit Ball und Tanz, am Abend des neunten Aw. Das stieß, wie man zu sagen pflegte, dem Faß den Boden aus, Die Proteste waren jetzt von 92 Prozent der Eltern unterschrieben. In jedem geordneten Staat,, in jedem auf kommunalem Rechte fußenden Gemeinwesen würde damit die Sache entschieden sein. Nicht so im Machtbereiche der Zionistischen Organisation. Man schickte nach „Sichron Jakob" einen neuen Leiter und ging im übrigen über die Wünsche der Kolonie glatt zur Tagesordnung hinweg. Man diktierte von oben herab erneut die a l I g e m e ine Schu l e, unter Beibehaltung des alten Lehrerstabes. Die Kolonie griff zur Selbsthilfe und verkünidete den Boykott der Schule. Darauf schicktet maM eine neutrale Untersuchungskommission in die Kolonie, diese erkannte alle Klagen an und kam zum Schluß, daß nur eine Misrachischule die Situation in der Kolonie noch retten könnte. Trotz allem beschloß das Bildungsdepartement am 10. Marcheschwan, die Wünsche der Eltern! so wenig zu beachten wie die Ergebnisse der Untersuchung. Die Schule müsse ihren allgemeinen Charakter weiter behalten und in der Regie der zionistischen Bildungsinstanz bleiben. Eine eigenartige Rolle spielte in dieser Tragikomödie Miß Sold, die Vertreterin der Zionistischen Organisation, bei den Verhandlungen in „Sichron Jakob" und der Untersuchungskommission gegenüber, eine geistige Amazone, deren Autokratie gelegentlich auch vor einem Wortbruch nicht Halt macht. Sie hatte vor Zusammentritt der Untersuch ungskommission im Namen der Zioniistis chen O r g a n i s a t i o n d a s feierliche Versprechen ab ge geben, die Ergebnisse der Unt e rs u ch u n g zur Richtschnur der weiteren Entscheidung zu machen, und sie war es dann, die in Verleugnung der ganzen Untersuchungsarbeit hinterher beim Bildungsdepartement für Beibehaltung der alten Schule plädierte. Schon am 11. Marcheschwan erfolgte eine geharnischte Erklärung der Misrachiorganisation, sodann auch ein Brief von Oberrabbiner Kuck an Miß Sold. Nebenher erklärten die Vertreter der Elternschaft in „Sichron Jakob", sich unter keinen Umständen dem Beschlüsse der Bildunlgs- Eine zeitgemäße Talmudstelle. Von Rabb. Dr. W. Haken in Ariedrichlladt. (Schluß.) 3. Von schmerzlichster Aktualität aber «ist der dritte Schreckensbericht, den Rabbi Jochanan erhielt und als Gottesstrafe re klärte: Die Friedhofsfchändun.g Warum die Chabre Gräber aufwühlen, welches Ziel sie damit verfolgten, davon wird uns nichts berichtet. Gibt es ein Warum? Wissen wir, was die heutigen Friedhofsschänder bezwecken? Rabbi Jochanan kehrt uns den Verzicht auf die Ergründung der Motive von Wahnwitzigen. Er lehrt sie uns als Werkzeuge des strafenden Weltenrichters betrachten. „Weil Juden die Feste der Nichtjuden rnrtgefeiert haben," sagt R. I., „Habens Nichtjude^ jüdische Gräber geschändet." — Wie ergibt sich diese Strafe gerade aus dieser Sünde? Die Juden haben gemeint, eine Familie zu bilden mit den Bewohnern ihrer Wirtsländler. Da wurde ihnen aufs Deutlichste demonstriert, daß ihnen nicht nur ni cht die Wertschätzung von Angehörigen, sondern nicht einmal die Achtung als Menschen entgegengebracht wird. Im Leben und seinen Freuden wähnten sie sich eins mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern, ihrer Würde als Menschheitspriesterstand vergessend, hatten sie alle, die gottgefälligen' und die nicht gottgefälligen Freuden ihrer Umwelt mitbegangen; — da zeigte ihnen der heidnische Rohling, daß er nicht im Leben mit ihnen froh sein und nicht einmal im. Tode ihnen die Ehrung alles Menschlichen erweisen wollte. Mußte es so kommen? Konnte die ehrbare Annäherung zwischen Juden und Andersgläubigen keine edleren Früchte tragen? Gewiß, — die Vorsehung hat um uns keine Mauer gezogen, und insbesondere in den Ländern unseres Exils sind wir nicht gehalten, uns, was Rechte und Pflichten angeht, von der Bewohnerschaft anderen Bekenntnisses abzufondern. Mit ihrem Wohlstände dürfen wir uns freuen und sollen ihn nach Jirmejahus Worte fördern. Innere Erbauung und Freude aber darf uns in der Freude der Völker nicht erfüllen o'inyz--'i „Freue dich nicht, Israel, an Jubel wie er den Völkern geziemt". Ubd als in den Tagen Hamans das Schwert der Vernichtung über unserem Haupte schwebte«, da war dies die Folge davon, daß, wie unsere Weisen sagen, Juden am Freudenmahle des unwürdigen snwn« sich innerlich uns mit Freude erfüllten, ihres Galuth, ihres Elends, ihrer Heimatlosigkeit vergessend, ihres Menschheitspriestertums nicht achtend. Auch jene zweite Deutung dier Worte Rabbi Jochajrairts trifft uns. uns Heutige, mit der vollen Wucht ihres Sinns. Danach hätte Rabbi Jochanan die damaligen Friedhossschändungen als'Strafe dafür angesehen, daß Juden - rs m n über das Unglück von Juden nicht aus ihrer Lebensfreude geraten waren, Juden Babels nicht -weinten und zitterten um den Jammer der Juden Roms und Palästinas. Wenn Juden in ruhigen Ländern das Galuthgeschick anderer Länder vergessen, — wenn in Ländern, in denen - jüdische Familien friedlich beieinanderwohnend leben und ihre Kinder gesund gedeihend aufwachsen sehen, das Geschick ausländischer Glaubensgenossen vergessen ist, die nicht wissen, wohin sie am Abend ihr Haupt legen werden und ob man ihnen ihre Kinder ,zu eigener Erziehung beläßt oder sie ihnen, körperlich oder geistig, raubt, wenn die trotz aller gelegentlichen politischen Rüpelstreiche ruhiger lebenden Westjuden Nachricht von den Gewalttaten' und Roligionsunterdrückungen des Atheistenreichs im Dfteni gegen jüdische Brüder erhalten und trotz dieser Nachrichten lebensfroh' bleiben, — wenn Juden das Geschick ihrer längst in der Erde schlummernden Ahnen vergessen haben und sich über die Wiederkehr der altväterlichen Armut so 'erhaben wähnen, daß sie ihre geplagten Brüder im Reiche der Verfolger nicht mehr als Brüder hilfsbereit kennen,.— dann haben sie ja das Andenken ihrer in« der Erde schlummernden Ahnen selber entheiligt, und Gottes schützende Hand waltet nicht mehr über dem Ruheplätze der geschändeten Eltern. Ost und West waren Eins in den Tagen der. Ahnen, als unser Wohlstand, — ja, immer noch Wohlstand! — noch nicht begründet war. Und wenn wir dessen nicht mehr wert sind, — wenn wir durch Mangel an Bruderliebe es uns verscherzt haben, daß lebenswahr verklärt auf ein in seinen Stämmen einiges Israel das Antlitz der Längstvollendeten herniederblickt, — dann haben wir das verdient, daß die entstellte Gestalt ihrer geschändeten Leiber uns, als deutliches, redendes Sinnbild des durch' Unfrieden geschändeten Volkskörpers Israels, schauererregend angreift. Wie wird die Achtung des Nichtjuden j vor unseren toten Vätern gehoben? Das geschieht, indem! wir unseren lebenden Brüdern, je verfolgter sie sind: desto mehr Achtung, Liebe und Hilfe pntgegenbringen. Wenn wir uns als Bürger unseres' Galuthlandes, aber alle als Kinder am Tische des Einen Vaters, als Brüder Einer Heimat fühlen, wenn wir iünerjüdische Differenzen« außer der Abwehr der Religionsangleiches nicht mehr pflegen, — wenn wir deutlich unseres Jenseits-Berufs bewußt das Diesseits stolz, froh und dochvoll schmerzlichen Gottsehnens durchpilgern und einander dieses Pilgern durch Liebe und tätige Hilfe über alle Grenzen hinweg erleichtern, — dann «ist der Ruheplatz unserer Teuren

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