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Der Israelit · 1929-05-10 · Heft 19 (10.5.1929) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 19 (10.5.1929)
Date
1929-05-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Vor einigen Wochen erschien an dieser Stelle ein Aussatz über die Fünftagewoche, in dessen Rahmen der Verfasser u. a. auch darauf hinwies, daß die grundsätzliche Einschränkung der Arbeitswoche von sechs auf fünf Tage dem Geiste des Vibelwortes -nnsrn d’ö’ nww nicht entspreche. Daraufhin erhielten wir die Zuschrift eines jungen Gesinnungsgenossen, die, wie wir glauben, einer unter der Jugend, namentlich der Esra-Jugend, ziemlich weit verbreiteten Stimmung ihre Entstehung verdankt und die wir darum > an dieser Stelle kurz besprechen möchten. Die Zuschrift lautet: „Doch -ist es mir in folgendem meragier um Herrn C. und seinen pioa zu tun, vielmehr um eine prinzipielle Feststellung. Herr C. hat zuerst rein sachlich seinen^ Standpunkt dargelegt und sodann zur Bekräftigung seiner Ansicht einen pnos zitiert. Das ist erträglich. Doch bietet es mir Gevegenhett, auf eine sehr traurige Methode hin-- zuweisen, von der sich auch einige Mitarbeiter dieses sonst sehr geschätzten Blattes nicht freiMachen können. Es M dies „die Lösung der gesamtjüdischen Gegenrvartssragen auf dem Boden des um»". Sobald eine tiefe oder flache, leichte oder schwere Frage erörtert werden soll, holt man schnell einen pwv, einen «m»' ein b"tn nasa herbei und schon ist das Problem gelöst, besser gesagt: geköpft. Dabei wird erstens vergessen, oder totgeschwiegen, daß sich wohl zu jedem Schrift- und Weisenwovt unschwer das kontradiktorische^ Pendant finden läßt. Zweitens aber wird m. E. oergesssti, daß die heutigen Lebensformen und -bedingungen Europas—Amerikas sich in vieler Beziehung von allen uns bekannten früheren unterscheiden; daß dementsprechend auch die von Hirsch fundierte und heute noch im Ausbau begriffene westeuropäische Orthodoxie eine völlig neue Richtung rm min -Judentum darstellt. Es vlerbindet uns mit allen nun-Juden aller Zeiten die Gemeinsamkeit der niiau mpj? und der na^n- Die sonstige weltanschauliche Einstellung unserer Großen — selbst wo eine solche >ernH'öiWch feststeht — ist für uns nicht bindend. Vielmehr müssen wir, wenn neue Fragen auftauchen, uns durch den- Schranken ziehen taffen, im übrigen haben wir die Aussprüche der rnaan -erst sehr genau darauf zu betrachten, ob sie nicht auf gänzlich andere Lebensformen und Einstellungen Bezug nehmen. Für diejenigen, die -in dem Gesagten einen Mangel an Ehrfurcht von unseren sehen wollen — ich weiß nicht, ,wo hier ein solcher Mangel zum Ausdruck kommt —- für diese sei.nur darauf hingewiefen, daß der Kundige ohne Weiteres a'pioa ,a'una und amasa für sämtliche Anschauungen anführen kann, z. B. für Ag>udismus, Liberalismus. Zionismus, Achdnth, Psychoanalyse, Monarchismus, Sozialismus und sämtliche übrigen! -ismen-. Reden und Artikel d-er letzten Zeit ließen einen solchen Hinweis, der keinen viin biedeuten soll, als durchaus notwendig -erschsinen." Soweit, die Zuschrift. Es sind darin mehrere Gedankenrichtungen kvmbin'iert, die man nur dann auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen kann, wenn man sie voneinander trennt und analysiert. Zunächst liegt eine in den letzten Jahren großgezogene Abneigung gegen das Homiletische vor. Der Homiletiker liebt es, seine Gedanken in die Ausdrucksformen des Bibelwortes und der Agada in Talmud- und Midrasch zu kleiden, eine Art moderner rrnnvvx zu schassen und mit diesen Hilfsmitteln stimmungsmäßig für seine religiösen und ethischen Ideen zu werben. Der Redner oder Schriftsteller erhebt dabei gar nicht den Anspruch, den wirklichen Sinn des Schriftwortes oder der Agava wiederzugeben, er benutzt sie, wie schon gesagt, eben als Ausdrucksformen, als poetisches Kleid seiner Gedanken. Ein Teil unsrer jugendlichen Jugendführer erblickt in dieser „homiletischen" Methode etwas Unwahrhaftiges; sie unterstellt dem, der sie anwendet, die Absicht zu überreden, statt zu überzeugen und wirft ihm Phraseologie und falsches Pathos vor. Run gibt es selbstverständlich auch auf diesem Gebiete Uebertreibungen, und an Phrasen und hohler, künstlicher Begeisterung ist leider manchmal kein Mangel. Aber es ist trotzdem ein Unrecht, der thoratreuen jüdischen Jugend diese Idiosynkrasie gegen die sogenannte „Homiletik" systematisch einzuimpsen, denn es wird damit unschätzbare jüdische Eigenart herabgesetzt und vertan. Das n^?i twp in rpanv jene völlige Einswetdung des individuellen Seelenlebens mit dem Thorawort, die es dahin kommen läßt, daß der echte Talmudjude gar nicht anders kann, als für jeden Gedanken den Beleg oder die Form oder die ästhetische Verklärung in Bibel, Talmud und Midrasch zu finden — sie ist ja doch die gewaltigste Erziehungsleistung der Thora selber an den Generationen des jüdischen Volkes. Man sage nicht, das gelte nur für den Osten, treffe aber auf den mit den Eierschalen der Halb- oder Ganz-Assimilation und des Amhaareztums immer noch behafteten gebildeten Westen nicht zu. Auch im Westen haben wir gottlob bereits wieder eine Schicht von mehr oder minder thorabeflissenen Alten und Jungen, bei denen die seelische Verbundenheit mit der Thora (und sei es auch nur auf dem Wege über den Kommentar von Hirsch und regelmäßige Schiurim in Tnach und Talmud) jene sogenannte „Homiletik" als Selbstverständlichkeit zeitigt, und es ist noch.schlimmer und unweiser, solche V l ü - t e n schüchtern wachsenden jüdischen Geistes zu kntcken als Zweige an reichbeblätterten Bäumen. Wir warnen also davor, den Midrasch zu Gunsten einer der Umgebung angepaßten Nüchternheit, einer angeblichen „Wissenschaftlichkeit" des Denkens zu opfern und diejenigen mit dem tötenden Fluch der Lächerlichkeit zu belasten, die nach gutem jüdischem Brauche all ihr Wollen und Reden „in den Poßuk hineinstellen". Die Sachlichkeit braucht darum doch nicht zu kurz zu kommen. Unser jugendlicher Kritiker geht aber noch einen Schritt weiter. Er behauptet, daß es Leute gebe, die mit e i n e m Poßuk, einem Midrasch, einem Vm nvrrv sachliche Probleme lösen zu können vermeinen. Das fei deshalb unmöglich, weil es erstens immer auch andere, ja, entgegengesetzt lautende rabbinische Aussprüche gebe und weil zweitens moderne Probleme auf anderen zeitlichen Bedingungen ruhten als diejenigen, die der Poßuk oder der Midrasch im Auge haben konnten. Wenn der Verfasser damit zur besonnenen Vorsicht in der Heranziehung biblischen oder talmudischen Beweismaterials mahnen will, so sind wir mit chm einig. Will man gründlich und wahrhaftig sein und wirklich auf Grund biblisch-talmudischer Quellen weltanschauliche oder sittliche Entscheidungen treffen, so muß man die Fähigkeit besitzen, das Quellenmaterial ganz zu übersehen und den G e s a m t g e i st des Gotteswortes, der schriftlichen und mündlichen Ueberlieserung hm Quellen abzulauschen verstehn. Dann und nur dann enthüllt sich auch der tiefere Einheitsgrund der scheinbar widersprechenden Aussprüche, und es schwindet der müde Skeptizismus, der sich infolge oberflächlicher Betrachtung einredet, num könne in der Thora wirkliche Beweise für den „Liberalismus" oder den konfessionslosen Rationalismus finden. Solcher Ernst der Forschung bereitet Mühe — dort, wo es sich wirklich um Beweise, nicht um poetische Ausschmückung handelt — aber wehe uns, wenn wir auf dieses Höchste und Letzte unsres Judentums, auf die Orientierung unseres ganzen sittlichen, politischen, wirtschaftlichen Lebens nach dem Gottesworte verzichten wollten! Der Wechsel der Zeiten darf dabei keine Rolle spielen, denn die aus der Thora zu schöpfende Idee ist an sich zeitüberlegen und in ihrer Anwendung im einzelnen durchaus anpassungsfähig an die besonderen Bedingungen jeder Zeit und jedes Ortes. Auch sind die Fälle gar nicht selten, in denen dem geübten Auge e i n Poßuk oder e i n Midrasch sich darbietet, der blitzartig den Weg erhellt, und der in der Tat von so beherrschender Bedeutung ist, daß die Gegentendenzen aus anderen Quellen dabei gänzlich zurücktreten.

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