Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3. Mai 1929 Der Israelit Nr. 18. Seite 3 in großer Erregung hält. Am 6. April wurde das bei der Familie Schochar bedienstet gewesene Dienstmädchen in seiner Kammer tot aufgefunden. Der herbeigerufene Arzt stellte Gasvergiftung fest, wobei die Kriminalpolizei nach einer Untersuchung diese Feststellung für glaubwürdig befunden und die Leiche freigegeben hat, die auch beerdigt wurde. Wenige Tage später erstatteten die Verwandten des Dienstmädchens, von Antisemiten aufgehetzt, eine Strafanzeige wegen Ritualmordes. Der Staatsanwalt Tostädte beantragte hierauf eine Voruntersuchung, wobei sämtliche Angehörigen der betreffenden jüdischen Familie, dar unter die siebenjährige Tochter, von dem Untersuchungsrichter „über die Ermordung des Dienstmädchens aus rituellen Gründen zum jüdischen Osterfest" vernommen wurden. In Memeler Gesellschaftskreisen konnte man es nicht begreifen, wie ein so widersinniges Verfahren wegen Ritualmords durch Gas eingeleitet werden konnte. Man hoffte, daß die Voruntersuchung ein schnelles Ende nehmen und nicht in eine Anklageerhebung ausmünden würde. Die jetzige Anklageerhebung durch den Staatsanwalt Tostädte, dessen Verhalten scharf kritisiert wird, hat die Erregung in Memel gesteigert. Auch Hamburg lehnt die „Deutsche Studentenschaft" ab. Hamburg, 18. April. Land für Land schließt sich dem preußischen Vorgehen gegen das völkisch zusammengesetzte „Deutsche Studentenschaft" an.' Die Hamburger Bürgerschaft hat den demokratisch-sozialdemokratischen Antrag auf Aenderung des Studentenrechtes an der Hamburger Universität mit 75 gegen 61 Stimmen angenommen. Der Antrag bestimmt, daß die Zugehörigkeit zur Studentenschaft gewährt werden soll den Studierenden reichsdeutscher Staatsangehörigkeit, den Studierenden deutsch-österreichischer und Danziger Staatsangehörigkeit, den vom Rektor anerkannten Auslandsdeutschen-Studierenden ohne Unterschied der Rasse und des Bekenntnisses, ferner daß die Hamburger studentischen Organisationen sich nur mit anderen deutschen Hochschulen zusammenschließen dürfen, deren Satzungen mit denen der Hamburger Universität übereinstimmen. Delegiertenlag der deutschen Landesorganrsation „ der Agudas Iisroel. Hamburg, 2. Mat. Der auf den 19. und'20. Mai einberufene Delegierten tag der deutschen Landesorganisation derAgudas Iisroel, dessen Tagesordnung in der letzten Nummer veröffentlicht wurde, findet nicht in den Räumen der jüdischen Schule sondern im Leipziger Künstler haus, Ni kischplatz statt, worauf die Delegierten aufmerksam gemacht werden. Umwelt und trachten diese nur an gottgebundener, gottgeweihter Lebenshaltung zu übertreffen, dann freut sich auch die Umwelt unserer Gottnähe, — dann ehrt auch der Nichtjude sich durch gleichviel welches Beitragen zur Weihe unseres Lebens, und dann sind ihm unsere Stätten der Weihe Orte der Ehrfurcht. (Fortsetzung folgt.) Uleines Feuilleton. Ein Film vom Leben. Von San.-Nat Dr. A. St. Vor kurzem hatte der Frankfurter ärztliche Verein einen großen Abend. Geheimrat Kolle, der Nachfolger Paul Ehrlichs, hielt einen Vortrag und demonstriert» einen an einer englischen Universität ausgenommenen Film, der das Leben im Gewebe und das Leben in den Zellckn darstellt. Der Film war in folgender Weise gewonnen: Es wurde ein nadelkopfgroßes und papierdünnes Scheibchen vom Herzmuskel eines Tieres in einen Tropfen besonders präparierter Nährflüssigkeit eingebettet und darin nach dem Vorgehen amerikanischer Forscher gezüchtet. Dieser Tropfen wird unter das Mikroskop gelegt und das etwa tausendfach vergrößerte mikroskopische Bild durch einen Spiegel in eine Film-Kamera geworfen und kinematographisch photographiert. Die Aufnahme erstreckt sich auf mehrere Tage. Durch die Technik des Zeitraffers werden die Bilder so zusammengedrängt, daß die Vorgänge mehrerer Tage in etwa einer Viertelstunde abrollen. Außer dem Partikelchen des Herzmuskels wurde dann noch ein solches aus einer Krebsgeschwulst gezeigt. Man sah das Gewebe sprossen und wachsen und konnte die feinsten Vorgänge in den Substanzen der Sprossen beobachten. Dem Sprossen geht ein Ausschwärmen von Tausenden von Zellen in die Nährflüssigkeit ° Aus der Münchener Kultusgemeinde. München, 24. April. In der letzten Sitzung der Gemeindevertretung wurde der Jahresvoranschlag für 1929 vom Vorstande vorgelegt und durch Justizrat Dr. Straus erläutert. Der Etat balanciert in Einnahmen und Ausgaben mit 740 000 Mark .Von den Ausgaben entfallen 45"/o auf Besoldung und Pensionen, 23% auf Wohlfahrtspflege. Die Finanzlage der Gemeind? ist recht günstig, fodaß der Umlagesatz um 1% herabgesetzt werden und eine Betriebsreserre von 25 000 Mark in beit Voranschlag eingestellt werben konnte. Für den Neubau einer Orgel werden 20 090 Mk. bewilligt; 5000 Mk. der Münchener Ortsgruppe des Zentralvereins, 2000 Mk. dem Keren Hajessod, 20 000 Mk. werden für die Errichtung einer Darlehenskasse bereit gestellt. Zu einer großen Auseinandersetzung führte der Antrag des Ohel Jakob-Vereins, seine Subvention von 7500 wieder auf 12 009 Mk. zum Ausbau seiner j ü d i s ch e m V o l k s s ch u l e zu erhöhen. Es kam zu scharfen Zusammenstößen zwischen den liberalen und den orthodoren Vertretern. Schließlich verstand sich die liberale Mehrheit zu einer Vertagung bis zur nächsten Sitzung. Der Ausgang der Gemeindewahlen in Hannover. Hannover, 24. April. Dis Wahlen ergaben bei einer Beteiligung von sage und schreibe 214 Wahlberechtigten die Wahl der sogenannten Einheitsliste, die den Liberalen eine sicher^ Mehrheit gewährt und den Zionisten einen Sitz einräumt. Die Einheitspartei hatte sich bekanntlich von vorneherein der Forderung der Liberalen auf Beibehaltung des Ausnahmeprinzips unterworfen. Hund Israelitischer Wohlfahrtsvereinigungen in Baden. Karlsruhe, 24. April. Im Mittelpunkt des diesjährigen Wohlfahrtstages, der am 14. April unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder aus dem Lande Baden in Karlsruhe stattfand, stand die Frage der Mittelstandsfürsorge insbesondere durch Kredithilfe. Die Anregung hierzu kam von einigen unserer Mitglieder aus dem Lande wie auch vom Oberrat, der sich bereits seit einigen Monaten mit dieser Frage beschäftigt und seine tatkräftige Hilfe in Aussicht gestellt hat. Das einleitende Referat des Herrn Oberrat Julius Hartog, Mannehim, sowie das Korreferat des Herrn Oberrat Dr. Moritz Pfälzer, Weinheim, gaben ein anschauliches Bild von der wirtschaftlichen Notlage des Mittelstandes, von den Ursachen der Not in den einzelnen Berufen, insbesondere wegen mangelnden Kredits oder wegen der untragbaren Zinsen für.Bankgelder. Die rege und furchtbare Aussprache bewies, wie bedeutsam diese voraus, es sind sozusagen die Quartiermacher, und sie ziehen die Sprossen aus dem Gewebe nach. Dabei findet in dem Herzstückchen eine rhytmische Bewegung (Zusammenziehen und Erschlaffen) genau wie im unversehrten lebendigen Herzen statt. Die Tätigkeit der Zellen ist so verteilt, daß sie in mehreren Gruppen jeweils um ein bestimmtes Zentrum ihre Bewegungen ausführen. Die organisierte Verteilung der Arbeit durch einen vernunftbegabten Arbeitgeber auf die einzelnen Zellgruppen mit gleichartiger, zweckmäßiger Wirkung und der Rhytmus, wie auf ein Kommando ablaufend, sind verblüffend und unbegreiflich. Der zweite Film zeigt das Leben der einzelnen Zellen und die Vorgänge im Inneren der Zellen aus einer Krebsgeschwulst. Hier überzeugt man sich,' daß in jeder einzelnen Zelle eine Welt von lebhaft agierenden Körnchen, Bläschen und Fäden sich befindet, das wogt und wirbelt in wilder Hast, stößt sich, umfaßt sich und flieht sich und wimmelt innerhalb der Zelle wie in einem Ameisenhaufen. Dann reckt sich die einzelne Zelle, sendet Fühler aus und zieht sie wieder ein. Beim Anblick hat man das unbedingte Gefühl gewollter Bewegung. Plötzlich sieht man ,wie im Zellkern die Fäden sich in der Mitte zu Schleifen ordnen, wie diese in zwei Reihen sich gegenübem treten, wie sich der Kern an dieser Stelle einschnürt und dann in zwei Teile teilt, wie jeder Teil seine Portion der Zelleibsubstanz mitnimmt und wie aus der einen Muttcrzelle zwei Tochterzellen entstanden sind. So wild und lebhaft wie innerhalb der einzelnen Zelle geht es im Zellenstaat, dem Gewebe, her. Jetzt taucht eins kranke Nervenfaser auf, wie die Geier auf ein Aas stürzen die sogenannten Freßzellen sich von allen Seiten darauf, bald ist die ganze Faser aufgefressen, beim Anblick hat man direkt den Eindruck einer wütenden Gier. Da sieht man eine lahme, offenbar geschwächte Zelle sich langsam fortbewegen. Schon stürmt eine kraftvolle Zelle an sie heran, die kranke rafft ihre letzte Kraft zusammen, zieht ihre Ausläufer ein und formt sich zur Kugel, der attakierende Feind ist abgeschlagen, läßt los, zieht ab und versucht sein Glück an einem anderen Schwächling. So wogt und Frage der Mittelstandshilfe in unserem Lande ist. Die vielfachen Vorschläge für die Abhilfe, sei es durch Schaffung einer Darlehenskasse, eines Fonds für Zinszuschüsse, Einrichtung von Beratungsstellen usw. bildeten die Grundlage für die gefaßte Resolution, in der der Wohlsahrtstag den Oberrat ersucht, mit größter Beschleunigung an die Verwirklichung einer Darlehensorganisation für den jüdischen Mittelstand in Baden heranzutreten; der Wohlfahrtsbund stellt sich mit allen ihm tätigen Kräften gern in den Dienst dieser Aufgabe. Tätigkeitsand Kassenbericht wurden mit Befriedigung ausgenommen. Die Geschäftsführerin, Fräulein Ruth Fenchel, referierte über die jüdisch-sozialen Reichsorganisalionen in Deutschland. Die Wahlen bestätigen die seitheige Zusammensetzung des Vorstandes, des Arbeitsausschusses und des Wohlfahrtsrates. In den Vorstand hinzugewählt wurde Frau Mia Netzer, die Leiterin des Wohlfahrts- und Jugendamtes der Israelitischen Gemeinde Mannheim. Mit herzlichem Dank an die Erschienenen sowie an alle Mitarbeiter schloß der Vorsitzende die wohlgelungene Tagung. Rutzland. Iuden in Rußland kämpfen um ihre Synagogen. R i g a , 15. April. Das in Minsk erscheinende jiddische kommunistische Organ „Oktiabre" berichtet, daß in der Stadt Sendin, Distrikt Minsk in Weißrußland, eine zahlreiche Gruppe religiöser Juden in eine Versammlung kommunistischer jüdischer Arbeiter eindrang, in der eine Resolution für die Beschlagnahme der Stadt-Synagogen gefaßt werden sollte, und den Versammelten zuries: „Wir werden unsere Synagoge nicht hergeben, auch wenn Blut in den Straßen fließen wird!" Es entstand ein ungeheurer Tumult, der in eine Schlägerei ausartete, wobei laut dem Bericht der kommunistischen Zeitung die religiösen Juden wie wild um sich schlugen und mehrere Kommunisten verletzten. „Oktiabr" nennt als die Rädelsführer ^>er Attacke gegen die kommunistische Versammlung die Brüder Ben-Zion, Boruch Minkow, Salman Kliaqski, Mendel Charik, Moses Reines und Samuel Horner. Alle diese Personen wurden verhaftet und sollen vor Gericht gestellt werden. ' Die Zeitung „Oktiabr" berichtet weiter, daß die Sowjetbehörden in Mohilew, Weißrußland, zwei jüdische Bcthäuser, und die Behörden in Witebsk die dortige Große Synagoge und acht kleinerejüdische Bethäuser beschlagnahmt haben. Eine Statistik der russischen Gewalt. Moskau, 14. April. Die Zeitung „Bezboschnik" teilt mit, daß von den in der Ukraine im Jahre 1914 vorhanden gewesenen 1400 wellt es durcheinander. Plötzlich wird die Bewegung langsam, allmählich kommt alles zur Ruhe, man sieht die einzelnen Zellen sich ruckweise zusammenziehen und wieder ausbäumen, allmählich in sich versinken und erstarren. Was ist vorgegangen? Man hat durch Annäherung vom Radium die Radiumstrahlen einwirken lassen! Voll Staunen steht man vor diesem Geschehen in der kleinsten Werkstatt des Lebens. Woher dieses Leben und seine sinnvolle Art? Unsere chemischen und physikalischen Formeln versagen. Nicht einmal das erlösende Wort will uns sinfallsn, das sich nach Goethe immer einstellt, wo Klarheit der Begriffe fehlt; denn auch das schöne Wörtchen „Vitalismus" bringt uns dem Verständnis nicht näher. Das ganze Auditorium war denn auch bei der Vorführung sichtlich ergriffen und in andächtiges Sinnen versunken. Geheimrat Kolle gab mit der Bescheidenheit, wie sie echter und großer Wissenschaft eigen ist, der Stimmung mit den Worten Ausdruck: „Hier kann man nichts erklären, weil man nichts verstehen kann. Man kann nur mit Staunen und Bewunderung und voll religiöser Ehrfurcht solches Geschehen erleben." (Stammen die „Benei Israel" in Afghanistan von Juden ab?) Sir Georg McMunn, der zuletzt in Afghanistan geweilt hat, berichtet im „Daily Telegraph", daß ein großer Teil der Bevölkerung Afghanistans sich „Benei Israel" nennt und behauptet, von Afghani, einein Enkel des Königs Saul und Oberbefehlshaber des Königs Salomo, abzustammen. Es scheint, daß die Vorfahren des Afghana-Stammes im 7. Jahrhundert in das Land gekommen sind und dort den Islam angenommen haben. Für ihren jüdischen Ursprung gibt es. nicht den leisesten Beweis, nur ihre äußere Erscheinung und einige ihrer Sitten unterstützen ihre Behauptung; auch tragen sie Namen wie Moses, Abraham, Jakob usw.