Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1929)
- Date
- 1929-05-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2. Nr. 18 ’l 'i Vl jil tum hier nun auch den Versuch mache, den Bauern ihr Land zu nehmen? Aber noch ein zweiter, viel bedenklicherer Umstand ist bei der Nachprüfung dieses Vorschlags von jüdischer Seite zu berücksichtigen!: es liegt in ihm ein sehr starkes Zugeständnis an die judenfeindlichen Gedankengänge von dem unproduktiven Inhalt der von Juden hauptsächlich betriebenen Berufe. Offenbar sind viele Juden durch die fortgesetzt wiederholte Behauptung von dem raffenden „jüdischen" im Gegensatz zum schaffendem „arischen" Kapital selbst innerlich unsicher geworden. Noch immer ist z. B. der Handel wie jede Verteilung der Güter an die ihrer bedürfenden Menschen genau so wichtig gewesen wie die Erzeugung der. Güter als solcher. Wir verhindern die Widerlegung dieses volkswirtschaftlichen Unsinns, wenn; wir uns selbst in unbegründeter Verachtung unserer wirtschaftlichen Betätigung dem Gegner zur Verfügung stellen." Es ist schon so, wie Holländer sagt. Heute gefällt unseren Feinden unser Beruf nicht, morgen — es ist heute schon der Fall — auch unsere Augen, unsere Nase nicht. Es gefällt ihnen überhuapt der Jude in uns nicht. Und den können wir nicht, wie den Beruf, auswechseln. Das sollte aber den Abwehrvereinen Grund mehr sein, sich weniger an Kleinigkeiten und Einzelheiten zu klammern, sondern stets mehr aufs Ganze und an die Wurzel zu gehen. Segen Palästinas. In einer Zeit, da man im alten Europa längst vergessen hat, daß der größte Segen für die Menschen und das wertvollste Kapital der Mensch ist, da auch in jüdischen Kreisen das Segenswort mil iis schon beinah in einen Fluch umgebogen und damit eine Bevölkerungsstatistik mit einer erschreckenden Kurve nach unten erzielt ist, ist es erfreulich zu hören, daß es noch ein Land auf Erden gibt, wo sich der Volksinstinkt gesund erhalten hat und man nicht gewillt ist, wie gewisse Bevölkerungsteile in Europa, die nis-Strafe der Selbstvernichtung auf sich zu nehmen, vielmehr auf Erhaltung und Entfaltung der Volkskraft bedacht ist. Doppelt erfreulich, daß dieses Land unser heiliges Palästina ist. Aus der soeben veröffentlichten amtlichen Geburtenstatistik geht hervor, daß die Bevölkerung Palästinas die fruchtbarste in der ganzen Welt ist. In Palästina kommen auf 10 000 Einwohner jährlich 534 Geburten. Mit dieser Ziffer über- 2er Israelit trifft Palästina beträchtlich die Geburtenziffer Aegyptens (428 auf 10 000) und die Rußlands (409 auf 10 000); sie ist dreimal so groß wie die Geburtenziffer Schwedens und mehr als zweimal so groß wie die Geburtenziffer Englands. Wir möchten diesen Zahlen nur noch die Hoffnung anfügen, daß mit der numerischen auch die geistige Kraft sich aus dem heiligen Boden Erez Jisroels erneut und im steten Blühen und Gedeihen bleibt. Korrespondenzen « Dacbricbten. Deutsches Reich. Zentrum und Deutfchvölkische. Berlin, 18. April. Die Versuche der D e u t s ch v ö l k i s ch e n , sich dem Zentrum an die Rockschöße zu heften, darf als völlig mißlungen erklärt werden. Im Preußischen Landtag erhielten sie von der großen katholischen Mittelpartei aus dem Munde des Domprobst von Paderborn, Abg. Dr. Linneborn, eine solche Abfuhr, daß sie fürs erste daraus verzichten werden, sich bei ihrem Hetzwerke auf Kirche und Katholizismus zu berufen. Dr. Linneborn sagt u. a.: „Wenn neulich einmal der nationalsozialistische Abgeordnete Kube versucht hat, das Zentrum als Helfershelfer angusprechen bei jener eines gesitteten Voltes unwürdigen Judenhetze, die vielfach in völkischen und nationalsozialistischen Kreisen betrieben wird — ich erinnere an die rohen Schändungen israelitischer Friedhöfe — so muß das Zentrum jede Bundesgeuossenschaft mit allem Nachdruck abweisen (stürmischer Beifall im Zentrum). Herr Kube hat dabei einen Artikel der „Germania" aus dem Jahre 1912 zitiert. Der Artikel handelte von dem großen Einfluß, beu das BiGXULTBA wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 80 Pf. B10X-MUND WASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Prob e-Flasche gratis. Max Elb A. Q., Dresden 3. Mai 1929 Judentum auf dem modern-künstlerischen und finanziellkommerziellen Gebiete ausübe. Aber die „Germania" schrieb ausdrücklich von der Beweglichkeit und Rührigkeit der jüdischen Minderheit, um die christlich-deutschen Kreise zu einem «gleichen Handeln aus diesen Gebieten anzuspornen. Es war eine Mahnung, die man ruhig zu jeder Zeit wiederholen kann und auch jenen christlichen Kreisen sagen darf, die über jüdische Konkurrenz klagenj aber in ihrer Lethargie, wie die „Germania" sich ausdrückt, verharren und sich zu gleicher Rührigkeit und Lebendigkeit nicht aufschwittgen können. (Lebhafter Beifall bei der großen Mehrheit). Wenn Herr Kube dann noch angedeutet hat, daß in den Richtlinien katholischer religiöser Dogmen der jüdische Ritualmord gelehrt werde, so entspringt eine solche Behauptung der Unwissenheit oder Frivolitä t." Der nationalsozialistische Abgeordnete Dr. L e y versuchte die Behauptung, die Richtlinien zu den katholischen Dogmen predigten Judenhaß, durch Zitate aus antisemitischen Schriften zu belegen. Dabei wärmte er alle bekannten Ritualmordmärchen von Simon (1475) bis Könitz auf. Mehrere Päpste führte er als Kronzeugen an und behauptete, unter dem Papst Sirius IV. sei im Jahre 1475 ein Knabe von Juden geschachtet und deshalb heilig gesprochen worden. Noch heute, sagte er, gäbe es innerhalb des Judentums eine Sekte, die nach chaM dischem Gesetz Ritualmord begehe. Unter dem Widerspruch des Zentrums vertrat er die Ansicht, das Zentrum habe im Jahre 1880 als die antisemitische Partei gegolten und auch in neuester Zeit gäbe es antisemitische Neigungen im deutschen Katholizismus. Im Verlauf der Debatte ergriff noch einmal Dr. Linneborn das Wort. Mit Entrüstung wies er die Behauptung des Dr. °Ley zurück, daß der jüdische Ritualmord im Dogma der katholischen Kirche gelehrt werde. Als er mit den Worten schließt: „Das deutsche Volk denkt zu ruhig, als daß es sich zum Antisemitismus aufpeitschen ließe", lärmen und toben die Nationalsozialisten, während ihm von der großen Mehrheit der Abgeordneten lebhafter Beifall gezollt wird. Auch der demokratische Abgeordnete Graue, evangelischer Pfarrer in Berlin, trat mit warmen Worten für eine Versöhnung der Konfessionen ein und erklärte unter erneutem Lärm der Nationalsozialisten, daß die Schande des Antisemitismus ausgerottet werden müsse. Mittelalterliche Justiz in Memel. Berlin, 30. April. Wie aus Kowno telegrafiert wird, hat der Memeler Staatsanwalt Tostädte gegen den jüdischen Kaufmann Schochar in Memel Anklage wegen Mordes -erhoben. Diese Tatsache eröffnet eine neue Phase in einer Angelegenheit, die seit drei Wochen die Judenheit in Memel Eine zeitgemäße Talmudstelle. Don Rabb. Dr. Z3. tzoken in Ariedrichstadt. Man erzählte dem Amora Rabbi Jochanan, die;udenfeindliche Sekte der Lhabre sei in Babel eingedrungen, wo zu seiner Zeit die Judenheit in größeren Massen und unvergleichlich ungestörter dem Thorastudium oblag als in seiner Heimat, dem heiligen Lande (Jebamoth 63 b). Auf diese Nachricht hin sank er erschrocken zusammen. Dann erzählte man ihm, daß auch diese fanatischen Judenfeinde oft sich durch Bestechung abwehren ließen; das richtete R. Joch, wieder auf. Man berichtete ihm weiterhin vvon drei Untaten, welche die Chabre während ihrer Gewaltherrschaft fortwährend gegen die Juden verübten: sie verhinderten das Schächten, störten das B a d e w e s e n und durchwühlten die Gräber. Rabbi Jochanan erkannte in allen diesen drei Gewalttaten die strafende Gerechtigkeit Gottes: Das Schächten hätten die Feinde erschwert, weil die Juden Babels es verstanden haben, das Gottesgesetz der Abgabe gewisser Fleischteile an die Kohanim zu umgehen; die jüdischen Bäder erlitten Störung, weil die peinliche Beobachtung der Reinheitsgesetze nachgelassen; die Gräber feien gc^ schändet worden, weil die lebenden Juden die Feste der Nichtjuden mitgeseiert hätten, vim m'3 am»-?oder aber, weil sie, wie das anderweitig erklärt wird, ohne Rücksicht aus das tägliche Unglück ihrer im Römerreiche unterdrückten palästinensischen Brüder in Frohsinn durchs Leben gingen. Rabba, Sohn Samuels, fügt hinzu, schon der Prophet Samuel habe dieses Verhängnis verkündet (1. Sam. 12,15): „Gottes Hand wird gegen euch und gegen eure Väter ergehen", und Mar fügt hinzu: „Für die Sünden der Lebenden werden die Toten in ihrer Ruhe gestört." Kann man diesen Bericht des Talmuds aus grauer Vorzeit auch nur im Vorübergehen streifen, ohne in einer Zeit wie der heutigen erschrocken zusammenzufahren: „Das ist zu uns gesprochen!?" 1. Uns bedroht immer und immer wieder, bald hier, bals dort, staatliches Verbot oder Erschwerung des Schächtens. Uns könnte, da wir gum Entrichten der Kohanim- Abgabe nicht verpflichtet sind, die Strafe für deren Unterlassung, die R. Jochanan erwähnt, nicht treffen. Dennoch sind auch wir von R. Jochanan gemeint, der gesagt hat, daß Schächtverbote uns nicht von ungefähr treffen. Auch wir haben Abgaben an die Priesterschaft versäumt, und insbesondere von unserem Fleischgenuß. Israel ist der Priesterstand der Menschheit, und Israels Priesterstand sind die Thoragelehrten, die aus Liebe zur Thora allem Erwerb entsagt und sich nur ihrem Studium gewidmet haben. Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, war von altersher Ehrenpflicht aller jüdischen Gemeinden. Wo aber sind von ein paar rabbinischen Ausbildungsanstalten abgesehen, die Gemeinden, die ihren Etat mit Ausgaben für Schüler ihrer Rabbiner belasten? Wo sind die Wohltäter, welche von ihrem Ueberfluß nicht nur den Organisationen klingenden Namens, sondern zugleich den Privatleuten und den einzelnen Thorabeflissenen abgeben, welch, letztere aus irgendwelchen Gewisssnsbedenken dem Lchrdienste entsagen müssen und ohne Stützung dastehen? Wer sich nicht dem Zwange bekenntnisloser Gemeinden fügt, hat hierzulande einen schweren Stand; wo aber bleibt die Solidarität seiner Gesinnungsgenossen? Das sind versäumte Mino TmnK, deren Folge nicht ausbleiben kann. Es kann auch den Nichtjuden nicht verborgen bleiben, wenn Thorakenntnis und Schächtbefugnis anderen als religiös interessierten Instanzen unterordnet und gesinnungstreue, dem Lehr- oder dem Schächtamt aus heiligstem Streben obliegende Persönlichkeiten unbeachtet gelassen werden. Die nachteilige Wirkung zeigt sich darin, daß auch die Behörden das Schächten mehr für eine gewerbliche als für eine religiöse Einrichtung Hallen. Verstärkt wird diese Wirkung noch durch das Dulden unreligiöser, ja religionsfeindlicher Fleischer-Betriebe, deren einzige wn» minD Injurien gegen ihre Inspizienten sind. Durch nnna wurde der Fleischgenuß zum gottgeweihten Opfer; obiges sind die Wege, aus denen wir Heutigen unseren Tisch zum Altar gestalten können. Wenn wir diese unverbrüchliche Heiligkeit unseres irdischen Genusses durch Be-, folgung jener von uns verlassenen Wege zu deutlichem Ausdruck bringen, dann hat auch der unwissendste und roheste Nichijude Achtung vor dem göttlichen Gesetz, welches unseren Fleischgenuß regelt. Ein Jude, dessen Mahlzeit eine Opferhandlung ist an Weihe, dessen Lebensgenuß lebenschöpfend, segenspendend, die Alleinherrschaft des freien Willens und der edelsten Triebe ist, — er erntet Liebe und Verehrung für sein Gesetz, „Israel du, mit dem ich, Gott mich rühme", Volk, das aus Gottes Land kam, in der Freude ehrfurchtzitternd vor Gott. 2. Die zweite^Schreckensnachucht, dis Rabbi Jochanan erfuhr. war die Schließung vonvinipo durch die fanatischen Chabre. Er erklärte diese als Strafe für Unachtsamkeit bei der Wahrung der Reinheitsgesetze. Hier ist so klar Maß für Maß gemessen, daß wir der Erläuterung nicht bedürfen. Die Vorsehung hat uns hierzulande vor staatlichen Einmischungsversuchen gegen unser Reinheitsgesetz bewahrt. Doch leiden wir alle seelisch stark unter der Verständnislosigkeit weitester Volkskreise für dieses unser Heiligtum. Auch wir können uns Rabbi Jochanans Worte zu Herzen nehmen: Unsere Unachtsamkeit ist daran schuld. Nicht als ob wir alle selbst keinen Wert mehr auf seine Befolgung gelegt hätten. Unsere Lebenshaltung, unser Lebensstil »selbst der Frommen, hat nur nicht die alte überzeugende, ehrfurchtheischende Gewalt der Heiligkeit; fremde Gedanken und Wertungen sind eingeschlichen; wesensfremde Gefühle drücken unserer Lebensweihe das Gepräge auf. Unser Leben ist vom Gesetz nicht immer erfüllt, sondern oft von ihm bloß umzäumt. Wir haben nicht mehr stetig in jeder Qual und in jeder Wonne, in jeder Tat und in jedem Geschick Gott erkannt und bezeugt; das spürt die Umwelt, und darum mißtraut und widerstreitet sie der Weihe alles ^unseres Tuns. Sind wir aber, —1 wie noch heute manchen Ortes — der Geistes ad el der ■FTflSTirj li U li I V-T -