Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 2× ep/1048155
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Nr. 17. Seite 3 2> .e r Israelit 24. April 1929 schmort und gekocht und zubereitet, meistens unter Benützung der im Orient üblichen scharfen Gewürze. Man muß erst einige Zeit in dieser Umgebung sein, bis man sich an diese verschiedenartigen Kochdüste gewöhnt hat. Von diesem Platz aus führen dann strahvenförmig enge Straßen in die Juden-- und Araberstadt, während, sich das moderne, europäische Viertel aus der anderen Seite des Französischen Tores befindet. Dieses unterscheidet sich von europäischen Städten eigentlich nur durch die herrliche. Begetatron der Pflanzenwelt. Die Anlagen sind mit Palmen und Kakteen in der Höhe von 15—20 Metern geschmückt, und man kann auch Straßen sehen,, die mit Palmen so besetzt sind, wie bei uns mit Kastanien- oder Zierbäumen. Es ist selbstverständlich, daß mein Hauptinteresse sich aus die Judenstadt erstreckte, und ich durchquerte sie so oft, daß ich in der kurzen Zeit, die ich in Tunis zubrachte, dort schon ziemlich bekannt wurde. Auf Allerlei» was ich sonst nielbeicht übersehen hätte, machte mich, mein freundlicher Führer — kein geringerer als ein europäischer Prinz, ich verrate sogar auch seinen Namen: Max zu Hohenlohe, den ich in Tunis kennen.gelernt hatte — aufmerksam. Da er zu den Aristokraten des, Landes sowie zu den Behörden gute Beziehungen unterhält, bin ich an manche Dinge gekommen, die andere Reisende nicht leicht zu sehen bekommen. Beispielsweise führte er mich in das Palais des Bei von Tunis, die. Kafpah. welche in maurischem Stil erbaut und echt orientalisch eingerichtet ist. Wir konnten ungehindert eine große Anzahl von Sälen — sogar auch den Thronsaal — in aller Ruhe besichtigen. Der Bei von Tunis, der die Regentschaft ausübt, während das Land bekanntlich seit 1882 unter französischem Protektorat steht, hat noch mehrere Schlösser, von denen ich auch ein zweites, El Mars«, das bei Karthago am Meere bieget, gesehen habe. Dort war, als ich in Karthago war, der Bei gerade anwesend, und seine Leibgarde, die eine eigenartige rote Tuch-Uniform trägt, gab gerade ein echt orientalisches Konzert mit Flöten, Pauken und Trommeln. Als der Bei das Schloß verließ, konnte ich merkwürdige Ehrenbezeugungen feiner Ergebenen beobachten. In der Judenstadt suchte ich zuerst einige Synagogen auf. Es gibt deren etwa 10, die ich leider nicht albe zu sehen bekam. Eine Hauptstraße des Judenviertels, die Sauk et Garn, ist auf beiden Seiten mit kleinen Läden jüdischer Kaufleute besetzt und endet an einer Synagoge, die ich sowohl am Freitag-Abend als auch am "Iv besuchte. Mir fiel dort auf, daß nur Bänke aber keine Betpulte, wie bei uns, aufgestellt sind; dagegen befinden sich an der Mauer am Eingang eine große Anzahl von kleinen Kassetten — ähnlich den Vanktresors — aus Stahl, in welchen die ständigen Besucher ihre Gebetbücher und Tulesim eingeschlossen halten. An den Wänden befinden sich eine sehr große Anzahl von Gedächtnis- und Jahrzeitslampen. Solche Lampen werden für jeden Verstorbenen angebracht, und sie sind auch mit diesbezüglichen Namen und Daten versehen. Meistens bestehen sie aus einem Wandschild mit einem ArM, der düs Oelglas hält. Die gleichen Gedächtnislampen findet man außer in den Synagogen auch in den Chedarim. Am Freitag-Abend war die Synagoge ziemlich voll. Der Gottesdienst begann mit Mismaurim, die von Kindern, manchmal auch Solo, vorgesungen wurden. Es handelt sich hier um umfangreiche Gebetstücke, die in unserem Ritus nicht vorhandensind, und von den erwachsenen Eingeborenen meistens auswendig in der gleichen Melodie mitgesungen werden. Am Eingang dieser Synagoge ist eine große Mesusoh angebracht, während bei uns bekanntlich Synagogen keine Mesusoth erhalten. Man hat den Eindruck, daß die Besucher der Synagoge am Freitag-Abend direkt von der Arbeit kommen,., da sich ihre Kleidung und ihr Aeußeres in keiner Welse vom werktäglichen Aussehen unterscheidet. Einige Synagogenbesucher legten sich während des Gottesdienstes lang auf die Bänke, während andere wiederum ruhelos hin und her wanderten. Me Juden von Tunis sind größtenteils Spaniolen, manche sind jedoch auch von anderen Ländern eingewandert und man merkt oft Unterschiede in ihren Mim Hagada-Seite aus einem Siddur des 14. Jahrhunderts. (Berliner Staatsbibliothek) Buchstaben in Form von Tieren geschrieben. Hagim gegenüber jenen der Sephardim in Holland und Italien. Es wird beispielsweise am Freitag-Abend nicht Lecho daudi gesagt, ebenso am Schluß kein Kiddusch. Dagegen erhält jeder Besucher beim Verlassen der Synagoge eine wohlriechende Pflanze, um die Brochoh c>'»va ■>*■? machen zu können. Diese Brochoh roia sagt auch der Hausherr am Freibag-Abend beim vii'p in seiner Wohnung. Mir ist dabei eingefallen, daß man in meiner bayerischen Heimat am Freitag-Abend eine stark riechende Pflanze. mit nach Schul nimmt. Vermutlich hat man früher ebenfalls darüber die na-n gemacht, doch ist das im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten, während die Pflanzen („Schmecken" nannten wir sie . im bayerischen Schwalben) gedankenlos mitgenommen werden. Man findet solche Blätter häufig getrocknet in alten Politisches Mosaik. Von Frank Levy. I. Es ist heute eine ganz vertrackte Angelegenheit, über orthodoxe Politik zu schreiben. Es ist erstens und zweitens langweilig und außerdem — undankbar. „KhWapolitlk — na, das geht noch an. Aber Klall (überhaupt ein so lautes und aufdringliches Wort), Aguda-- bewsgung, Jewifh Agency, Erez Jisroelpolitik —, wir wollen doch ein bißchen mal an uns denken dürfen. Ueberhaupt sind die Mazzos dieses Jahr bedeutend . . - Uebvigens, gezahlter Beitrag ist ein gutes Ruhekissen. Schließlich wird ja heutzutage die Khilla v om- Klall mit Haut und Haaren verschluckt. Ganz einfach verschluckt. Diese phantastischen Führer, ohne -lokalen Wirk- Kchkeitssinn, sie sind an allem schuld. Mit ihrem dummen Schielen nach dem Osten. Wissen Sie, die Ostjuden . . . Bitte, mein Herr, ich gebe prinzipiell für Ihre; Angelegenheit nichts mehr, die Mazzos sind sowieso dieses Jahr ./. Also zwitschern die Biede rlinge. , : . ' H- Doch was ist das Echo der Jugendbewegten, der Revolutionäre? Nichts. . Verstehn Sie das?! Nichts!—- Grabesstille. „Pst!!! . . . Immer hübsch neutral bleiben, nur nicht anstößig werden! Aufregung und Entrüstung für Edleres aufbewahren! Für Probleme. Für Jugend- und Erziehungsfragen. Für die gegenseitige Auseinandersetzung der verschiedenartigen Männlichkeiten und Weiblichkeiten über Sachlichkeiten. Aber nur, um alles in der Weih keine Politik. Jede Idee, Bestrebung, dürft du propagieren und verfechten. Ungeniert und stolz.' Aber bitte— kern politisches Handgemenge. - „Fi tone!" würde in einem anständigen Schmökerdrama die gutgesittete Bonne ausrufen: „Fi donc! — politisch Lied ein garstig Lied". — Gewiß. Die Leute haben einen Standpunkt. „Klainköppeldig", würden die im Osten sagen. Und sie hätten recht. Man ist prinzipiell gegen das Gewitter. Deshalb verbietet man die Blitzableiter. Jüdische Politik! heißt der Kampfruf und die Revolutionäre schrveigen. Immerhin, „wer Angst hat :und zimperlichen Herzens ist, der mag zu Haufe bleiben", heißt es in der alten Kriegsordnung. ' HI. Das Echo der Revolutionäre bleibt aus. Eigentlich gegen die Naturgesetze. Aber, wer kann heute noch wissen. Letzten Endes ist ja doch alles nur relativ. Selbst die Schweigsamkeit. Es ist, wie gesagt, still als wie in einem Grab. Aberes ist beileibe kern Schweigen des Erschauern s. Keine Ergriffenheit und keine ehrfurchtsvolle Scheu. Vielmehr reizt es zum Lachen. So, wie wenn sich zwei Kinder ein paar Minuten lang todernst in die Augen blicken, um zu sehen, wer von beiden zuerst lachen wird. Wers am längsten aushält. Die Revolutionäre sind in diesem Punkte Biederlinge geworden, vor lauter Angst, es zu werden. Me gesagt ist ja alles nur — relativ. Selbst das Jugendbtedertum, selbst der Lachreiz. Selbst die Politik. Jawohl, ich kann mir nicht helfen, selbst die Politik. Wers am längsten aushält?! . . . IV. „Und dann überhaupt. Die Organisation ist schlaff. Machane Jisroel ist noch schlaffer, das Portemonnaie ist am schlaffsten". Und so weiter. Schlafs-Krankheit. Aber, in aller Wett, was hat denn das mit „jüdischer Politik zu tun, Mensch?! Du bist schlaff» D u trägst schuld. — Persönlichkeiten ran!' Machsorim und Tefrlaus. Ich wurde in der Synagoge alsbald als Fremder erkannt, und viele kamen zu mir, um mich zu begrüßen. Am niv war die gleiche Synagoge erheblich schlechter besucht, dagegen schienen mir die Beter besser gekleidet. Alsbald wurde ich mit verschiedenen Mizwoth beehrt. Die Hauzooh war nicht so einfach, denn die an und für sich sehr schwere Sefer-Thora befindet sich in einem großen runden Holzbehälter, und wird aus diesem nicht herausgenommen. Ich schätze das Gewicht der beiden Gegenstände an gut 50 Pfund. Da mir selbstverständlich auch der Weg, den ich damit zu machen hatte, nicht genau bekannt war, und ich die Landessprache? nur sehr mangelhaft behrersche, werde ich dabei gewiß einen kleinen Lapsus gemacht haben. Gleich nach dem „Aus- Heben" folgt die „Hagboho", die glücklicherweise einem anderen zugeteilt war, und ich wunderte mich, mit welcher Kraft und Gewandtheit er diese schwere Thorarolle in die Höhe hob. Beim Vorlesenbleibt die Sefer-Thora in der Holzumhüllüng. Sie wird aufrecht stehend abgelesen. Zu Minchoh besuchte ich eine andere Synagoge, die etwa acht Stufen tief liegt. Merkwürdigerweise befindet sich der Eingang zu dieser Synagoge in der Nähe des „Oraun Hakaudesch", und auf der entgegengesetzten Seite, die bei sonstigen Synagogen als Eingang dient, befindet sich eine kleine Steinerhöhung und eine Tafel. Auf dieser ist eingegraben, daß sich hier der Platz für die Kohanim befindet, und es wird von dort aus geduchenet. Diese Synagoge war so stark besucht, daß kaum ein Stehplatz zu erringen war, denn es fand dort eine Droschoh statt, der sehr aufmerksam zugehürt wurde. Der Redner sprach fließend, mit großem Feuer und manchmal wohl auch mit Humor. Leider konnte ich ihn nicht verstehen und erfuhr nur durch meinen Begleiter, daß er scharf gegen Ueppigkeit, Verschwendung und Putzsucht ins Feld zog. Außer Synagogen interessierten mich besonders die schon erwähnten Chedarim, deren eine erkleckliche Anzahl existieren. In einem kleinen dumpfen Raum sitzen wohl an 150 kleine Buben von 4—6 Jahren, und dreien zu gleicher Zeit versucht der Melamed unter heißem Bemühen das Aüef-Beth beizubringen. Cr läßt sich durch meine Anwesenheit keineswegs stören, hat aber auch nichts dagegen, daß ich dem mir ungewohnten Unterricht einige Zeit beiwohne. Die Lehrmittel sind primitiver Art. In anderen Chedarim lernten 8—10jährige Raschi und Mischnah, und in weiteren 12—14jährige Gemoroh, wobei mir aussiel, daß die benützten Talmudexemplare völlig zerfetzt waren. Außer diesen Chedarim hat bekanntlich die Alliance Jsraettte Universelle Schulen in Tunis, die sehr stark besucht sind. Mir ist erzählt worden, daß sich in diesen Schulen ein starker französischer Einfluß bemerkbar macht. Man wird daran erinnert, wenn man im Büro der Jüdischen Gemeinde die Porträts.von Führern der Alliance angebracht findet. Im Gemeindehaus befindet sich ein Krankenhaus und eine Apocheke. Die Wohltätigkeitsinstitutionen werden, wie ich mich überzeugen konnte, in großem Matzstabe in Anspruch genommen. Vielfach werden die Vorkommnisse innerhalb der Ge» meinde durch Maueranschläge in hebräischer Sprache bekannt gemacht. Manchmal sind diese Maueranschläge auch mit arabischem Text (dieser in hebräischen Typen) und zuweilen auch mit französischer Uebersetzung. Auf diesem Wege erfahren die Gemeindemitglieder Tod und Begräbnis, Predigten und Vorträge, Versammlungen V. Da geistert der unheilvolle § 4. Ein unsympathische« Gespenst. Diese leidige Agudakrankheit, gegen die keine Auslegungs-Medizin und keine Abs chwächungs-Cinspritzung auskommt. Nur Amputation. Also, der § 4 muß abgeschafft werden. Nix wie raus! , Sind wir erst «inmal den 8 4 -los, dann,, dann, dam» ...... ja, was ist dann??? j Nanu, dann sind wir ihn ebenlos, „Strömt herbei, Agudoscharen . . .!!" Gesetzt aber dem Fall, es würden sich auf diese liebliche Schalmei hm nur ein paar Mm» jaulende finden? ' - Dann sind wir „jauze". Selbstverständlich. Selbstverständlich. ,-Jauze" und—blamiert. — " Die Rolle des Kindermädchens hat anscheinend dem § 4 ganz gut zu Gesichte gestanden. Daß ja nur die kleinen Kinderchen keinen Sand ins Wasser werfen! — Die Erwachsenen brauchen aber kein Erziehungsfraulek» mehr, Madame, Sie sind überflüssig. Unsrer Idee wird niemand ein Wässerlein trüben, Odervielleicht doch? - Gesetzt den Fall, es würde infolge Abschaffung de» 8 4 eine allgemeine Völkerwanderung in die Aguda ein» setzen, Männlein. und Weiblein, deren Vergnügen nicht mehr darin bestände, mit Kieselsteinen Fische zu sagen, sondern die alle Anstrengungen machen würden, all da« Strenge, Unerbittliche, Titanische zu verweichlichen, all das Scharfe, Kantige, Heroische geschmeidig und brav zu machen. Gesetzt den Fall, man würde aus der Agudabewe» gung einen koscheren Schomre-Schabbos-Berein konstruieren? Oder, eine Agudas Jisroel (Hilfskasie) E. B.?? Blamiert hatten wir uns bestimmt. Aber „jauze"?? Hier ist eine Zwickmühle. Hier ist etwas nicht ganz glatt.