Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450564--75948-2533496- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 2× ep/1048155
OCR text
Sette 4. Nr. 17 Der Israeli! 24. April! 192» und Wahlen, Theater und Vergnügungen. Da sich das ganze Leben auf der Straße absptevt, sind diese Anschläge nützlicher als Inserate, wozu ebenfalls Gelegenheit geboten wäre, da einige jüdische Zeitungen existieren. Die von mir besuchte hebräische Druckerei ist gut eingerichtet und der Besitzer ist im Hebräischen gut beschlagen. Sie liegt in einer bervielen' kleinen Gassen, in welchen an Werktagen ein Lebensgefährliches Gedränge herrscht. Zu diesem Lebens und Treiben steht die absolute Sabbatruhe in einem ungeheuren! Kontrast. Alle Werkstätten, Verkaufsstellen und Bazare sind geschlossen, und wenn ja einmal zufällig ein Araber seinen Betrieb in der Judenstadt besitzt und am Sabbat geöffnet hat, jo hat er wenig Kunden und verschwindet unter den Passanten, die gemächlich durch die Gassen wandern. Eine besondere Merkwürdigkeit mancher Judenhänser sind Amulette in Form von Tierhörnerm die über dem ster). Wir haben diesen italienischen- Namen ins Französische übertragen". Er war erstaunt, daß ich diesen Namen eigentümlich fand. .Tunis hat etwa 80 000 Juden, von denen der größte Teil religiös ist und nav streng hält. Biele von ihnen sind sehr geschickte Handwerker-und besonders die in Tunis fabrizierten Metallgogenstände werdennach allen Weltteilen exporttert. Ich war erstaunt, bei einem Goldschmied in der Werkstätte wissenschaftlich-hebräische Werke zu finden. Cr sagte mir, daß sein Vater Oberrabbiner gewesen ist und daß er selbst in seiner Jugend viel „gelernt" habe. — Für jeden Beruf gibt esbesondere Straßen. In einer Gasse sind nur Schuster, in einer andern die Schneider, und der nächsten lauter Goldschmiede, Ziseleure und Metallarbeiter. AehnKch wie die Handwerker sind die Bazare der Kaufleute nach Branchen getrennt. Die schon genannte Sank el Gara stellt b-effpvelsdte Wände anschmiegen. — Dem Fremden fallen die vielen Augenkrank-en auf. Der „Scirocco", einheißer Südwind, bringt von der Wüste her viel seinen Staub und man muß sich dann öfters am Tage die Augenauswaschen und die Sandkörner entfernen. Andererseits soll das Klima eine gewisse Immunität gegen- Tuberkulose bewirken und ich hörte, daß mancher Europäer mit solcher Krankheit behaftet, diese, zum Stillstand, oft auch zur Heilung brachte. Es gibtvorzügliches Trinkwasser, -das aus einer schon von -Hadrian geschaffenen Wasserleitung vom Berge Zaghouam, zunächst für Karthago bestimmt, kommt. Das Volk ist sehr genügsam und empfindet die vieloerbreitete Armut nicht sehr drückend. Die Männer sind meist hochgewachsen und man sieht oft bildschöne jüdische Mädchen. Sie haben wunderbar leuchtende, schwarze, mandelförmige Augen, doch neigen sie oft schon mit 18 und 20 Jahren zu großer Körperfülle, die man dort bei Ms--. 1;^ O ' Die Äefchtrvah zu Msntreur (Billa Quistfana). Die Befchiwah zu Monireur. Eine Gruppe von Schülern mit ihren vier Dozenten und ihrem Leiter Herrn Botschko (unterste Reihe). Eingang des Hauses in Stein ausgemeißelt sind. In einigen Häusern finden sich solche Hörner im Original, zuweilen bronziert und auf beiden Seiten mit Löwen aus Metall verziert. In der Mitte sind drei Lichthüllen, die, wie man mir sagte, an den Jomim Tauwim mit brennenden Lichtern versehen werden. Es ist dies ein Brauch, den ich bisher in keinem anderen Lande kennen gelernt habe. Er ist übrigens -km Aussterben begriffen-, und die Emigranten, die später in Tunis eingewandert sind, wissen nichts davon, wie diese überhaupt -dem Judentum stark entfremdet sind. Einen solchen Emigranten, der den <bei Juden gewiß merkwürdigen Namen „Evangekffte" führt, fragte ich, wie er zu diesem unjüdischen Namen komme. Er gab mir folgende Erklärung: Wir sind -eine Kohanim-Familie und führten in Italien, wo meine Eltern wohnten, demzufolge den viel verbreiteten Namen „Saeerdote" (Prieweise den Bazar für Wirk- und Web warendar. In kleinen Läden, dicht nebeneinander, haben die Händler ihre Schätze zur Schau gestellt. Der Laden fft auf der Vorderseite ganz offen und wird nachts durch Bretter mit starken Schlössern gesichert. Die engen Gassenhaben zum Schutz gegen- Regen und Sonne eine Decke aus Brettern. Das durch die Fugen flutende Licht erzeugt ein eigenarttges Helldunkel in den Gaffen, wodurch der Eindruck des Fremdartigen, Märchenhaften noch verstärkt wird. Daß die Einwohner eine Vorliebe für wohlriechende Substanzen aller Art — Oele, Puvler usw. haben, merkt man am Bazar für diese Artikel. Wie schon gesagt, herrscht in diesen engen, schmalen Gassen an Werktagen ein Menschengetümmel wie auf einem Jahrmarkt. Muß einmal einer der im Lande üblichen zweiräderigen Karren durch eine der Gaffen, so hat er sine schwere Aufgabe, durchzukommen-. Die Passanten müssensich eng an vielen Jüdinnen antrifft. Es herrscht gutes Einvernehmen zwischen den verschiedenen NationalMten. Nahe dem arabischen öffentlichen- Schreiber, der für geringes Geld Hilfe in Rechtsfragen, Liebes- und Familienangelegenheiten leistet, haust der. Safer (Notar steht neben seinem Namen) und repariert r^sn und Q’iso Mitten in der Judenftadt ist ein echt arabisches Cafe, in dem man aus kleinen, niedlichen- Taffen vorzüglichen, echten Mokka schlürft. Dort sitzen, wie seit Jahrhunderten, Märchenerzähler und die mefften Gäste mit untergeschlagenen Beinen aus Strohmatten, die aus Steinsofas rings um den Raum angebracht sind. Immer und überall wird der Sinn und das Auge des Europäers in Anspruch genommen und stets hat er das Empfinden: eine andere Welt! Aber eine, um derenthalben es sich lohnt, das Me>er zu überqueren und die kennenzu lernen man all seinen guten Freunden wünschen -darf. VI. Beide haben recht. Aguda ist keine Partei. Aguda will der jüdischen Gesamtheit -das politische Gesicht geben. Die Organisation umfaßt alle diejenigen, die die Berpflichtung-skrast der Thora anerkennen. Auch -die Mis-r rachfften. Selbst die Gemeindeorthodoxen. Gewiß, sehr richtig. Aguda kennt keine Holzklassen-Juden. Entweder Thorajude oder Nicht. Ein drittes gibt es ni-cht. Die Berpflilchtungskrast der Thora hak jedoch noch eine andere manchmal recht unangenehme Seite: „Wer am Sabbat arbeitet, ist bodesschuldig!" „Wer trepha ißt, bekommt 39-" „Wer sich rasiert, dito!" .Habe -beileibe keil«: Gemeinschaft mit -einem Roschoh uff." — Auch dieser Teil der Thora heischt Anerkennung. Es -fft dies vielleicht das Schwerste für den heutigen Men-- fchen. Ein jüdischer Jdeenkreis ist jedoch nicht geschloffen, wenn er sich immer -nur für das „Liebe deinen- Nächsten", und das „du sollst dich nicht rächen" erei-serl. Auch die Todes- und Malkusstrafe atmen jüdische Ideologie, wenn sie -die Thora dikttert. Die Thora ist eben keine idealistische Romantik. Sondern L e b -e n s t o t a l i t ä t. Und unsre Führer (wohlgemerkt!) müssen für das letztere Verständnis haben können. Das will der § 4. Sollen wir also den § 4 heraus werfen oder nicht? -Hier klafft (hoffentlich nur) -ein vermeintlicher Widerspruch. Da stimmt etwas nicht genau-. Wäre es vielleicht besser, den § 4 zu belassen und dem vacuum mit etwas gutem Willen und besten Vorsätzen den Mund zu stopfen? - Preisfrage: Wer weiß es. (NB. Es ist nie gut, wenn man auf derlei Fragen schon immer eine Antwort in der Westentasche parat hält.) VII. Jüdische Politik ist immer „relative Politik". Rückbezüglich auf die Persönlichkeit, die Politi-k betreibt, die ihr ihre eigene Note verleiht. Der Paragraph jedoch und das Schema sind von der Persönlichkeit losgelöste sie sind für dte. jüdische Politik unbrauchbar. (Diesen Gemeinplatz kann man übrigens auch Mißverstehen.) „Kannous" fft nur -echt, wenn die Nabelschnur zwischen' ihm und dem „Kannvi" noch nicht gerissen fft. Sonst ist das „Kannous" nicht mehr Ausfluß der Persönlichkeit, sondern absolut. Und nicht mehr jüdisch. Nur die Adresse muh unpersönlich sein. Dte Frage lautet nicht: Fanatismus oder Duldung, Extremismus -oder Bruderliebe, sondern echt oder unecht, jüdisch oder unwahr. Kannous fft auchein „Din", aber kein kodifizierter. Es ist -eine „Hvlocho weeju m-aurin kejn". Unpersönliches Kannous fft „Din", aber kein kodifizierter. Es fft eine „Holoch-o w-eejn geschrieben, das mit dem Kannous. Der Mann hat recht. Dies ist eine b-eg-riMche Scheidung. Oder -eine seelische. Aber sie muß ausgedehnt werden- -auf die gesamte jüdische Politik. Nur P -e rs ö n li ch kei ten können sie betreiben-. Die Frage nach dem Alter spielt k-eine Rolle. Ob 18 oder 81. Dte P-e-rsön-lichk-eit ist das Entscheidende. Leuten, die an der Politik gedanklichen oder tätigen Anteil nehmen, muß man erst einmal gründlich -aus den Zahnfühlen, ob sie überhaupt Persönlichkeiten sind. Wenn nicht, dann müssen sie zwangsläufig den Klallgedanken mißverstehn. Für sie ist die Khhillalokalpolitik gerade wie geschaffen. Dort ist das Holz, aus dem man die Krakehler schnitzt. Also, schaut Euch vorher die PolM-er an. Sind sie große, opserungsfähig-e, begeisternde, edle Thorape-rsön- -lichkeiden, dann nehmt sie Euch zu -Führern. Werdet auch so wie sie, dann könnt ihr einmal jüdische Politiker abgeben. Bis dahin interessiert Euch; werbend und arbeitend. Der jüdische Mensch muß in die politische Front, damit die Politik menschlicher und jüdischer wird-. Relative Politik. Rückbezüglich aus denpolitischen Führer, auf seinen unbedingten Ernst, auf seine De ran twortlichkeitssphäoe und auf seine innere Glut. Auch auf das letztere. ■ Ne meprise pas le fana'isme! VIII. Warum schweigen die Revolutionäre? Sie, die doch auf dem besten Weg sind, Persönlichkeiten zu werden? Heißt individuell sein, daß jeder sich in seinen -eigenen Maulwurfshügel eingräbt? Dann wären die Maulwürfe — Jdealkveaturen. Die einzigen heute noch anzuerkennenden Autoritäten. Sie wären dann die Urahnen und Bo-rl-änfer der modernen Jn-d-ividuallsierun-g. — Großpapa Maulwurf! O du alter Darwin. Oder heißt doch Jndrvidualffierung noch etwas an- , deres. Nämlich, daß jed-er Einzelne eigenartige Persönlichkeit, Weltbürger, umfassend wird. Subjektives Ge- .neinschaf-tserleben führt jedoch gerades-wegs zur „relativen",, besser, jüdischen Politik. Der Gegensatz zur Masse ist die Organisation oer Einzelindividue n. Etwasanderes hat auch die Aguda nie sein wollen-. Etwas anderes hat sogar das Mische Polk -und der jüdische Staat nie sein sollen. Wo bleibt also die Antwort der modernen Revolutionäre? Oder sollten sie sich Watte in die Ohrengestopft haben? Dte zweite Kenessio ruft. Wird, sie Euch etwas zu sagen haben? Wenn- — ja, dann nehmt gefälligst erst einmal' die Watte aus den Ohren und die Einbildung aus dem Herzen. Schließlich ist ja alles nur relativ. Auch die Jugendbewegtheit. Auch das ist nur eine Bezeichnung, dte nicht unbedingt immer zu treffen muh. Wie überhaupt nichts— ganz zu trifft. Alles -ist irgendwie unzutreffend und wird irgendwie immer durchgestrichen werden. IX. „Relativum der Relativitäten — alles ist relativ". Also spricht Einstein der Weise, und bekommt einen Wald zum Geburtstag -geschenkt. Auch Letzteres ist nur relativ aufgufassen. Bis jetzt wird nur dafür gesammelt und Reklame gemacht.