Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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24. April 1929 Der Israelit Nr.. 17. Seite 3 Unsere Kinder verstehen uns nicht mehr, sagen und klagen wir. Vielleicht haben wir auch einmal unsere Väter nicht ganz verstanden. Daran allein ist schon die Zeitlichkeit und Flüchtigkeit der Dmge und Erscheinungen zu erkennen, die wir heute so bitter ernst und wichtig nehmen, als hinge alles Leben davon ab. Im Großen und im Ewigen kann es keine alte und keine neue Sachlichkeit geben. Auf dieser großen Linie treffen sich Alt und Jung, Väter und Söhne, — m Unzeitlichem und Ueberzeitlichem, in Ewigem und Göttlichem. Darum wird es so sein, daß, wenn der Prophet Elijahu, Moschiachs Schrittmacher, kommt, all diese trennenden Probleme wie Seifenblasen verfliegen.- Wann und wo das Letzte verkündet wird, da finden sich der Väter und der Söhne Kerzen von selbst. .cmiarr bir ö’ia abi D’ja by nm ab a’wn Vochenrundschau. Nach dem Auskriktskampf in Erez Iisroel. Wochen und Monate schwerer innerer Kämpfe liegen hinter der palästinensischen Judenhert, und man wird wohl in den uns nun grüßenden Tagen des Festes unsrer Befreiung sowohl in den KreisM' der Agudas Iisroel und des Waad hair aschkenasi wie. in denjenigen des Waad Leumi besinnliche Rückschau halten über die Lehren dieser aufregenden Periode. Erfreulich ist dabei jedenfalls die Tatsache, daß die zeitweise recht gespannten Beziehungen zwischen den im Waad hair aschkenasi organisierten und dem der „Adas Iisroel" nahestehenden Teil der Orthodoxie sich wesentlich gebessert haben und das Gefühl der Zusammengehörigkeit trotz untergeordneter Meinungsverschiedenheiten mehr und mehr ins Bewußtsein tritt. Vergeblich versucht der Waad leumi durch die merkwürdigsten Zahlenkunststücke die Bedeutung des von der Orthodoxie errungenen Sieges abzuschwächen. Die Herren scheuen sich nicht, zu diesem Zwecke Ziffern auszutischen,, deren offenkundige Unrichtigkeit jeder, der etwas von Bevölkerungsstatistik weiß, ohne weiteres erfaßt. Wenn man dem Waad leumi glauben darf, gehören der Kneses Israel 9 0 0 0 0 mündige Juden und Jüdinnen an. Rechnet man dazu Ke 26 000 Personen, die zum Teil ausgetreten, zum Teil vom Waad leumi als zweifelhaft betrachtet werden, sowie diejemge>n>, die in den Listen keiner der beiden Seiten stehen, welch letztere auf mindestens 5000 zu schätzen sind, so müßten in Erez' Iisroel 116 000 Mündige vorhanden fein bei einer gesamten Bevölkerung von 140 000 Seelen. Das ist natürlich unmöglich und beweist, wie falsch die Ziffern des Waad leumi find. Noch grotesker wird die Waad leumi-Statiftik in Bezug auf die Stadt Jerusalem. Dort müssen nach der Waad leumi-Rechr.ung ungefähr 90 000 jüdische Seelen herauskommen, während es im ganzen nur 40 000 sind. Wer sich für die Einzelheiten dieser statistischen Untersuchungen interessiert, kann sie in der Nummer 26 des „Kol Iisroel" Nachlesen. Das merkwürdigste Dokument jedoch, das man als geeigneten Abschluß der ganzen Austrittsbewegung für den künftigen Geschichtsschreiber festhalten sollte, ist die Erklärung d e s O b e r r a b b i n e r s Kuk gegenüber einer Delegation von Gesetzestreuen, die ihn aussuchte. Wir haben mehrere Wochen mit der Wiedergabe dieses Dokumentes gewartet, weil wir an seiner Authentizität zweifelten. Nachdem jedoch unseres Wissens bisher keinerlei Dementi erfolgt ist, muß man wohl mit der Tatsache rechnen, daß Oberrabbiner Kuk sich zu den Worten, die ihm in den Mund gelegt worden sind, bekennt. Die Erklärung lautet nach den Meldungen mehrerer Blätter wie folgt: „Die Austrittsbewegung ist in f o hohem Grade eine Notwendigkeit, daß wenn A g u d a s I i s r o e l f i e nicht organisierthätte, ich selb st es getan haben würde. Es muß ein bedeutenderTeilderOrthodoxie selbständig sein, um auf diese Weise zu verhindern, daß die „Freien" ihren Einfluß auf die herrlichen Institutionen des alten Jischuw geltend machen, die von unseren Vorfahren mit dem Blute und Schweiße der Orthodoxie aufgebaut worden sind. Es war notwendig, daß ein großer Teil der Orthodoxie aus der Kneses Israel austrat, damit der Waad leumi in Zukunft mit der organisierten Orthodoxie als einer bedeutenden Kraft rechnen und ihren Forderungen Nachkommen muh." Soweit der Bericht. Sollte Oberrabbiner Kuck diese Worte gesprochen haben, so wären sie aufs freudigste zu begrüßen. Zum ersten Male gibt sich in diesen Worten eines doch gänzlich auf dem nationalen Einheitsstandpunkt stehenden Mannes ein tiefes psychologisches Verständnis wenigstens für die praktische Bedeutung des sogenannten Aus- PUFF Nähmaschine n unübertroffen PCACC Nähtnaschinen-Haus I IHI I Martin Decker GmbH. Gr. Friedbergerstr. 18/20 trittsgedankens kund. Dächten die Misrachisten und ein größerer Teil der Gemeindeorthodoxie so, so würden nicht alle bisherigen Bestrebungen, friedlichere Beziehungen unter den verschiedenen gesetzestreuen Gruppierungen herbeizuführen so gründlich gescheitert sein, wie es angesichts des Mangels an Verständnisses jener Kreise für den Gedankengang der selbständigen Orthodoxie naturgemäß der Fall sein mußte. Gewiß ist der innerste Sinn des scheinbar negativen „Austritts"-Gedankens auch mit dem, was Rabbiner Kuck ausführt, keineswegs erschöpft, denn es handelt sich dabei ja nicht in erster Reihe um praktische Interessen, sondern um die notwendige Aufrechterhaltung des alten jüdischen Klall-Gedankens, der durch die Zwittergebilde neutralen Charakters gefährdet wird. Wir dürfen aber schon zufrieden fein, wenn das Verständnis für unsre Ideen in den Kreisen der Einheitspolitiker erst so weit fortgeschritten ist, wie es in den Aeußerurigen Rabbiner Kucks zum Ausdruck gelangt. Hannover. Wir haben in der vorletzten Nummer über die Aufsehen erregenden Vorgänge in der Synagogengemeinde Hannover berichtet, die zur Amtsniederlegung der gesamten Gemeindevertretung, zur Ausschreibung von Neuwahlen und zur Bildung dreier Parteien geführt haben: der religiös-liberalen, der demokratischen Volkspartei (zionistisch-Ästjüdisch) und der Einheitspartei. Diese drei Parteien haben ein gemeinsames Merkmal negativer Natur: keine von ihnen anerkennt den alten jüdischen Z i b b u r b e g r i f f, der das jüdische Gemeinwesen aus demokratischer, wenn auch keineswegs demagogischer Grundlage, dafür aber unter der ausschließlichen Herrschaft des Gottesgesetzes erbaute. Hinter der „religiös-liberalen" Partei verbergen sich einige vierzig reiche Leute, von denen man nicht weiß, ob ihre Abneigung gegen die Entrichtung angemessener Kultussteuern größer ist als ihr religiöses Bedürfnis Vielleicht kommen wir auch mit der folgenden Erklärung der Wahrheit nahe: Ms Gott am Schilfmeere das große Wunder vollbrachte, standen alle übrigen Völker verzagt im Banne dieses welterschütternden Ereignisses (2. 23. M., Rap. 15. V. 14—16). Nur Amalek besaß noch den Mut, sich gegen Israel zum Kampfe zu erheben. In der Gegenwehr, die von der göttlichen Hilfe gesegnet war, schwächte Iosuu Amalek und sein Volk „mit der Schärfe des Schwertes". Das ungeheuerliche Wagnis Amaleks bildete ein Nachspiel zu dem unbeugsamen Starrsinn der Aegypter und fand auf der Wahlstatt des Kampfes die gerechte Sühne. Die Thora selbst zählt das Ereignis noch zum Auszuge aus Aegypten, indem sie (5. V. M. 25, 16) das Gedenken der Begebenheit mit den Worten gebietet: „Gedenke dessen, was Dir Amalek getan, auf dem Wege, als Ihr. aus Aegypten zöget". In diesem Belege der Thora glauben wir eine Berechtigung für unsere Erklärung erblicken zu dürfen. Die Hagadah stellt in einem späteren Stücke ( '■oi ■H'bÄv ,dt> Ke Strafen in Aegypten und am Meere nebeneinander. Die Steigerung der Straftaten am Meere schildert sie für die menschliche Vorstellungsweise, indem sie im Hinblick aus den Schrifttert betont, daß in Aegypten Gottes Finger und am Meere Gottes H a ii d gewaltet habe. Spinnen wir den Gedanken der dort genannten Tanaim weiter, so erscheint als natürliche Fortsetzung desselben Gottes ausgestreckter Arm. In Mfzraim erhob sich warnend Gottes Finger, in vollem Strafmaß wirkte am Schilfmeer Gottes Hand, und als dann die Aegypter in den Fluten des Meeres ihr Grab gefunden, blieb noch Gottes Arm weithin ausge-- streckt, Um alle die zu treffen, die sich jetzt noch erkühnen sollten, 'Israel zu befehden. Das einzige Volk, das mit solch verwegenem Beginnen auf den Plan trat, war Amalek — und es fühlte den strafenden Arm Gottes in der Schärfe des Schwertes. W. Wolf, Köln. Uleines Feuilleton. Pessach bei den Juden in Grusien. In Grusien sieht die 50 000 Seelen umfassende jüdische Kolonie auf ein Alter von 2000 Jahren zurück. Mit Kkten und alten Grabsteinen können es die dortigen Juden beweisen. Ihre Urväter dürsten den zweiten Judenstaat nicht miterlebt haben. Kenntnis vom Talmud und „Schulchan Aruch" haben sie erst seit 120 Jahren, obwohl sie alle jüdischen Gesetze und Bräuche aus Grund »mer mündlichen Ueberlieserung immer schon streng einhielten. Ihre Sprache ist grusinisch, ein kleiner Teil be-, herrscht auch Hebräisch. Ihre religiösen Bräuche orientieren sich nach dem sefardischen Ritus, doch sind ihre Festgebete anders abgefaßt und geordnet als im Orient. An den Bann ^rs Rabbenu Gerschom gegen die Vielweiberei fühlen sie sich nicht gebunden. Dennoch ist dort die Bigamie oder gar Polygamie bei den Juden höchst selten. Sie beachten noch das Gesetz der Schwagers ehe nach Vorschrift der Thora, die sie der Chaliza vorziehen. Am Pessachabend pflegen sie folgenden Brauch: Nach Kidusch vor Beginn des Seder geht ein Kind hinaus. Dann kommt es und klopft einige Male von außen an die Türe: „Wer da?" fragt der Vater. „Ein Jude." „Woher kommt ein Jude?" „Aus Mizrajim." „So beweise rs denn, daß Du Jude bist." „Meine Kennzeichen find die Schaufäden und die Miloh/' „Seit wann bist Du auf dem Wege aus Mizrajim?" Das Kind hat eine eine genaue Berechnung der Jahre vorzulegen, die die Söhne Israels in Mizrajim weilten und wann sie auszogen. Darauf erst wird das Kind in die Stube gelassen. Es wird ein kleiner Tanz aufgeführt, wobei Wein außev der. Zahl der vier Becher getrunken wird. Dann erst setzt sich der Familienkreis vor kleinen Tischchen zum Seder. Am Purim stehen die jüdischen Häuser in Grusien offen für alle Welt, sodaß sich jeder nach Herzenslust an den reichgedeckten Tische nlaben kann. Ein anderes „Schlach- -.onaiis“ kennen sie nicht. Sie haben eigene Musikkapellen, 'bestehend aus Harmonika, Pfeife und Schlagbaum. Ihr Familienleben beruht auf der Autorität des Ahns, da die Kinder auch nach der Verheiratung im Elternhause bleiben. Heber die Hochzeitsgebräuche in Grusien sind bereits ganze Bücher geschrieben. Die sowjetrussische Macht hat mit den grusinischen Juden zu rechnen. Als 1923 Versuche gemacht wurden, auch dort Synagogen und Lehrhäuser zu beschlagnahmen, wurden sogar Frauen und Kinder .mobilisiert, die die heiligen Räume besetzten und erklärten, nicht lebend den Platz zu räumen. Im Städtchen O n i gab es eine regelrechte Straßenschlacht. Die rote Armee gab eine Salve ab und es kostete Opfer. Zuletzt gab doch die russische Macht den Kampf mit den grusinischen Juden auf. . Ihre wirtschaftliche Lage hat sich in letzter Zeit wesentlich verschlechtert.