Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1929)
- Date
- 1929-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. L7 Der Israelit und rast. Zeit ist Geld. Da plötzlich. Stop! Der Wagen hält still. Alle'Wagen rechts und links, vorn und hinten haltenfftill. Nichts regt sich. Was ist passiert? Ein Polioeman hebt die riesige Hand hoch und alles ruht für lange Minuten, bis er die Hand wieder fallen ließ. Warum tat er es? Zwei kleine Jungen > stehen mit ihren Büchern in der Hand und wollen über die Straße hinüber, wollen in die Schule. Der Mann des Gesetzes hilft ihnen hinüber, und da muß er mitten im flutenden Verkehr mit einer Handbewegung für Minuten dem ,>Sambatjon" Ruhe gebieten. Zwei Kinder gehen in die Schule, und Newyork hält still. Das war das Wunder von Amerika! Wir wissen nicht, ob das für Amerika wirklich so zutrifft. Fast wollte es auch uns scheinen, daß der „Amerikanismus", mit dem wir heute unsere strenge Sachlichkeit bezeichnen, ein Mißverständnis sei, daß gerade dort drüben das Leben mählich auf fester realistischer Grundlage eine neue Form der Geistigkeit zeitige. Deß sind Zeugen die guten Bücher, die von dort kommen, die amerikanische Schule, die große Philanthropie. Aber wie dem auch sei, für uns gilt diese Darstellung und soll ihre Geltung für alle Zeiten behalten. Wir hatten und haben den großen Wegweiser und Verkehrsregeler, der mit erhobener Hand zeigt, wo und wann der Strom stillzuhalten, der „Sambatjon" in uns zu ruhen hat. rrm tp. nwa D,‘r mwo. Sehen wir zur hocherhobenen Hand Mosis hinauf, dann ist all das, was uns Welt und Leben und Kultur zu bieten haben, gut und geheiligt. Unter diesem Diktat bekommt alles in und um uns seine Weihe. Siegt A m a - l e k in der Welt, dann ist das ganze Leben e i n Verkehrsunglück, die Menschheit kommt unter die Räder. — Unter diesen Voraussetzungen, unter der Regie des Mosesstabes, sei uns die Sachlichkeit des mechanischen Zeitalters willkommen. In Kunst und Literatur! Man sieht schon säst mit einem Lächeln des Mitleides und der Ueberlegenheit auf die großen Denker und Dichter des vorigen Jahrhunderts hinab. Dieses Idealisieren und Fabulieren, wie lebensfremd, wie problemlos! Das ist ein Fehlurteil, geboren aus Mangel a»n> Sinn und Pietät. Wohl wußten auch die Klassiker und Romantiker, daß im Leben neben dem Guten auch das Böse regiert und nicht alles rosenrot auf Erden sei. Aber sie zeigten die Welt und die Menschen, wie sie sie gern gesehen hätten. Die Guten, die ja schließlich vereinzelt da waren, wurden typisiert und an ihnen ward gezeigt: So s e i der Mensch! Die Heutigen schöpfen aus Schaum und Schlamm und sagen: So i st der Mensch! Der Unterschied zwischen der alten und der neuen Sachlichkeit in Kunst und Literatur besteht lediglich in diesem: „So sei die Welt!", „So ist die Welt! ..." Vollends falsch ist es, den Sportkult eine neue Sachlichkeit zu nennen; .er ist, wie die Schönheitskultur, eine uralte Sachlichkeit, an der die Griechen zugrunde gingen, und die seinerzeit die Makkabäer, gewiß gegen ihren Willen, mit dem Schwerte, das schlecht in ihre Priesterhände paßte, gegen die Hellenisten ins Feld rief. Rabbi Jochanan am Jardenstrom ruft dem Heldenschwimmer am andern Ufer hinüber: KirniK^iVnj Solche Kraft sollte der Thora dienen! Und der so Angerufene folgt dem Rufe und wird des Rabbi vornehmster Partner, R e s ch L a - tisch. Wie oft wären wir heute versucht, auf den Sport- und Spielplätzen unserer Jugend diefesnn'iirr^'sb'nr weniger in drohendem, als in flehendem und beschwörendem Tone zuzurusen! Werden sie uns folgen? Vielleicht! Vielleicht, wenn wir Ihnen sagen, daß auch die körperliche Ertüchtigung etwas Gutes, sogar Gottgebotenes sei, — wenn sie sich in mäßigem Rahmen hält; die Kultur des Körpers, wie die des Geistes nur als Basis und Stufenleiter zu Höherem und Besseren zu werten sei. ' Der Häckel-Fimmel, der lange Jahrzehnte die Köpfe unserer Jugend verwirrt hatte, ist überwunden, aber der neue Götzen, der sozusagen „den! Kopf unter den Fuß stellt", katm, noch schlimmere Folgen haben. Eine naturalistische Weltanschauung ist noch immer eine geistige Sache und kann auf falschen, dunklen Wegen zu Wahrheit und Licht führen. Wir haben es vielfach erlebt. Wo aber die Musen schweigen, die Lichter erloschen sind, und der Mensch, erdgebunden, seine Macht anbetet, oder an seiner Ohnmacht verzweifelt, da droht Untergang. Aber u n s hat die Neue Sachlichkeit im Sinne eines nur das Konkrete und Nächstliegende sehenden Materialismus noch Anderes und Heiliges genommen und dafür Vieles gebracht, das unsere Zukunft bedroht. Sie hat uns eine Statistik beschert, die mit ihren Geburts-Sterblichkeits-, Mischehen-, Tauf- und Selbstmordziffern ein wahres Menetekel für die deutsche Judenheit bedeutet. Sie, diese Art von Neuer Sachlichkeit, hat uns den Untergang der Landgemeinden mit ihren Reservoiren an jüdischer Kraft gebracht, sie hat uns den Sabbat in der Stadt genommen, sie Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkälfunot Rheuma hilft Bestandteile: Phenac . Phenyldimet1 ylp. II i Oft Acetylsai., Coff. Wl. l.fcU in allen Apotheken hat es verschuldet, daß unzählige jüdische Töchter mit den besten Qualitäten für die Ehe -verkümmern und verblühen, — weil jungen Leuten der Mut fehlt, ein Haus nach den Gesetzen der „Neuen Sachlichkeit" zu errichten. Nun kommt noch gar das entsetzliche Wort von der Kameradschaftsehe, die, wie das Einkindersystem, den. Segen des '1 n^m in einen Fluch umbiegt und den letzten Rest von Gemeinschaftsgefühl zerstört. Hier muß die Einkehr, die Tschubo, einsetzen, die Rückkehr zur Lebenseinfachheit der Väter, zur alten Sachlichkeit. . Wie soll die Hilfe kommen? Wir werden nicht alle Probleme auf einmal und aus dem Handgelenk lösen. Es genügt aber schon fürs Erste, zu wissen, daß solche schwere Fragen ungelöst unserer harren, von denen unser Sein und Nichtsein abhängt, daß wir daran gehen müssen, einen Weg zur Lösung zu finden. Pesach kommt, und etwas vom weichen Klange aus den alten jüdischen Gassen möge in die harte neue Melodie der neuen Sachlichkeit hineintönen. Mit dem Sabbat hat, nach Feststellung der Weisen, die nVuu begonnen. Ohne Sabbat keinen Auszug, keine innere und äußere Erlösung. Es muß auch heute einen Weg zum Sabbat "geben, wenn Jung und Alt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer ihn ernstlich suchen, um ihn kämpfen, wie man um das Licht seines Lebens kämpft. Dem jüdischen Volke sagen: Lebe ohne Sabbat, wäre so viel, als sagte man einem: „Stelle das Atmen: em und kannst dennoch leben." Jünglinge m ihrem düsterem Pessimismus mögen in den Tagen des Festes an den ersten Ausgangspunkt der Erlösung denken. Der Prozeß be? ginnt damit, daß 'i!? r>2 ux np'i jpaa Mit dieser Episode wird die Geschichte von der Golusnot unterbrochen. Hier Not, dort Not, dazwischen geht ein jüdischer Mann und ehelicht ein jüdisches Weib und errichtet ein jüdisches Haus. Welcher Mut, ja, welcher Wahnsinn, in einer Zeit, da man die Männer zur Frohn treibt, die Häuser ihrer Weihe beraubt, die neugeborenen Knäblein in den Fluß wirft, in einer solchen Zeit zu heiraten und ein Haus zu errichten! Aus dieser kühnen jüdischen Tat entsteht aber die Erlösung für Volk und Völker. Denken wir in beschaulicher Feststunde darüber nach. Sagen wir auch unseren Jüngsten, daß das Pefachfest wie alle Feste, sogar das Chanukafest, Sieg des G e i st e s gegen die Faust bedeutet. Kein Fest feiern wir Bar Ko,chb a, der für f e i n e Zeit Retter und Helfer war. Vom Wunder der Makkabäer, zeugen Lichter, ewige Symbole göttlicher Wahrheit. Ueber all dieses wollen wir in den Festtagen reiflich Nachdenken. ' , Helen -a'axn 2N - urnnn pr Von Rabbiner Dr. M. Lrwin in Hamburg. Frühling und Freiheit! Ob es der gleiche Anklang der Worte, der sie beide zueinandersührt? Öder ob sie ähnliche Bilder uns vor die Seele zaroern und darum gleichzeitig über die Schwelle unseres Bew ch ftins treten? Ob beide Begriffe sich wechselseitig erk'ärerd einander besser veranschaulichen? . . . Der Früh.ing, das Wiedererwachen der Natur — kann es dafür ein besseres Bild geben, als das Freiwerden der Natur von den Fesseln und Banden,, die des Winters eisige Stürme um sie gelegt? Und veranschaulicht nicht der junge Lenz in seinem Glanze die schöpferischen Kräfte, die sich in dem Menschen in der Freiheit regen? Lösen sie nicht beide, Frühling und Freiheit, gleiche Gefühle der Freude, des Sich.üh'.ens und des seines Eigenwertes sich Bewußtwerdens als Mensch — als Ge- Möpf Gottes aus? . . . Hier vollends ist die Brücke zum vollen Verstehen, zur rechten Wü digung unseres noa. Den Frühling preisen alle Menschen. Keiner ist so stumpf und so teilnahmslos, daß er nichtmitjubeln sollte, wenn er draußen in dem hundertfältigen Glänzen und Strahlen, das er da gewahrt, sich selbst wie neu geboren fühlt. Und alle, die einmal «bgestreift der Knechtschaft Bande, wissen zu würdigen das köstliche Geschenk der Freiheit und besingen diese in den mannigfältigsten Weisen und Melodien. Israel feiert nun alljährlich im noa g l e i chzeitig das Fest des Frühlings und der Freiheit 3'orrn rn wmn i»r Die min fordert gebieterisch, daß wir das Fest unserer Befreiung feiern, wenn die Natur draußen sich selbst in ihr Feiergewand hüllt und den Menschen zum Feiern aufruft. yp*>K 't nog n’Pjn a'atin »in ni»v Beobachte den Monat des Frühlings "ni kh’» -nnip onpn) (3’2kV - achte daraus, uaß er wirklich das ist, was er sein soll, — die Zeit des Blühens — und feiern noa dem Ewigen — nt"i> ea’-ix»» ypim 'i itpxin a'asn «nna ->3 — denn im Monat der Aehrenreife hat dich Gott, Dein Gott herausgeführt aus Aegypten in der Nacht. . . Und dieses nun -Gebot ist grundlegend, bestimmend für unseren jüdischen Kalender ,sür unser ganzes Festjahr. Wir schalten einen Monat zum Ausgleich ein, um unser Freiheitsfest wirklich auch als eine Frühlingsfeier begehen zu können, dadurch wird uns noa alljährlich zu einem persönlichen Erlebnis. Wir feiern und preisen Gott, der auch uns erlöst und befreit hat von den Ge> fahren und Kümmernissen des Winters, wir sehen förmlich mit unseren eigenen Augen, n->nv»n p' daß Seine Güte nichtkommen ließ den Verderber in unsere Häuser. So wird uns der na unsere Familienfeier, zu einem Dankseste, an dem es wie oon selbst über unsere Lippe kommt: dp» «»sw 13/iiK «jK auch uns hat er herausgeführt und befreit. Da gewinnen wir auch das rechte Verständnis für die große Wohltat, mit der der himmlische Vater als Erlöser Israelsuns in die Geschichte eingesührt hat. In den Banden der ägyptischen Sklaverei schien Israel dem ewigen Winter preisgegeben, — da schlug ihm, so wie es der Herr bereits den Vätern verheißen, n^'i>3 mitten in der Nacht die Stunde der Erlösung, — und das neue Morgenrot des 15. Nissan grüßte die Befreiten als Kinder des für Gott freigewordenen Volkes. Das fühlen wir in seiner vollen Bedeutung und begreifen wir als Grundlage unseres ganzen religiösen Lebens, als Zielrichtung unseres Seins und Bleibens und Wirkens in der Geschichte, wenn der Lenz draußen den Frühling uns ins Herz gießt. Wir schreiten so fort von unserem Hause und unserer Familie zu unserem Volkstum und preisen den imir den ewigen Erlöser Israels. noa dieses Doppeltest, das uns als 2'2nn an und pT ■nnnn in gleicher Weife die ewige, nie versiegende Liebe des Ewigen veranschaulicht und mit dem frohen Genießen des Jetzt die freudige Erinnerung an das Einst verknüpft, weckt in uns auch die Hoffnung, daß wir es nicht nur mit den Lippen sprechen: pun '33 man ,tvb na? norm Dieses Jahr wohl noch Knechte — das künftige Jahr freie Leute! Hier ist es der jüdische Optimismus, der uns das Wort leiht. Auf den Winter folgt immer ein neuer Lenz. Das hat Israel auch mannigfach in seiner Geschichte erlebt, — warum sollte nicht für ewig uns und nicht nur uns ein ewiger Lenz anbrechen? Der noa- Glaube verbürgt die noa - Hoffnung. Des mögen wir ftoh sein und so auch unsere Verpflichtung anerkennen: amrasn nixnn xbx nixon /rx mx»n m Das Gebot der nix» bleibe uns als n 'i>iro zu bewähren, bis sich an uns erfüllt pw» fv'331 iVtai to'33 Im JD'J ijt Israel einst erlöst worden, — im Nissan schlägt ihm auch die Stunde der ewigen Erlösung. Gokkes Arm in der Hagadah. „Und mit ausgestrecktem Arme" — Das ist das Schwert. — In der Thora finden wir nirgends, daß sich Gottes Schwert gegen die Aegypter gerichtet habe. Einer lleberlieferung zufolge ermordeten die Erstgeborenen ihre Väter, als sie vernahmen, daß sie sämtlich ums Leben kommen würden, »"ov-i bezieht nun ~a-inn irauf das Schwert in der Hand der Erstgeborenen und betrachtet es somit als eine mittelbare Wirkung der göttlichen Wallung.