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Der Israelit · 1929-04-24 · Heft 17 (24.4.1929) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 17 (24.4.1929)
Date
1929-04-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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24. April 1929 Frankfurt o. 2TI., den u. N,ßan 5689 Nr. 17 Degründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Januar 1994: Deutschland 1 Towmarl monatlich: Ausland: Bierteliahrpretse (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich «osten, des Stretfband-Ber, landes) DeutschkLsterrelch: Schilling; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1. Juli Frankreich 88 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 8« Holland 8 fl.; Ztalten ab 1.i 88.18 Lire;,Jugoslawien 86 Din.; Litauen 7.50 Lit.; Rumänien ab 1. 7. 87. 150 Lei; Polen 4 deutsche Toldmarl zum Tageskurs oder 7 Zloty. Schweiz 8 Fr. Tschecho-Slowakei 85 Kronen; Ungar« Pengo 5 ab 1. Juli 1837: Dänemark 8.80 Krön.; Norwegen 8.80 Krön.; Schweden 8.50 ftton. Einzelnummer dreißig Eoldvfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50 Goldpf. für die stebeugefpalten» Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bet Stellengesuchen und Familienanzeige» nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklame»eile r letzte Textsette L — Mt., vorletzte Textseite 8.50 An.; Thtffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufende« Jnseratauftriige« tarism, Preiserhöhung jedem. Vorbehalt. Ins ersten an nähme durch de« Verlag des Israelit ®. m. b. H., Franvurt a. M., Rechnetgrabenstratze 7, Tel. Hansa 58S gm. durch sämtl. Annoncen-Deped. des In- und Auslands. Alleinige Jnkeratenanu. für Franks, eschäftsanz.: Jul. Schmidt» Langestr. 7, ll, Tel. Hansa 4841. Platzvorlchr. ohne Berbindlichk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 18803. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 78805. — Poftsparkafsenamt Budapest Nr. 18434. — Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII 7854 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 94889 — Böhmische Ünionbank in Prag — L-men Mannarosch Blank & Co. in Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand kür alle aus Abonnements oder aus Inseraten stch ergebende« Zablungsvervstichtungen ist Frankfurt a. 8R. Eine 9 fettige Mmmer erscheint Freitag, den 3. Atai, abends. Sachlichkeit. R a chd e n k l i ches zum Pess achfe st e. Von allen Schlagworten unserer Zeit scheint uns keines so gefährlich/ wie das von der neuen Sachlichk eit, unter deM man mehr ab - lehnt als Positives versteht. Was aus alten Zeiten zu uns herüberklingt üttd sich von der Erde zur Höhe erhebt, wird als unsachlich abgetan. Die „Neue Zeit" ruft all denen, die in die Hohe träumen und treiben, „Zur Sache!" zu und zwingt sie, über, die Ewigkeit zur T a g'e s ordnung überzugshen. Sachlich ist: Mit festen Füßen mitten im Leben stehen, klar sehen und den Augenblick nutzen, arbeiten vnd verdienen, das tun, was praktisch und ratsam erscheint, und im Uebrigen alles Idealisieren und Moralisieren den Dichtern, und Philosophen überlassen. ,Mer nicht denkt, dem ists geschenkt!" Waren unsere Alten darum « w e n i g e r s a ch l i ch, daß sie das Leben von einer höberqtt idealeren« Mette anpackten? Freunde und Feinde erkennenden WtfaHensinn Hinter dem blauen Nebel 4m Ghetto Und deuten ihn, je nach Gesinnung, zum Guten oder Schlechten. Cs gibt - eben eine Sachlichkeit, dre ü be-r der Sache steht, Las Wesen, die' Seele/ der. Sache erfaßt und sich, wenn die alte Sache ' langst zerfallenist, chre : neue Form,, i h r e Sache:schafft. Von dieser Art war' die a l t e Sachlichkeit. b>i» ]*>s riasi intba 1N8 rrbrr—Als die Gottesleugner. mit ihrer. „neuen . Sachlichkeit" kamen und sprachen: Es gilt nur das, was ist .und. durch das« offene Tor der Sinne>.eingeh.t, 'isn p*?vtn pi’iö)!! w irpha öfcwi-, yiar es' nötig, mit der Doppelform des Segensspruches zu demonstrieren, daß sich ü b e r unserer Welt des Seins und der Sinne noch eine ändere, höhere befindet. Unsere ganze Religion, unser Kult r und unser Ritus, unsere Geschichtet-alles ist „unsachlich". Es ist unsachlich, im Winter „um Wind und Regen" zu beten« und just im Frühling, da wir den Regen brauchen, damit äufzuhören. . Es mutet.wenig fachlich an, iiä'Va „Zurück!" zu rufen ist einer Zeit, da alles vorwärts strebt. Es istwenig sachlich, zweitausend. Jahre -nach Zerstörung von Tempel und War. sich in Gottes-/Md Lehrhaus in die Lehre der Opfern zu vertiefen. Ja, unser ganzer Gottesbegrtff ist unsachlich, so unsachlich, daß ania ia»rr' "n die Völker spöttisch fragten: „Wo ist denn ihr Gott? Man sieht ihn nicht." Und sie wußten nicht, daß v'vwa unser Gott unsichtbar im Himmel thront, aber die Ausstrahlungen seiner Macht in Taten und Wundern, im Einzelschicksal wie im großen Weltgeschehen, allen sichtbar sind, Gegensätze zu ami bn'2L^ zu ihren Götzenbildern, die konkret, greifbar nahe dem Menschen sind, ohne daß man ihre Taten wahrnimmt. ^121 onb ns. Es war „höchst unsachlich" von Rabbi Jochanan ben Sakkai, vom römischen Feldherrn in entscheidender Stunde sich ein altes Lehrhaüs und ein paar alte Schriften auszubitten, indes Tempel und Staat auf dem Spiele standen. Aber die Unsachlichkeit des Rabbi hat Rom so überwunden, wie die Unsachlichkeit der Talmudlehrer, eine's Maharil, eines Rems unid Schelo die steizrerne Sachlichkeit der Ritterburgen überwunden« hat./ / - - . .. Wir wollen gewiß nicht gegen die Mene Sachlichkett" 'als philosophisches System polemisieren«. Sie hat, im Denken, auch im Leben, in der' neuen jSchulmechode, im 'neuen einfachen Baustile? viel Schönes/uHd' '.WeiHvöffes' gebrächt.. Wir Nteinenijdie/^ R e u e S a ch l i chFe i t" als billiges; Schly'gchort der Zeit,, den Gaffe. Als/Pä- We,; ßis. Bremse; im geistigen Lebm ist die „Neue Sachlichkeit" eine schwere Gefahr und inuß abgelehnt und bekämpft werden 7 v ■ r . Was^ verstehndie mehr moderne, denn geistig interessierte Welt unter der ,/Neuen Sachlichkeit"? ÄM Leben ist es die Technik/ dfe mechanischen Erfindungen, die Zeit und Räum' überwinden. In. Kunst und Literatur sind es Piscätor, Brückner, Lämpel und die anderen Propheten der neuen Richtung, die die Kunst ihrer Stellung als. Wegweiserin zur Höhe entheben -und. sie zum Spiegel, sägen wir, zum- Zerrspiegel einer kranken Zeit herabwürdigen .In der Bolkserziehung aber, führen alle Wege derReuen Sachlichkeit" zum Sport- und Spielplatz. . .. Die mechanischen Erfindungen! Ein Nichtjude und ein ganz Moderner, Knut Harnfün, schrieb es vor - einigen Wochen -in verschiedenen großen Journalen: .Man zeige ihm nur Listen,, dem bei der Hast und Unrast der Zeit die neuen Erfindungen das Leben erleichtert hätten.; Er schildert, wie eine FlugzeügexpeditilW ünverrnit-- telt in der Wüste.- mit ihrer Maschine zu Bohen gehen müßte und sich die Wilden um dieses.große Wunder, der : Technik sayMelten. Glaubten die Kulturbringer Europas, die wilden Burschen mit ihrem Phänomen auf die Kniee in stummer Anbetung zu zwingen, so -erlebten sie doch zu ihrem Befremden einemi recht kühlen Empfang. Die Kinder der Wüste standen skeptisch da und fragtenob der Nutzen -eine solche Summe von Kraft lohne. Wir erinnern uns, einmal etwas Aehnliches in einer chassidischen Üeberlieferung gelesen zu haben. Begeistert kamendie Chassidim zum Rabbi und erzählten«, daß sie mit der ersten Eisenbahn gefahren seien und in einem Tage eine Strecke zurückgelegt hätten, für die sie sonst Wochen brauchten. Der Freudenjubel des Rabbi blieb aus. Er fragte nur kurz: „Warum die Eile?" . . . 1 —; Wir glauben sogar, daß Hamsun mit diesem Urteil der Kultur nicht ganz gerecht wird. Er denkt-in diesem Zusammenhänge nicht an das- Serum, das tausende Menschenleben täglich rettet, nicht an die Funkentelegraphie, die es ermöglicht, daß auf ein Signal: „Schiff in Not!" . Ünverzüglich die Retter von allen Seiten herbeieilen. Es ist aber leider so, daß die Erfindungen ynd technischen Errungenschaften noch nicht alle ynd insgesamt in den Dienst der Menschlichkeit gestellt sind. Es wirb noch Gift g a s produziert, und man hat noch.Luftschiffgeschwader, die sich im Bombenwerfen üben. Wir besähen die Kultur und begrüßen all ihre Errungenschaften, wo sie nicht Selbstzweck sind, wo sie dem höchsten Zwecke, für. den Gott all die Kräfte geschaffen und den Menschengeist auf die Suche nach oben schickt, dienen. . . '.; i; / /: Irgendwo läsen wir vor Kurzem über das W und e r v o n A m e r i k a. Ein geistvoller, weltgewandter? Schriftsteller erzählt von feinen Erlebnissen bei der Landung in der neuen Welt und wie er da ausging, das vielgepriesene Wunder von Amerika zu suchen. Er sah die Friedenssiandarte, sie war groß und rageind, aber nicht einzig dastehend in der Welt. Er sah zu den Wo.!-., kenkratzern hinauf, Wunder der Bautechnik, mber Nüchtern und nicht über den Bereich des Men-: schenmöglichen hinaüsgehend. Er stand mitten im sausenden- und brausenden Verkehr in den Straßen Rewyorks, ließ sich von der Flut treiben und tragen, aber das W u n d e r war damit noch nicht gegeben. Er ging an Bankhäusern vorbei, die draußen Milliardenschecks ausgestellt qtten. Das war viel für einen Europäer, aber ., die/vielen Nullen ergaben noch lange -nicht das Wunder. Da fuhr er eines Tages im Auto durch dw rasende Stads. Das Leben flutet, alles rennt

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