Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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18. April 1929 Der Israelit Nr. 1. Seite 3 Der Gesetzesrolle im Arm wird auch uns der Glanz der göttlichen Majestät erstrahlen. Meine Damen und Herren! Es gehört zu der Tradition unseres Vereins, daß sich in seinen Reihen alle zusammenfinden, sowohl die auf dem Boden der Gesetzestreue stehen wie auch diejenigen, die im praktischen Leben in diesem oder jenem Punkte davon abirren, die .aber mit ganzem Herzen und offener Hand unfern Willen unterstützen, den alten Glanz der Thora wieder herzustelleu. — „Lau Bekauach Wlau Bechajil Ki im Bruchs nicht durch Macht und nicht mit Sturmesungestüm, sondern durch den Geist wollen wir siegen. Soll aber dieses Werk an der Jugend gelingen, dann müssen auch das Haus, die Eltern ihr Bestes dazu geben, ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Darum rufen wir ihnen zu: „Helfen Sie alle mit zum Bau des Mischkon, tragen Sie alle, Mann und Frau, kostbare Steine zum Schmuck der Wohnung herbei. Zu dem ideellen Streben gehören materielle Mittel, die es uns ermöglichen, die notwendigen Lehrkräfte anzustelaufiällige und geeignete Treffgelegenheiten, um liebebedürftige Herzen einander näher zu bringen . Tatsächlich stirbt die jüdische Landbevölkerung, infolge der Trägheit und Ungeschicklichkeit der Eltern, für ihre Töchter zu sorgen, aus. Man muß ihnen die helfende Hand reichen, um einen wertvollen jüdischen Stamm auf der Scholle zu erhalten. Leider stoßen sich hart im Raume die Sachen. Der ideelle Sieg ist an materielle Kampfmittel gebunden. Und die Kasse des Vereins kommt bei dem Tempo des Gedankenfluges nicht mit. Das bedauerte niemand mehr, als der Rendant des Vereins, Herr Grünsfeld-Köln. Die Kasse balan ciert mit Mk. 10.484. Für das kommende Jahr bleiben ihm ein Defizit von über Mk. 2000. aufzubringen. Kein Wunder, wenn er einen herz lichen Aufruf an alle Mitglieder und Freunde richtet, zur Deckung des Ausfalls durch reichliche Spenden die Hand zu bieten. Cr unterstreicht seine Worte durch Bezugnahme auf den Appell, den Mosche an das Volk der Wüste richtete, indem das seit Jahrzehnten populär geworden ist und len, die besonders in den kleinen Gemeinden so er mit den Worten schloß: bitter nötig sind. Bilden Sie, wo es möglich ist, Meine Damen und Herren! Vom „Aufrufe" Bezirkslehrerstellen, wodurch die einzelnen leiunseres Lehrers Moses an das Volk zur Errichstungsschwachen Gemeinden geldlich entlastet sind, ^rmg des Heiligtums, lasen wir in der gestrigen Wir bitten Sie, sich an uns zu wenden und wer- Sidro. Kaum hatte das Volk diesen „Aufruf" den wir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Treten Sie vor allem, soweit dies noch nicht der Fall ist, unserem Verein als Mitglied bei. - Meine Damen und Herren! Zwei liebe und wertvolle Gäste haben wir am gestrigen Sabbat begrüßt, die mit ihrem Erscheinen Licht und Freude in unseren Reihen verbreiten. Parsches Schekolim und' Rausch C h a u d e s ch A d o r. Wenn Schekolim nach den Worten unseres großen Meisters S. R. Hirsch das Gesamtgefühl in uns wachruft und uns mahnt, daß wir alle einer großen heiligen Gottesstiftung angehören, daß wir alle an einem großen Gotteswerke zu arbeiten haben, daß ein jeder von uns nach seinen Kräften für dieses Gesamtwerk zu leisten hat, so ruft uns der Monat Ador zu: „Misch enichnas Ador marbim besimcho, erfüllt uns sein Kommen mit Freude und Jubel. Er zeigt uns die Kraft und die Bedeutung der jüdischen Minoritäten, sagt uns, daß wir niemanden zu fürchten brauchen, wenn wir nur auf Gott vertrauen. Al tiro M i pachad p isaum umischauas reschoim ki szowau UzuEizo wsufor dabru dowor wlaujoku m k iitnonu ke l. „Fürchte Dich nicht vor plötzlicher Gefahr und vor dem Sturm der Bösen. Mögen sie auch noch vernommen, da waren schon alle in geschäftiger Bewegung. Es kamen die Männer nebst den Frauen, alle, vom Herzen getrieben, brachten Gold Nebst sonstigen freiwilligen' Spenden. Zum „Egel" hatten die Frauen ihre Geschmeide verweigert; aber hier, wo es galt, ein Gottesheiligtum zu errichten, hier waren die Frauen die ersten und die Männer erschienen von den Frauen geleitet. An Sie, meine Damen, möchte ich daher heute in erster Linie die dringende Bitte richten, gehen Sie, trotz der Schwere der Zeit, ebenso wie unsere Mütter in der Wüste, Ihren Männern mit dem Beispiel voran und veranlassen Sie Ihre Männer, zum Aufbau unseres Heiligtums, uns reichliche Spenden zukommen zu lassen, damit auch wir ausrusen können: „Zuviel ist gebracht worden;' mehr als genug" Herr Albert Meyer bedauert, daß das Vereinsorgan nicht mehr regelmäßig erscheint und zeigt durch persönliches Beispiel den: Weg, wie es wieder zu neuem Leben erweckt werden kann. Diesem Beispiel folgt noch ein anderer Freund des rheinischen Judentums. Die Revisoren, Herr Meno Auerbach und Herr Carl Vier beantragen Entlastung, die erteilt wird. Sodann berichtet Herr Rabbiner Dr. Weyl- Düsseldorf über seine dortige-Tätigkeit und schilso viel Schlechtes gegen dich im Schilde führen, chert, wie allmählich dort eine Kehillo entsteht mit es wird nicht erfüllt werden, denn Gott ist mit uns." Dieses Vertrauen auf die göttliche Vorsehung, das unfern Vätern in ihrer Leidensgeschichte, im harten Kampf um ihr Dasein Stab und Stütze, Hoffnung und Beseligung gewesen, es soll auch uns auf unserm Lebenswege begleiten. Der herrlich strahlende Sonnenschein, der unsere Tagung verschönt und aus dem harten Boden in Flur und Wald die schlummernden Kräfte löst, bald junge Knospen, Blüten und Früchte hervorzaubert, er möge ein gutes Symbol für das Wirken und die Erfolge unseres Vereins fein. In diesem Sinne ruf ich Ihnen Allen zu: „Lajhudim Hojso Auro Wsimcho W s o s s a u n W i k o r ". Herr Generalkonsul Dr. Jsi Kahn-Jaffa-Berlin hoffte in feinen ebenso schwungvollen als herzlichen Worten die Aussicht auf eine Sabbataktion großen- Stiles eröffnen zu können. Herr Dr. Rothschild-Dinslaken gibt im Namen des Vorstandes seiner Freude darüber Ausdruck, daß der jüdischen Sache in der großen jüdischen Gesamtheit doch noch Helfer entstehen, so daß wir an dem Erfolg der Arbeit nicht zu verzweifeln brauchen. Er regt an, auch innerhalb unseres Vereins eine Heiratszentrale in ungezwungener Form zu errichten, um die Eheschließungen durch Vermittlung von Bekanntschaften zu fördern. Die Familien- und Bezirkstage unseres Vereins bilden sicherlich unallen Bedürfnissen des jüdischen Lebens. Er bedauert, daß ihm es noch nicht zu erreichen möglich war, eine weitere Lehrkraft anzustellen, die dringend erforderlich ist. Die Lasten sind für die wenigen Schultern, die sie tragen müssen', zu schwer. Immer wieder macht sich der pensionslose Ruhestand der Freien Vereinigung geltend, die nirgendwo mehr einspringen kann da, wo es fehlt. Das orthodoxe Judentum in Deutschland gleicht einem hilflosen Waisenknaben'. Für Utopien, für Dach- und Weltverbände geht das Geld hinaus. Und unter dem Dach stürzen die Einzelhäuser ein, weil ihr Fundament schwach und morsch geworden ist. Die Bauleute mühen sich nicht darum. Schadhaftes wird nicht ausgebessert, Faules nicht ersetzt, geschweige denn Neues geschaffen, und immer tiefer sinkt die Achtung vor der Orthodoxie in Deutschland. Sie ist gezwungen, im anderen Lager Anleihen zu machen, gezwungen durch die, die einst ihre Führer waren und es noch sein könnten, und die ihr hinterher Prinzipienlosigkeit vorwerfen, wenn sie mit dem Seitenblick zum Gelde auch ihr Herz dort verliert. Die Leiden der Gegenwart beklagte dann nochmals in seiner Ansprache der Rabbiner des Vereins, Herr Dr. Wolf. Meine Damen und Herren! Die Zielsetzung unserer heutigen Tagung will ich nicht verschieben. Sie gilt einem aktuellen wissenschaftlichen Thema, meist keine wohlwollende neutrale Behandlung findet. Ich freue mich daher, auch meinerseits Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach in unserer Mitte begrüßen zu dürfen, der mit kundiger Hand den Weg zur Klarheit und Wahrheit weisen kann, den besonders die akademische Jugend im Nebel der Irrlehren, die aus falschen Voraussetzungen und falschen Schlüssen beruhen, nicht immer sieht, zumal wenn ihr der Fonds des Wissens aus den jüdischen Quellenschriften fehlt, der allein ein eigenes gesundes Urteil ermöglicht. Der akademischen Jugend unserer Provinz rufe ich wiederholt zu: kommt Söhne, höret mir zu, Gottesfurcht möchte ich euch lehren. (Ps. 34, 12.) Ihr seid als Jünger der Wissenschaft stolz auf voraussetzungslose Forschung. Wohlan denn, wenn Ihr Wahrheit wollet, so höret b e i d e Seiten und folget der Mahnung des Spruchdichters: Höre mein Sohn, die Belehrung deines geistigen Vaters und verlasse nicht die Lehre deiner nationalen Mutter. (Spr. Sal. I 8.) Indes auch über den Kreis der sich für das Leben vorbereitenden Jugend hinaus wollen unsere alljährlichen Zusammenkünfte dem Vorbild entsprechen, das der Anfang des gestrigen Wochenabschnittes mit dem Bericht darüber gibt, daß Moscheh die ganze Gemeinde der Söhne Israels versammelte rnz?» und zu ihnen sprach: Das sind die Worte, deren Ausführung Gott befohlen hat. (II. 35, 1.) Eine Ruhepause im Wirtschaftsleben wollen wir einen Augenblick eintreten lassen, einen Augenblick der Ablenkung vom innern und äußern Lebenskampf, um den Gedanken Raum zu geben, die unser Wesen formen, unser Handeln lenken sollen unddie uns den tiefern Sinn unseres jüdischen und menschlichen Seins und Sollens deuten können. In den Arbeitstagen des Lebens schauen wir täglich, wie sich das Volk, wie sich die Völker zusammenrotten, weil es ihnen unglaublich erscheint, weil sie in Kleinmut die Hoffnung aufgegeben haben, ja, den Wunsch von sich weisen, daß der Moses jemals wieder mit einem für diese Welt berechneten Gesetz von Sinais Höhen in unfern Erdenkreis zurückkehre. Laut und immer lauter erschallt der Ruf an die Priester, an die Führer: „Mache uns einen Gott, der uns auch in gegenwärtigen Verhältnissen und Zeiten noch ühren könne." (ll, 32, 1.) Es gehört kein Scharfsinn dazu, um aus dem Gewirr der vielstimmigen Chöre den disharmonichen, schrillen Ton zu erhorchen, der im schaurig wilden Tanz um das goldene Kalb den alten Kehrreim erschallen läßt: „Das sind deine Götter Israel, die dich aus Aegypten empor geführt haben." (H. 32, 4.) Das jüdische Leben kennt nur zwei Pole, zwichen denen es schwankt: Mosche oder das goldene Kalb. Ist Mosche den Blicken der Menge im nebelhaften Schleier der Lebenshöhe sittlicher Vervollkommnung entzogen, sofort erscheint dieses Kalb ntn sn (H, 32, 24.) Eine erschreckende Charakterschwäche, eine erchütternde Unsicherheit in der Linienführung der Lebenspolitik zieht sich durch die jüdische Gechichte. Prinzipienlosigkeit, Urteilsunfähigkeit, zeichnen die Bahnen des jüdischen Lebens. Bald penden sie zur Errichtung des Heiligtums. Bald esen wir lobend: „Es kamen die Männer nebst den Frauen, jeder, der gebefreudigen Herzens war, alle, alle brachten Gold und Geschmeide, Purpur und Himmelblau als Hebe Gottes." (U, £5, 22.) Bald lesen wir tadelnd: „Es entledigte "ich das Volk der goldenen Ohrringe und brachten sie zu Aron und er machte ein gegossenes Kalb (ii, 32, 3.) (Jerus. Schkolim l, 1.) Und doch hat stets die Selbstbesinnung wieder die Oberhand im Volk gewonnen, wenn die Zuchtrute des Lebens sie zum rechten Weg geührt hatte. Dem pnx bv h.np'i der Ansammlung um Aron mit dem Verlangen nach dem goldenen Kalb folgte immer wieder ein nvo bnp’i eine