Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1929)
- Date
- 1929-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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18. April 1929 Der Israelit Nr. 16. Seite 5 ist. Die Anträge sollen tunlichst nur zu Beginn eines Halbjahres eingereicht werden, damit nicht irgend ein Vorkommnis während des Religionsunterrichtes (ein Tadel, eine unbequeme Hausaufgabe) Veranlassung zur Be-, fr-ekung gibt. Das soll aber nicht, im Gegensatz zu Bayern, hindern. Laß ein aus Gewistensbedenken gestellter Antrag auch im Laufe des Halbjahres Berücksichtigung findet. Wer einmal befreit ist, bleibt -dauernd befreit. Wenn religionsmündige — über 14 Jahre alte — Schüier(innen) nach ihrer eigenen Erklärung nicht mehr am Religionsuntericht t-e-ilnahm-en, sind die Erziehungsberechtigten am Beginn jedes Schuljahres von -der Schale zu verständigen. Die am R-e-ligionsunterricht nicht teilnehmenden Schüler sind auch von jeder Art S-chuöan-dacht, Schülergottesdienst und derg-l. befreit; sie dürfen nicht durch disziplinäre Mittel der Schule zum Besuch veranlaßt werden. des französischen Grand Rabbin Israel Levi, des stellen, ob^ der Wille ^der Berechtigen zweifelsfrei erklärt Rabbi Fürst vom Rabbinischen Rat der Agudas Jisroel, des Rabbiners Dr. Lewenstein-Zürich und Lucien Wolfs an das Sonderkomitee des Völkerbundes vom Jahre 1925 Bezug genommen, in welchen erklärt wurde, daß eine Aenderung des Kalenders in einer Weife, daß der Sabbat in der neuen Kalenderwoche variiert, auf die jüdische Religion zerstörend wirken würde. Die bei vielen Nationen gemachten» Erfahrungen, heißt es dann weiter, beweisen aber, daß die Rabbiner, die Juden und die jüdische Religion mehr Vorteil davon haben könnten, wenn sie zustimmen würden, daß alljährlich ein Sabbat dem Kalender beigefügt wird, so daß Ostern und Pefsach auf den gleichen Tag fielen. Zum Schluß des Statements heißt es: Die feit 1600 Jahren andauernden Konflikte zwischen christlichen Priestern und jüdischen Rabbinern würden schwinden, wenn die Religionen ihre Frühlingsfeiertage zusammenlegten. Der 9. April wäre das richtige Datum für Peffach-Ostern, auf das man sich auf einer internationalen Konferenz einigen könnte, weil nach der geplanten Vereinfachung des Kalenders der heutige 9. April dauernd auf einen Sonntag fallen würde. Zum Schluß wird formell vorgeschlagen, daß vom 9. April 1933 ab alljährlich Christen und Juden ihr Frühlingsfest an diesem Tage feiern. So gut es die Liga meinen mag m ihrer Naivität, die von keiner Spur der Kenntnis vom Judentum getrübt ist, mutet sie uns doch Ungeheuerliches zu. Wir werden uns den Aprilscherz, Pessach vom 15. Nissan auf den 9. A p r i l zu verlegen, nicht leisten können. Dazu wird auch der konstante Sonntag so wenig locken, wie dermaleinst der So nntags - S ch w u aus der Sadduzäer an unserem Wochenfeste etwas ändern konnte. Man lasse jede Konfession nach ihrer Fasson ihre Feste feiern und zwinge keine, die Feste der andern, mitzufeiern: das gleiche Recht beanspruche man für den Sabbat und die sabbathaltenden Juden. — Das wäre fürs erste die beste Lösung, eine Tat des R e ch t e s und des Völkerfriedens. Korrespondenzen ßacbricbten. Deutsches Reich. Religionsunterricht und Reichsgefeh. . Frankfur t -a-. M., 15. April Von besteingew-eihter Seite wird uns geschrieben: Die dankenswerten Ausführungen in der vorigen Nummer! bedürfen noch einer Ergänzungüber die p ra kt i f ch. e Durchführung der Reichsg-efetze in Preußen, wo der Fsrnh-altung von Schülern vom Religi-ons^ unterricht ke-i-ner/lei Hindernisse in den Weg gelegt werden. Schon vor Erlaß der Weimarer.Verfassung und dem Reichsg-efetz über die religiöse.Kindererziehungwar die Befreiung vom Religionsunterricht durch -den Minift-erialerlaß vom 1. April 1919, zu dem noch mehrere Ergänzungengekommen find, gut geregelt.' Antragsberechtigt waren nach dem ursprünglichem Erlaß diejenigen, welche di-e Religion, in der die Schüler zu erziehen sind, zu bestimmen haben. Später wurde nur mit Rücksicht auf das Reichsg-esetz betr. religiöse Kindererziehung grundsätzlich eine Erklärung beider Eltern verlangt. Nach dem. Tode des Vaters steht das Perfonensorger-echt — also auch das Recht zur Abgabe der Erklärung über Nichtteilnahme am Religionsunterricht, wie es jetzt immer heißt — nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Mutter zu. Für die Erklärung genügt die einfachste Form. Jeder Schein einer' Beeinflussung der Eltern ist zu vermeiden. Bei 12- und . 13jährigen Kindern ist neben der Elternerklärung eine solche der Kinder überflüssig. Denn deren Willen istnuk'-d-Ä ''Bekenntniswechsel zuberücksichtigen. Die Schulverwaltung hak' nicht das Recht, die Beweggründe der. Antragsteller zu prüfen, sondern nur feftzu- Me Woche. Berlin. Das „Berliner Tageblatt" erfährt, daß die deutschnationalen Arbeiterkreise, die mit der Politik Hilgenbergs unzufrieden sind, sich neu in einer christlich-sozialen Reichsgemeinschaft formieren in Anlehnung -an die alten Gedankengänge des ehemaligen Hofpredigers Stöcker. London. Am Montag den 13. Mai wurde rn London die P a l ä st i n a m esse mit einer Begrüßungsrede des Lord Plu - wer, des früheren- Oberkommissar von Palästina., eröffnet. — Die United Syna - g o g u e lehnten eine Teilnahme an der demnächst hier stattfindenden A g e n c y - K o n f erenz aus „Verfassungsgründen" ab. — Mr. Bernhard Bar on läßt auf feine Kosten eine „Settlament". eine Art jüdisches Jugendkieim im Viertel St. Georgs errichten. Die Kosten belaufen sich auf 65 000 Pfund. Am 12. April fand die feierliche Grundsteinlegung in Gegenwart des Stifters statt. Prag. Die Protokolle der „Weifen von Zion" werden nun auch in tschechischer Sprache verbreitet. „Das Buch", so schreibt ein antisemitisches Blatt, „sei jedem Tschechoslowak-en von 6 bis 100 Jahren empfohlen." — Ein jüdischer Armenhäusler in Trenqsin, Gabriel Brich, wurde benachrichtigt. daß er nach dem Tode eines Verwandten in Amerika -eine Erbschaft von 30 Millionen Dollar gemacht habe. Leider kommt das Glück etwas spät, denn der Mann ist 94 Jahre alt. Er hat aber zwei Söhne, d-e in Men As -dahin in großer Armut lebten. Sofia. Im Aster von 59 Jabren verstarb Avramino R e f e t o v , der Führer der bulgarischen Juden heit und Begründer des „Zentralkonsistoriums der jüdischen Gemeinden in Vulaa'-'en". Re-fetov war persönlicher Freund von- König- Boris'. Baris. Die vor einig «m Monaten' in Paris'begründete Liga zur Bekämvfuna der Pogrome, die 600 prominente Persönlichkeiten als Mitglieder zählt, führt von letzt ab den Namen Internationale Liga zur Bekömofung des Antisemitismus-. Tel-Aw'w. In Anwesenheit von- Vertretern aller Behörden Und der aüswärtioen Konsuls, wurde bier die ' P a I ä ft i n a - und O r i e n t m e f f e mit einer Ansprache des Oberkommissars. Sir John' Chancellor, -eröffnet. Jerusalem. Der Klub jiddischer Schriftsteller und Journalisten in Tel-Awiw hat mit der Herausgabe -eines wöchentlich erscheinenden Journals in jiddischer Sprache begonnen. Die Hebraisten-Kreise wehren sich gegen die Einpflanzung von jiddischer Sprache und Kultur in Palästina. Bei Veranstaltungen des jiddischen Klubs kam es wiederholt zu Zusammenstößen zwischen Anhängern des Jiddischen und Mitgliedern des Vereins zum Schutze der hebräischen Sprache. Roch keine Aufklärung des Manauer Mordfalles. Bamberg, 11. Äpri-l. Die Aufklärung des Manauer Mordfalles, der von den Nationalsozialisten und ihrer Presse zu einer bei-' spiellos-en Ri t ua lm o r dh etze ausgeschlachtet wird, ist noch nicht gelungen. Die Staatsanwaltschaft Bamberg hat eine Belohnungvon 3500 Mark für. die Ergreisung oder Ermittlung des Mörders ausgef-etzt. Mit Befriedigüng ist festzustellen, daß die einheitliche Stellungnahme der. gesamten Geistlichkeit gegen die wahnwitzige. Blutmordbeschuldigungschon, jetzt einen großen Teil der . Bevölkerung von der Unsinnigkeit der nationalsozialistischen Angriffe überzeugt hat, so daß jeder einsichtige Bürger hinter dem grauenhaften Manauer Mord nur die rohe Tat eines Verbrechers sieht, dessen Bestrafung jeder Staatsbürger wünschenmuh Seit dem Austau-chen der Blutmordgerüchte stehen die Bamberger Mitglieder des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubensmit dem Bayerischen Landesverband in München und mit der Hauptgeschäftsstelle des C. V. m- Berlin in ständiger brieflicher und telefonischer Verbindung. polen. Polnisches Allerlei. Zwei Todesfälle. — Miß Judäa und Bar kochba. — Erfreuliches aus Lodz. — Nach Wilna Bialisiock. Warschau, 5. April. Der Tod -des Pi-lawer R-ebbe (bereits kurz bevichte-t) hat in weiten Kreisen tiefe Erregung hervorgerufen. Nach dem Tode des alten „ Kotzker " ging ein groher Teil der Kotzker Ch-afsidim zu Rabbi Mausche Mordechai über. Er behielt seinen Wohnsitz in Pilawe, muhte aber b-ei Kriegsausbruch nach Warschau flüchten, wo er als Oberhaupt eines großen Kreises bis zu seinem Tode verblieb. Er erreichte ein Alter von- 69 Jahren. Am Leichenbegängnisbeteiligten sich Zehntausende. Nicht minder war die Trauer i-n Warschau um Rabbi Jeschaja Rosenbaum, diesenp'isi der zuletzt Vizepräsident der KehWa war. Leider ging es bei der Beerdigung nicht ohne ernsten Zwischenfall ab. Reben der großen Schul hielt im Namen des Rabbinates Rabbi Kanal das erste Hesped, am offenen Grabe sprach Rabbi Manach-em Sembo im Namen der Agudas Jisroel. Als daraus Herr Färb stein im Namen des Vorstandes das Wort ergreifen wollte, entstanden Tumulte und Viele verliehen den Friedhof. Der Grund für diese Opposition gegen- Farbstein liegt auf anderem Gebiete. Den unsinnigen Brauch der Wahl Schönheitsköniginnen" mußte natürlichauch ein von jüdisch-nationaler Verein in Warschau nachahmen. Die „Miß Judäa" muhte aber auch obendrein noch offiziell sanktioniert werden. So veranlaßte man ihr' Erscheinen aus dem Kehilabüro, wo sie Herr Farbstein im Namen der Verwaltung begrüßte und ihr mit den heiligen Sätzen aus dem Hohenliede huldigte. Als diese Tatsache bekannt wurde, -erhob sich ein Sturm der Entrüstung in weiten Kreisen gegen dieseoffizielle Profanierung des Heiligsten. Kommt noch hinzu her Sab-? batmatch des „Bar Kochba" in der Vorstadt Praga mit allergröbster Sabbatschändung, für die man ebenfalls die Zionisten, und nicht zuletzt Misrachi und Farbste-in verantwortlich macht. Man kann schon begreifen, daß es die Trauergemeinde tief verletzte, aus dem gleichen Munde, dem die Begrüßungsreden für Bar Kochba und „Miß Judäa" entströmt waren, das Lob eines Mannes zu vernehmen, der ein Leben in- Heiligkeit und Gottesgelehrsam-keit führte. Zwar war Herr Farbstoin als erster Präsident berufen, dem Vizepräsidentenden letzten- Dank der Kehilaverwaltung abzustatben. Wenn man aber „Miß Judäa", Sabbatmatch und Profanierung heiliger Texte aus dem Kerbholz hat, so hat man in solchen Fällen T a k t zu wahren. Die Lektion, die er erfahren hat, war wohlverdient; schade nur, daß -es. am Unrechten Platze geschehen ist. Eine beachtenswerte Aktivität zeigt die Lodz.er Kehilaverwaltung unter Führung des Herrn- Minzb e r g von der Agu-da. So hat HerrMmzberg mit dem Lod-zer Stadtprästdenten Verhandlungen geführt über die Befreiung von Wohnungssteuer für alle jüdischen Bethäuser, ebenso wegen Uebernahme der Heilk-osten für die Kranken innerhalb der jüdischen Bevölkerung. Für die Pesachhilfe wurde der Betrag von Zloty 110.000 bewilligt. Auch B -k a l istock -erlebt zur Zeit eine Rabbinatskrise. Der Kchrlarat beschloß, von der Wahl eines Rabbiners abzusehen, statt -dessen ein Rabbi- -n a t s k o l l e g i u m einzusetzen-. Die Behörde, ang-estachelt von Liberalen und Nationalen, machte Schwierigkeiten- und forderte energisch den Kehilarat auf, noch einmal'in einer Plenarsitzüng endgültigen Beschluß in Sachen der Wahl zu fassen.- Das zusamm-engetretene Plenum bestätigtaber das frühere Resultat. Es sollen zehn Dajcin-im gewählt werden, die sich aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden ernennen. In de-r darauffolgen-dsn Sitzung von Rat und Verwaltung traten die Zionisten mit größter Schärfe gegen diesen Beschluß auf. Sie forderndie Anstellung eines Oberräbbiners mit moderner Bildung (Wilna macht Schule). Es würde auf die nationale Jugend gut wirken, wenn sie sieht, -daß auch -ein „Doktor"