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Der Israelit · 1929-04-11 · Heft 15 (11.4.1929) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 15 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Nr. 15 Der Israelit 11. April 1929 Banditen in der Großen Synagoge von Chicago. Verl i n, 9 April. Nach einem Telegramm aus Chicago drangen am Sonntag den 7. April, abends, fünf sch-werbewaffnete Räuber in die große Synagoge in Chikago ein, wo in Anwesenheit rumänischer Re gieru ngsoertreter, des rumänischen Konsuls und anderer prominenter Persönlichkeiten die Zehnjah-resfeier der Begründung des vereinigten. Rumänien stattfand. Sie drängHen etwa 80 Zuhörer an die Wand, leerten ihnen die Taschen und erbeuteten Schmuck und Bargeld im Gesamtwert von 80.000 Dollar. Die Banditen ließen sich dazu eine halbe Stunde Zeit und verschwanden danach im Dunkel. Tschechoslowakei. Errichtung einer Rabbinerlehransialt in Prag. P r a g , 4. April. Im Prager jüdischen Rathause fand die diesjährige Plenarsitzung des zionistischen Obersten Rates der Gemeindeoerbände unter Teilnahme von Vertretern aller Gemeindeverbände statt. Es wurde u. a. beschlossen: 1. Eine Anstalt für Heranbildung von Rabbinern und Religionslehrern, womöglich mit Beginn des- Schuljahres 1929/30 in Prag zu eröffnen. 2. Zum Rektor wurde der Prager Oberrabbiner Dr. Heinrich Brody bestellt; neben ihm sollen zwei weitere Dozenten und die notwendigen Lektoren und Hilfskräfte wirken. 3. In das Budget für 1929 wurde zu diesem Zwecke ein Betrag von 100.000 Tschechokronen eingesetzt. Der Prager Lehrerbildungsanstalt, an welcher einige Gymnasialschüler sich für den Eintritt in die Rabbinerlehranstalt vorbereiten, wurde eine Subvention von 10.000 Kc. bewilligt. Schließlich wurden die Herren Dr. Brody, Dr. Arje und Dr. Goldschmied in eine Kommission gewählt, deren Aufgabe es fein wird, die Qualifikation dre Bewerber um Rabbinerposten bei den Gemeinden zu prüfen. — Der Oberste Rat befaßte sich weiter mit Fragen der zentralen Fürsorgetätigkeit und des Denkmalschutzes. Das Wiener Rothschild-Haus für die Hunsdorfer Jefchiwa. Prag, 2. April. Der Leiter der weltberühmten Hunsdorfer Jefchiwa, Rabbiner Horowitz„ befindet sich gegenwärtigauf einer Europa-Reife, um für die Aufbringung der notwendigen Mittel für die Erichtung eines modernen Jeschi wa-Gebäudes zu werben. Der Neubau soll 3 Millionen Tschecho- Kronen kosten. In Wien erhielt Rabbi Horowitz vom Hause Rothschild die Zusage, daß das Oberhaupt der Wiener Rothschilds eineinhalb Millionen Tschechokronen zur Verfügung stellen werde, sobald die andere Hälfte des Vaufonds aufgebracht fein wird. — Bekanntlich wurde die Jeschiwah in Hunsdorf vor einiger Zeit wegen hygienischer und baulicher Unzulänglichkeit von den Behörden geschlossen. Jüdische Familienmatrikel. Prag, 2. April. In der letzten Sitzung der Prager Gemeindevertretung wies Herr Dr. Salomon Lieben auf die Notwendigkeit hin, nach der Verstaatlichung der standesamtlichen Matrikel eigene konfessionelle Familienmatrikel in den Gemeinden einzurichtsn. Die überhandnehmenden Mischehen und vor allem die leider immer häufiger oorkommenden Eheschließungen von bereits verheirateten Frauen ahne vorvngegangene religiöse Scheidung, machen es den Gemeinden zur gebieterischen Pflicht, den religionsitreuen Mitgliedern die urkundlichen Unterlagen zu liefern, deren sie bedürfen!, um sich und ihre Kinder vor religionsgesetzlich aufs strengste verpönten Ehen zu schützen. Es können sonst leicht aus bloßer Unkenntnis Ehebündnisse mit D-ni»» zustande kommen, die von furchtbarsten Folgen für die Reinheit der jüdischen Familiengemeinschaft begleitet sind. Die Ausführungen Dr. Liebens wirkte ans die diesen Dingen mehr oder minder verständnislos gegenüberstehenden liberalen und zionistischen Repräsentanten! geradezu konsternierend. Man überwies den Antrag einer Kommission, da man schließlich die Erörterung eines im Namen des Religionsgesetzes in so ernsten Worten angeschnittenen Problemes nicht ganz verweigern! konnte. Jedenfalls ist die ganze Aktion auch für andere Groß- -gemeinden im Osten und leider auch im Westen von großer Bedeutung. Lettland Schomre-Schsbbos in Lettland. R i g a , 2. April. Am 1. April fand in Riga eine Vollsitzung des Vorstandes des Schomre-SchabboskLandesverbandes statt. Einstimmig wurde beschlossen, dem Weltverband der Schomre-Schabbos in Berlin beizutreten. Gleichzeitig wurde die Drucklegung eines „Sabbat- Buches" und die Gründung einer Schomre-Schvbbos- Bank beschlossen und in die Wege geleitet. Die „unproduktiven Elemente" von Leningrad. Moskau, 2. April. In der letzten Zeit wurden in Leningrad wiederum Wohnungen sogenannter „unproduktiver Elemente" beschlagnahmt. Die Bewohner müssen die Wohnungen bis zu einer bestimmten Frist räumen. Von dieser Maßnahme wurden rund 25 000 Personen betroffen. Wie überall, bilden auch in Leningrad die Juden als ehemalige Kaufleute und Angehörige freier Berufe einen sehr großen Teil der „Unproduktiven". Demnächst wird auch in Moskau mit der Beschlagnahme der Wohnungen „Unproduktiver" begonnen werden. Schweiz. Die Frage des Schlichtens in Lichtenstein. Zürich, 31. März. Die „Neue Züricher Zeitung" glaubt, daß das schweizerische Schächtverbot auch für das Fürstentum Lichtenstein geltendes Recht fei!, da im Zollvertrag Lichtensteins mit der Schweiz das Fürstentum Lichtenstein sich verpflichtet habe, sich nicht nur der schweizerischen Zollgesetzgebung zu unterwerfen, sondern auch der übrigen Bundesgesetzgebung, also auch dem Schächtverbot. In einer Erklärung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes wird diese Ansicht als vollkommen unzutreffend hingestellt. In dem Zollvertrag werden die in Lichtienstein anwendbaren bundesrechtlichen Erlasse besonders angeführt: die Bestimmung des Schächtverbotes fehlt aber in diesem Verzeichnis. Das am 9. März bei der Lichtenstem scheu Negierung angemeldete Jnitiativbegehren auf Erlassung eines Schächtverbotes wurde laut „Neue Züricher Zeitung" von der doppelten Anzahl der erforderlichen Stimmberechtigten (erforderlich sind nur 400) unterzeichnet. Der Landtag hat innerhalb zweier Monate zu blechließen, ob er dem Jnitiativentwurf zustimmt oder nicht. Stimmt' er nicht zu, so beauftragt er die Regierung mit der Durchführung einer Volksabstimmung. Inzwischen hat eine stark besuchte Versammlungder Lichtensteinschen Bauernschaft eine Resolution gefaßt, in d-er gegen das Jnitiativbegehren für ein Schächtverbot charf protestiert wird. Die Frage d>er Schächtfreiheit in Lichtensiein hat bekanntlich große Bedeutung für die Versorgung der schweizerischen Judenheit mit geschachtetem Fleisch. Italien. Rener gesetzlicher Status der italienischen Judenheit. Rom, 4. April. Die Aussöhnung Italiens mit dem Vatikan, der neue Vertrag zwischen Staat und Kirche unddie Neubildung des päpstlichen Staates in Italien! haben eine- Neuregelung des verfassrmgsmäh-ig-en Status der jüdischen Gemeinden Italiens notwendig gemacht. Im Zusammenhang mit der neuen religiösen Poiltik hat die Regierung bechlossen, eine Modifizierung der gesetzlichen Verfügungen bezüglich der Juden, die noch vor der Bildung des vereinigten italienischen Königreichs in Kraft getreten waren, vorzunehmen. Zu diesem Zweck wird eine Sonderkommission eingesetzt, d-er drei Juden, unter ihnen der Ob-erradbiner von Rom und drei Nichtjuden angehören. Aufgabe dieser Kommission wird es sein, den Entwurf einer Neuregelung des Status der jüdischen Gemeindenherzustellen. Wie es heißt, wird der anfängliche Plan, die Stelle eines Oberrabbiners für ganz Italien zu schaffen, fallengelassen. Viel wahrscheinlicher ist, daß einrabbinischer Rat, ähnlich einem Beth-Din,, als oberste rabbinifche Landesbehörde eingesetzt werden wird. England. Vorführung der Weinberg'schen Schacht-Zelle in London. London, 4. April. Die von Harris Weinberg erfundene sogenannte Schächtzelle, die eine humanere Prozedur beim Schächten bezweckt, wurde in diesen Tagen in einer verbesserten Maschinerie im Schlachthaus zu Leedsdem vom Londoner Schächt-ansschuß ernannten Komitee vv-rg-esührt. Es waren di-e englischen Autoritäten auf dem Gebiete des Schlacht-wesens anwesend, so u. a. der Chef der staatlichen Veterinärhochschule Prof. Hobday als der Vorsitzende des Komitees, der Vorsitzende des Tierschutzvereins, Captain C. W. Hum-e, der Physiologe Prof. C. Lovatt Evans, sowie zahlreiche hohe Veterinärbeamte und Führer des öffentlichen Woh-lfahrtswesens aus verschiedenen Zentren Englands. Es wurden zwei gehörnte und vier hornlose Ochsen mit Hilfe des neuen Verfahrens durch! Rev. H. R. Goldwater und Rev. Nemeth geschächtet. Die Schächtzelle ist gepolstert, mechanisch bewegbar und kann so gedreht werden, daß das stehend hereingeeführte Tier dann auf den Rücken zu liegen kommt und nur d-er Kopf herausragt, ohne d-aß irgendwelche Gewalt -angewendet werden müsse. Auch Seile und Ketten sind entbehrlich. Nach der Vorführungfandein Meinungsaustausch statt; es wurde der folgende Befund festgestellt: 1. Die bei der ersten Vorführung der Schächtzelle hervorgetretenen Mängel sind nun behoben. 2. Die Weinberg-Zelle bedeutet eine entschiedene Besserung in humaner Beziehung gegenüber der jetzigen Niederwerfungsmethode. 3. Die Durchschnittszeit der Mederlegung jedes der sechs Tiere vermittelst der Zelle betrug im ganzen Q]A Sekunden. — Es wurden noch einige Verbesserungen wie z. B> eine automatische Bremse, empfohlen. Palästina. Wieder arabische Uebergriffe an der klagemauer. Jerusalem, 25. März. Am vergangenen Sonnabend morgen, während die Juden an der Klagemauer ihre Morgenandacht verrichteten, drangen Araber bis zur Mauer vor und entfernten verschiedene Gegenstände, die gewöhnlich von den betenden Juden benutzt werden. Die Judenversuchten, die Araber an ihrem Zerstörungswerk zu verhindern, wobei es zu einer Schlägerei kam. Der Polizeiposten vor der Mauer zeigte sich der Situation nichtgewachsen. Der stellvertretende Distriktskommissar, der von dem neuen Zwischenfall benachrichtigt wurde, sandte den 'Distviktsossizier zur Klagemauer und trug ihm auf, jeden Versuch einer Störung des Status guo unmöglich zu machen. Der Offizier veranlaßte, daß die weggenommenen Gegenstände zurückgegeben wurden. Doch eine Woschee an der klagemauer? Jerusalem, 31. März. Hier erhält sich hartnäckig das Gerücht, daß die Moslemiten Vorbereitungen treffen zum Bau einer Moschee, die eng an die Klagemauer angrenzen soll. Die Jerusalemer jüd-ische Gemeinde informierte den Distriktsgouverneur von Jerusalem dahin, daß sich der jüdischen Bevölkerung in Verbindung mit diesem Geruch l eine starke Unruhe bemächtigt. Der Distrikts-Gouverneur versprach, die Angelegenheit zu untersuchen. Verleumdungsprozeß des ungarischen kolel. Jerusalem, 30. März. Dem seit 2 Jahren geführten Verl-eumdtMgsfMzug gegen den ungarischen Kolel in Jerusalem, der von einer Gruppe neu eingewanderter junger Leute geführt und mit unerhörten Schmähschriften, sowohlgegendie- Ko-lieloerwaltung in Jerusalem, alsauch, gegen diejenige in Preßburg arbeitete, ist nunmehr durch eine Verhandlung vor dem Friedensgericht ein Ende gemacht worden. Der Wahrheitsbeweis, den die Angeklagten -führen. wollten!, brach zusammen undes stellte sich heraus,/ daß es sich bei -der ganzen Kampagne um einen Erpressungsv-ersüch gegen den Kolel handelte. Die- Angeklagten wurden wegen Verleumdung mit einer einjährigen Bewährungsfrist zu Lstr. 30.— verurteilt. Ein zweiter Prozeß wird die Schmähungen der glichen Angeklagten gegen -das* Rabbinat von Rabbiner Chajim Sonneckfeld und gegen Rabbi Jacob- Meir zum Gegenstand haben.

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