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Der Israelit · 1929-04-11 · Heft 15 (11.4.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 15 (11.4.1929)
Date
1929-04-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 15 Der Israelit 11. AprH 1929 Unterrichtsanstalt gültig ist oder ob sich ihre Wirksamkeit lediglich auf ein Schuljahr beschränkt. Zur Klarstellung wird hiermit bestimmt, daß die in Frage stehende Erklärung nur für das Schuljahr gültig ist, in dem sie abgegeben worden ist. Es ist daher eine Wiederholung der Erklärung nach Maßgabe der angeführten Bekanntmachung zu Beginn jedes Schuljahres notwendig, für das die Nichtteilnahme am Religionsunterrichte fortdauern soll. Dies gilt auch für alle Fälle, in denen die Teilnahme am Religionsunterricht auf Grund einer früher abgegebenen Erklärung bereits bisher unterblieben ist. 2. Bei dieser Gelegenheit wird darauf aufmerksam gemacht, daß bei Abgabe und Entgegennahme der Erklärungen wegen Nichtteilnahme am Religionsunterricht, soweit minderjährige Schüler und Schülerinnen in Betracht kommen, auch die Bestimmungen des Reichsgesetzes über die religiöse Kindererziehung vom 15. Juli 1921 (R. G. Bl. S. 939) zu beachten sind. Daher genügt bei bestehender Ehe (d. h. wenn die Ehe weder durch Tod des Ehegatten noch durch Scheidung aufgelöst ist) die Erklärung des Vaters oder der Mutter allein nicht; es ist vielmehr die Erklärung beider Ellern erforderlich. Bei geschiedener Ehe hat das Recht der Erklärung derjenige Elternteil, dem die Fürsorge für die Person des Kindes obliegt. — gez. D. Matt." Die vorstehenden Ausführungen zeigen, daß es die ersten acht Tage des Schuljahres sind, in denen über das religiöse Schicksal des Kindes die Entscheidung fällt. Eltern und Erzieher! Laßt diese Zeit nicht ungenutzt Vorbeigehen! Prüfet, ob der Lehrer, der euer Kind in Religionsfächern zu unterweisen hat, wirklich gesetzestreu ist, ob er nicht zu den, für die Orthodoxie ganz besonders gefährlichen Männern gehört, die in Orgelsynagogen Zion leugnen und nach außen Hunden frommen Mann spielen! Laßt euch nicht betören, achtet nicht auf etwaige materielle Nachteile, die euch daraus erwachsen könnten — fordert doch das Judesein oft und immer Opfer — und nehmt die Feder zur Hand und schreibt: „An den Schulleiter. Hiermit erklären wir, daß unser Kind — (Name) — am Religionsunterricht nicht teilnehmen! soll. (Unterschrift des Vaters und Unterschrift der Mutter). — Damit und nur damit rettet ihr euer kostbarstes Gut, das Gott euch geschenkt hat, vor dem Abfall. Gebt diesen Zettel noch innerhalb der ersten acht Tage nach Beginn des Schuljahres ab und wiederholt es zu Beginn eines jeden Schuljahres, solange euer Kind die Schule besucht. Ist das Kind 14 Jahre alt, so dürft ihr es auch noch abmelden, könnt es. aber auch von ihm selbst besorgen lassen. Ist es aber abgemeldet, so habt ihr das Negative beseitigt und könnt eurem Kinde gutes jüdisches Wissen vermitteln in Religionsschulen, Privatschiurim u. a. m. Sagt aber nicht, wir lassen es dahin und dorthin gehen, denn eine Erziehung, die nicht einheitlich ist, muß notwendigerweise fehlschlagen. — Kleinlich scheint euch die Angelegenheit, aber groß, unendlich groß sind die Auswirkungen. Geht es doch um unsere Zukunft, um die Zukunft des jüdischen Volkes! Korrespondenzen « DacbricMen. Deutsches Reich. Für Sonntagsarbeit in Betrieben, die am Sabbat ruhen. Frankfu ri <i. M., 8. April. Der Angestelltenbund „Agudas Jisroel" mit dem Sitz in Frankfurt a. M hat d-em Sozialpolitisch-en Ausschuß des Deutschen Reichstags den folgenden Antrag unterbreitet: „Der Reichstag beliebe -in dem zur Zeit zur Beratung stehenden Entwurf eines Arbeitsfchutzgefetzes, der u. a. die Bestimmungen über die Sonntagsruhe neu regelt, eine dem Sinne nach wie folgt lautende Bestimmung aufzunehmen: In den Betrieben, des chandelsgewerbes, die am Sabbat und jüdischen Feiertagen gänzlich -ruhen, dürfen Angestellte jüdischen Glaubens an Sonn- und Feiertagen bis zur Dauer von fünf Stunden mit der Maßgabe beschäftigt werden, daß die Geschäftsräume für den allgemeinen Verkehr geschloffen bleiben." Zur Begründung wird u. a. ausgeführt, der Bund habe den Zweck, die den Sabbat beobachtenden religionstreuen Handlungsgehilfen gegen die durch die Wahrung des Sabbats vvefchärfte Gefahr der Erwerbslosigkeit zu schützen. Ein solches Gesetz würde auch den Arbeitgeber Bei Kopfschmerz, Zahnschmerz Erkältung, Rheuma hilft Bestandteile: Phenac/, Phenyldimethylp.. 4 nn Acetylsai., Coff. UI» 1.1.11 in allen Apotheken Helc vor dem wirtschaftlichen Untergänge schützen. Die wohltuende, in sozialer und sittlicher Hinsicht unermeßlich segensreiche Wirkung des jüdischen Sabbats'— heißt es dann weiter — kann nur derjenige ermessen, der ihn praktisch erlebt hat. Der jüdische Sabbat gewährt uns, den Handlungsgehilfen, eine für Körper und Seele gleich erfrischende Erholung von mindestens 25stündiger ununterbrochener Dauer. Auch Spaziergänge ins- ■ Freie sind, wenn auch das Religionsgesetz weitere Reisen und die Benutzung der Eisenbahn untersagt, durchaus möglich. So besteht weder vom hygienischen, noch vom sozialen Standpunkte irgendeine Veranlassung, den 25 ständigen wöchentlichen Ruhetag für die strenggläubigen jüdischen Handlungsgehilfen als unzureichend zu betrachten und ihnen einen weiteren Ruhetag aufzuzmingen. Wir ziehen es jedenfalls vor, nach 2östllndiger Ruhezeit einige Stunden am Vormittag zu arbeiten, statt einer lebensfremden Gleichmacherei zuliebe unser Brot zu v-erlieren oder unser Heiligstes preiszugeben. Verband jüdischer Skudenkenvereine in Deutschland. Berlin, 5. April. Am 30. und 31. März d. I. wurde in Berlin bei einer Teilnahme von 20 Delegierten aus allen Teilen des Reiches die VII. Tagung des Verbandes Jüdischer S t u d e n t e n v e r e i n e in Deutschland abgehalten. Die feierliche Eröffnungssitzung! fand am 30. März abends im Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde Berlin in Anwesenheit von Vertretern vieler jüdischer Organisationen und einer großen Zahl von Gästenstatt. In seiner Eröffnungsansprache skizzierte der Vorsitzende, Dr. L. B e r m a n n , den Entwicklungsgang des Verbandes und dankte den verschiedenen jüdischen Organisationen für die wohlwollende und tatkräftige Unterstützung des Verbandes. Die Tagesordnung umfaßte u. a. Referate über den Weltverband der jüdischen Studentenschaft und dem bevorstehenden Weltkongreß (Res. Dr. L. Bermann), über die Lage der jüdischen Studentenschaft in Deutschland und ihre gegenwärtigen Aufgaben. Ein Fortschritt im kaschruswesen. Hamburg, 5. April. Der Hamburger Speiseverein gibt uns Kenntnis von einem Aufrufe, den das Vorbereitungskomitee der Ma chsike Hadaß in der Slowakei« erlassen hat, um, den Wünschen hervorragender rabbmischen Führer folgend, auf eine Verbesserung des Kafchruswefens in den b ö. h m i [ ch e n Kurorten hinzuwirken. Zugrunde liegt eine Kundgebung aus dem Jahre 5687, die von 23 hervorragenden Rabbmen in Marienbad erlassen worden ist. Die Unterzeichner dieser Kundgebung weisen darauf hin, daß es bei dem Hochbetrieb in den Marienbader Restaurants unmöglich fei, eine Gewähr für die strikte Beobachtung des Kaschrus und der Sabbatvorschriften zu übernehmen, wenn nicht eine zuverlässige rabbintsche Perliehen ward, das alte jüdische Rathaus mit der Uhr, deren Ziffern in hebräischen Buchstaben ausgedrückt find und der uralte Friedhof mit seinen Grabmonumenten, darunter dasjenige des hohen Rabbi Löw. Ein ganzes Stück jüdischer Geschichte, jüdischen Lebens und Leidens verfiel, dem Spaten, ist ausgelöscht für immer. Ende des 19. Jahrhunderts lebten die Juden der Stadt Prag natürlich wie überall in der zivilisierten und aufgeklärten Welt, im Genuß aller Rechte des freien Staatsbürgers und ihre Daseinsfreude wurde nur getrübt durch die Agitation des Antisemitismus, der zu jener Zeit mächtig Wurzel schlagen konnte. Hoch gingen die Wogen des politischen Kampfes unter der Aera des Grafen Taase. Die Christlich-Sozialen unter der Führung Luegers und des Prinzen Alois Liechtenstein waren ebenso ausgesprochen judenseindlich, wie die Deutsch-rationalen Schönerers, dieses blindwütigen Hetzers, dem ob seiner Exzesse der Adel aberkannt wurde. Die Tschechen lagen in. gegenseitiger Fehde; die Jungtschechen unter Herold und Gregr, die Alttschechen unter Riegers Führung. Beiden Parteien galt der Jude mit' Recht als Bannerträger des Deutschtums. Die Sozialdemokratie unter Pernerstofer führte einen harten Kampf um ihre Selbstbehaupf, tung, konnte sich deshalb nicht der Juden annehmeni Den übrigen Gruppen und Grüppchen, als da waren: Slowenen, Kroaten, Serben, der Polenklub, der Klub der Hochfeudalen war der Juden Schicksal hekuba. Blieben also nur die ins Hintertreffen geratenen Liberalen, deren Wortführer Kronawetter war, die sich der Juden annahmen. Man kann sich also von der Lage der Juden zu damaliger Zeit selbst Än Bild machen. War schon das Wiener Parlament zuweilen ein Schauplatz wüstester Kämpfe und Tumulte, so mag man ermessen, wie es in Prag, wo diese Zustände durch die lokalen Verhältnisse noch eine Verschärfung erfuhren, aussah! In diesem Wirrwar der parteipolitischen Kämpfe, in diesem Tohuwabohu 'bildete das Geschäftslokal des bekannten Verlagsbuchhäudlers Jacob B. Brandeis ssi.nen ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht. Dieser „am .Altstädter Ring gelegene Buchladen war das geistige Zentrum des jüdischen Prags. Hier gaben [id)1, die Prominenten der damaligen Zeit ein Stelldichein. Man: erblickte dort die . bekannten Professoren Kämpf, Grün, die hervorragenden : Juristen Duschenes, Halus und Bendiner, den bekannten Ghettoschriftstelker Solomon Kohn und andere große Mannet der damaligen Zeit. Hier weilte auch Karpeles, wenn er zu einer Vortragsreise nach Prag kam. Brandeis selbst, eine bedeutende Person lichten, der in seiner Gemeindezeitung mit Feuereifer die Interessen des Judentums verfocht, erfreute sich großen Ansehens und Beliebtheit. Er schuf sich ein Denkmal nn Herzen -er Prager Juden. Mit seinem Tode endete eine bedeutsame Epoche des jüdischen Prags. John Jacobsohn. Die Stellung der Frau im Judentum. Heber dieses vielbehandelte Thema, das mit dem wachsenden Anteil der Frau am Kulturleben der Zeit an Aktualität eher zunimmt, als abnimmt, hat der verdiente Schuldirektor F. G o e tz, früher Wilna, 'jetzt R i g a, eine lesensWerte Studie veröffentlicht, die bei' dem Verlag „Splendid" in Riga, Herrnstrahe21, zu haben isll Goetz behandelt in zehn Kapiteln die Frau als Mensch, in ehren sexuellen Beziehungen, als wirtschaftlichen Faktor, als Staatsbürgerin, nach ihrer Stellung in der Familie, in der Ehe, insbesondere Eheschließung, eheliches Zusammenleben und Ehescheidung. Die beiden letzten Abschnitte sind der Frau als Kulturtrügerin und der Bildungsfrage gewidmet. Goetz versteht es, bei ziemlicher Vollständigkeit des Quellenmaterials, ohne., aufdringliche Apologetik religiöse Wärme mit Gedankenreichtum zu verbinden und so nach innen erzieherisch, nach außen positiv ausklärend zu wirken. -i.. (Aneldoten vom Lande.) Herr I. A. in Fl. schreibt ans! Als mein Urgroßvater sel. wie alljährlich an einem Jomkippur Schachris vorbeten wollte, wollten es einige Mitglieder nicht haben, daß er vorbete. Der alte Chajim Altmaier ließ sich aber nicht irre machen und trat an den Onied. Die darüber erbosten Gemeindemitglieder wußten sich keinen anderen Rat, als den Ortspölizeidien'er zu holen. Dieser ging an den Omed und gab dem alten Chajim, der gerade an Boruch Scheomar ■ hielt, einen Stost -ind sagte: ..Ti Chajim, ihr sollt doch nit okern (statt ohren)". Der alte Chajim ließ sich aber nicht irre machen und setzte seine Tesillo wehoju olom fort, trotz der Püffe des Ortspolizeigewaltigen, und mußte dieser wieder unverrichteter Sache abziehen und der alte Chajim konnte ungestört weiter „okern". - In früheren Jahren setzten sich auf dem berühmten Hochheimer 'Markt die alten jüdischen Schnorrer in den Straßengraben und sagten folgendes kaut her: „Alle MvNdig (Montag) und Dunnerstig (Donnerstag) lang wehurac chem, alle Dag esebekome. Die Marktbesucher, die mit dem weinerlichen Ton, mit dem dies die Schnorrer hersagten, Mitleid chatten, sagten: Ach, was hott der Jud die Plog (Plage) und warfen ihnen reichlich Almosen zu.

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