Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit« 2. Nr. 14 DerJsraelit WWWW 5. April 1929 die intelligible die Moral die höchste Stufe. Wie kann nun dieser Bedrohung des Gleichgewichts begegnet werden und welcher Art sind die Bedingungen, deren Einwirkung — unmittelbar auf den sinnlichen und mittelbar auf den sittlichen Menschen — diese daseinsfördernde Folgen nach sich zieht? Die Antwort geben die Gefetzesvörfchriften über Tumoh und Taharoh, deren wichtigste wohl die Speisegesetze sind. Die psychologische Bedeutung dieser Verbote hat Rabbiner Samson Raphael Hirsch in unübertrefflicher Weise kommentiert. So sagt er zu Leviticus Kap. 11: „Es soll durch Meiden der verbotenen Genüsse das sinnliche Begehrungsvermögen vor Weckung verderblicher Reize, und die sittlich freie Energie vor lähmender Abstumpfung geschützt bleiben." Und weiter: „Nicht unsere leibliche Gesundheit, die geistige und sittliche Gesundheit unseres seelischen Wesens soll durch Beachtung dieser Gesetze sichergestellt werden, die unsere leibliche Sinnlichkeit vor tierischer Heftigkeit der Begierden, unsere geistige sittliche Willenskraft vor Stumpfheit und Lähmung schützen sollen". Ferner schreibt er im Chorev: „Was Gott daran liegen könne? Und siehe, es gilt nicht Körperkrankheit, es gilt Höheres noch zu meiden, Erkranken der Gemüts¬ und Geistesheiligkeit, größere Unfähigkeit zum heiligen Jisroelberuf — und du kannst so fragen? Nur seine Menschen rein und geläutert zu erhalten ist dieses Gesetzes Ziel, sprechen unsere Weisen, — „Aber du begreifst nicht, wie diese Speisen schaden können?" „Und begreifst du es nimmer und lehrte die Erfahrung nimmer dich wie fürs Erdenleben der göttliche Menschengeist an den Körper gebunden ist mit der kleinsten seiner Fähigkeiten, lehrte sie dich auch nimmer, wie durch Körpergenüsse Triebe erregt und gebändigt, Geistesklarheit gefördert und getötet wird, wie selbst Tiere durch den einen Genuß blutdurstig-wild, zahm und mild durch den anderen Genuß werden. Dennoch genügt es dir nicht, daß Gott das Recht zum Genuß bei diesen dir untersagt? daß du, indem du sie genießest, ungerecht wirst gegen Gott, gegen Geschöpf, gegen dich und Seinem Willen — deiner Bestimmung — entgegen handelst." Aber auch physiologisch gesehen, finden diese Vorschriften in den Forschungsresultaten der Wissenschaft heute bemerkenswerte Stützung. Professor Carl Ludwig Schleich hat in seinen Essays: „VonderSeele" das „Mysterium der Ernährung" beschrieben und kommt zu folgenden Ergebnissen: „Zu allem Leben ist die Zelle nötig. Aber sie selbst ist schon eine hochkomplizierte Maschine. Der Kern der Zelle scheint ihr wesentlichstes. Der hat eine sonderbare Struktur und eine merkwürdige chemisch-physiologische . Zähigkeit. Er besteht aus Nukleinsubstanz. Dieses Nuklein ist chemisch, oder physikalisch schier unzerstörbar. Keine Säure, keine Lauge, keine Verdauung kann es vernichten. Hier im Nuklein der Kerne steckt das Mysterium der Ernährung. Dieses ist in jeder Pflanze — in jeder Tierzelle, die wir zu uns nehmen, enthalten." An anderer Stelle erwähnt Schleich: „Nuklein ist sogar der Träger" der Persönlichkeit, der Artcharaktere, der Stammeseigenschaften, es ist schlechthin das Individuellste, was es auf Erden gibt, denn es gibt jedem Wesen sein ureigenes Gepräge, von einer beispiellosen durch alle Wandlungen, durch alle Generationen fortwirkenden Konstanz." Wer zweifelt nach diesen Ausführungen daran, daß das Nuklein der Pflanze ein anderes ist als das des Raubtieres?" Diese unverdaulichen Nuklein kernchen werden von den weißen Blutkörperchen bei der Verdauung im Magen abgefangen und mit dem Blutstrom dahin getragen, wo es nottut, wo der wallende Teppich des kleinsten Lebens eine Lücke, einen Defekt erhalten hat. So erzeugen sich alle Zellen aufs Neue, wenn sie abgestoßen und verbraucht sind." Wen-n wir nun noch feststellen, daß die chemische Bestimmung der Nukleinsäuren (stickstoff- und phosphorhaltige organische Säuren von noch unbekannter Konstitution) es zweifelhaft erscheinen läßt, ob die aus Pflanzenstoffen gewonnenen Säuren mit den aus tierischen'Substanzen erhaltenen übereinstimmen, so dürfte die Annahme berechtigt sein, daß bei nicht wesensverwandten Geschöpfen diese Nukleinkörner als Fremdkörper wirken und in die Ausgeglichenheit Unruhe und Störung bringen!. Das Grundprinzip alles Seienden aber ist Harmonie. Wie die Harmonie unseres Wesens von der Zellsubstanz mit abhängig ist, so ist unser Rhythmus von der Zusammensetzung unseres Blutes mitbedingt. Es ist naheliegend, daß auch die Einflüsse der uns gemäßen oder nichtgemäßen! Ernährung auf diesem Felde sich entsprechend geltend machen. Wird dort durch sin Genußverbot das Harmonieprinzip gewahrt, so wird hier durch ein anderes das Fünktionsprinzip geschützt. Im Rahmen dieses Aufsatzes kann dies alles nur angedeutet werden, aber die Fortschritte der Wissenschaft geben zu der Hoffnung Veranlassung, daß für die verschiedenen regulativen Prinzipien des Lebens die korrespondierenden, vorgeschriebenen Satzungen allmählich erkannt werden, ja, daß umgekehrt an Hand der Ge- und Verbote diese Prinzipien erst recht eingesehen und gewürdigt werden/was für die Entwicklungslehre von unschätzbarem Vorteil wäre. - Ich schließe mit einem Gedanken des Ethikers Lazarus, daß die Gesetze nicht nur deshalb gut sind, weil sie Gesetze sind, sondern, daß sie deshalb Gesetze sind, weil sie gut sind. BiOX-ULTDA Die sfarfuchäumende Sauerstoff-Zahnpe&tm wird von vielen Zahnärzten als beste Zadnvasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 60 Pf. BfOX-IHIUNDWASSER Flasche 1.— und 2— Mk. Gegen lockere Zähne. Drob e-Flasche gratis. INnx fvd A. fl.. Dresden Wochenrundschau. Zur Agency-Frage. In den letzten Wochen haben eine.Reihe von größeren Organisationen und Körperschaften Stellung zu der Frage genommeni, ob sie bereit sind, an dem Ausbau der Iewish Agenc.y in der ihr durch das Weizmann-Marfhall-Abkommen gegebenen Form mitzuwirken. Von vornherein bedeutet es für jede Organisation, die sich auch nur einigermaßen ihres idealen Wertes und ihrer Würde bewußt ist, ein außerordentlich schweres moralisches Opfer, in ein Organ einzutreten!, das von vornherein zur Hälfte einer einzelnen Partei ausgeliefert ist, die überdies den Vorsitzenden stellt, und das dann für den Rest der Sitze *l-o des Einflusses in amerikanische Hände legt. Die europäischen Vertreter bilden somit im besten Falle nur eine Dekoration, und das, was sie als Vertreter alter europäischer Gesellschaften und Organisationen der Agency cm Einfluß und Ansehen hinzubringen, ist jedenfalls unvergleichlich bedeutender, als das rein finanzielle Moment. Man kann es daher sehr wohl verstehen, daß ein Teil der Voten in ablehnendem Smne ausgefallen sind. Sowohl der Zentralyerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens als die Vereinigung für das liberale Judentum, ebenso auch die liberale Vereinigung Englands haben den Eintritt, letztere auch die Beteiligung an der Vorkonferenz abgelehnt. Dabei war der Zentralverein genötigt, in der F o r m seiner Resolution auf die zionistische Stimmung eines Teiles seiner Jugend weitgehende Rücksicht zu nehmen. Opferlsd und Lebensheiligung. Lin rätselhafter Midrasch. Von Robb. Dr. H. Gescheit in Pohclih (Mähren). Emen Weihrauch, durch dessen Darbringung sie nicht bloß Gott huldigen, sondern auch sich selbst «in wenig berauschen wollen, zünden Nadab und Abihu im neu eingeweihten Heiligtum an. Da aber Gott nur nach ,*rnn ml“,? reinem Weihrauch verlangt, in den sich nicht mischt der Duft des Lorbeers, den menschliche Eitelkeit für sich heischt, tötet «ine Flamme die beiden Aronssöhne vor dem Altar. Doch ist Ehrgeiz, der mit der Ehre für Gott nicht geizt, ein Verbrechen, für das Tod die gerechte Strafe? Moses fühlts, daß das Gericht, welches zwei blühenden Menschenleben ein frühes Grab öffnet, zu streng sei und sagt zu Aron als Trost und Beschwichtigung, v-ns, mpa ra.-n 'n -m i?rr Km daß Gott durch den Tod derer, die ihm nahe stehn, geheiligt sein und bekunden will, daß er kein Ansehn achtet und die, welche ihm am liebsten, strenger noch als andere straft. Und her Sturm in Arons Brust legt sich. Aron klagt nicht, '-tu* an 2tron schweigt. Er schweigt? Was hätte er auch sagen können, stagt der sn-m- Er hätte sagen können, daß es heißt: •m^ny -u?a Vw '2'»rn oi'ai „Am achten Tag führt jedes männliche Kind in den Bund Abrahams ein". Ein Tadel gegen Moses, der seinen Sohn nicht am achten Tag in. den Bund Abrahams einführte, sich dadurch verging, von Gott wohl bedroht, aber nicht getötet wurde, (M. II, 4, 24 26) sollte diese Antwort, wie man nach oberflächlicher Betrachtung anzunehmen geneigt wäre, nicht sein. Denn Aron, dem armist alles Scharfe und Kantige fremd und Moses ist dran unschuldig, daß ihm Gott das Vergehen verziehen, bä Nadab und Abihu hingegen dies nicht getan. Aber durch diese Gegenüberstellung — und nicht bloß durch diese — drängt sich die Frage auf, ob dem Gotteswesen, das Langmut und Erbarmen ist, das Urteil, welches er am Tage der Heiligtumsweihe gefällt, auch entsprach. Am Altar des Götzen freilich kohlten Menschenglieder, weil er Leben wohl nicht gegeben, aber um so Imehr Menschenleben verschlang. Der Gott der Heiden 'war in des Wortes eigentlichstem Sinne ein blutsaugerifcher Herr, der nicht wie Israels Gott na mb rrwni das Herz, sondern das Herzblut von seinen Anbetern verlangt und liebte, wenn er durch den Tod von Menschen geheiligt ward. Doch unser Gott liebt den Menschen, seiner Schöpfung Krön' und Pracht und wo er ihm das Leben nimmt, nehmen muß, wie nach Adams Sündenfall, entschädigt er ihn durch das Wissen, indem er ihm mit dem bitteren Tod zugleich die süße Frucht der Erkenntnis darreicht. Und selbst der Schall der Posaune mahnt uns daran, daß Menschenblut zu teuer ist, um selbst am Altäre Gottes vergossen zu werden. Und nun heißt es Äennoch nicht, vrsnii nmnn 'n ’a’Stt 1-!' „zu teuer ist für Gott der Tod seiner Frommen", sondern umgekehrt iznpK mpa Gott will durch den Tod derer, die sich ihm am meisten genähert, geheiligt sein? Hat Gott nicht befohlE jedes männliche Kind führt attr achten Tag ein in den Bund Abrahams. Was ist das Kind? Leben, Leben das eben begonnen hat. Und wir führen das Kind schon acht Tage nach seiner Gebürt, das bloß ein vegetatives Leben fristet, in Abrahams Bund ein. Warum so bald? Weil Gott nicht Opfertod, sondern Lebensweihe durch die mx» schon in des Kindes zartestem Alter heischt, durch das Leben will geheiligt fein und von der Wiege, dem Gegenpol! des Grabes, den von . ihm begnadeten Sänger singen läßt: o-p^-i ma ny mo’ „Daß der Ewige durch das Älllen der Kinder an der Mutterbrust hienieden gründet sein Reich". Aus der Wölbung der dumpfen Gruft hingegen tönt ihm kein Lob entgegen, denn so heißt es: xi-i rr-^n cmn-si> ran '11' „keinen Preis zollen ihm Tote und nicht heiligt ihn, wer in Grabesstille entweicht". Dies hätte Aron entgegnen können, meint der unns. Doch vielleicht will Gott Lebensheiligung und Opfertod zugleich. Wer kennt feine Wege, wer ergründet seine Weisheit! Und der Sturm in Arons Brust legt sich Aron klagt nicht, ' pnx am Aron schweigt. Kleines Feuilleton. („Hamidrasch Wehamatze".) Von dem Werke Enran niwmni des Rabbi Jecheskel Libschitz, Kalisch, dessen erste Teile alle für Agäda und Drusch interessierten Kreise im Fluge erobert hatten, ist soeben der 5. Teil zu a'-a'-r erschienen. Das ganze Werk liegt nun komplett, säntlicheWochenabschnitte umfassend, da. Jedem Drusch folgt eine haIachische Abhandlung. Zu manchen Wochenabschnitten sind 2 oder 3 Homiiien ethälten. Schon ein oberflächlicher Einblick lehrt uns, wie würdig sich dieser fünfte Bruder den anderen an die Seite stellt. Die gleiche Fülle, von neuen Gedanken in prachtvoller Formulierung und einem klassischen Hebräisch, Las einem modernen neuhebräischen Schriftsteller alle Ehre machen' würde. Alte Fragen und neue Zeitprobleme kommen zum Äustrag, alles unter ,1 i i-