Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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O.. direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Pr. 19803. — Archerdem an: Postsparkasse Wien Warschau Nr. IM767. — Postscheckamt Zürtch Nr. Vlll 7254 — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. Bukarest - Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Versuchsstationen zu erreichen, die dem Entwicklungslehre und Judentum; Von Rudolf Neugatz. II. Original fahr' hin in deiner Pracht! Wie würde dich die Einsicht kränken: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Das nicht die Vorwelt schon gedacht? Goethe, Faust II. In seinem großangelegten Werke „Barstlai", Sprache als Schrift der Psyche, erwähnt der Verfasser Ahron Marcus eine geheim gehaltene Kosmonogie, welche, nur im engeren Kreise verläßlicher Schüler überliefert, sich ein volles Jahrtausend verborgen erhalten konnte, bis R. Mose Chaim Luzzatto (1703—1743) sie das erste Mal m einem vollständigen System der Schrift anvertraute. Aus diesem luzzatinischen Schema seien hier einige Paragraphen in starker Kürzung nach Marcus wiedergegeben: 1. Es war die Unterlage für eine Mannigfaltigkeit von Mängeln und Unvollkommenheiten gegeben, auf welcher sich die Entwicklung der verschiedenen Geschöpfe aus den verschiedenen Zuständen der Unvollkommenheit zu einer höheren Vollkommenheit, stufenweise vollzieht. 2. Diese Entwicklung geht nicht in gerader Linie, sondern in Rückfällen und erneutem Fortschritt. 3. Die Schöpfung erfolgte nicht mit der Vervollständigung der Formen, sondern stufenweise von der geringsten Vollkommenheit zu immer höheren entwickelt. Zuletzt wird die Notwendigkeit der unvollkommenen Vorstufen in der Vollendung sichtbar. 4. Der Schöpfungswille bestimmt den Schöpfungsplan, das Schöpfungsziel und den in weiter Ferne unsichtbaren teleologischen Endzweck nach von ihm geschaffenen Gesetzen, durch Einschränkung del: unbegrenzten Freiheit des Unendlichen, Unfaßbaren, keiner Gesetzmäßigkeit, weil überhaupt keinem Begriff Erreichbaren. 5: Innerhalb dieser Beschränkung eines nach außen unbeschränkten Kreises gibt es eine Freiheit der Entwicklung der Erdmonade z. B., welche bestrebt ist, die Gesetzmäßigkeit des Schöpfungsplanes und Schöpfungszieles, welches für sie die Hervorbringung des Geschöpfes Mensch bildet, auf zahllosen komplizierten Bau dieses Geschöpfes als Spiegel des Universums vorangehen. 6. Der Schöpfungsgedanke bestimmte zuerst unvollkommene Geschöpfe, d. h. solche, die viele daseinsfeindliche Bedingungen m sich schließen, an denen sie zu Grunde gehen mußten. Die Organe, auch der einzelnen Geschöpfe, sind nicht in Harmonie mit einander, es herrscht noch eine daseinsfeindliche Correlation. Ursprünglich versucht sich die Entwicklung in der Hervorbringung des Unvollkommenen, daher die unvollkommenen Geschöpfe, von denen der zweite Vers des Genesis spricht, bis die Unvollkommenheit selbst sie vernichtete und die Aussonderung eintrat. Nach diesen Zuständen wurden die Dinge in Stusenordnung gebracht und nach einem höheren System gebildet. Es wurde den Geschöpfen ein aüserwählteres und harmonischeres Dasein gegeben, so daß die zweite Bildung nur noch schwachen Anlaß zu Katastrophen gab. Der tiefe Plan geht dabei darauf aus, auch die atavistischen Reste nützlich umzuwandeln. Im Zusammenhang hiermit wird eine Sentenz R. Äoses Karos erwähnt, daß der Sinn aller / Verbote darin beruht, die atavistischen Reste und Verwandtschaften des Tohu abzustoßen. Hiev wirddie moderne Entwicklungslehre hundert Jahre vor Darwin, jedoch ohne die grundlegenden Jrrtümer und Widersprüche des Darwinismus', vorweggenommen. Von erstaunlicher Kühnheit ist nun die Folgerung, die Ahron Marcus aus obigen Thesen zieht, wenn er.sagt: „Harmonie und Dissonanz, das find die zwei einander gegenüberstehenden Natursysteme (die sich bis ins Mineralreich hinab in der Teilung in amorphes, formloses und formerstrebendes, kristallinisches Gestein verfolgen lassen), die im Verhältnis zum normalen Menschen der Thora in rrsv und mnv geschieden werden.". rrvv unrein, unsrer sein — lautverwandt mit und die nach S. R. Hirsch ein Mischen und zuketzt ein völlig unterscheidungsloses Untergehen in die Masse des Fremdartigen bedeuten — ist der Gegensatz zu ninv rein, frei, geläutert sein. In genialer Intuition wird hier dem negativen Prinzip der Auslese, die nur ausmerzen kann, ein positives entgegengestellt: die Zielstrebigkeit der Materie nach einer ihr innewohnenden Reinheit (Taharoh). Damit ist der Entwicklung, dem Weltprozeß, Ursache und Richtung vorgeschrieben. Die Richtung von Tome zu Tohaur. Und das Ziel dieser Strebungen ist die Harmonie in welche auch die Dissonanzen eingehen müssen. Disharmonie kann nicht von Dauer sein, sie führt zur Katastrophe. Nun lassen sich gerade im Mineralreich bedeutsame Erscheinungen auszeigen, welche für diese Theorie sprechen. So ist bei den Edelsteinen nicht der Stoff das Besondere oder Seltene, sondern die Anordnung der Atome. Die Regelmäßigkeit in der Ordnung der atomistischen Bausteine macht hier den Kohlenstoff zum wertvollen Kristall (Diamant), die Regellosigkeit dort denselben Stoff zur geringwertigen Steinkohle. Die Ordnung der Atome vollzieht sich sozusagen selbsttätig, wenn der Stoff unter gewisse Bedingungen gebracht wird, welche die Affinität begünstigen. Die Affinität selbst ist eine Eigenschaft oder Kraft der Materie, welche Atome zu Molekülen usw. zusammenkettet, und wahrscheinlich eine Folge gleichgerichteter rhythmischer Atomschwingungen: der kleinsten Stoffteilchen, Elektronen genannt. Diese Affinität wirkt sich aus, sobald die Substanz in Freiheit gesetzt wird, und die angewandte Ehemie, welche synthetisch, das ist aufbauend, Edelsteine herstellt, antizipiert damit eine natürliche Entwicklung zu einer höherenharmonischeren Form. Was zeigt nun die analoge Betrachtung in Bezug auf die menschliche Entwicklung? Der Mensch ist nach Kant das Subjekt der Moralität, also kann lediglich die Erwerbung, Bewahrung und Vervollkommnung d.er sittlichen Integrität seines Wesens richtunggebend und zielsetzend für ihn fein. Die so erstrebenswerten hohen moralischen Qualitäten sind jedoch nicht vererblich. Nur die physischen Anlagen sind in der Erbmasse enthalten. Und wenn es fraglos ist, daß dem Einzelindividuum keine vornehmere Aufgabe gestellt ist, als sich zur sittlichen Persönlichkeit emporzuringen, so wird die Plfege und Erhaltung der physischen Anlagen, die dies ermöglichen und fördern, sowohl für das Individuum, als auch für die Gattung zur, gebieterischen Pflicht. Also auch beim Menschen ist der Weg: zum Aufstieg ein indirekter und geht auf Beeinflussung des physischen Lebens, um das psychische freizusetzen. Um seine höchste Bestimmung zu erfüllen, das ist, um moralisch zu sein, Muß der Mensch harmonisch werden, aber diese Harmonie wird von seinem Trieblebenin erster Linie bedroht. In Parenthese: für die Sinnenwelt ist wohl die Harmonie, für