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Der Israelit · 1929-03-28 · Heft 13 (28.3.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 13 (28.3.1929)
Date
1929-03-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 13 Der Israelit hat sich jedoch manches geändert. Das Unsichere und Ungewisse, der überspannte Zustand und das überhetzte Leben, 'einiger Rauschjahre ist dem nüchternen, systematischen Tun des Alltags gewichen. Aber in diesem Alltag bietet sich dem forschenden Auge manches Zeichen, das auf ein Nachwirken der Saat des Antisemitismus, au eine andere Kampfesweise schließen läßt, mit der er sein Ziel — Verdrängung des Judentums aus Staats- und Wirtschaftsleben — zu erreichen sucht. Man sollte das, was heute immer mehr Tendenz zu werden scheint, Antisemitismus nennen. Aus dem lauten Gezeter der Judenfeinde, aus ihrer bewußten offenen Gegnerschaft ist eine systematische Ignorierung und Ausschaltung geworden, die sich in manchem zeigt und, vor allem, ohne viel Worte.vollzieht. Vielfach hat man auf Gefahrenmomente aufmerksam gemacht, die unserem heutigen Wirtschaftsleben in Bezug auf das Judentum innewohnen. Die gegenwärtige Wirtschaftslage und Wirtschaftsentwicklung wird durch das Wachstum und die Vorherrschaft der Großunternehmung gekennzeichnet. Nicht mehr die Einzelunternehmung kleineren Ausmaßes mit ihrer persönlichen Wirtschaftsweise ist Ausdruck des Wirtschaftslebens, sondern, das Großunternehmen, der Konzern gibt heute der Wirtschaft ihre Gestalt. In der Form der Aktiengesellschaft, der entpersönlichten Form des wirtschaftlichen Unternehmens mit der Trennung von Besitz und seiner Verwaltung und Verfügung sind Riesengebilde entstanden, die heute 62 Proz. des gesamten deutschen Aktienkapitals umfassen. Der Konzern bringt neben seiner finanziellen Schlagkraft eine gewisse „Verbeamtung" mit sich, und damit eine schematische Einreihung des Einzelnen in den Gang des wirtschaftlichen Prozesses. Und hier dringt allzu sehr das politische Moment ein. Wo der Jude nur soviel leistet wie sein gleichgestellter andersgläubiger Kollege, da. drängt/man ihn bald hinaus. Deshalb jene Tendenz der Konzerne, Juden wenig oder fast gar nicht anzustellen. Ein Blick auf die Konzernbildung in den ein? zelnen Wirtschaftszweigen zeigt die Tatsache, daß grade in den Industrien, die überwiegend in Konzernen zusammengesaßt sind, von einem jüdischen Einfluß nicht die Rede sein kann. Kaliindustrre, Bergbau, Eisengewinnung, chemische Industrie, Wasser-, Gas- und Elektrizitätsgewinnung, See- und Küstenschiffahrt gehören hierher. In diesen Wirtschaftszweigen ist das Kapital zwischen 80—90 Proz. in Konzernen zusammengeschlossen. Je gefestigter und einheitlicher aber eine Jndustriegruppe ist, umso größer ist ihr Einfluß innerhalb der Wirtschaft. Und dieser wirtschaftliche Einfluß geht mit politischem Hand in Hand. So ergibt sich jene Erscheinung, die man als „Oekonomisierung der Politik" bezeichnet hat. Denn die Politik wird heute vorwiegend bestimmt von den Bedürfnissen der Wirtschaft. Den erwähnten Wirtschaftszweigen stehen diejenigen gegenüber, in denen sich mehr jüdischer Wochenkalender. v. 30. März bis 6. April 1929 / o. 18. — 25. Weadar 5689. ~fo' Samstag :ö 30 *V7K 18 ms 's is Sonntag S& 31 19 Montag 1 20 Dienstag 2 21 Mittwoch o. 3 ■ 22 Donnerstag 85 4 23 Freitag 5 OA VINN P212V VINN 'S '2'»v r * Mauled Dienstag mittags Samstag 6 25 12 Uhr 12'/» M. Qualitäts- Moritz Wolf Zeil 49 Telefon Römer 90. Verantwortlich für den allgemeine« Teil und da» Femllero» 8. Schach «owttz» Frankfurt a. SW.; Inserate i. B.r LSchach, «owitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L «anfman» in Sprendltngen (fit. Offenbach). — Verla, .Israelit", D.m.b.H., Frankfurt a. SW, — Druck Sermon Verlag, Aktiengesellschaft, Frankfurt a. M. «Einfluß findet. Hier schwanken die Zahlen des m Konzernen zusammengeschweißten Kapitals zwischen 38 und 3 Prozent des Gefamtkäpitals des betreffenden Industriezweiges. Textil- und Bekleidungsindustrie, Grundstückshandel und Holzindustrie'' fallen hierunter. <y Eine Erklärung findet diese jüdische Mehrbeteiligung in den nicht konzernrevten Industrien wohl in der psychologischen Haltung des jüdischen Menschen. Der Jude ist mehr der persönlichen Initiative des einzelnen selbständigen Unternehmers zugeneigt. Er strebt nach Selbständigkeit. Die Ideen des wirtschaftlichen Liberalismus sind von ihm noch nicht vergessen. Deshalb waren vor dem Kriege auch mehr als die Hälfte aller jüdischen Erwerbstätigen selbständig. Heute hat sich dies Bild verändert. Die immer größer werdende Entvölkerung des platten Landes und der kleinen Städte und die Zusammenballung großer jüdischer Massen in den Großstädten hat die Gefahr einer Proletarisierung weiter Kreise gebracht. Die Abtretung der deutschen Gebiete nach dem Kriege, Inflation und Stabilisierungskrise sind die Ursachen für diese soziologische Umschichtung. Und immer mehr wächst das Wirtschaftsleben in neue Formen hinein. Neben der Konzernbildung bedarf die Betätigung der öffentlichen Hand besonderer Erwähnung. Gerade hier liegt ein Faktor, der aus der heutigen, Wirtschaft nicht mehr fortzudenken ist. Im allgemeinen wird von der Privatwirtschaft diese „kalte Sozialisierung" bekämpft, weil der öffentliche Betrieb eine große Konkurrenz für die in gleicher Weise tätigen Unternehmungen bedeutet. Wenn wir sie unter dem Gesichtspunkt der Betätigungsmöglichkeit jüdischer Wirtschastsmenschen betrachten, so ergibt sich hier dasselbe wie bei den Konzernen. Der Jude als Beamter wird abgelehnt. Als drittes Element endlich, das die Tätigkeit jüdischer Wirtschaftsmenschen einengt, ist die Genossenschaftsbilüung und die Konsumvereinsbewegung zu nennen. Beide gewinnen! im Handel immer mehr an Bedeutung. Ihr Einfluß äußert sich vorwiegend in der Kleinstadt und auf dem platten Lande. Der jüdische Getreidehändler in der Provinz z. B. hatte im Anfang des Jahrhunderts so gut wie ein Monopol: Heute teilt er seinen Wirkungskreis mit mehreren andersgläubigen Kollegen. Und daneben sind ihm die landwirtschaftlichen Genossenschaften zu einer gefährlichen Konkurrenz geworden. Dem politischen Antisemitismus ist der wirtschaftliche gefolgt. Diese Betrachtung einiger herausgegriffener Züge, die sich unverkennbar aus der Gesamtproblematik des wirtschaftlichen Geschehens herausheben, gibt Anlaß, .immer wieder auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die sich heute dem Juden entgegenstellen. Diese^ Beschränkungen und Einengungen werdest efst in Zukunft ihre vollen Wirkungen zeitigen, st Ob eine merkliche Berufsverschiebung des Mischen'Nachwuchses die 'Folge sein wird, ist nicht vorauszusehen. Doch sollte die heutige Wirtschaftslage zu/''henkey geben. 'Denn wenn der Jude als Wirtschaftler um seine Existenz zu ringen hat, wird auch sein religiöses Fühlen )avon berührt. So weist die gegenwärtige Wirtchaftslage auf die gesamte Problematik heutiger Religiosität hin. . . . Denn in einem besonderen Verhältnis zu allen diesen Schwierigkeiten steht der traditionsgebundene jüdische Mensch.' Ist ihm doch die Richtschnur ür all sein Handeln stets gegeben. .Und doch klafft grade im Wirtschaftsleben ein tragischer Zwiespalt zwischen Sem und Sollen. Die Frage der Sabbatheiligung spieltH hier besonders eine große Rolle. Der oben geschilderte hemmende Einlug äußerer Mächte macht sich für den traditionsreuen Juden in verstärktem Maße bemerkbar. Ganz deutlich zeigt sich dies in der Kleinstadt, wo noch oft die jüdische Kaufmannschaft zahlreich vertreten ist. Die Sabbatherligung wird aber zum großen- Teil illusorisch gemacht dadurch, daß einige, ja die meisten Kaüfleute ein Schließen der Geschäfte für unmöglich erklären — unmöglich, weil man es sich selbst unmöglich macht. Und dann legt eine deutlich hervortretende Animosität _ 28. März 1929 die für die Geschäftswelt der Kleinstadt wesentlichen Wochenmärkte grade ausi den Sabbat. Und doch könnte ein einiges Wollen, all diesem begegnen. In der Großstadt geht der einzelne Geschäfts-- mann unter in der Maste der übrigen.-Hier ist ein Appell an das moralische Gewissen jedes einzelnen notwendig. Wie überhaupt all diese hier berührten Fragen von Solidarität und Gewissenhaftigkeit des einzelnen Menschen abhängen. Sie gilt es zu. wecken. Und dann, vor allem, vom Erkennen weitetschreiten zur Tat. Selbsthllfe ist nötig. In jüdische Geschäfte gehören auch jüdische Angestellte. In jüdische Geschäfte gehören auch jüdische Käufer. Sich gegenseitig, stützen, heißt sich gegenseitig schützen! Korrespondenzen « ßacbricoten. Deutsches Reich. Von der Frankfurter Jeschiwah. Frä n k f u r t a>. M., 16. März. Das Wintersemester der Frankfurter Jeschiwah fand am Sonntag den 24. März durch das große Verhör feinen Abschluß. In Anwesenheit des Jeschiwah-Kuratoriums und von Vertretern des Vorstandes und Gemeinderats der Israelitischen Religionsgesellschast sowie vor einem zahlreichen Publikum aus dem großen Freundeskreis der Jeschiwah sprach zunächst Herr Rabbiner Dr. Josef Breuer tiefbewegte Worte des Gedenkens für Rabbiner Dr. Jonas Bondi s. A. Mainz, der jahrelang! ander Jeschiwah als Dozent für Tnach und jüdische Geschichte gewirkt hatte, und dessen vorbildliche Persönlichkeit vom Redner plastisch gezeichnet wurde. Im Anschluß daran wandte sich Herr Rabbiner Dr.. Breuer an die die Anstalt verlassenden Bachurim und sprach die zuversichtliche Hoffnung aus, baß sie auch nach dem Verlassen der Jeschiwah deren Idealen treu bleiben. Im zurückliegenden Wintersemester wurde die Jeschiwah von 72 Hörern besucht. Cs darf mit Genugtuung, fesigestellt werden, daß es ihr auch in diesem Jahre gelungen ist, eine stattliche Zahl von westeuropäischen Bachurim (Deutschland, England, Frankreich und der Schweiz) in ihrer talmudischen Ertüchtigung soweit zu fördern, daß von ihnen erwartet werden kann, daß siebe, ernster Weiterbildung, zu -tüchtigen Bene Thora heranrerfen werden. Das gilt sowohl von denen, die die Jeschiwah verlassen, um sich dem Geschäft zuzuwenden, als auch von den Hörern, die eine akademische Laufbahn erwählen.- In zunehmendem Maße setzt sich. Me Erkenntnis durch, daß gerade'Akademiker, die sich ihrer jüdischen Lebensaufgabe-bewußt sind, ihren Bildungsweg über M Äeschiwah. nehmen- 'müssen. Frankfurt als'llnivsrsitatsstadt .bildet hierzu willkommene Gelegenheit. Den --akademischen-Hörern wird die Immatrikulation ander Universität gestattet, wenn auch erwartet wird/'daß sie zunächst -ihren ganzen Fleiß dem intensiven Thorastudium weihen. - Aber auch weiterhin besteht die. Möglichkeit, während der Studienzeit an der Universität als außerordentlicher Hörer seine Fortbildung auf der Jeschiwah zu finden. Wenn auch die Jeschiwah als Stätte -der Thorawifsenscha-st sich an alle Kreise wendet, die ihrer'jüdischen Lebensberuf durch Erwerbung gründlicher Thorakenntnis gerecht werden wollen, soträgt sie nichtsdestoweniger der besonderen Berufsausbildung, ihrer Hörer Rechnung. So ist sie dazu übergegangen, die durch den Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands ins Leben gerufene Schochtimschule ihrer Lehrverfassung anzugliedern. Und wie zu allen Zeiten Rabbiner 'aus Jeschiwoth hervorgegangen sind, so haben Hörer, die die Eignung zu diesem Beruf besitzen, auf der Frankfurter Jeschiwah die Möglichkeit, -in systematischest Lehrgängen ihre vollkommene rabbinische Ausbildung zum Abschluß zu bringen'. Sie hat dies in zurückliegenden Jahren bewiesen und darf mit Befriedigung feststellen, daß auch zurzeit 'tzine. Reihen vonHörerndie Ge-

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