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Der Israelit · 1929-03-28 · Heft 13 (28.3.1929) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 13 (28.3.1929)
Date
1929-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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28. März 1929 D e r I sraeli t Nr. 13. Seite 3 urteilsfreier Würdigung ihm augenscheinlich, die seelischen Vorbedingungen und die wissenschaftlichen Sonderkenntnisse fehlen. Es ist nicht abwegig, wenn Freud dartut, wie nur Meisterung der Leidenschaftsdämonie und Hemmung und Umzäunung des Trieblebens Kultur ermöglicht und ihren Bestand wie ihre Entfaltung gewährleistet. Es ist auch denkbar, daß eine starke willensgewaltige Minderheit einer gefügigen und nachgiebigen Mehrheit ihren Willen aufzrvang. - Es wäre das geschichtsphilofophifch etwa auf eine Stufe zu stellen mit Nietzsches Theorie über die Entstehung der Herrenmenschmoral, daß das, was stark und der Herrenfchicht förderlich war, auch gut ist im ethischen Sinne, oder mit der Anschauung vom Sklavenaufstand der Moral, bei dem die Mehrheit der Schwachen die ihnen nützlichen Anschauungen der Mitleidsethik der Minderheit aufdrängte. Jede Kultur beruht auf Zwang und Trieb- Verzicht, auf Geboten, die Aufopferung, ^auf Verboten, die Entbehrung heischen. Im Gewissen nimmt das „Ueber-ich" das kleine Einzelich unter feine Leitung. Bereits in der Schrift vom „Ich und dem Es" hatte Freud den Uebergang vollzogen zur Annahme eines Ueberichs als der Grundlage von Religion und Sittlichkeit. Dieses Ueberich ist aber, was Freud augenscheinlich nicht sieht, identisch mit dem Unbewußten! Eduard v. Hartmanns und dem U e b e r bewußten D r e w s '. Es ist in der Sprache moderner Relig'ionspsychologie der Geist im Gegensatz zur Seele, dem Lebensorgan. Dieses Ueberbewußtsein, das wahrhafte Geistige im Menschen, ist das Organ, durch das der Allgeist in die Menschen hineinrauscht und ihnen Erleuchtungen und Eingebungen, Inspirationen und Offenbarungen vermittelt, es ist das Organ, durch das die religiöse Wirklich k e i t v o n Menschen e r l e b t u n d ersah r e n wird. Aber dieser so nähe liegende Ausblick in eine Tiefenpsychologie der Religion wird von Freud nicht gegeben — denn Religion ist ih m J llu s i o n. Aus dem Wunsche, die Schrecken der Natur zu bannen, mit der Grausamkeit des Schicksals fertig-zu werden, sich für fein Leid zu entschädigen, die Ausübung der Kulturvorschriften zu schützen, sei Religion Mtstanden. Bereits Cicero meint: die Furcht hat die Götter gemacht. Auch Feuerbach erklärt Gott und Götter für Wunschwesen. Und nicht weit davon liegt die Art, wie Nietzsche die Entstehung der Religion begreiflich macht. Freud gibt zu, daß diese Gedanken, die er über das Werden der Religion beibringt, von anderen lebendiger und kraftvoller ausgesprochen worden seien. Er ergänzt seine Darlegung über die Genese der Religion durch eine geistreiche, freilich wissenschaftlich nicht sichere Hypothese. Das erste Ideal des Kindes ist sein Vater, das Urbild des starken, allgewaltigen Weltenvaters. Daß d a s V a t e r i d e a l zu den frühen Konzeptionen des Ich gehört, und, weil hochwertig, auf die religiöse Entwicklung Einfluß geübt hat, ist wohl richtig. In Heilers großem Werke über das Gebet mag man unter dem Stichwort: Kindfchaftsverhältnis die vielen Beispiele primitiver Gottvaterverehrung Nachlesen. Richtig ist auch die große Külturb edeutung der Religion. Unter' ihrer Einwirkung ist die älteste Wissenschaft als Priesterleistung entstanden. In den Dienst der Religion trat alle Kunst, Gesang, Dichtung. Und dem Schmucke der Tempel, an denen die Architektur sich zu herrlicher Schönheit vollendete, war Plastik und Malerei geweiht. Sittliche und staatliche Ordnung bildete sich unter ihrem Schutze. Illusion aber ist es, anzunehmen, als könne sich die Kultur ohne Religion erhalten. Es geht eine Zeitlang ohne Religion, wie eine belagerte Festung noch eine Weile von ihren Vorräten ihren Bedarf deckt, schließlich aber wird solche Kultur atrophisch, sie stirbt ab, weil ihr der Zustrom von Kraft aus einem welMberlegenen Wirklichkeitsleben mit ihren Antrieben und Impulsen aus einer geistigen Ewigkeit fehlen, wie ja Goethe die glaubenslosen Perioden der Geschichte als unfruchtbar und schwächlich in einem bekannten Worte bezeichnet hat. Und weiter: wer die Religion darum als eine Illusion abtu-n zu können glaubt, weil sich bei ihrer Entstehung Wunscherfüllung als seelischer Mitfaktor zeigt, für den hat Kant nicht gelebt, für den haben alle modernen Religionsforscher vergeblich um den Wirklichkeitsgehalt und die Wahrheitsfragen des religiösen Phänomens gerungen. E ch t e s Geistesleben ist ohne die Voraussetzung eines absoluten, göttlichen Geisteslebens nicht möglich und in der Religion wird die ewige Wirklichkeit unmittelbar erlebt und erfühlt. Wen >k, nicht der GeistseinemAnspruch auf prinzipielles Verständnis des Seins entfagen foll, muß es eine h ö ch st e g e i st i g e Realität geben. Die Tendenz aller Philosophie, alle bunte Mannigfaltigkeit der Welt aus eine höhere Einheit zu gründen, ist ja von dem Gefühl getragen, daß alles in dem Ewig-Ureinen wurzelt. Da ist die Heimat'jenes Drangs, der das kleine Ich treibt, sich zum kosmischen Zusammenhang zu erheben. „Der Schluß der Naturphilosophie", schreibt 8eallle8,1a philosopie de Lachelier, „ist, daß das Wirkliche der Welk Gott ist." (S. 115.) Die höchste Frage der Philosophie, die vielleicht eher religiös als philosophisch ist, isk der Uebergang von der I d e e Gattes zum lebendigen Gott. Nur die Religion last die Probleme, d i e d i e P h i l o s o p h i e stellt. Sie allein lehrt uns, wo die wahre Wirklichkeit ist. Nur indem wir uns zu Gott erheben, sehen wir und beurteilen wir die Dinge, wie sie sind. (Vgl. Biran, Pensees, S. 270.) Ebenso führt das sittliche Leben zum religiösen Leben: der Mensch, den in seiner Lebensführung das Gesetz der Vernunft herrschen läßt und sich von den Besonderhelten des endlichen Daseins befreit, vereinigt sich eben dadurch mit dem Unendlichen und nimmt keil an seiner allmächtigen Kraft. So ist die Religion auch die Quelle des sittlichen Lebens. Doch das ist ja der Jammer, daß Freud eine so eminent philosophische Frage, wie die nach dem Werte der religiösen Sinngebung des Lebens garnicht unter Berücksichtigung der Antworten behandelt, welche die moderne Fachphilosophie gibt. Er leidet an der in Naturforfcherkreisen immer noch verbreiteten Scheu vor aller Metaphysik. Darum sieht er das alles garnicht, was wir soeben angeführt haben, sondern würdigt die gewaltige Problematik des Religiösen lediglich von der kleinen Ecke seiner engsten S p e zi a l w i sse n scha ft und muß dann erfahren, wie recht Goethe hat, wenn er zu Eckermann sagt: „die Weltanschauung aller solchen in einer einzigen ausschließlichen Richtung besängenen Theoretiker hat ihre Unschuld verloren, und die Objekte erscheinen nicht mehr in ihrer natürlichen R e r n h e i t." Die Latjudung des Wirtschaftslebens. Von Arno/Herzberg in Heidelberg. Nachkrieg und Inflation haben für die deutsche Judenheit manches neue Problem geschaffen. In besonderem Maße traf sie die Inflation mit der Vernichtung des Rentnertums und der Dezimierung des Mittelstandes. Und die Gegenwart zeigt manche Tendenz, die einer Betätigung jüdischer Wirtschaftsmenschen feindlich oder doch wenigstens allzu indifferent gegenübersteht. Es war dem Antisemitismus Vorbehalten, auf Grund eines ihm günstigen labilen Seelenzustandes des Nachkriegsmenschen, das Gespenst jüdischer Wirtschaftsdiktatur zu erfinden. Inzwischen Rcrbbr ©cnmtet Ehrenfeld (Chasan Eofer). Das Vorderblatt trägt das BAd des Herausgebers. Aus diesen spärlichen Angaben sieht man bereits, mit welch kostbaren Geschenke der Herausgeber die räbbiinifche und jüdischwissenschaftliche Literatur bereichert hat. (Zum 60. Geburtslage des Kardinal-Erzbischofs von Faulhaber in München.) Kardinal-Erzbischof Michael von Faulhaber, geboren 1869 in Heidenfeld (Unterfranken), feierte am 5. März feinen 60. Geburtstag. An diesem Tage vereinigten sich die Wünsche der jüdischen Einwohner Bayerns mit denen ihrer katholischen Mitbürger für einen, recht langen, gesunden Lebensabend des Kardinals. Die bayerischen Juden werden es dem Jubilar niemals vergessen, daß er in den Zetten der schlimmsten Judenhetze im November 1923 öffentlich und mannhaft für sie eingetreten ist, und wünschen, daß Kardinal Faulhaber fein vom Geilste der Menschenliebe getragenes Wirken noch jahrzehntelang mit Gottes Beistand fortsetzen möge. Anfangs November 1923 (am Allerseelentag) war es, als Hitler die Hetze gegen ine jüdische Bevölkerung bis zum Siedepunkt gebracht hatte und glaubte, bereits zum vernichtenden Schlage gegen eine wehrlose Minderheit ausholen zu können. Damals predigte Kardinal Faulhaber im Dom zu München folgendes: „Im Leiden muß man Bruderliebe üben. Es sollte heute, besonders in manchen Zeitungen, nicht der Haß gepredigt werden gegen die I u d e n , Katholiken und Bauern. Nicht der Haß, sondern die Bruderliebe wird ein sterbendes Volk retten. Cs darf niemand verhungern, niemand «rfrieremy auch der Jude nicht. Sein Leben ist ebenfalls kostbar. .Wir dürfen nicht nach Parteien und politischen Orgamsällonen fragen. Das muh der Sieg werden, der Me Leiden dieses Winters überwindet: Die helfende Bruderliebe." Ebenfalls im November 1923 schrieb Kardinal Faulhaber an den deutschen Reichskanzler: „Wie wollen wir übler die ins Riefenhafte gewachsene wirtschaftliche Not, über das mit der Arbeitslosigkeit . kommende Elend dieses Winters Herr werden, wenn nicht alle sittlichen Mächte, ohne Unterschied der Konfession und Partei, zusammen helfen? Wie wollen wir sonst den Haß ab bauen, der blindwütig über unsere israelitischen Mitbürger oder über andere Volksgruppen,, in Bausch und Bogen, ohne Schuldnachweis, von Kopf zu Kopf den Stab bricht, oder den Bürgerkrieg anrät, der unabsehbare neue Verwüstungen anstiften und die Verelendung unseres lärmen Volkes durch Selbftzlerfleifchung besiegeln würde!?" So hat der Jubilar durch sein an rechter Stelle und zu rechter Zeit gesprochenes Wort bewirkt, daß bei denjenigen Katholiken, denen der Grundsatz der allgemeinen Menschenliebe nicht bloß leine leere Formel ist, insbesondere auch bei der katholischen Geistlichkeit, der von Nationalsozialisten gepredigte Rassenhaß keinen Eingang finden konnte. Auch in neuester Zeit hat Kardinal Faulhaber wiederholt gegen den Antisemitismus öffentlich Stellung genommen, so insbesondere, als im Jahre 1927 den jüdischen Studenten der Universität München die Teilnahme an der Jubiläumsfeier der Universität unmöglich gemacht worden war. E-ine weitere Aeuherung auf einer Tagung katholischer Geistlicher haben wir in der vorigen Nummer unseres Blattes veröffentlicht. Wenn solche goldenen Wort«, wie sie Faukhaber gesprochen hat, ln alle Teile der Bevölkerung eindrängen und Beherzigung fänden, dann.stünde es sicherlich besser um den Frieden und die Wohlfahrt unseres Vaterlandes. „Haneemon". Ein Blatt, auf das man sich von Nummer zu Nummer freut, ist das in Telfch monatlich erscheinende wrun Die zwei letzten Nummern bringen ausgezeichnete Beitrage, alle vom guten litauischen und Telscher Geiste beherrscht. Wer im Jeschiwabachur früher einen weltfremden, dem Leben abgewandten Menschen sah, wird hier zu seiner Freude gewahr,- welche Wandlungen darin Litauen, nicht zuletzt durch den großen weckenden Ham-' mer des Weltkrieges, erfahren hat. Rabbiner Heller, Dr. Holzberg, S. Schmulowitz, Jakob Landau u. v. m. nehmen zu geistigen und politischen Fragen des Judentums in der Gegenwart Stellung. Der belletristische Teil ist recht gut bedient. Aus der „Quelle der Ewigkeit" schöpft in beachtenswerten Aufsätzen Jizchok ben Jisroel. Ein betrübliches Moment bringt ein Aufsatz in Heft 13 über die Lage der Jeschiwa rn Telsch, dem noch am Schluß des Heftes mit einem flammenden Aufruf des Leiters, Rabbi Bloch, lapidarer Nachdruck gegeben wird. Wir wollen nicht glauben, daß dieses Aorazentrurn, längst nicht mehr, allem für Litauen lebensnotwendig, wirklich in Gefahr sei, weil wir es nicht glauben möchten, weil dies zu glauben, so viel wäre, wie an der jüdischen Zukunft verzweifeln zu wollen. Nein, Telfch wird weiter leben und weiter solche Funkenzeichen lebendigen jüdischen Lebens in die Welt hinaussenden. (Essig-Essenz.) Die „Lebensmittelkommission der Bereinigung traditi-onell-gesetzestreuer Rabbiner Deutschlands", teilt uns mit, daß die Firma Speyer u. Grund in Frankfurt a. M. «ine Essig-Essenz vertreibt, di« nach den Angaben der Firma auf der Etikette Wein gehall hat. Aus religionsgesetzlichen Gründen sei hieraus auf, merksam gemacht.;r.VL':-. ^S.M |

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