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Der Israelit · 1929-03-21 · Heft 12 (21.3.1929) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 12 (21.3.1929)
Date
1929-03-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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■ii il ■ i: I; *■ 1 Ti i ■■ Seite 8. Nr. 12. Der Israelit 21. März 1929 Amerika im litauischen Städtchen. Im litauischen und polnischen Städtchen herrschten und herrschen noch ganz besondere Vorstellungen über Amerika. Einerseits drückt sich darin das absolute Mißtrauen gegen den Humbug und Bluff aus, die das Leben Amerikas ausmachen sollen. Dann aber kommt die ungeheure Verwunderung und Bewunderung in kuriosen Erzählungen und Phantasiebildern zum Ausdruck. Amerika kann alles! Von Amerika kann man alles glauben! ... Auf der Straße, im Beshamidrasch und am Freitagnachmittag im Gememdebad erzählt man sich die Wunder von Amerika, wie man sich früher die Wunder vom Rebben zugeflüstert hatte. Kleinigkeit Amerika! Amerikanische Erfindungen, amerikanische Maschinen! ... „Amerika Gannew!" oder „Arneritschke". Das ist Tadel und Kosung zugleich. Soviel wie: Ein Teufelskerl, dieses Amerika! ... Erfindungen. In Wahrheit, Wunder der Schöpfung! Nicht allein, daß man in Amerika tief unter der Erde und. hoch über den Dächern fährt, dort sind die unmöglichsten Dinge möglich. Wenn jemand z. B. stirbt mid man hat keine Zeit, (wer hat in Amerika Zeit?) ihn zu begraben, so wird dem Toten eine Art von elektrischem Funken: eingeblasen, so daß er ganz allein auf den Friedhof geht und sich selber bedient, d. h. stch ganz allein begräbt, ohne irgend jemand zu bemühen. . . Der brach in Newyork ein Brand aus, ein Wolkenkratzer von 20 Stockwerken brannte. Die untersten Stockwerke brannten bis auf den Grund ab, die obersten blieben. Hängen in der Luft und weiter nichts! Was sagt Ihr nun zu Amerika?! Columbus. Natürlich wird die Frage lebhaft diskutiert, wer Columbus war. Die Zeitungen wollen wissen, er war ein Spanier, ein Portugiese, ein Italiener oder gar ein Jude. Im Städtchen weiß man es ganz gewiß, daß er einer von den spanischen Marannen war, die ihr Judentum im Herzenverborgen hielten. Einer argumentiert: „Natürlich war Columbus ein Jude, einer der Unsrigen. Wie hätte er sonst Columbus und gar Ehrt st o p h mit Vornamen heißen können?" -„Wieso denn? Seit wann "ist denn Christoph ein jüdischer Karne?" , )V .-döch' ehen^hKvMste Beweis, daß ej: Juhje war. Nur emi Jude kann einen s o lch e n Namen annehmen, daß Man gar''nicht merkt, daß er Jude sei . . ." Einer aber, und gerade, ein ausgemachter Amhoorez, versichert mit voller Bestimmtheit, daß Columbus schon in der Gemoro genannt wird. „Na, wo denn, so zeig doch einmal die Delle." „Was steht denn n icht in der Gemoro? Es ist doch alles darin enthalten, so wird auch Columbus schon daran stehen." * * Ein Witzbold von einem Bachur wartet gar mit einem fingierten Midrasch auf: Als Columbus Amerika entdeckte, kamen die drei alten Erdteile, mit der Beschwerde vor Gott und verwiesen auf den Bibelfaß:bi2^nrrriVbVi. ins (dreiteilig nur sei die Welt)! Worauf der Erdenlenker mit dem Schlußsatz antwortete: nm Di* (Dahin flüchten alle Mörder.) Und ob Columbus wirklich der erste Mensch war, der die neue Welt betreten hatte, wird füglich bezweifelt. Sicher war schon vor ihm ein Jude, natürlich ein, Litwak, dort. Und wie Columbus dem Schiff entstieg, da trat der Lktwak auf ihn zu und reichte ihm die Hand : „Scholaum Alechem Reb Columbus, ,fvo kommt ihr denn her?" Einen Historiker gibt es auch im. Städtchen, halb Melamed, halb Maskil. Seine Naturwissen-, schaft schöpfte er aus dem „Sefer Habris", seine geographischen Kenntnisse aus den Reisebüchern des Eldad Hadani. Er weiß ganz genau, daß Columbus im Traume den Auftrag erhielt, mit feinen Schiffen auszufahren und das Reich der „zehn Stämme" zu suchen. Er fand sie, denn die Indianer waren Teile der „zehn Stämme". Jemand hat aber irgendwo gelesen, daß Columbus den Auftrag nicht im Traume erhielt, sondern wie er einmal, im Hafen war, ein Fläschchen am Strande an,geschwommen kam. Im Fläschchen war ein zusammengefaltetes Briefchen und im Briefchen stand in hebräischer Sprache, daß sie, die „zehn Stämme", ihn beschwören, er möge zu ihnen kommen, um sie zu entdecken und zu erlösen. Der Präsident v o n A m e r i k a. Was ein Präsident ist, wußte man m Aisischok (Städtchen weit hinter der Bahnlinie von Wilna) nur halb. Der Vorsteher der Klaus, des Beshamidrasch, der Chewroh war einfach der G a b b e. Von einem Präsidenten hatte man auch gehört. Das war so etwas wie der Kaiser von Amerika, oder der Kaiser von Frankreich, so wie man in Rußland den Kaiser „Zar" und in anderen Ländern König nannte. Passierte im nämlichen Aisischok folgende merkwürdige Geschichte. Ein Jude verläßt sein Weib und übersiedelt mit Sack und Pack nach Amerika. Wie in den Abgrund versunken, kein Brief, kein Lebenszeichen, kein Geld an die arme Frau, keine Schiffskarte zur Ueberfahrt. So vergeht ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre. Die arme Frau ist eine verlaffe-nie Aguna. Wenn nur jemand ihr den Tod des Mannes bezeugen könnte, das wäre schon eine große Erlösung. Da kommt eines Tages ein Brief aus Amerika ins Städtchen, ins Haus der „Aguna". Ein Aisi schoker in Amerika hatte ihren Mann getroffen. Er denkt gar nicht ans Sterben, so wenig wie an feine Frau. Er lebt im Gegenteil einen guten Tag und macht gute Busineß. Er hat ein gutgehendes Geschäft und ist sogar schon Präsi d e n t von einer P e d l e r - C o n g r e g a t i o n. Er verleugnet natürlich seine Frau und geht auf Freiersfüßen,, ist gerade im Begriff, ein junges, reiches Mädchen zu heiraten. Macht sich unsere arme Frau von Aisischok mit Hilfe guter Menschen auf und auf den Weg nach Amerika, um es ihrem Manne, dem Schuft, dem.Pflichtvergessenen, dem „Präsidenttzn" einmal, richtig zu stecken. Sie wollte ihm schon zeigen, chas das heißt, seine Frau vergessen usty Erlassen. H Rebler"! und „^on-gregatipn", das waren freche Worte, die den Aisischakern nicht-tzingingen..i;,Der Präsident" blieb. Chaje 'Beile fuhr nach Amerika zu ihrem „Präsidenten^. ' In Ellis Island wird sie mit vielen anderen Emigranten angehalten. „Wohin und zu wem, Madame?" erkundigt sich der Beamte. n >ji - „Zu meinem Mann,. Fluch über seist»,Hasipt! Zu wem denn sonst?. . > „Wer ist euer Mann?"; / „Der Präsident," antwortet die Frau prompt. „Was, wer, wie, wo?" . . . wundert sich der,' Beamte. „Der Präsident, der Präsident; — der Präsident von Amerika!" schreit die vielgeplagte Frau äußer sich. „Alle Leiden der Hölle über ihn .." Der Beamte weiß jetzt schon'ganz genau, daß er es mit einer Irrsinnigen zu, tun, hat. Aber er ist gut aufgelegt und Möchte den Spaß ein wenig weiter treiben. j ";;,n _ »So so," sagt er, „der Präsident von Amerika! Sehr schön! Wie heißt denn aber euer Mann, der Präsident?" „Schaje Welwel, der Aohn von Chaztel dem Porscher", schreit dte Frau, bei der Nennung des Namens in neue Wut geratend. „So, so!" lächelt der Beamte. „Das.scheint aber doch ein kleiner Irrtum zu sein. Denn der derzeitige Präsident von Amerika cheißt zufällig C o o l i d ge." „Coolidge?" — die Frau ist ganz außer Fassung — „Coolidge?! So ein Roscho. Ausgemacht werde sein Name von der Erde! Seines jüdischen Namens schämt er sich auch schon. Will, nicht mehr Schaje Welwel heißen, hat sich ein Cool i d g e ausgesucht . . ." Megilalh Sibirien. (Aus einer alten Urkunde, vorgefunden bei Ausgrabungen unter'einem zerbrochenen Wasserrohr.) '«'2 vm Urtb es war in den Tagen des Königs Frost, der regierte von Hände bis. Kusch, von Pol zu Pol, sowie in ganz Polen nri» nrrvi a’-icjn yzvonn ww2 in selbigen Tagen geschah es, daß alles Wasser in den Röhren einfror. „Und es war kein Was-- ser für die Gemeinde", nicht zum Baden und nicht zum Trinken ,02122 -pm i’vnv ijv>2 21 by> man schrie nach dem Hausmeister, der rief den Hausbesitzer. Dieser suchte die Arbeiter. nivxi> N2rri>vo ->t7iy ,t bv bipvx sjoa 132 D’sVs- Man schrie, rief, suchte Dag für Tag. ynosVi um dt> vPk mnss •>n,v a’siw d^3i und das Hausmädchen stieg treppauf, treppab mit allen Geräten- und Gefäßen, die im Haufe wären, um Wasser vom Keller heraufzuholen. 2122 N20 K’m 1j?221 nS2 Kin *]isn3i, da rann das Wasser von Decke und Wanden und die Leitung war leer und starr, auch unten im Keller. Man Hatto nichts zu trinken und zu kochen. 02 13 orrrr -»nnwi nxni3v3. als sich der Frost weiter festsetzte, schloß sich auch das fülle Kämmerlein und durste nicht benutzt werden, denn alles Wasser floß nach unten, auf rtorn ds-d iin und die unten schrieen: voi is 0'» 1x2 ->2 in V'2N2i, da lief man dah-in und dorthin, zu entfrenten Verwandten, wie e>'i°ms>n».i »21.1 »2211 tps-m- Vi’a sinn ov2^ am selbigen Tage stieg den Spenglern der Kamm gar hoch an. Sie tauten auf. Manrief sie, man schrie nach ihnen »vt *6i Dp sVi. Kinn 71^2 an einer Nacht aber öffneten sich die Schleusen des Himmels. Und es ging auf, was erstarrt war und es fror wieder ein, was sich aufgelöst . ipa2i, und am Morgen war die Stadt eine Eisfläche ivx3 bisn bioi bioib xn^nn* Aber nun war wieder Wasser da. Man konnte, wie-, der nach Herzenslust trinken. 021« prr p*b xpemp,. . . .. ( Ätz und wollen wir lob en und preisen seinen -siebten Namen, daß er uns erlöst hat: - J - vom Frost, > vom Hausmeister, vom Spengler, vom Rohrbruch niirr nmn'D'iin^ fl. -i: . 'ii- ' Briefkasten. : €. in B. und viele Andere. - Sie machen uns auf die neueste: Ham b u r ge r MiHaufmerksam^ die uns selbstverständlich, -al? ,das zur Zeit wichtigste Ereignis der Weltgeschichte, nicht entgangen G.: Daß der alte Mördechai es nicht duldete, daß die „Miß Persia", das Äudenmädchsn'-Ester Hadassa, sagte, daß sie Jüdin fei, kommt natürttch nur daher, weil Mordechar nur auf den persischen Staatsan-zeiger 2020 pvöo und nicht aufs „Hamburger Jamilienblatt" abonniert war. Er» hätte sonst wissen müssen, daß' die ganze „Geuloh" von diesem Schmrheitspreis der jüdischen'Miß abhängt. Er . hätte sicherlich auch. -exyen. - eigen-en-; Puchmbüll, der „sowohr dem jüdffchen wie faschisigsmäßigen' Charakter dieses Festes" entspricht, veraristaAet Und sich dafür mit einem Kostüm des./.Hamburger Famili-enblattes" verehen. Auch wären alle jüdischen Mädchen von Schufchan in einem Edikt aufgefordert worden, sich per Photo um den Schönheitspreis der „Miß FamMenblatt" zu bewerben. -

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