Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1929)
- Date
- 1929-03-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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D e r Israelit Nri 12. Seite 5 21. März 1929 - __ gen Entfernungen in den Großstädten dem Studenten kostbare Arbeitszeit, so kann sich andrerseits eine größere Universität dem einzelnen Hörer weniger widmen als eine kleinere. Die Vorteile der Umversitätsklein- und Mittelstädte kommen dem jüdischen Skndenben bedauerlicherweise häufig deswegen nicht zugute, weil diesen Städten meist ein intensives. jüdisches Leben abgeht und ein wirklich zuverlässiger Mittagstisch fehlt. In letzter Zeit wird es hierin allerdings besser. So bietet sich in Bonn die Gelegenheit, zum Sommerslemester 1929 unter Aussicht des. Herrn Rabb. Dr. B. Wolf in Köln eine koschere Mensa ins Leben zu rufen. Es kann den jüdischen Studenten nicht wärm genug empfohlen werden, von dieser Einrichtung. Gebrauch zu machen. Es ist allgemein bekannt, daß Bonn, die „Perle des Rheins", eine gute, auf manchen Geb-ieten (Ortentalia, Natur-- wisstnschaften, Medizin und Zahnheilkun-de) sogar hervorragende Universität besitzt. In Bonn-Poppelsdorf, 10 Minuten von den naturwissenschaftlichen Instituten entfernt, besteht'eine konservative Synagoge. Hier das jüdische Leben zu unterstützen und wieder zu heben, bedeutet angesichts der Lage der hiesigen Gemeinde eine besondere Mizwoh. Es besteht! -in Bonn ein Stammtisch des B. I. A. Zum Schiur ist Gelegenheit geboten. Die herrliche Lage in der Nähe des Siebengebirges - verlockt zu schönen Wanderungen und die Nähe zu Köln (35 Min.) gewährt die Vorteile der.Großstadt ohne einem deren Nachteile auszuzwingen. Mehr zu schreiben erübrigt sich. Interessenten werdengebeten, zwecks endgültiger Abschließung der Vorarbeiten sich beim Unterzeichneten zu melden. . Derselbe -erteilt auch gerne jede gewünschte Auskunft, stud. math. F. David, Köln, Ehrenstraße 68. Vom Misrachi. Berlin, 18. März. Das Zentralbüro des „Misracht" in Berlin bestreitet in einer an uns gerichteten Zuschrift, -daß Herr Dr. W o l f s b e r g sein Amt als Vorsitzender des „Misrachi" aus anderen als Gründen persönlicher, d. h. beruflicher und gesundheitlicher Art niedergelegt habe. Wir nehmen von dieser Erklärung loyaler Weise Kenntnis. Fest steht -allerdings, daß eine führende misrachistische Persönlichkeit uns die Demission des Herrn Dr. Wolfsberg als Beleg dafür angeführt hatte, daß der deutsche Misrachi an den orthodoxen Prinzipien strengfesthalte und sich nicht nach links drängen lasse. Münchener Brief. München, 17. März. Vor einiger Zeit berichtete ich Ihnen, daß einer der Haupthetzer der hiesigen Nationalsozialisten nämens Esser, wegen grob-er öffentlicher Beleidigung des verstorbenen Rechtsanwalts Nußbaum zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt wurde. Herr Esser fe-gite natürlich Berufung ein mit dem Erfolg, daß die Strafe aus Mk. 200 Geldstrafe ermäßigt wurde, w-eil di-e Beleidigung im politischen Kampfe geschehen sei. Ob dies-e Geldstrafe auch bezahlt wird, ist leider nicht zu erfahren. — Ein anderer Hetzer, dessen SpeziMtä-t die Hetze gegen das Schächten ist — Professor Müller hüt seinen Aerger darüber, daß er nicht zum Direktor dse Münchener Schlachthofs gewählt wurde, m einem langen Artikel über humane Schkachtmethoden in den „M. N. N." ausgelassen. Er redet ein langes und breites vom „ k ulti f chen " (lies jüdischen) Schlachten und weiß natürlich haargenau-, wie es vor etlichen tausend Jahren, bei den Opfern der Völker des Altertums zugegangen ist, um zu dem Schluffe zu gelangen, daß das kultische (kies jüdische) Schlachten den Forderungen -eines humanen Zeitalters nicht mehr entspricht. Eine unangenehme.Folge dieser und ähnlicher Artikel ist, daß wieder eine Menge Leute, die natürlich, vom Schächten nichts verstehen, ins Schla-chÄhaus kommen, um das Schächten mit anzusehen, und die Schächter in ihrer Arbeit zu stören.— Im bayerischen Landtag gab es gelegentlich der Beratung über den Haushalt eine groß-e Debatte über die Universitäten; bei der u. ct. varge bracht wurde, daß sämtliche, also auch die jüdischen Studenten, Zwangsbeiträge für die Studentenvereinigung „Asta" zahlen müssen, in deren Organ der Numerus clausus.oder auch die.gänzliche Ausschließung der Jud-envon den bayerischen Universitäten gefordert wird. Daß der deutsch-nationale Ptvfessör Büttmann den Numerus clausus für die „Angehörigendes jüdischen Volkes" mit nackten Dorten forderte, ist selbstverständlich. Die Regierung hat auf diese Forderungennoch keine Antwort gegeben; sie -wird sie vermutlich mit Stillschweigen übergehen. Inzwischen nimmt die Abwanderung der jüdischen Prosessorsn -aus München ihren Fortgang. So ist jetzt, wieder Pros. Strich, -der sich erst vor kurzer Zeit in einem. Vortrag öffentlich zum Judentum bekannte, nach Bern berufen, .wo er — der Jude — über deutsche Sprache und Literatur lesen wird, wobei die Schweizer anscheinend kernen Anstoß daran nehmen, daß dieser Deutsche — auch ein Jude ist. Verein für die jüdischen Interessen des Rheinlands» Köln. Köln, 11. Mä rz. Die alljährliche Mitgliederversammlung des Vereins für die. jüdischen Interessen des Rheinlands fand gestern unter zahlreicher Beteiligung, -aus Stadt und Land statt. Als Redner war Herr-Oberrabüiner Dr. Carlebach- Altona gewonnen, der mit der Behandlungdes Themas „Vibelkritik und Dib-elkunde" manchem Zuhörer ein Führer der Verirrten geworden ist. Wir hoffen, den Vortrag sowie den Bericht über die Versammlung in unserer nächsten. Volksfreundbeilage bald -ausführlich unseren Lesern darbieten zu können. Schweiz. Grundsteinlegung des Synagogenbaues der Israelitischen Religionsgesellschaft. Basel, 19 .März. Am Sonntag den 17. März (5. Adar) fand unter zahlreicher Beteiligung der Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft, hiesiger und auswärtiger Gäste die Grundsteinlegung zum Synagogenneubau der I. R. G., Basel an der Ahornstrahe statt, di-e bei allen- Anwesenden einen nachhaltigen Eindruck hinterli-eß. Eingeleitet wurde die Feier durch „Ma Tauwu-Gesang", ausgesührt in tr-essli-cher Weise von Mitgliedern und Jünglingen der I. R. G. unter Leitung des Herrn Weiß. Als erster Redner betrat der großzügige Förderer des Synagogenn-eubaues, Herr Konsul Sally Gu ggenheim, die um den Grundstein -errichtete Tribüne und richtete namens des Vorstandes warme Begrüßungsworte an die zahlreiche Versammlung. Sein besonderer Gruß galt Herrn Oberrabb-mer Dr. L e wen st e i n, Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft Zürich, sowie den Vertretern der verschiedenen Vereine. Mit Dankesworten für den Allmächtigen fand der Redner in seiner zu Herzen gehenden Ansprache, die mit Thorawortenreich ausgefüllt war, anerkennende Worte für die Mitarbeiter der jungen Gemeinde, vor allem auch für den allseits verehrten Herrn M. Schwarz. Er sprach auch dem anwesenden Herrn Architekten, Herrn Alfred Bischofs, von der Baufirma Bischofs u. Co,, für die weitgehende Mühewaltung bei der Anfertigung der Baupläne'den Dank des Vorstandes aus. Als. zweiter Redner verstand Herr Dr. Lerve-n-stein an Hand von Midrasch- und Dalmudworten in geistvoller Weise Bedeutung und Zweck einer Syna oggeng rundsteinlegung darzulegen und erflehte von 'n den Segen für die Mitglieder der I. R. G., für die am Baubeschäftigte Arbeiterschaft, für die Stadt Basel und für „Klall Jisroel". — Hierauf wurde vom Präsidenten der I. R. G. Herrn M. Jak u b o w i t f ch, im Bodeneine kupferne Kapsel, enthaltend -eine hebräische und deutsche Urkunde über die Enfftehung und bisherigen- Entwicklung der Gemeinde, ferner der Mitgliederliste, versenkt. Dann wurde zu den ersten Hammerschlägen zum Grundsteingeschritten, ausgesührt von den anwesenden Herren Rabbinern und Vorstandsmitgliedern der Israelitischen N-el-Wonsgesellschaft. Allen Teilnehmernwurde hi-erauf gestattet — kol ascher jid-wenu lib-au — einen Baustein zum entfteh-enden Gotteshause anzufügen,- eine Handlung, welche einen ergreifenden Eindruck machte. Mit Schlußgesang von Schir Hamalaus wurde die schöne, schlichte Feier geschlossen.' Frankreich. Jüdische Auswanderer aus Osteuropa. Paris., 8, März. ' 'In der Jahresversammlung des. Pariser Komitees für jüdische Auswanderer-Hilfe teilte der Generalsekretär von Hicem, Dr. Dijour, mit, daß troß aller Einwand-erungsbeschränkungen dennoch 40.000 bis 50.000 Juden i. I.- 1928 osteuropäische Länder verlassen haben, um sich nach Üebersee, zu einem kleinen Teil auch nach Westeuropa, zu begbeen. Etwa 12.000 dieser Auswanderer gingen nach den Vevoinig-ten Staaten, 7000 nach Argentinien, 4000 nach Brasilien, 4000 nach Kanada, 2000 nach Palästina, 1500 nach Südafrika und 1000 nach Australien. In Europa ist Frankreich das -einzige Land, in das noch Juden einwandern; i. I. 1928 kamen etwa 2000 Juden nach Frankreich. Der Direktor des A u swan derer -Hilfskomitees, Herr Grinberg, teilte mit, -daß das Pariser Büro im Berichtsjahre 4799 Personen Hilfe gewährt habe, für 523 Emigranten wurde in Visum-Auge leg e nhei ten interveniert, in 949 Fällen wurden Nachforschungennach Familienangehörigen angestellt, in 87 Fällen wurden die gesuchten Familienangehörigen gesunden. Bei Erlangung von Fahrdermäßigung wurden den Emigranten mehr -als 100.000 Francs erspart. Ein-e große Tätigkeit wurde in der Kolonisierung jüdischer Landarbeiter in Frankreich und in der sonstigen Arbeitsbeschaffung entfaltet. Polen. Die jüdischen Senatoren im polnischen Senat gegen Zwangsfonntagsruhe. Warschau, 8. März. Bei der Behandlung des Budgets im polnischen Senat sprach sich Senator Ru bin-st ein gegen das Festhalten an der Zwangsfonntagsruhe, die die jüdischen Kaufleute und Handwerker ruiniert, aus und beantragte eine Novelle zum Sonntagsruhe-Gesetz. Er forderte die Anstellung jüdischer Arbeiter bei allen Regierungsanstalten. Senator Dr. Davidsohn wies darauf hin, daß die gerechten Mischen Wünsche und Postulate von den Ministern, besonders von Mvraczewski- und Skl-adkowski mit Ironie abgetan werden. Dr. Bernhard Kahn über die Zukunstsarbeit von Joint in Europa. Warschau, 3. März. Der Leiter des Europa-Aufbauwerks des American Joint Distribution Committee, Herr Dr. Bernhard Kahn, der gegenwärtig in Polen weilt, sprach sich gegenüber dem JTA.-Vertreber übe rdie Zukunft des Jvint-Aufbauwerks in Europa aus. Auf die Frage nach dem mutmaßlichen Ausgang des Referendums, das die amerikanisch« Jo-int-Leitung unter den Spendern wegen der weiteren Führung des Drives und des allgemeinen Aufbauwerkes in den osteuropäischen Ländern und in Palästina veranstaltet, erwiderte Dr. Kahn, in Anbetracht der noch nicht konsolidierten Lage der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern, die für eine Reihe von Jahren fortgesetzte Anstrengungen auf dem Gebiete des Wiederaufbaus erfordert, worüber das -amerikanische Judentum ja hinreichend informiert ist, dürfe man -ein positives Resultat des Referendums mit Sicherheit erwarten. Ein neuer Drive kann aber erst im Herbst 1920 proklamiert werden. Es fei schwer, vorauszusagen, ob dieser Drive sein Ziel voll erreichen werde, da -inzwischen andere Srunm-elak-tion-en, wie die für das Werk der Jewish Agency, für das Werk des Agrojoint in Rußland u. a. m. zur Durchführung gelangen werden. Auf die Frage, ob es wahr fei, daß die amerikanischen Nichtzionisten (Marshall-Gruppe) ihn für das Amt eines Direktors -der erweiterten Je-wifh Agency vorgeschlagen haben, erwiderte Dr. Kahn: Mir ist ein solches Angebot nicht gemacht worden, auch ist mir über eine solche Absicht nichts -bekannt geworden. Falls mir die Leibung -der Jewish Agency einen solchen Vorschlag machen .wird, werde ich es für meine Pflicht halten, meine Kräfte dem Aufbau Palästinas zu widmen, was schon der Traum meiner Jugend gewesen war. Inzwischen wartet meiner genug Arbeit in Osteuropa. Zum Schluß erklärte Dr. Kahn, die ökonomische Lage der. Lage der Juden in Polen -erscheine ihm außerordentlich kritisch; -er glaube aber an die Energie und den Lebenswillen des polnischen Judentums und fei -dessen sicher, daß di-e Krisis in -absehbarer Zeit üb-erwunden sein wird.