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Der Israelit · 1929-03-21 · Heft 12 (21.3.1929) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 12 (21.3.1929)
Date
1929-03-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 12 DerJsraelit öete Jugend abgesehen hatten. Es trat, Fügung der höheren Vorsehung, der gxoße Mavar, Rabbi JizHok H a l e. v i .b*»» in sein Leben,.'und er.stand > als Brennpunkt mitten, im Kreise von. für jüdische: Geschichtswahrheit heiß erglühten Männern, , die uns alle noch so deutlich vor Augen stehen: Gersvn -Länge, Salomon Bamberger, Rabbiner Kotteck, Moses Marx V'2T. Einer nach dem anderen gingen sie in jungen Jahren von uns. Jonas Böndi war n^rnn dojd w der lH'ke Sthlüfselbewahrer dieser an Anregungen und» jüdischen: Kräftänsätzen so reichen Zeit. Auch er ging. •irman 12^ in*’ Daß diese wissenschaftliche Keimzeit mit der Begründung der Weltorganisation Agudas Jisroel Zusammenfällt, hat gewiß ihre inneren Zusammenhänge. Jonas Bondi, der Lehrer und Wissenschaftler, war kein Mann der politischen Arbeit. Seine Seele gehörte aber der Organisation und ihren Bestrebungen ganz an, und mehr denn einmal nahm er hier und in Wien an wichtigen Sitzungen teil. Der Mann, der in der Jugend Breuerschen Geist als Grundlage geraden, aufrechten, unerschütterlichen Denkens in sich ausgenommen hatte und später in ^er Geistessphäre von Esriel Hildesheimer. Li-den er glattweg „den Rebbe" in unvergleich-j Bevölkerung der ganzen Umgebung hatte die licher Verehrung nannte, weiter an seinem Le- Trauer mobil gemacht. Von der männlichen jü Wiesbaden hielt er sich um die Zeit. des Umzuges auf. Die taPfere Gattin und treuem Wegebegleiterin seines Lebens und Wirkens; weilte in Mainz, um mit liebender Handnoch die letzten Verrichtungen und letzten Vorbereitungen für den Einzug des geliebten Mannes ins neue Heim zu treffen. Indes erging der Ruf von oben: „Komme Freund, in ein anderes, höheres, ewiges Heilp. in Äon lichten Gefilden, wo die Großen von Mainz, von Rabbi Gerfchom, Maharil bis zu den Männern, die im vorigen Jahrhundert auf diesem historischen Boden das jüdische Heiligtum gehütet und deren treuer Schüler und Nachfahre du warst, sich im Glanze der Schechinoh sonnen!" Am Nachmittag des Einzugtages brachte man Rabbiner Bondi ins neue Heim, zur letzten Ehrung. Die Seele wellte bei Gott, dem sie alle Zeit zugewandt war.- Wie eine stille Trauer, die mit keinem Laut gestört wird, so tief ergreifend sein kann! In vier- und fünffachem Spalier stand die Menge am Freitag Nachmittag in der Friedhofshalle im Kreise herum. Draußen staute sich ein, Autopark, der alle Zufahrtswege verstopfte. Die jüdische bensbau arbeitete, er hatte die Synthese gefunden und sie in idealster Weise in Lehr und Leben verkörpert. Er war Vorsitzender des TraditionellenRabbinerverbandes. Nach dem Tode von Rabbiner Dr. Salomon Breuer y'xr wurde er auch an die Spitze des Orthodoxen R a b b i n e r v e r b an d e s, in dessen Vorstand er früher schon saß, vo.m Vertrauen seiner Freunde und Kollegen gestellt. Damit war die Bedeutung des Mannes, der allen Ehrungen und Huldigungen bescheidentlich aus dem Wege ging, für das Thorawissen und das gesetzestreue Judentum zur vollen Würdigung gelangt. Ein Jahr etwa hielt schwere Krankheit den allverehrten Führer abwechselnd im Bann. Es „rangen die Irdischen mit den Himmlischen um die heilige Lade", und es schien oft, als würden die ersteren siegen. Am letzten Jomkippur, die Stunde der Versöhnung dämmerte heran, mußte er aus der Synagoge wieder heimgebracht werden. Wie Rabbi S ch i m e 0 n H a z a d i k, der am Tage der Versöhnung das Heiligtum verließ im dunklen Bewußtsein, es nimmer mehr zu betreten. Aber der Zustand besserte sich, und wir hofften — weil wir hoffen wollten. Eine neue Wohnung im Parterre sollte der kranke Rabbi beziehen, damit das .Treppensteigen ihm erspart bleibe. Im nahen dischen Bevölkerung der Stadt Mainz dürfte kaum einer gefehlt haben. Die gesetzestreuen Rabbiner aus allen Gemeinden der weiten Umgebung waren anwesend. Man konnte wegen der Nähe des Sabbats kein Register der vertretenen Organisationen und Körperschaften aufnehmen. Wir sahen Vertreter des Gesetzestreue n und des Orthodoxen Rabbinerverbandes, der Agudas Jisroel, des Berlin e r R a b b i n e r s e m i n a r s, eine aus drei Vorstandsmitgliedern bestehende Delegation der Frankfurter Israelitischen Relrg i 0 n s g e s e l l s ch a f t, eine Abordnung der Breuerschen I e s ch i w 0 in Frankfurt am Main mit ihrem Leiter an der Spitze, einen Vertreter aus dem Dozentenkollegium des Frankfurter M e k 0 r C h a j i m, Vertreter der Jüdischen Literarischen Gesellschaft u. v. m. Punkt 4 Uhr wurde die Bahre durch die Halle in den Kreis getragen. Erschütterung ging durch die Gemüter, man sah noch einmal tränenden Auges zum letzten Gruß auf das schwarze Tuch, das den Mann deckte, der uns allen so nahe stand. Eine kurze Weile niederdrückenden Schweigens. Dann traten die vielen anwesenden Rabbiner vor, hoben die Bahre unh trugen sie gesenkten Hauptes, gefolgt von der schweigenden Riesen- Das Andenken Amaleks. Von Rabb. Dr. Lazarus (Memel). Eigentümlich genug mutet uns die seit uralten Tagen geübte Sitte an, den unserem freudig begrüßten P u r i mfeste vorangehenden Sabbat dem Andenken an Jsraeis Erbfeind zu weihen. Während wir uns zur Frohsinn und Heiterkeit verbreitenden Feier des 14. Adar rüsten, steigt aus den Trümmern der Jahrtausende die bleiche Schreckgestalt Amaleks empor, Grauen und Entsetzen verbreitend. Wenn der blutige Schalten kopstos und gespensterhaft vorübergleitet und uns an das alte Räubervolk erinnert,, welches eine durch lange Knechtschaft geschwächte und' trotz ihrer Befreiung noch immer ei geschüchterte Nation übersiel, dann ist — rein menschlich betrachtet — die ernste Mahnung wohl zu begreifen, daß wir eines solch heimtückischen Feindes immer eingedenk bleiben sollen, um uns seiner stets erwehren zu können. Allein wie läßt sich die religiöse Vorschrift, der Feindseligkeit Amaleks stets eingedenk zu sein, mit dem Geiste der Menschenliebe, Milde und Versöhnlichkeit — einem Grundzuge im Wesen des Judentums, vereinbaren? Der Talmud lehrt: man!» vob i'avnb /px^. jnonaa brriv» ntm /ins» 'x »na rmabi pbm bv war „3 Gebote wurden Israel bei seinem Einzüge ins gelobte Land aufgetragen: Einen König zu wählen, die Nachkommen Amaleks zu beseitigen und das Heilistum zu erbauen." (Sanhedrin 20b). Aus diesem Ausspruche könnte vielleicht mancher den Schluß ziehen: Wie die beiden Gebote, der Königswahl und des Tempelbaus schon seit Jahrtausenden außer Kraft getreten sind, sei auch die Dorsch.ist, Amaleks zu gedenken, in unserer Zeit gegenstandlos geworden. Aber dem widerspricht die religiöse Pcaris, welche eine gottesdienstliche Erinnerung an Amaleks feige Freoeltat ausdrücklich vorschreibt. (Meg. 16a, Thor. Koh. 33,3: Ton nrw snn®) „Gedenke, was dir Amalek getan!" So dringt es uns alljährlich gellend in di» Ohren, wie ein wilder Kampfruf klingt diese Mahnung der Thora, die Friedensschalmei verstummt und die Kriegsdrommete erschü.tert die Lust. Tor „Gedenke, Jisroel, erinnere Dich des feigen Angriffs, vergiß nicht den heimtückischen Ueberfall!" Ist es nicht, als sollten die schlummernden Rachegeister aufgepeitscht und zu einem schreck.ichen Strafgericht gegen Amalek aufgerufen werden? Welchen Sinn hat dieser Vergeltung fordernde Schlachtruf in einer Zeit, da Amalek vom Schauplatz der Weltgeschichte längst abgetreten und zu einer geschichtlichen Mumie geworden ist? Steht dieses Gebot nicht scheinbar in Widerspruch mit dem friedlichen und versöhnlichen Charakter des Judentums? Keineswegs! Wie das Edelmetall erst durch fleißiges Schürfen aus dem tiefen Schacht der Erde ans Tageslicht gefördert wird, so gibt es W ah rh eiten, die nicht auf der Oberfläche liegen, sondern durch ein dring l i ch e s Forschen erst ergründet werden müssen. Das gilt besonders von den Thaurowahrheiten, die bald aus dem Zusammenhänge des Schriftwortes selbst, bald aus dem Geistezschachse der stl eberlieferung gleich Edelsteinen heroorgeholt werden müssen. Da erst begrei en wir:rrin pn 1:1^.»a.daß es im .Gottesbuche nichts Wertloses, nichts Kleinliches g'.BtjOanswp-tDxv und wenn es uns leer oder bedeutungslos dünken sollte,, so liegt dies nur an uns, weil wir Nicht in die Tiefe 21. März 1929 Menge, den weiten Weg . zÄlj^^Mü Aräberveihen hinauf, bis zuv äMeMeN: sMe, NoMnter -einfachen schmucklosen MWow Äe letzte Mchestätte für den Lehrer Wollet war. Die letzten ScholleuWleN, klirrend ins Wab. Ein KadÄifch vor der Halle ahs einziger Mler Gruß der Trauer.. DieMeüfchen gingen, und die unzähligen Aütos fetzten sich in Belegung. Schon fenkte fich mählich die Dämmerung über die Fluren. Der Sabbat war nahe. Mit tiefem>.'MH... im Herzen eilten wir dem heimatlichen Sabbat entgegen. So mild und voller Geheimnisse spielten die ersten Äbendschatten durch die Vorfrühlingslüft, als wollten sie sagen: Stille, Sabbat kommt! Eine große lichte Seele ist in den ewigen Sabbat, eingekehrt. rr'n firn? Wochenrundschau. Der Tag des Buches. Der 22. März, der Geburtstag Goethes, wirb dem Buche geweiht fein. Die Veranstaltung ist in der Weife gedacht, daß an diesem Tage überall im Reiche durch Ansprachen, Vorträge, Referate, Ausstellungen und verwandte Darbietungen Wert und Bedeutung des guten deutschen Buches in unserer Zeit der breitesten Oeffentlichkeit vor Augen geführt wird, um so lebendigeres und allgemeineres Interesse für den vornehmsten Mittler des deutschen Geistesgutes zu gewinnen. Die Werbearbeit-für das gute Buch soll an diesem Tage in den Schulen, mittels der Presse, der Volksbüchereien, der wissenschaftlichen Instanzen, der Bühnen, des Rundfunks und sogar durch Feierstünden in den Gotteshäusern betrieben werden. Wie von Berlin vor kurzem mitgeteilt wurde, soll ein eigener Tag d e s j ü d i s ch e n Buches angesetzt werden, und zwar im September, am 200. Geburtstage von Moses Mendelssohn. Wir wollen hier nicht in eine Erörterung darüber eingehen, ob es nötig war, dem jüdischen Buche ein eigenes Fach im Schranke der Volksverehrung zu sichern. Man sollte vielmehr glauben, daß Volk und Völker, wenn sie in der Verehrung des Buches das Auge zurückfchweffen lassen, von selbst auf das Buch aller Bücher kommen, und indem sie an diesem Tage all das zur Ehrung des Gotteswortes einzudringen vermögen. Warum die Thauro die Erinnerung an Amaleks Feindschaft für alle Zeiten lebendig erhalten, d. h., verewigen will? Weil sie an 'einem klassischen Beispiel die Verwerflichkeit von V2N 7IN2V die Niedertracht des grundlosen Menschenhassrs zeigen und Jisroel vor dem Wahnglauoen warnen will, als ob es in seinem treuen Festhalten an feinem göttlichen Berufe die Ursache seiner Anfeindung und Verfolgung zu suchen habe. Nicht den geringsten Anlaß zurr Eröffnung von Feindse'igkeiten gab Jisroel. Amalek war kein Nachbarvolk Jisroe.s, so daß vielleicht Grenzstreitigkeiten zwischen beiden ausgebrochen wären, nein, pi>ay ua'i „Amalek war plötzlich da", unversehens überfiel er ein ruhig seines Weges ziehendes Volk, da gab's keine „alten Abrechnungen", denn das vom Sklavendruck —oanxxa yna a-nxa» — kurz vorher befreite Israel war als Na'ion erst in Bildung begriffen, und auch für die Zukunft war für Amalek kein Grund zur Besorgnis, denn - jm epy rmsi — Jisroel, durch die lange Knechtfcha t gesch rächt, konnte an keinen Eroberungszug denken, wollte auch nicht durch fremdes Land damals ziehen: und dennoch kam Amalek und brach in frivoler Weife' die Gelegenheit vom Zaune, Israel mit Krieg zu überziehen. Diese blinde Verfolgung sw ut bedrohte auch „in den Tagen des Mordechai und der Esther" und später oft genug den Bestand des Judentums. Wenn uns von Häman erzählt wird, daß „er es gering achtete, an Mordechai allein. Hand anzulegen", so können wir an der Tatsache,, daß er ein ganzes Volk, welches ihm nicht das geringste zu Leidegetan, ans Messer, liefern wollte, die ganze Ungeheuer l ich k eist der grundlosen Feindschaft, unter der Jisroel oft genug, zu leiden hatte, er.mesfen, Mch stn .Mfe^r Zeit ist man allenthalben aus der Suche, nach den Gründest,.des un heimstich z unehmenden Judenhasses. Natürlich stmfere

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