Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1929)
- Date
- 1929-03-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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KT' Der Jsraelit Der „feindliche" Bruder. Lin kleines Erlebnis auf kleiner Tour. Im Abenddämmer in -der kleinen Synagoge der rheinischen Kleinstadt sah ich ihn am Sonntag abend. Wir wechselten ein paar Blicke; ein kleiner Notenwechsel mit den Augen zwischen mir und ihm, und beim Morgengrauen des folgenden Tages konnten wir uns wie zwei alte Freunde die Hände reichen. Im Nebenraume der Synagoge wurde mit Tages Scheiden gebetet und gelernt; eine der Errungenschaften dßs ..... jüngeren/ seit einigen Jahrendort wirkenden. Rabbiners. Kerne große Hörerzahl, aber Jugend dabei, und einige ältere Herren!. Und etwas abseits ein Mann im satten Blau des französischen Militärs, ein wohlgebauter, kräftig gewachsener Mann. Straff, schmuck, die Wickelgamaschen bis zu den Knieen sauber gezogen, umgeschnallt, so sitzt der fremde Mann, die pfiffigen Augen im dunklen Großjungengesichte ans Buch geheftet, und lernt mit. Mir fällt auf, daß die Erscheinung den wenigen Leuten im Raume so gar nicht auffäll t. Kein staunender Blick, außer dem meinigen, spielt zu ihm hinüber. Er gehörte dazu. Bei uns, denke ich, würde so was Sensation Hervorrufen. Der Schiur ist zu Ende. Es kommen noch ein paar Leute dazu, auch einige Frauen, die „Jahrzeit" haben. Es wird Maariw gebetet. Der Franzose steht auf, hält ein kleines Gebetbuch vor Augen und betet so still und unauffällig mit, wie er früher mitgelernt hat. Der Mann wird wohl „Jahrzeit" haben, sage ich mir. So etwas wird überall gehalten. In Frankreich wie in Deutschland, in Algier wie in Tunis und Marokko. Er will K a dd isch sagen. Er sagte es zwar nicht, er schämte sich vielleicht seiner anderen Aussprache, kann vielleicht gar nicht richtig lesen. Aber er kam, um eine Pflicht der Pietät zu erfüllen. Was wäre dabei so Sonderbares? Montag morgen; der kleine Bahnhof ist öde und>>dunkel, der Tag ist aus dem Morgennebel nochnicht heroorgekrochen. Eine Viertelstunde vor Abgang des Zuges bin ich das einzige Lebewesen auf' dem Perron, kein^Beamter, keim Passagier. Ein halbes Dutzend ^stark, stehen angerostete Blechkännen dicht vor den Schienen und bilden die einzigen Spuren einer menschlichen Niederlassung. Wer und wo ist der Herr und Betreuer dieser Milchkannen? Kein Mensch, kein Zeichen von Leben. Da kommen von unten herauf schwere Stiefel geschritten. Neben mir ein Franzose. Er saturiert militärisch und dann, zu meinem größten Erstaunen, ganz vertraut: „Bonjour Monsieur Redakteur!" Es ist, ich kann es bald im Dämmerlicht erkennen, der Franzose von gestern Abend, der vom Bethause. Er kennt mich. Auch das wollte nichts weiter heißen. Er hat mich im Vethause gesehen und hat sich eben nach mir befragt. Aber er weiß auch den Zweck meines Aufenthaltes am Platze. „Sie oben ier gesagt ein Referat", sucht er sich zu verständigen. „Sie wissen es?" Natürlich weiß er es. In deutschen, französischen und anderen fremden Worten zwischendurch, die ans Hebräische anklingen, aber Arabisch sind, sucht er es mir klar zu machen, was er alles davon weih. Er wäre herzensgern ebenfalls zum Vortrag gekommen, aber . . .' Hier geht ihm das Deutsch aus und er trommelt mit beiden Händen in die Lutf, dabei ein paar bekannte Kasernentöne trällernd. Ich verstehe vollkommen. „Um Neune!" sagt er dabei. Das soll heißen: Um neun Uhr wird Appell geblasen und da darf keiner mehr ohne besonderen Urlaub aus der Kaserne gehen. „Und Urlaub?" Ja, er hatte es versucht. Aber der Sergeant erkundigte sich, was das für ein Vortrag fei. Der Besuch politischer Vorträge sei verboten. Das wußte er selber nicht recht. Er zeigte die Annonce im Lokalblatte vor. „Ueber den Matz a r i l ". Wer und was das sei? Das wußte auch er nicht. Der Chargierte suchte im Deutschfranzösischen. Wörterbuche nach. Das Wort „Maharil" war darin nicht enthalten. Und er traute dem Mann und der Sache nicht. Wer konnte es wissen, wie dieser Monsieur Maharil zu den Franzosen stand?! . . . Was ein Gnadengeschenk von einem Erlebnis schon am frühen Morgen! denke ich dankbar. Wenn mir nur der liebe Kerl noch eine Weile erhalten bleibt! Da kommt das Züglein von irgendwoher mit Rauchen und Fauchen, als hätte es die Welt umkreist, angedampft. Es find auch inzwischen ein paar Passagiere da. Auch der Herr der Kannen. Ein Beamter mit roter Mütze wirkt auf das Züglein wie das rote Tuch, es bäumt sich und bleibt stehen. Ein paar französische Soldaten, mit den schwarzen Nachthauben der Jäger bedeckt, kommen noch im letzten Augenblicke angerannt. Sie laufen vorne hin, nach dem e r st e n Wagen, dem Militärwagen. Es ist Vorschrift, im Militärwagen zu fahren. Mein Franzose pfeift etwas,— er pfeift ganz hübsch und melodisch, trommelt in die neblige Luft und steigt mit mir in mein Abteil ein ... Ein großer langer, kahler Wagen, ein zu dritter, nein, zur H o l z k l a s s e erhobener Vierteklassewagen. Wir sind in unserem Abteil zu zweit allein. Wir haben bis Bingerbrück eine halbe Stunde Fahrt. Raum und Zeit wie geschaffen zum Morgengebete in Talith und Tefillin. Mein Franzose wird nichts dagegen einzuwenden haben. Aber er hat auch schon reichlich mit sich' zu tun. Aus seiner blauen Aermeltasche zieht er ein kleines goldbesticktes Beutelchen hervor, führt die Gebetriemen an die Lippen und legt sie an. 'Das Gehäuse sitzt.recht hübsch an der Haarwurzel vor dem blauen Käppi, das schick zur Seite geschoben ist. Der Franzose hat sein kleines. Gebetbuch von gestern Abend wieder vor Augen und betet. Ich kann das Büchlein jetzt-genau beobachten, kleines Format mit französischer Uebersetzung an der Seite, in Paris 1920 gedruckt. Auf dem Deckel prangt etwas in Goldlettern, vielleicht eine Widmung von der Mutter. ' Ich denke: wie würde ein solches Erlebnis in einer Novelle kitschig, wie Sucht am Fabulieren anmuten! Nun ist es lebendige Tatsache, wirkliche Wirklichkeit. Wir, er und ich, ich und er, durch Welten getrennt, „Feinde" von einst, wir sitzen und beten die gleichen Worte, mit den gleichen heiligen Symbolen an den gleichen Gott gebunden, im Werden des Tages . . . Vom Niederwalddenkmal rieselt ein rotbrauner Streifen über die weißgrauen Rebhügel herab. Die Sonne fällt in blassem, schmalem Paß ins Tal und glitzert über das Kristalleis des gefrorenen Rheines. Wie sich da die massiven Eisschollen aufeinander türmen. So dicht fährt der Zug am Rande dieser endlosen Eiswüste, daß man meint, die Schollen mit der Hand greifen zu können. Mitten drin starren festgefrorene Schiffe, die Schornsteine und Maste matt und tot in die Höhe streckend, wie die erstarrten Flügel eines toten Riesenvogels. Polareis, Rhein, Nordafrika und Tefillin . . . Ein Morgen voller Wunder . . . Alles vereinigt im. Preise für den Schöpfer, „der bildet das Licht und schafft die Finsternis, der macht den Frieden und erschaffet alles ..." „Sie haben wohl I a h r z e i t? " , frage ich, da wir fertig sind. Er weiß nicht, was das ist, er kennt das Wort nicht. Ob er heute bete, K a d d i s ch sage, etwa zum Andenken an Vater oder Mutter, umschreibe ich. Nein, beide leben noch, aber er bete, weil ein Jude beten muß. „Können Sie jeden Tag Tefillin legen?" Er spitzt den Mund und trompetet ein paar muntere Takte. „Um siebene ..." Das heißt: Um sieben Morgens ist Appell und muß aufgestanden werden. Um Achte wird der Kaffee verabreicht. Dazwischen findet sich Zeit und eine Ecke, sein Morgengebet zu verrichten. „Und die Kameraden?" Er sieht mich erstaunt an, dann ballt er die nicht unbedeutende Faust und fuchtelt damit ein wenig in der Luft. Will sagen: Wehe demjenigen, der es wagte, mich zu stören oder zu verhöhnen ... Uebrigens: Die Franzosen, die für ihr Leben gern lachen, verlachen nie einen wegen seiner religiösen Gesinnung. Abendfür Abend, erzählt er, geht er in das kleine Bethaus. Der Herr Rabbiner nehme sich seiner an. Dort lerne er ein wenig und bete. Viel wisse er nicht. Aber es fei doch bon, unter Juden zu sein. Etwas schwierig sei es mit der Aussprache. Hier sage man „Boruch atto", bei ihm zu Hause „Barach ätta". Aber man gewöhne sich schon daran, noch viel rascher, als an den Kommiß und vieles andere in Deutschland . . . „Unter anderen Umständen", sage ich, „so vor zwölf Jahren ungefähr, — ich meine es natürlich bildlich, wenn ich jünger" uyd Sie älter wären — hätte es passieren können-, daß wir beide aufeinander losgingen mit Hauen und Stechen, im frühesten Morgen, die Tefillin auf dem Kopfe ..." Der ganze mächtige Kerl erschauert. Dann lacht! er laut auf, so laut, wie nur ein Franzose lachen kann. Eine so furchtbar komische Vorstellung kann nur zum Lachen reizen . . . * * * Von Bingerbrück nach Mainz sind wir nicht mehr allein im Abteil. Auf allen kleinen Stationen steigen buntbekappte lycMer ein, die zur höheren Schule nach Mainz fahren. Sie schießen einen feindlichen Blick zur blauen Uniform hinüber, der weniger dem Weltkrieg als den französischen Vvkabeln, die nicht in den Kopf wollen, gelten und werfen^sich lärmend und raufend aufdie Bänke. Wir können nur gedämpft unsere Unterhaltung sortsetzen. Und ich erfahre dabei einiges aus seinem Leben und seiner Heimat. Er ist in Algier geboren. Algier eine große, schöne Stadt. Beinah so groß und so schön wie Mainz. Mainz ist für ihn das Größte und Schönste, was er in- Deutschland gesehen hat. Frankfurt sei noch größer und noch schöner und „alles so fromm". Das hatte er schon in Algier gehört. Er möchte auch für fein Leben gern einmal Frankfurt sehen. Er darf in seiner