Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1929)
- Date
- 1929-03-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. Nr. 11 Der Israelit 14. März 1929 Uniform nicht über die Besatzungszone hinaus. Auch Frankfurt steht nicht im Wörterbuch der Besatzungsarmee . . . Sonst, meint er, „Deutschland nix schön, nix fromm." In Algier gibt es zwölf Synagogen. Die e r mit feinem Vater besucht, ist die frömmste. Dort sitzen auch außer der Gebetszeit tagsüber Männer auf dem Boden unfr lernen aus alten, großen Büchern. Er selbst ist nicht von dieser Art. Sein Vater ist Bankier und er arbeitet in der Bank mit. Aber beim Beten war man immer da. Er ist fromm erzogen. Er hatte auch nicht die Alliance-Schule besucht, sondern das französische Gymnasium ... Bei Kriegsausbruch, erfahre ich weiter, war er noch ein Kind. Jetzt aber, da er zwanzig zählte, — ich hielt ihn seiner kräftigen Gestalt wegen für einen Dreißiger — und militärpflichtig wurde, wünschte er sich in die Besatzungsarmee, nicht unter die Marokkaner, sondern in ein richtiges französisches Regiment, um die Welt zu sehen und Juden kennenzulernen ... Er sah die Welt, — bis zur Garnisonstadt Mainz, und fand auch das Judentum — im kleinen Nebenraum der Synagoge im rheinischen Badestädtchen... Ob er sonst noch jüdische Kameraden von dieser Art hier hätte, frage ich. „Einen, aber" — er machte eine wegwerfende Geste mit der Hand, — „der ist aus Paris." Ich habe den Eindruck, daß man in Algier von einem Juden nichts Schmeichelhaftes sagt, wenn man sagt, er sei aus Paris . . . „In Mainz dagegen," sagt er, „gibt es deren mehrere. Die aus Marokko oder Tunis oder Algier sind, sind alle bon." Unter „gut" versteht er religiös. „Die anderen, na ..." Er zeigt mit der Hand gen Westen, nach Paris ... Ob er auch rituell leben könne, frage ich noch. Nicht ganz! Irgend ein Chacham in Algier habe ihm gesagt, im Kriege und beim Militär brauche man es nicht gar so genau zu nehmen. Aber wo. er kann, hält er alles ganz genau. Der Herr Rabbiner und einige fromme Familien sind ihm.stets behilflich. Es gibt auch welche, die darüber lachen. „Deutschland nix schön, nix fromm! ..." In Mainz-Mombach steigt er aus, um in den Mainzer Hauptbahnhof im anderen Wagen mit den Kameraden einzufahren, man kann nie wissen. Er reicht mir die Hand. Ich spüre es heute noch. „Salut!" (Er sagt: „Szalüh!") „Adieu Monsieur! ..." „Schalom!" Noch nie ist mir ein Gruß tiefer und innerlicher eingegangen, als dieser Schalomgruß des „feindlichen" Bruders . . . Amnestie und Pogrom. Don A. Heilet. (Schluh.) Stolypin kehrte am 20. zurück, und ich suchte ihn am gleichen Tage auf. Er war über mein Kommen sehr erfreut und sagte mir: „Ich fteue mich sehr, daß Sie mich ausgesucht haben. Ich habe nämlich gehört, daß in der Stadt das Gerücht verbreitet ist, ich hätte den Pogrom veranstaltet. Und dabei wissen doch alle, daß ich fast einen ganzen Monat verreist war." — Wir unterhielten uns eingehend über das traurige Ereignis, und Stolypin gab ausdrücklich zu, daß in Saratow kein Anlaß für einen Judenpogrom vorhanden war. In der Tat: unter den Juden der Stadt gab es keine Wucherer und sonstige Ausbeuter, und auch sonst war keine Gegnerschaft zwischen Juden und. Christen zu bemerken. Stolypin versprach mir schließlich, durchgreifende Maßnahmen zur Unterstützung der Unruhen zu ergreifen und einen Aufruf an die Bevölkerung zu veröffentlichen, in dem der Pogrom in all seiner Schändlichkeit gebrandmarkt wurde. Ein solcher Aufruf erschien denn auch bald, wenngleich nicht in einer so energischen Fassung, wie wir sie in Aussicht genommen. Ich hatte Stolypin außerdem vorgeschlagen, wenigstens einen geringen Betrag für die Pogromopfer zu spenden, damit die ganze Bevölkerung sehen konnte, daß die Obrigkeit'die Pogrome mißbilligt. Aber Stolypin erwiderte mir, er werde mir bas Geld später zusenden; jetzt gleich und in amtlicher Eigenschaft könne er es aber nicht tun. „Das Volk", erklärte er, „ist noch erregt, und man muß vorsichtig handeln!" Das Geld hat er mir aber auch später ebensowenig zugesandt. Zugunsten der Pogromopfer wurde in Saratow ein eigenes Komitee gegründet. Man zählte 153 Familien, die dem Pogrom zum Opfer gefallen waren. Es waren, wie immer, die Aermsten, zumeist Handwerker. Auch die Synagoge wurde in Brand gesetzt, und der Pöbel wollte sogar den greisen Schammes in die Flammen werfen.. An dem Pogrom beteiligte sich die Hefe der Stadtbevölkerung, aber feine Früchte genossen auch einige halbgebildete Elemente und Stadtbürger. Außerdem kamen von den umliegenden Dörfern die Bauern mit ihren Wagen, um das bei den Juden Erbeutete wegzuschaffen. Frühmorgens am dritten Tage des Pogroms, als in den Kirchen zur Morgenandacht geläutet wurde, sah ich von meinem Fenster aus einen Zug von Bauernwagen die Straße herunter wegfahren, die mit der Beute bepackt waren; ihnen entgegen kamen einige leere Wagen, um ebenfalls beladen zu werden. Ein Polizist, der auf seinem Posten stand und die „Ordnung" überwachte, befahl den leeren Wagen, auszuweichen und den Weg für die vollgeladenen freizugeben. Jn> diesem Augenblick ertönten die Kirchenglocken; und die Bauern, sowohl die, die die Beute fuhren, bekreuzigten sich allesamt. O sancta simplicitas! Nach Beendigung des Pogroms wurden allerdings einige Dutzend Individuen, die der Teilnahme an den Unruhen verdächtig waren, im Polizeigebäude in Hast behalten. Die Beute, die sie bei der Verhaftung bei sich hatten, bestand aber nur aus den geringfügigsten Gegenständen. Die Juden, die unter dem Pogrom gelitten hatten, wurden nach dem Polizeigebäude gerufen und ihnen dort sowohl die Verhafteten, als auch die bei den letzteren gefundenen Sachen gezeigt. Dies geschah aber in recht eigenartiger Weise: in einem langen!, dunklen, schmutzigen Korridor wurden die Verhafteten, zumeist Alkoholiker aus der Hefe der Bevölkerung, an der Wand ausgestellt; neben ihnen auf dem Fußboden lagen '•' erbeuteten Sachen. Die verängstigten Juden, die eben erst die Keller, wo sie sich verborgen hielten, verlassen hatten, mußten also gewissermaßen zwischen diesen Banditen Spießruten laufen, die die Fäuste gegen sie ballten und ihnen zuriefen: „Mit Euch Juden werden wir noch abrechnen!" Den seelischen Zustand dieser Juden kann man sich leicht vorstellen. Im Bewußtsein der Nachsicht, mit der die Obrigkett den Pogromen gegenüberstand, verhöhnten die verhafteten Banditen die verschüchterten Pogromopfer. Stolypin aber wurde berichtet, die Juden verhielten sich herausfordernd . . . Aus diesem Anlaß lud er mich zu sich. Ich traf auch den Polizeichef Moraki bei ihm an. .Stolypin war diesmal schlecht gelaunt. Er wandte sich an mich und sagte, da er meine große Autorität bei den Juden kenne, möchte er mir empfehlen, sie dahin zu beeinflussen, daß sie ihre herausfordernde Haltung aufgeben; er fügte noch hinzu, daß die unteren Schichten der christlichen Bevölkerung immer noch erregt seien und die erwähnte Haltung der Juden daher traurige Folgen haben könne, die zu bekämpfen dann sehr schwer halten würde. Ich fragte, worin denn das herausfordernde Benehmen der Juden sich äußere. Hierauf erwiderte Moraki, die Juden verhielten sich überaus hochmütig bei der Konfrontierung mit den Angeschuldigten. Da schilderte ich Stolypin, in welcher Weise diese Konfrontierung geschah,. und überließ chm selbst, sich darüber klar zu werden, ob die erschrockenen, totgehetzten Juden überhaupt imstande seien, sich herausfordernd zu benehmen, zumal wenn sie überzeugt sind,' daß die verhafteten Rowdies chre Drohungen wahrmachen und den Pogrom wiederholen können. Hierbei erzählte ich Stolypin, wie sich auch die Polizei während des Pogroms verhalten hatte, als er, Stolypin, von Saratow abwesend war, und wie ich den verkleideten Polizisten, der mit einem Knüppel bewaffnet an dem Pogrom teilnahm, erkannt hatte. Moraki versuchte, gegen , meine Behauptungen zu protestieren, aber ich nannte den Namen des Polizisten. Stolypin. erklärte, ein derartiges Verhalten der Polizeiorgane sei unzulässig, und befahl, die Sache zu untersuchen. Allein eine solche Untersuchung wurde natürlich niemals vorgenommen, und als Stolypin zum Innenminister ernannt wurde, wurde auch Moraki nach Petersburg berufen . . . Der Staatsanwalt erhob indessen Anklage wegen des Pogroms. Aber die Untersuchung wurde ohne rechten Eifer geführt. Ängeklagt wurden Leute, die man mit einer Kasserolle, einem zerrissenen Kissen und dergleichen angetroffen hatte. Die Inspiratoren des Pogroms hingegen setzten unbehelligt ihr „heiliges Werk" fort. Der „Verband des russischen Volkes" lebte in Saratow auf. Die Aufrufe des Bischofs Hermogen und des bekannten Jliodor, die zum Pogrom aufforderten, gingen von Hand zu Hand. Erst im Jahre 1909 oder 1910 wurden endlich einige unwissende Leute aus dem Volke zur Verantwortung gezogen und zu einer geringfügigen Strafe verurteilt, die aber wahrscheinlich niemals vollzogen wurde. Obwohl der Pogrom von Saratow im Vergleich mit anderen, furchtbaren Judenpogromen, wie z. B. mit dem von Kischinew, noch verhältnismäßig „mild" war, obwohl der Pöbel in erster Linie auf Raub ausging, so gab es auch hier zahlreiche Verwundete, die ihren Verletzungen erlagen, Grausamkeit gegen schutzlose Kinder und, wie bereits erwähnt, auch Akte religiösen Hasses gegen die Juden. Das Gericht hielt die Pogromangelegenheit für sehr bedeutsam und beschloß, nachdem es meine Meinung angehört hatte, die Untersuchung dem Landgerichtsrat Seidler anzuvertrauen, der als Untersuchungsrichter in besonders wichtigen Angelegenheiten fungierte. Zuerst machte sich Seidler denn auch energisch an die Arbeit, dann aber ließ sein Eifer merklich nach; auch war seine Lage nicht gerade leicht: die Polizei lieferte ihm keine Angaben gegen die einflußreichen Inspiratoren des Pogroms, die Juden aber fürchteten sich, irgendwelche belastenden Aussagen gegen bestimmte Personen zu machen, jaselbst auf die Teilnahmslosigkeit der Polizei hinzuweisen . . (Ein Irrtum des „Le Malin".) Eine de-r größten Pariser Tageszeitungen, „Le Matin", brachte dieser Tage wiederholt unter großer Aufmachung, daß «in, diesem Jahre sämtliche Katholiken (Gregorianer und Julianer), christliche Orthodoxe und Juden am 31. März l. I. das Passah-Fest feiern. „Und Juden!" Ein Blick auf unseren rr-iV belehrt uns aber, daß Peffach auf den 2 5. April fällt. Herr Josef Geschner, Antwerpen, schrieb an den „Le Matin" und bat um Richtigstellung. Eine solche ist bis jetzt, wie uns Herr G. schreibt, nicht erfolgt. Briefkasten. 11. in k. R. in B. und viele Andere. Zur Lehrerbildungsfrage ging uns eine Mut non Zuschriften zu, die wir dem Redakteur der Lehrerbeilage zur Sichtung vorgelegt haben. Besten Dank. I. A. X. Uns ist die gewünschte Adresse nicht bekannt. E. Agl, Die betreffende Stelle befindet sich, wenigstens idem vollen Sinne nach, am Schluß des ersten pns in mn- Qualität* 8- Moritz Wolf g Verantwortlich für den allgemeinen TeU und dar Fentllelo» 8. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t.B.r S.Schach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L« Kaufmann in Sprendlingen l«r. Offrubach). — »erlag .Israelis, Frankfurt a. M. — Druck Sermon »erlag»»