Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1929)
- Date
- 1929-03-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11. Seite 5 14. Marz 1929 gische 2nie g ri-tä t des heutilgen massvretif ch rn extes wArkkt-ch e r n e u n e r l ä ß l i ch e Glauben sv orans s e tz ung ist, und die der autoritativen Fortentwicklung des Religionsgesetzes dtu ften nicht überall gleich beantwortet werden, wenn sich auch die Diskussionen darüber, unter den. Gewi?fensdruck . der orthodoxen (Biun r. ,i0: kaum je in die Oefsentlichkett wagen." Urd diese Haltung wird von Herrn Dr. Simon, der hier esser-sichtlich im Sinne der palästinensischen Misrachi-Lehrerschaft spricht, nicht etwa verworfen, sondern wohlwollend toleriert, indem er fortfährt:, „ . . . Dies wirkt sich -dahin aus, daß jede zwangsmäßigs potii-sch-rellgiöfe Bindung abgetehnt, religiöse Kontrolle vermieden, die Schulautorität nicht für innere Entscheidungen eingesetzt wird. Dieser Haltung gibt es vielleicht verbotene, d. h. tatsächlich aus dem Judentum herausführende Antworten, aber keine verbotenen Fragen, zumal werdender Menschen. Sie ist, weltanschaulich gesehen, bewußt und durchaus liberal. Damit atlerd-rngs ist sie nicht mehr orthodox. Aber sie meint, daß jüdische Gesetzetsr-eu« in deren großen zeugenden Zeiten auch nicht orthodox, d. h. rechtgläubig war, sondern eben — treu." Wenn also die Misrachi-Lehrerschaft eine „bewußt und durchaus liberale", „nicht-orthodoxe" Haltung billigt und sich mit praktischer Gesetzesbeobachtung willig begnügt, so kann man uns doch gewiß nicht verübeln, daß auch wir von „liberal orientierten Elementen" innerhalb des „Misrachi" gesprochen haben. »bi S'ix nsns fl Vffa nsmn 3. Wenn die Wiederwahl des Herrn Dr. Wolfsb e r g — der seinerzeit, wie uns eine führende Persönlichkeit des „Misrachi" versichert hat, wegen seiner religiösen Einstellung zur Demission veranlaßt wurde — von den wahrhaften d’:p»kb innerhalb des „Misrachi" nicht als Provokation empfunden werden sollte, so wäre das ein bedauerliches Zeichen für deren Schwäche oder denen Mangel an Arbeitsfähigkeit. Denn Herr Dr. Wolssberg ist der prominenteste Vertreter jener unheilvollen „Orthopraxie", die Dr. Simon in dem zitierten Aufsatz charakterisiert, einer Richtung, die — ob auch aus einem ehrlichen, aber glaubensschwachen Ringen um die Wahrheit entsprungen — An ihren Ausrvirkunge n zur Heuchelei oder zum vollendeten Abfall führen muß. Die Evolution des Misrachismus zur Orthopraxis.ist -trag-rsch, aber kein Zufall. Möchten doch die vielen wahrhaft frommen und ehrlichen Jehudim unter den Misrachisten den Mut haben, über alle parteigebundene Solidarität hinweg, dieser Wahrheit die Ehre zu geben und die Konsequenz daraus zu ziehen: •li’pVs 'nb iiaa i3n Von der jüdischen Schule. (Privattelegramm.) Leipzig, 13. März. Die in letzter Nummer gebrachte Nachricht vom Rücktritt Rabb. Dr. Earl-ebachis als Leider der jüdischen Realschule entspricht nicht den Tatsachen. Vom Jüdischen Lehrerseminar in Köln. Köln, 7. März. Am 5. März ging die diesjährige Entlassungsprüfung für Volksschullehrer und -lehrerinnen, an der sich 14 Herren und 8 Damen beteiligten, zu Ende. 6 Prüflinge wurden wegen ihrer guten Leistungen von den Lehrproben und der mündlichen Prüfung, die von den Herren Geheimer .Regierungsrat und Oberschulrat Ewerding von Koblenz und Regierungsrat Dr. Speckamp von Köln geleitet wurde, befreit. Als Vertreter des Kuratoriums wohnten die Herren Rabbiner Dr. Rosenthal und I.. Dülken der Prüfung bei. Oesterreich. Die Leitung der Agudas Jisroel beim österreichischen Bundespräsidenten. Wien, 8. März. Der Vundespräsident Oesterreichs, Herr Miklas, emp-! fing am 7. März eine Delegation des Geschäfts- Ausschusses der Agudas I i s r o e l in Audienz. Die Delegation bestand aus den Vorsitzenden, des ' schäfts-Ausschuffes, Herrn Rabbiner 'Dr. P. Kohn, Herrn Rabbiner S. Fürst als Vertreter des Rabbinischen. Rates, - Herrn Wolf P a p p e n h e t m als stellver- De r Israelit ,__ tretenden Vorsitzenden des Geschäfts-Ausschusses und Herrn Rabbiner B. F r i e d m a n n. Bei Beginn der Konferenz bat der Vorsitzende zunächst um die Er-laub- Herr Rabbiner Fürst im Namen des Rabbinischen Rates einige Worte -des Segens sprechen dürfe. Er sprach folgendes: „Im Namen unseres Rabbinischen Rates, in dem sich fast alle großen Fsrjcher : .'.7 Kister unserer heiligen Lehre in der ganzen Wrlt vereinigen, entbiete ich Herrn Bundespräsidenten ehrfurchtsvollen Gruß. Wir gestatten uns, diesen Gruß in die'Form eines innigen Dankes zu kleiden, indemwir den Segen des Allmächtigen für das Wirken des Herrn Bundespräsidenten zum Heile und Wohle Oesterreichs herabflehen-. Wir wissen, daß die Interessen jeder GoAgläubig-kett in dem Herrn Bundespräsidenten einen treuen Wardein haben und sprechen hierfür unseren hoffnungsvollen Dank aus. Wenn mit des Allmächtigen Hilfe im Herbst der Rabbimsche Rat hier in Wien in Verbindung mit dem großen Kongreß unserer Aguda-Organrsation tagen wird, so werden fromme und heilige Menschen sich diesem Geb-et und diesem Dank an Oesterreich und seinen verehrten Herrn Präsidenten mit Herz und Seele anschließen." Herr Rabbiner Fürst schloß mit dem im hebräischen Text gesprochenen Pr-dsstersegen. Daraufhin entwickelte der Vorsitzende das Programm der Agudas Jisroel, die als ko nst i t u i e r endes Moment der jüdischen Gemeinschaft die Religion betrachtet und eine organisatorische Vertretung dieses Gedankens nach außen darstellt. Er legte die Gründe dar, welche die Aguda veranlaßt haben, ihren Mittelpunkt nach Wien zu verlegen und dankte für alle Unterstützung und alles Wohlwollen, die sie in ihrer Bestrebung seitens des Staates Oesterreich und ferner Behörden -erhalten habe. Der Herr Bundespräsident gab in seiner Erwiderung seiner Freude Ausdruck, daß der religiöse Gedanke sich bei den Glaubensgenossen der Deputation eine solche Organisation und ihre Vertreter kennen gelernt zu haben. In Oesterreichs Staat und Volk habe die Freiheit der Ueberzeugung eine sichöre Heimstätte, wobei -es sicherlich mehr aus die Tat als auf das Wort ankomme. Auch Gegensätze sollten stets durch versöhnende Tat ausgeglichen werden. Daraufhin überreichte Herr Wolf Pappe n h e i m als Beweis dafür, daß die Aguda das Hauptgewicht ihrer Tätigkeit in das Erziehungsgebiet verlege, die Denkschrift des Keren Hatorah und Beth Jakob und streifte dabei kurz die Lage der Orthodoxie in Wien und Oesterreich. Der Herr Vundespräsident versprach, den überreichten-D-enkschriften seine Aufmerksamkeit zu widmen, indem er nochmals an die Worte des Vorsitzenden anknüvfte und betonte, welch großes Stück des Weges zum Ideal alle positiv gerichteten Gläubigen, die lebendigen Glaubens sind, gemeinsam gehen können, und wie sehr es zu begrüßen sei, wenn religiöse Ideale in den Herzen der Jugend gepflanzt werden. Herr Rabb-iner B. Friedmann erwähnte noch mit dem Ausdruck des innigsten Dankes die große Gastfreundschaft, welche in den bitteren Zeiten des Krieges und der Nachkriegszeit die Flüchtlinge aus Polen im Staate Oesterreich gefunden haben, woran der Herr Bundesprästdent Reminiszenzen -aus seiner Heimatstadt Horn indieser Beziehung knüpfte. Der Herr Bundespräsident versicherte die Abordnung der Aguda seines aufrichtigen Wohlwollens für ihre dem Gemeindewohk dienenden Bestrebungen. Der Verlauf der Audienz und die Verabschiedung gestalteten sich sehr herzlich. Ungarn. Don der orthodoxen Gemeinde und Gemeinschaft. Budapest, 6. Mürz. Wie das Organ der ungarischen Orthodoxie, die Budapester Wochenschrift „Zsido Ujsag" m-itdeM, werden zur Ehrung des volkstümlichen Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei Adolf Frankl, der am 17. Jjar (27. Mai) sein 7 0. Lebensjahr vollendet, große Vorbereitungen getroffen-, Eine Gruppe orthodoxer Gemeinden Ungarns und der Jerusalemer ungarische „Kolel" (dessen Präsident ebenfalls Adolf Frankl ist), trifft Anstalten zur Erwerbung einer Häusergruppe zw-ecks Unterbringung unbemittelter ausschließlich mit Thoratu d-ium sich befassend-er Juden; diese Stiftung soll den Namen des verdienstvollenorthodoxen Landespräses tragen. Dis Budapester orthodoxe Jüdische Gemeinde hat, wie chon mitgeteilt, in ihrer Generalversammlung den seit 15 Jahren an der Spitze der Gemeinde wirkenden Herren Abraham v. Freudiger de Obuda zum Präsidenten wiedergewählt. Dem Rechenschaftsbericht des Vorstandes ist zu entnehmen, daß die Gemeinde in den letzten drei Jahren zwei neue Synagogen errichtet hat und eine dritte (auf der Ofner Seite) zu bauen im Begriffe ist. Es ist dafür gesorgt, daß in jeder Filiale der Zernral-Milchhalle stets koschere Milch erhältlich ist. Des. Schulwesen wurde sehr stark ausg-ebam. DU Gem/i. erhält in der Kerterz-Gasse ein -ärztliches Ambulatorium, das im Jahre 1928 in mehr als 4000 Fällen unentgeltlich in Anspruch genommen wurde. Gegenwärtig genießen 102 Budapester Jeschiwo-thzöglinge die Unterstützung der Gemeinde. Das Statut der Gemeinde enthält u. a. die folgende Bestimmung-: „Vorstand und Ausschuß werden angehalten, eine Person, die gegen die Vorschriften des Schulchan-Aruch verstößt, aus dem Gemslndeverbande auszuschließen." Der Gemeindepräsident Abraham v. Freudiger ließ soeben den zweiten Teil des Werkes seines verstorbenen Vaters, Mosche Freudiger, unter dem Titel „Mosche jedabber" erscheinen. Dieses Werk eines Nicht-rabbiners gilt als ein Standard-Werk auf homiletischem wie auf halachischem Gebiet. Schweiz. Israelitische Religionsgefellfchafi. Basel, 11. März. Die Grund st e i n l e g u n g der Synagoge der I s rae li tis ch en Re l i g i on sges e l -ls cha s t Ecke Ahornstraße—Birkenstraße findet kommenden Sonntag den 5. Adar II (17. März) 11 Uhr vorm, statt. Die Architektur und Bauleitung liegt in Händen der Firma A. Bischofs u. Eo., Hoch- und Tiefbau Basel. Die Synagoge wird ca. 120 Männerplätze und 100 Frauenplätze erhalten, ferner wird ihr ein 'Hörsaal und Abwartswohnung angegliedert fein. Holland. Brief aus Holland Amsterdam, 1. März. Als vor einigen Wochen auch in Holland ganz plötzlich die Kältewelle emströmte, wurden oonfeiten des Magistrats sofort verschiedene Schulen zu Speisungslokalitäten umgewande-lt. Für die ärmere jüdische Bevölkerung wurde selbstverständlich für Koscher-Essen gesorgt, so daß sie einen Teller Fleischsuppe zu 5 cents- (etwa 8 Pfg.) bekommen konnte. Die katholischen Postbeamten Hollands haben beschlossen, am Sabbat und an jüdischen- Feiertagen die Arbeiten ihrer jüdischen Kollegen zu übernehmen, dagegen werden die jüdischen Postbeamten an den christlichen Feiertagen arbeiten. So löst man in Holland im Beamtenkreise die Schabbos-Frage. Zur Nachahmung allenthalben empfohlen! Zu Repräsentanten der orthodoxen jüdischen Gemeinde im Haag wurden gewählt: 1. Generaloberst S ch r i j v e r 2. St-aatsrat Polak (Staatsrat stllet in Holland die höchste amtliche Würde dar).' In der Versammlung des Amsterdamer j ü d i f ch e n Frauenbundes sprach der sehr geschätzte Maler Monn ickendam über die Kunst, wie sie sich im Tenach vorfindet. Er zittert — selbstverständlich bedeckten Hauptes — aus „Veveischith" und „Schemoth" auswendig diejenigen Teile, die zu dem Thema passen. Während des Zitierens malt er die Arche Noahs, di-e Stift,s-lMte, und die Kufiusgeräte, kurzum alles, was sich in den angeführten Versen zeichnen -läßt. Er hatte mit dem Vortrag vollen Erfolg. Monnickendam ist bewährter Jude und einer der prominentesten Maler Hollands. Folgende Anzeige, die ich ineiner orthodoxen jüdischen Zeitung Hollands fand, ist so recht bezeichnend für das Verhältnis zwischen Juden und Christen. Besagte Anzeige lautet: „Wir teilen tiefbewegt das A-bsterben unsres sehr geehrten Freundes, des Herrn Dr. v. Hall, Rittergutsbesitzer usw. mit. L. Monas u. Frau." Der Berftorbene war Eigentümer des bedeutenden Amsterdamer „Palast für die Volksindustrie" und hatte während seines langen Lebens (er starb 90jährig) sich em-e große Menge Juden zu Freundenzu erwerben gewußt, weshalb diese ihrem christlichen- Freunde jetzt in einer orthodox-jüdischen Zeitung einen warmempsundeneu Nachruf widmen.