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Der Israelit · 1929-03-14 · Heft 11 (14.3.1929) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 11 (14.3.1929)
Date
1929-03-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2. Nr. 11 Der Israelit 14. März 1929 schwer fällt und mancher halachische Punkt ihrem Gesichtskreis sich entzieht, wäre begreiflich. Desto weniger sollten die Rabbiner zögern', in dieser Schicksals.stunde des Berliner Judentums, ja der deutschen Judenheit ihren Standpunkt zu vertreten. Die Konservativen in Berlin stehen am Scheidewege. Es geht nicht nur die Verwaltung an, sondern alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Denn kraft Auftrags der Gemeindemitglieder faßt die Verwaltung Beschlüsse. Unnötig zu erwähnen, daß es auch die Rabbiner angeht. Ihnen allen stellt die jüdische Lehre heute die Frage: Was verpflichtet, ja, was berechtigt Euch, eine Politik zu treiben, durch die Ihr zwangsläufig gegen Euren Willen und zu Eurem und unserem Leidwesen zur Zerstörung von Thorawertenbeitragt? Ausweiche r e l i g i o s g e s e tz - liche Entscheidung stützt Ihr Euch? Vor jedem Mitglied der Gemeinde steht heute diese Frage. Möge jeder ihr gerecht werden. Wochenrundschau. Wehrunterricht" in der Jüdischen Schule. Nicht Fechtstunden zum Schutz und Trutz, nein, soweit geht Jakob L e d e r m a n n nicht. Aber Stunden zur Wehr und L e h r in der jüdischen Schule verlangt er in der E. V.- Zeitung, und die Organe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten nehmen! sich dieses Vorschlags Mit besonderer Wärme an. Was unter dem Titel „Wehrunterricht" verlangt wird, ist, daß im Rahmen des jüdischen Religionsunterrichtes eine W e h r st u n d e in Verbindung mit dem behandelten Stoff erteilt wird, und zwar an Hand eines Wehrbuches, das dem kindlichen Geiste psychologisch angepaßt ist. Beispiel: „Sind wir Deutsche oder Fremde?" „Waren die Juden Drückeberger im Weltkrieg?" „Gibt es eine jüdische Rasse?" Etwas vom Hakenkreuz u. v. m. So würden die Kinder geistig wehrhaft gemacht werden, immun gegen Beschimpfungen und Beleidigungen. Wenn um die Weihnachtszeit die heiligen Lieder der andern Gemeinschaft erklingen,- würde nicht mehr jener Zwiespalt eintreten, den bis jetzt der Religionsunterricht nicht beheben konnte. Das jüdische Kind muß sich wehren können. Darum: Wehrunter r i ch t! So richtig u. E. die Prämissen sind, von denen hier C. V. und R. j. F. ausgehen, fo falsch sind die Schlußfolgerungen. Ein Kind, das. in der Schule jüdisch ertüchtigt wird, das das Judentum aus der Quelle kennt, es k ann sich wehren; ihm ist das Arsenal der geistigen Waffen offen und es weiß sie'zu führen, auch ohne bewußt auf die Wehr angelegte geistige Fechtübungeu genossen zu haben. Und wo in einem solchen Falle mit der Waffe der Wahrheit nichts zu erreichen ist, — weil gegen Dummheit und Bosheit auch höhere Mächte vergebens kämpfen, — da wird das jüdische Kind urd der jüdische Mensch die Waffe einstecken und im stolzen Bewußtsein seines Judentums sich selbst genügen und sich innerlich turmhoch über Rohlinge und Hohlköpfe in Wotan erheben. Das Weihelied der aufrichtig Religiösen im andern Kreise wird seinen Neid nicht erwecken, im Gedanken an Licht, Lied und Liebe im eigenen jüdischen Haus; das Schmähli-ed der Uebelwollenden wird ihn nicht demütigen, im Gefühle der eigenen jüdischen Kraft. Um solche Kinder und solche Menschen zu erziehen, genügt nicht — darin hat schon Ledermann ganz recht —, der Religionsunterricht, der im Rahmen der allgemeinen Schule in wenigen Stunden der Woche „auf einem Fuße" den Kindern alle Thora beibringt. Nötig ist ein a u sgiebiger und ausgedehnter Religionsunterricht in eigenen Religionsschulen außerhalb der Schule, die die Kinder an die Quellen führen, noch nötiger, ja, Lebensbedürfnis der jüdischen Gemeinschaft, ist die vielumstrittene und in den Kreisen des Zentralvereins bekämpfte Konfessionsschule, in deren Bejahung wir uns heute mit führenden Geistern der deutschen Politik einig wissen. Wir möchten in diesem Zusammenhang auch den Kampf d e s L e i p z i g e r GemeinderabbinerDr. G o l d m a m n gegen Schulbehörden und sächsische Gerichte um den Sabbat seines Kindes erwähnen. Unter Berufung auf das Recht der freien Religionsübung in der deutschen Republik schickt der genannte Rabbiner seinen Sohn am Sabbat anstatt in die Schule, in den jüdischen! G o t t e s d i e n st und wird darum dauernd von der Schulbehörde mit Geldstrafen belegt. Das Oberlandesgericht, das sich mit der Sache als Berufungsinstanz zu befassen hatte, stellte sich unbegreiflicherweise auf den Standpunkt der LeipzigeH Schulbehörde. Es hält, was noch unbegreiflicher ist, ein solches für die jüdischen Schüler in -Sltt». spruch genommene Religionsrecht für eine V e rle tz un g der a l lge Me ineu Sta a tsgesetze, der durch einen gewissen Absatz eines gewissen Paragraphen ein Riegel vorgeschoben werden kann. Das deutsche Judentum, soweit es zur Thora und zum Sabbat hält, wird Herrn Rabl/. Dr. Goldmann Dank wissen für den mutigen Kampf, den er für d i e g a >n z e Seme t nschafft führt und der doch am Ende zum Siege führen muß, d. h. zum Siege der deutschen Verfassung, die doch die fteie Religionsübung einmal gewährt, und die durch das Vorgehen der Schulbehörden und bisherigen Gerichtsinstanzen genau so verletzt wird wie das Judentum u n d d e r jüdische Sabbat. Denn wie wollen wir das jüdische Kind wehrhaft «nach innen und außen machen ohne Sabbat, ohne Sabbatruhe und ohne Sabbatlied? Etwa durch Wehrstunden? Wird nicht Judentum in das B l u t des Kindes geleitet, kann es nicht in Haus und Schule Judentum e r l e - den, so werden alle Worte, und wenn das Frage- und Antwortspiel im Wehrbuche noch so schön angelegt wäre, versagen und verhallen. Von Len Prämissen des Herrn Jakob Ledermann ausgehend, gelangen wir auf dem einzig geraden und richtigen Weg unweigerlich zur jüdischen Konfessionsschule, und, soweit höhere Lehrgänge oder ungünstige Umstände dieser im Wege stehen, zur a u s g e d e h nten, mit g,üt jüdischem Programm a u s g e st a t t e t e >n Religionsschule. Attnderheiksrecht in Genf. Im Vordergrund^ der Verhandlungen auf den V ö l k e r b u n d r a t s - V e r s a m m l u n g in Genf stand diese Woche das Recht der Minderheiten und im Mittelpunkte dieser Verhandlungen ein Referat des deutschen Außenministers Dr. S t r e s e m a n n. Er sagte u. v. a.: „Die Minderheitenrechte stehennicht im Gegensatz zu den staatsbürgerlichen Pflichten-. Die Idee, die zu der Begründung des Völkerbundes und zu den von ihm übernommenen Garantien für die Minderheitengeführt hat, sehe ich gerade darin, daß er den Ausgleich schaffen wollte zwischen den Spannungen, die die neug-eschaff-enen Verhältnisse naturgemäß schaffen und zurücklassen mußten, durch eine gerechte Handhabung gegenüber den Menschen anderer Rasse, anderer Religion und anderer Sprache. Den Frieden auf -die Ewigkeit zu sichern, ist ein Ideal, dem die Menschen zustreben, ohne daß irgend jemand würde behaupten können, daß die Menschheit dieses Ideal je -erreichen wird. Wir können nur alles, was in unseren Kräften steht, -dazu tun, um die Voraussetzungen für einen solchen Frieden zu schaffen. Eine dieser Voraussetzungen ist der kulturelle Friede der Völker untereinander, und stärker als Paragraphen und Bindungen es für die Ewigkeit vermögen, wird der Der Glanz im Mosesanklih. Bon Rabb. Dr. H. Gescheit in Pohrlih (Mähren). Von der Geburt eines Menschen gebraucht man die Phrase: er hat das Licht der Welt erblickt. Von der Geburt unseres Lehrers Moses gilt es umgekehrt: erst, als er geboren wurde, hat die Welt das Licht erblickt. Denn er brachte ihr di« Leuchte, bracht« ihr die mw Und wenn wir in der Schrift -lesen., daß sein Antlitz geleuchtet, so war dieser Glanz unzweifelhaft ein'Widerschein der mm die ihm buchstäblich in Fleisch und Blut übergeMNgen,. deren Abglanz er' war. Dieser Ansicht scheinen alle Weisen des Talmuds und des Midrasch zu sein. Wohl sind die der Meinung, daß das Licht, welches Moses allsgestrahlt, von seinem Aufenthalt in der Felsenhöhle, aus der er Gott an sich vorüberziehen gesehen, herrührt, während R. Berachjah sagt, daß die zwei Bund-sstafeln eine Länge von 6 Spannen gehabt, wovon 2 Spannen Gott und 2 Moses in der Hand gehalten und das Licht auf Moses von den 2 Spannen in der Mitte, welche unbedeckt und frei lagen, hinströmte. Dies bedeutet aber keine Meinungsverschiedenheit. Sowohl die v'vzn als auch R. Berachjah wie R. Jehudoh, nach dessen Behauptung der Glanz von dem Tropfen Tinte kam, der in der Feder zurückgeblieben, mit der Moses die mr> schrieb, heben die verschiedenen Lichtserben der Lehre hervor, deren Abglanz als Gloriole um Moses Haupt gestrahlt, ohne miteinander zu streiten. Die eine Lichtseite, durch die sich die jüdische. Lehre von der anderer Bekenntnisse wesentlich unterscheidet und auf die die D’aan Hinweisen, ist die Ehrfurcht, mit der sie sich scheut, den Vorhang vor der Pforte des Himmels wegzuziehen, den Schleier zu lüften, in den sich die Wesenheit Gottes hüllt. Moses will des Ewigen- Herrlichkeit sehen, doch ihr Strahl ist von einem solch blendenden Glanz, daß ihn selbst das Auge des größten aller Sterblichen nicht ertragen kann. Darum stellt ihn Gott, da er an ihm vorüberzieht,., seine Augen beschattend, nsn mpja* irr das lichtdämpfende Dunkel einer Felsenhöhle, zeigt ihm pur den Rücken, denn in Gottes Antlitz zu bleiben, -vermag kein Staub geborener, ohne daß er stirbt. Und so weiß Israel über Gott nur, was «r nicht ist und vom Jenseits, 'k nb;-r daß es nur' Gott kennt. Für uns ist die Welt dort, wo die Höhen beginnen, mit Brettern vernagelt. Die heiligen Bücher anderer Bekenntnisse hingegen schildern nicht bloß in sinnberückenden Farben Hölle und Paradies, sondern die Lehrer monotheistischer Religionen streiten allen Ernstes nicht etwa wegen des Propheten Bart, sondern in einer den Kenner der Lehre M-osis als Blasphemie anmutend-en Weise über die bildliche Darstellung einzelner Gesichtspartien Gottes. Daß derartige Auseinanders-etzungen geeignet sind, die Vorstellung vlM Gült zu trüben, muß ebenso wenig bewiesen werden-, wie daß der jüdische Gottesbegriff darum wie- , Sonnenschein strahlt, weil es selbst einem Moses nicht gegönnt war, Gott zu sehen. Und der Reflex von diesem Licht fällt auf Moses, obwohl er Gott in seiner ganzen Herrlichkeit zu sehen gewünscht, weil anderseits er es gewesen, der seinem Volke scharf eingepvägt: sehr, sehr -nimm -dich in acht, denn du sähest kein Bild von Gott am Tage, da er sich geofs-en-- bart. Die zweite Lichtseite unserer mw durch die sie sich gegenüber den heiligen Büchern -anderer Glaubensgemeinschaften ebenfalls in ganz charakteristischer Weise abhebt, ist, d-aß sie ihre Lehren weder inden Nebel'der Mystik, noch in das Dunkel des übervernünftigen Dogmas hüllte. Die Lehren, welche Moses kündet, sind alle der menschlichen Fassungsga-be angemessen, einen Satz wie credo qui-a absurdum, der blinde Glauben für das Absurde, vom logischen Denken nicht faßbare fordert, kennt das Judentum nicht. Und hierauf will Rabbi B-erachjah aufmerksam machen. Er läßt das Licht von ben zwei Steintafeln auf Moses nicht, was scheinbar ein natürlicherer Vorgang wäre, wie bei jedem Lichtstrom durch den mittels Berührung- ' hergestellten Kontakt überleiten-. Denn was Gott und Moses vondm zwei Bundestafeln in den Händen halten, ist verdeckt, verhüllt und das Verhüllte leuchtet nicht. Das Licht geht aus der Mitte der Steintafeln -aus, welche frei sich dem Auge zeigt. Und auch Israels Religio-nslehren fehlt der Charakter des Verschleierten, des vom scharfen Auge des Verstandes nicht zu durchdringen Düsters. Eie sind vielmehr vernunftgemäß, klar wie das Helle Licht, das sich von der m-r auch -auf Moses übertragenhat. Zu diesen -inneren Vorzügen gesellt sich ein Vorzug rein äußerlicher Art. Denn der Spruch R. Je hu das, daß der Glanz im Antlitz Mojes von dem Tintentropfen herrührt, der an Mofes Feder zurückgeblieben, kann nichts anderes als den Stil, die Sprache der Heiligen Schrift im Sinn haben. Wer hat eine glänzende Schreibart? Der -etwa, der weitschweifig -ist und weniges mit vielen Worten sagt? In der Kürze liegt die Würze, in der Kürze ist Glanz. Und Moses, von dem, weil er von schwerer Zunge, umgekehrt gilt: getan ists leicht, gesagt ists schwer, er spricht nicht bloß wenig, er schreibt -auch sparsam und

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