Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 10 De r Israelit 7. März 1929 gen. Sie sind Früchte am Baume der Erziehung und des Lebens. Erziehendes Leben müssen die Lehrer auf ihre Fahne schreiben. Sie sollen zu temperamentvollem, selbstvergessenem, impulsivem Aufgeben und Aufgehen der Persönlichkeit in der Gemeinde, wie es der Jugend liegt, erziehen, u-nterzutauchen unter den Brüdern,, in den Interessen aller das eigene Interesse zu finden, fest sich verbunden zu fühlen mit ihnen und in ihnen und für sie zu leben. An Stelle der Assimilation des vorigen Jahrhunderts ruft unsere Zeit uns auf zur Assimilation des Bruders an den Bruder, nur dann können wir zu Gott sagen: i^a im» unser Vater, unser König. Er will nicht unser König sein, wenn wir uns nicht als Söhne eines Vaters fühlen! 3. E i n Jahrhundert der Naturwissenschaft und des Jntellektua ' lismus. Eine solche Assimilation, wie wir sie eben gefordert haben, setzt aber eine dem jüdischen Ideal entsprechende gemeinsame Weltanschauung voraus, die ihrerseits wieder der des 19. Jahrhun derts durchaus entgegengesetzt ist. Es war ein Jahrhundert der Naturwissenschaft und des Intellektualismus. Der Mensch galt vielen nur mehr als bloßes Naturwesen, in jeder Beziehung und unbedingt. dem die ganze Natur beherrschenden Kausalitätsgesetz unterworfen. Der Intellektualismus erkannte von den.menschlichen Geisteskräften allein den Verstand an und wollte nichts gel ten lassen, was sich vor ihm nicht erweisen ließ. Auf der ganzen Linie entbrannte der Kampf gegen die Religiösität im allgemeinen, gegen die religiöse Ethik und gegen unsere Emuno im besonderen. Die mechanistische Denkweise drohte alle die großen Anstrengungen, die S. R. Hirsch und Esriel Hildesheimer unternahmen, um das Judentum mit moderner Kultur zu versöhnen, zuschanden zu machen. Wellhausens Geschichte Israels und Hackels Welträtsel und Schopenhauers Pessimismus und Nietzsches Umwertung aller Werte begründeten eine gegen die Grundlagen jüdischen Denkens und Fühlens gerichtete Lebensanschauung. Dazu kam, daß der Jdeenmensch, der religiöse, philosophische, künstlerische der ersten Hälfte des Jahrhunderts um die Mitte desselben dem Gesellschafts-, Willens-, Industrie- und Machtmenschen weichen mußte, daß die Popularisierung der religionsfeindlichen Wissenschaft um jene Zeit ungeheure Fortschritte machte. Vor vier Jahrzehnten noch bestand das Problem Glauben und Wissen in der Hauptsache nur für unsere Studenten, die wir gegen jene Literatur immun machen muhten, und für die der B. I. A. gegründet wurde. Andere Kreise kamen mit ihr kaum in Berührung: Aber heute hat jeder junge Mensch die Zweifel auszufechten, die eine fürsorgliche Ausklärungsbibliothek, Straße und Presse in den Gemütern der religiösen Juden 'anzufachen und zu schwersten Lebensnöten zu steigern versteht. Das sind die Ausläufer der Vorkriegszeit. Verstehen wir es nicht, diesen Geist zu bannen, verbindet sich mit ihm die besondere Gefahr des Amerikanismus und der Großstadtkultur, dann sind wir verloren. Rettung ist nur möglich, wenn wir auf die Grundlagen dieses Geistes zurückgehen und uns ihrer Grenzen bewußt werden die in anderen Kreisen längst erkannt sind. Die naturalistische Philosophie, auf die er sich gestützt hat, hat längst ihre beherrschende Stellung eingebüßt, der Intellektualismus gilt längst nicht mehr als Maß der Wahrheit, weil man erkannt hat, daß er dem menschlichen Leben seinen Sinn und Wert nehme und eine Verkümmerung des Seelengrundes zur Folge habe. Mit am überzeugendsten hat Eucken dieses Geistes Unzulänglichkeit nachgewiesen. Aber auch die Quellen jüdischen Geistes hören wir wieder rauschen, und was die Wahrheiten unsrer Tauroh und die Schönheit des jüdischen religiösen Lebens anlangt, haben wir heute eine noch nie hygewesene apologetische und aufbauende Literatur, die den Sinn und das Wesen des Ju dentums in leuchtendsten Farben erstrahlen läßt Unsere Aufgabe muß sein, all diese verstreut er scheinenden Steine jüdischer und nichtjüdischer Baumeister zu einem ganzen Jdeengebäude au zurichten, die gott- und glaubenstreuen Stimmen zu ermutigen und zu einer Harmonie von Tönen zu verbinden, die daran arbeitenden Männer nicht verhungern, die Zeitschriften nicht eingehen zu lassen!. Dazu gehört eine starke Organisation von Lehrern, dazu gehört die Geistigkeit der Ju gend und des Judentums mit ihrem Reichtum an seelischen Kräften gegenüber de Armutd-es'Intellekts, von dem die Vor kriegszeit beherrscht war. Den gesetzes treuen Lehrern erwächst hier in Verbin düng mit den andern gesetzestreuen Organisatio neu eine erhabene Aufgabe, dem Weltanschauungswandel flammenden, hin reißenden Ausdruck zu geben, ihn i n sich zu verkörpern und vor aller Welt den Sieg des Judentums über ein Jahrhundert zu verkünden, das gestützt auf alle Machtmittel der Zivilisation ohne Judentum, ja, ohne Religion, ohne tiefere Philo sophie leben zu können vermeinte und daran gescheitert ist und scheitern mußte: Val vxn ffn’ vbivb Dip’ ii'pbx -im f’s* ' (Schluß folgt.) Korrespondenzen « Nachrichten. Deutsches Reich „Der jüdische Angestellte". F r -a n t f or r t ©. M., 3. Mörz Der vor kurzem in Frankfurt gegründete „ An gestellten b und Agudas Jisroel " gibt unter dem Titel „Der Jüdische Angestellte" «n> eigenes Organ her aus. Die erste Nummer für März ist erschienen und enthält wertvolles organisatorisches und auch 'literarisches dem Sabbat gewidmetes, Material. In einem leitenden Artikel werden genau die Gründe und Erwägungen erörtert, die zur Gründung des Bundes geführt haben. Auch werden die Satzungen des Angestelltenbundes im Wortlaute veröffentlicht. Im großen Ganzengewährt der Bund kostenlose Stellenvermittlung, unentgeWche Rechtsberatung und Vertretungen von Arbettsstreitigke!- ten von Gericht, Unterstützung bÄ Arbeitsvertust infolge des Sabbats und ermäßigten Ferienaufenthalt. Anmeldungen und Anfragen sind ans Büro, Frankfurt a. M., Schwanenstraße 12, zu richten. Das Hilfswerk für Beßarabien. B e r l i n, 1. März: Bekanntlich haben das American Joint Distribution Committee und die American Joint Reconstruction Foundation größere Beträge für die hungerleidende jüdische Bevölkerung in- Beßarabien bewilligt. Es-hat sich erner ein Hilfskomitee in Kifchinew gebildet, welches Mittel aus Rumänien wie aus dem Auslande erhält. Ueber die Tätigkeit dieses Komitees ist dem Hilfsv-erein der Deutschen Juden ein Bericht zug-egangen, der nachstehend im Auszug wiedergegebenwird. Nach den Mißernten in den letzten Jahren in einem großen Teil von Mittel- und .Süd-Beßarabien hat sich die ökonomische Krise ungeheuer verschärft und in dieem Jahre ihren Höhepunkt -erreicht. Die Dürre, die im letzten Sommer herrschte, wirkte besonders katastrophal. Unzählige jüdische Familien sind im buchstäblichen Sinne des Wortes ohne Brot geblieben..^Nicht nur die Ackerbauer waren die Opfer dieser Not, sondern auch Handwerker, Kleinhändler und Großkaufbeule wurden völlig ruiniert. Esstellte sich die Notwendigkeit heraus, eine Rettungsaktion in weitem Umfange einzuleiten. Auf die Initiative einiger auf sozialem Gebiete tätiger Persönkchketen mit Herrn M. Roitman an der Spitze, die schon in den Jahren- 1925 und 1926 -sineähnliche Hilfsaktion für die hungerleidende Bevölkerung in Nord-Beßarabien .1 ‘; li '« '?■ N'i ti- ' >U ■ durchgeführt hatten, wurde der Beschluß -gefaßt, die Hilfsärbe-i't sofort zu beginnen. Das Komitee konstituierte sich unter dem Vorsitz von Herrn R-oitman. Vizevorsitzende sind Dr. A. Jackir und Ingenieur A. Silbermann. — Die Not wird von Dagzu Tag größer. Die Zahl der Hungerleidenden wächst ungeheuer. Täglich kommen Nachrichten aus Städtchen und Dörfern, wo der Hunger sich fühlbar macht. Der Winter verschlimmerte die Latze. In der Kaffe des Komitees befand sich ein Rest von Lei 100.000, die von der Hilfsaktion im-Jahre 1926 zurückgeblieben waren. Das Zentralkomitee begann feine Tätigkeit mit diesem kleinen Betrage. Es verschickte gleich - zeitig Zirkulare nach allen Städten, und Städtchen von Nord-Beßarab-ien, der Bukowina und Rumäniens sowie nach dem Auslände. Im Jahre 1929 in Beßarabien weilende Vertreter amerikanisch-jüdischer Zeitungen suchten den Hungerrayon auf, wo sie sich von der. Notlage selbst überzeugten. Sie veröffentlichten eine Reihe von- Artikeln und Telegrammen in -der jüdischen Presse. Ferner erschienen Aufsätze in der rumänischien Presse. Von der beßarabischien Judenhett konnte keine wesentliche Hilfe erwartet worden, sogar das „glückliche" Nord-Beßarabien, wo der Hunger nicht herrscht, ist von früheren Jahren her wirtschaftlich zerrüttet. Es ist aber hervorzuheben, daß trotzdem von vielen Orten in Nord- Beßarabien Spenden geschickt wurden. SeWstverständlich konnten diese Gäben bei der großen eigenen Not nur ehr gering sein, Aus Czernowitz ging ein B>etrag> von Lei 400.000 -ein, außer Spenden von Einzelpersonen in Geld und'in Natura. Angesichts der geringen Summen, die dem Komitee zuftoffen, konnte dasselbe die Hilfe nicht in erforderlichem Maße -durchführen. Cs war unmöglich, die vom Hunger betroffenen Orte mit GeDfummen zu versehen, die es ermöglicht hätten, 400 Gramm Brot, pro Person pro Tag sicherzustellen. Das Präsidium des Komitees hat die ein-gegangenen Gelder allen notleidenden Orten zugeführt, wobei die einzelnen hungerleidenden Personen viel weniger bedacht würben, als sie bedurften. In den letzten Wochen konnte -die Hilfe etwas ausgiebiger erteilt werden dank den MittM, die aus dem Auslände, aus Berlin, London, Paris, Amerika ufw. eingetroffen sind. Es wird darauf hingewiesen, daß, um die hungerleidende Bevölkerung nur mit Brot und Kavtofiefro (400 Gramm Brot pro Tag für jeden Hungernden) im Verlaufe von 6 Monaten zu verfehlen, nicht weniger als 40 000 000 Lei (d. t. ca. Mk. 991.009) erforderlich 'ind. Dieser Betrag' könne, bemerkt das Komitee, nur vom Auslande -erwartet werd-en. Die Hoffnung des Komitees ist auf die Hilfe der ausländischen Brüder gesetzt, die gebeten werden, die größten Anstrengungen zu machen, die Not, die tausende jüdische Familien bedroht, liude-rn zu helfen. Angesichts der großen Notlage, über die von verchiedenen Seiten berichtet wird, appelliert der Hilfsverein der Deutschen Juden von neuem an weite Kreise der deutschen Judeniheit, ihre Mithilfe zur Milderung des urchts reichen Elends zu gemähren. Spenden sind mit der Bezeichnung „Für das Beßzr-äbvenhilfswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden" agf fein- Bankkonto Deutsche Bank, Dep.-Kasse E. Berlin 9, Potsdamerstr. 127'128 oder auf st-u Postscheckkonto Berlin NW. 7 Nr. 33126 zu überweisen. Vom Verein „Esra". Berlin, 22. Februar. Uns wird miltgeteilt: Der Verein „Esra" (Verein zur Unterstützung ackerbautreibender Judenin Palästina und Syrien), der älteste jüdische Kolonisationsvereiin, hat nach Ueberwindung der schweren Kriegs- und Jnftationsjahre eine Tätigkeit wieder voll ausgenommen und arbeitet im alten Geiste, fern aller Politik, auf sozialer. Grundlage. Leider hatte er den schweren Verlust seines langjährigen Wochenkalender. v. 3. — 13. März 1929 / v. 27. Jübar I bis 4. SBeabar Samstag Sonntag Montag vienstag Mittwoch Vonnerstag Freitag Samstag 9 •VT« 27 10 28 11 29 12!l 30 8 13 1 14 >2 15 3 16 4 enn?i p-n» Mauleb Sonntag abends 11 Uhr 28',« M. vin v«iT '« npoan ’Tipa