Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Lehrer und Führer einer Gemeinde muß angemessen und seines Amtes würdig besoldet werden. Solange aber es noch hie und da Gemeinden gibt, für die bei Anstellung von Beamten nicht die Qualifikation, sondern einzig die G e h a l t s a n s p r ü ch e entscheidend sind, wird sich auch Imitation schlechtester Sorte durchsetzen. Das ist die ernste Seite des feuilletynistisch behandelten Falles Papo-Noteles. Neue Methode« in Sowjekruhiand. Im offiziellen Organ des weißrussischen Bolschewismus „Oktjob er" veröffentlichen die Rabbiner Weißrußlands (Minsk) eine Erklärung, in der sie alle im Auslande verbreiteten Gerüchte über R e l igio n sv e rfö lg un g en in Rußland in Abrede st e llen. Die Auslandspresse sei über die Lage falsch orientiert und würde Europa irreführen. In Rußland herrsche volle religiöse Freiheit, auch für die Juden. Wie würde uns eine solche Nachricht beglücken, wie würden wir da freudigen Herzens all das, was wir bisher über die „rote Inquisition" in Rußland schrieben und verbreiteten, mit Bedauern zurücknehmen. Leider wird uns von besteingeweihter Seite die Illusion genommen. Der Warschauer „Jud" weiß, wie diese Erklärungen entstanden sind, unter welch schwerem Drucke sie denl Rabbinern förmlich a b gepreßt wurden. Man buhlt in Rußland neuerdings um die Gunst Europas und Amerikas, letzteres von wegen des Dollars nämlich, und man möchte etwas für seine Reputation tun, ohne die in der Weltanschauung der Verneinung begründete Taktik aufzugehen. Da holt man sich, nach bekanntem Muster aus der zaristischen Zeit, die Rabbiner, die unter allerlei Drohungen unterschreiben müssen, was ihnen aufgesetzt wird. Wie wäre es anders mit der „Erklärung" zu erklären, daß man fast zu gleicher Zeit in Rewe l, dem Thorazentrum Südrußlands, die Jeschiwä, die größte in Rußland, schloß und fünf Rabbinen ins Gefängnis schickte! Drei andere Lehrhäuser wurden ebenfalls mit dem Amtssiegel belegt und deren Vorsteher zur Zwangsarbeit verurteilt. Die Sowjets wollen „Ersatz" bieten mit einer Jeschiwa in Charkow. Charkow liegt im Zentrum der Ukraine und im Brennpunkt des ukrainischen Bolschewismus. Rußlands Juden trauen nicht dieser Jeschiwa von der „Iswektie" Gnaden und ziehen nicht recht. Die „Iswektie" droht ... In Minsk haben unterdessen die Rabbinen Erklärungen zu unterschreiben. Die jüdische Welt wird wissen, wie das gemeint ist und wird nicht -aufhören, ihre Stimme gegen die schlimmste aller Judenentrechtungen, die religiöse Entrechtung im Lande, das unter rotem Banner der Welt die Freiheit zu künden sich für berufen hält, zu protestieren. vom Wiener Kongreß bis rnm Weltkrieg. Rückblick und Ausblick. Von Dir. Dr. Elias in Fürth. (Fortsetzung). Und mit der Gleichgültigkeit gegenüber den jüdischen Menschen kam natürlich auch bald das Desinteressement an den jüdischen Fragen. Die tiefe Unsittlichkeit, die in Kains Worten zum Ausdruck kam: Bin ich der Hüter meines Bruders? erstreckt sich auf alle Institutionen, die dem Bruder dienen, die auf Brudergefühl gebaut sein sollen. Der Stumpfsinn gegen jegliches soziale Interesse, die Uninteressiertheit und Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Leben war vor dem Weltkriege zu einer empörenden Gefühllosigkeit geworden. Die Betätigung in der jüdischen Gemeinde zeichnete sich durch kühle Reserviertheit allen brennenden Fragen und lebenden Organisationen gegenüber aus. Die Schicksale des Judentums weckten nur insoweit Interesse, als ein persönlicher Vor- oder Nachteil damit verbunden oder ein dankbarer Stofs zur Unterhaltung damit gegeben war. Zunächst wurzelte diese Haltung in der Scheu vor dem Rischuß, dann in der Furcht, im Genuß des Lebens gestört zu werden. Es war die Zeit, wo Juden meinen könnten, durch ihren Anschluß an die jüdische Gesellschaft ihre Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Karriere zu gefährden, und umgekehrt durch offensichtlich zur Schau getragene Teilnahmslosigkeit gegenüber dem jüdischen Bruder ihr Ansehen in der nichtjüdischen Gesellschaft zu befestigen. Das ist die Welt, wie sie Arthur Schnitzler in seinem „Weg ins Freie" schildert: Der Familienvater zieht sich in die vier Wände seines Privatlebens zurück, sein Haus ist seine Welt. Und ist es nicht die Scheu vor dem Antisemitismus, so gab es einen andern, viel einfacheren Grund, die Bequemlichkeit: Man wollte seine Ruhe haben. Einzelne Juden dieser Art hatte es früher auch schon gegeben, das waren die Sonderlinge, die in dem Leben der Ghettobewohner die Rolle der unfreiwilligen Clowns spielten. Aber als umfassende.Gruppe finden wir sie erst, seitdem mit dem Beginn der Emanzipation von den Fesseln auch die Emanzipation von den Gefühlen des Judentums eingesetzt hat. Dem Geiste des alten Judentums würde es entsprochen haben, solche Philister zu boykottieren: Du sollst dich nicht ausschließen aus der Gemeinde, sagen unsere Weisen, und die Thora droht: Wer trotz seiner Mittel die Gemeinde nicht unterstützt, verfällt dem Fluche. Sehr-schön drückt das ein moderner französischer Schriftsteller, Ch. Bloch, -in seinem durch das Vorwort von R. Rolland ausgezeichneten Roman „Simmler u. Co." aus, indem -er einen seiner sympathischsten Helden zu einem jungen Juden sagen läßt: „Sie sind zugleich Franzose^ bourgeois und Jude. Franzose und bourgeois, das geht. Franzose und Jude, nichts leichter als das. Aber Jude und bourgeois? Das geht nicht!" Das ist der unterscheidende Punkt: „Andere Menschen haben nur eine Gleichung zweiten Grades aufzulösen-, für uns ist es eine des dritten Grades." So der Franzose. Und wenn der Untergang des deutschen Judentums, den Teilhaber vor Jahren vorausgesagt hat, leider durch die statistischen Erhebungen in größere Nähe gerückt erscheint, so ist das zum größten Teil die Schuld jener sozialen Philister. Der Untergang läßt sich nur -aufhalten, wenn wir diesen Typ auszurotten vermögen, wenn sich der Einzelne mit dem Klall, der -eine mit dem andern identifizieren, mit ihm eine Lebenseinheit bilden, sich ihrer bewußt werden kann, und wenn diese Einheit in der Gemeinde und über diese Gemeinde hinaus zu einer alle Kräfte zusammenfassenden Willensbildung sich entwickeln wird. Aber Gefühl und besonders Gemeinschaftsgefühl läßt sich nicht einreden und nicht erzwi-n- Wärme inunserer Seele, Eisesstarre draußen, L-enzes- und Lieb-esveg-ung-sn in Israels Mitte, Nacht draußen, Licht in unseren! Wohnungen. Bemerkung. In ferner Erklärung zum 'i 'V man? tmm bemerkt nrm folgendes: 'lai bavi1’ -ixnn r>3 ynanV rrx rvo-ns t)? 1'ir? V-N'2 Vielleicht hat ein Leser die Freundlichkeit, anzugeb-en, woher der Verfasser diese Annahme hat; auch craai worauf verwiesen ist, gibt keine Aufklärung hierfür. I. S. Kleines Feuilleton. (Arbeitslose und Mission.) In einem Hamburger Missionsblatte, das es wissen muß, lesen wir folgende Schilderung der Arbeitsmethoden einer Jerusalemer Konkurrenzstelle: Am 6. März o. Js. fand in Jaffa unter dem Vorsitz des aus Amerika herübergekommenen (in Wien geborenen) messian-ifchen Juden C. F. Simons ein« Versammlung von messianisch-jüdischen Anhängern Jeschua Hanotzris aus Jerusalem, Jaffa und Tel-Awiw statt, um einen Protest gegen die den Namen unseres göttlichen Meisters schändende „Arbeit" gewisser Missionare zur „Bekehrung" der Juden in Jerusalem zu verfassen. Die meisten der Anwesenden, unter denen sich, auch der Verfasser dieser Zeilen befand, kennen diese Arbeit aus eigener Anschauung, und namentlich diejenige des. getauften rassischen Juden und.Berufsmissionars Chaim Jacobs, welcher vor etwa, zwei Jahren in Jerusalem (Mamillä- Straße Nr. 275) «ine Judenmifsion eröffnet hat, der er unbefugterweise den pompösen Namen „Kehillath Jwrin Maschichiim", englisch „Heb-rew-Christian-Congregation-" gegeben hat. Die ganze „Congnega-tion" ist nur er allein und von Zeit zu Zeit irgend eine von ihm durch Versprechung materieller Vorteile gekaufte verworfene jüdische Seele, die er mit theatralischem Prunk im Jordan bei Jericho taust, gleich für amerikanische Ju-denmissionsblatter abphotographiert und mit phantastischen Lebensbeschreibungenverziert. Nach j-edcm solchen Bericht kommen aus Amerika frische bedeutende Fonds zur Stützung dieser „segensreichen - Gewinnung" jüdischer Seelen für Jesus. Sobald ein neuer Kandidat sich meldet, entzieht Herr Jacobs dem früher Getauften jede Unterstützung, so daß letzterer, um wieder Erwerbsmöglichkeit unter den Juden zu bekommen, (namentlich wenn er Familienvater ist) ins Jerusalemer Rabbinat geht und seiner Taufe formell entsagt. So wiederholt sich dieses Spiel beständig, denn den- Täuflingen und Taufkandidaten, die Herr Jacobs sich unter den Arbeitslosenaufs Geratewohl aussucht, geht es jetzt gar nicht um I., sondern nur um christliches amerikanisches Geld. (Dom allen Berliner Ghetto.) Die letzten der an der Südseite des Jüdenhofs, in der Nachbarschaft des Berliner Stadthauses, gelegenen Häuser sind — wie das Berliner Tageblatt zu melden weiß — vonder Sta-dt Be-rlin angekauft worden, um größeren Geschäftshänsern Platz zu machen. Der Jüdenhof war das Ghetto des mittelalterlichen Berlin. Das Ghetto war, wie in allen mittelalterlichen Städten von -einer Mauer Umschlossen, an. die sich die Rückseiten der Häuser anlehnten, und war nachts durch schwere eiserne Grstertöreverschlossen. Noch durch ein Dekret von 1695 war es den Juden verbotensich länger als drei Jahre außerhalb des Schutzortes aufzuhalten, für jeden ferneren Tag müßte ein Dukgten gezählt werden. Jhbe Äbschli-eßüng von ver.-übrhgtzn Bevölkerung bestand seit der Zeit des Großen Kurfürsten nicht mehr, ja, sie hatten sogar an anderer Stelle, an der Heidereutevgasse, eine eigene, wennauch private Synagoge. Das Ghetto verlor seinen eigentlichen Zweck wohl schon durch die Vertreibung der Juden aus Berlinim Jahr« 1573 im Anschluß an d-ie Hinrichtung des „Hofjuden". Lippold, der den Kurfürsten vergiftet haben sollte. (Den Grund zu dieser falschen Beschuldigung schöpfte man daraus, daß Lippold dem kranken Kurfürsten ein Glas Malvasier gereicht hatte.) Die später, wieder zugelassenen Juden verteilten sich dann auf die Stadt. Schon zweimal, zuletzt am Anfang des 16. Jahrhunderts, waren die Juden aus Berlin und aus Brandenburg überhaupt v-ertrieb-en worden, das zweitemal als Folge jenes grauenvollen Prozesses unter dem Kurfürsten Joachim I., der wohl das dunkelste Blatt in der Berliner Geschichte ist. Damals war von einem in Bernau wohnenden Strolch namens Fromm, ebne vergoldete Monstranz gestohlen worden -und eine der darinenthaltenen geweihten Hostien sollt« an -einen Judenverkauft worden sein. Diese Beschuldigung genügte damals, um sämtlichen im Jüdenhof wohnhaften, also allen Berliner Juden, den Prozeß zu machen. 36 vonihnen wurden auf dem Neuen Markt aus einem einzigen Scheiterhaufen verbrannt, zwei, die sich hatten taufen lassen, um dem Tode zu en-tgehen, wurden mit dem Schwert hingerichtet. In idem Geschichtsunterricht über das Haus Hoh-enzollern verlautet von solchen Dingen gewöhnlich nichts. Die Frauen und Kinder der Hingerichteten wurden zunächst nach Spandau gebracht und dann aus Brandenburg vertrieben. Schon damals dürste der Jüdenhof wahrscheinlich wesentlich verkleinert wordenfern. Die erste Vertreibung der Juden hatte 1348 im Zusammenhang mit damaligen PestepiLemie, an der man ihnen die Schuld» Mb, stä-ttgtzfun-den.