Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1929)
- Date
- 1929-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 10 Notenwechsel zwischen der Aguda und Oberrabbiner Jacob Melr. Mittwoch, 3. Adar, schickte der sefardische Oberrabbiner Jacob M e i r seinen Sekretär zu Rabbiner Jonathan Horovicz mit der Botschaft, daß eine vollzählige Versammlung des Oberrabbinats nach langen Beratungen-beschlossen habe, in der Gemeinde des Waad leumi zu verbleiben, unter Voraussetzung einiger Gesichtspunkte, die vom Waad leumi genehmigt werden. Der Sekretär überreichte den Kompromißentwurf und bat Rabbiner Horovicz, seine Meinungsäußerung schleunigst dem Oberrabbiner Meir zukommen zu lassen. Das historische Dokument enthält ungefähr folgendes: „Wir machen hiermit öffentlich bekannt, daß mit Rücksicht darauf, daß das Fehlen der Charedim in der offiziellen Gemeinde große Schäden in den religiösen Belangen verursachen könnte, wir nach vielen Bemühungen "bei den Bevollmächtigten der Kneseth Jisrael, ansehnliche religiöse Verbesserungen im Gemeindegesetz .erwirkt haben. 1. Der Waad leumi werde die Bestrebungen des Oberrabbinats wegen Vermeidung von öffentlichen Gesetzesentweihungen fördern und werde öffentliche Institutionen, die das Religionsgesetz mißachten, materiell nicht unterstützen. 2. 'In Städten, wo die Charedim eine ansehnliche Kraft repräsentieren, sollen nur gesetzestreue Wähler zuständig fein. Und noch andere wertvolle Einzelheiten: Obwohl im Gemeindegesetz noch viele Defekte vorhanden sind, die Verbesserungen erheischen, finden wir doch, daß es nunmehr heilige Pflicht jedes Gottesfürchtigen fei, an der „Kneseth Jisrael" teilzunehmen, damit wir eine Schutztruppe auch innerhalb der im breiten Jischuw sich organisierenden „Kneseth Jisrael" gegen jeden Einbruch in den Angelegenheiten unserer heiligen Thora bilden können. Wir hoffen, daß auch jene Geonim und Zadikim, die den Eintritt in die Gemeinde des Waad leumi bisher verboten hatten, nunmehr, da sie die Gefahren, von denen die Heiligkeit der Thora in Erez Jisrael bedroht ist und deren Eindruck auf die Diaspora erkennen werden, falls wir, Gottbehüte, in der Kneseth Jisroel keine Gottesfürchtigen haben werden, die für Thora und Wizwoth mutig sich einfetzen: einmütig zustimmen, daß es um Gotteswillen eine große Mizwah sei, in die Gemeinde des Waad leumi einzutreten, um das Judentum und fein Gesetz zr retten. Mtt Erlaubnis der heiligen Rabbiner sagen wir das usw." Rabbiner Horovicz sandte noch an demselben Tag an das Oberrabbmat ein Antwortschreiben, in dem es u. a. heißt: „Das thoratteue Judentum kann diesem Kompromißentwurf nicht beipflichten. 1. Das Frauenwahlrecht für die De- Des Mnters grimme Gewalt. Von A. Mannheimer in Dekkelbach. Der Talmud (Taanit) stellt die Behauptung auf: Dreierlei Schlüssel befinden sich fest in des Allmächtigen Hand, er gibt sie nicht her: Der Schlüssel des Mutterschoßes, der Schlüffe! des Regens, der Schlüssel der Mederbelebung der Toten. — Lebensweckung und Wiederbelebung ist ureigenstes Wirken des Schöpfers, ob Er den Mutterschoß bedenkt oder durch milden Regen dem Schoße der Erde die Vegetation entlockt oder Ne im Staube Schlafenden wieder durch seinen Weckruf mit neuem Dasein beglückt. Ein ungemein langer und strenger Winter war uns heuer beschieden, der in seiner Art selbst jenen von 1879/80 in den Schatten stellte. Nach landMusiger jüdischer Annahme sind Schaltjahrs mehr Regenjahre, der Winter zeichne sich durch feuchte Niederschläge aus. Dieser Volksglaube ist im Jbburjahre 5689 gründlich enttäuscht worden. Aber auch in außerjüdischen Kreisen konnte niemand einen derartigen Winter prophezeien. Trotz kunstvoller, feiner Apparate läßt sich die Mtterung auch heute noch kaum auf zwei Tage im voraus bestimmen, richtiger vermuten. Den nrsa den Schlüssel der Witterung, gibt der allmächtige Lenker nicht aus Händen! Wir kurzsichtigen Mensch«: mögen wohl nachträglich allerhand, vielleicht tastende und D e r I s r a e l i t _, legiertenversammlung undfür den Waad leumi behält auch nach dieser Abmachung seine volle Gesetzeskraft. 2. Oefsentliche, grundsätzliche Gesetzesübertreter werden auch nachher in die Leitungen der Religionsgemeinden wählbar sein. 3. Die Anerkennung der Autorität des Thoragesetzes für das jüdische Gemeinschaftsleben in Palästina wird nach wie vor g r un d f ä tz l i ch a b g e - lehn t. 4. Die f ch e >r n b a r e n Konzessionen, auch wenn diese vom Waad leumi schriftlich medergelegt sind, sind de jure, , und de facto absolut wertlos, solange diese nicht ins Gemeind ege setz Aufnahme gefunden habe n. Das ganze Getue fei nichts weiter, als ein Bestreben, die Masten zu täuschen und Verwirrung anzurichten. Wir bitten das Oberrabbmat" — heißt es am Schlüsse dieser Zuschrift — „die Position der Charedim, deren große Majorität ihre Thorapflicht erfüllen und aus der Gemeinde des Waad leumi austreten, nicht durch leichtfertige Kompromisse und wertlose Vortäuschungen des Waad leumi, zu schwächen. Der systematische Austritt der Charedim aus der Gemeinde des Waad leumi könnte eine Einheitsfront der Thor a t reue n darstellen, die auch den Waad leumi veranlassen müßte, auf seine Zerstörungspläne zu verzichten. Eine wahrhaft einheitliche Verfassung für das religiöse Gemeinschaftsleben der jüdischen Volksgemeinschaft in Palästina, sei nur aus dem Boden der Thora möglich. Reichen Sie Ihre Hände dem thorätreuen Judentum und mtt diesem vereint arbeiten Sie für die Verwirklichung dieses Endzieles." Vorzeitige Veröffentlichung des Kompromißentwurfes. Obwohl der Kompromißentwurf in großen Plakaten und in den Tagszeitungen im Namen der be,lden Oberrabbiner veröffentlicht wurde, noch dazu mtt dem Hinzufügen, daß Rabbiner Kuk in eigener Person der Verfasser dieses Kompromisses ist, ahnten es doch die gewandten Politiker, daß man es hier mit einem verschämten Mißbrauch und einer bösen,auch direkt gewollten Indiskretion zu tun habe. Es sollte sich aller bald Herausstellen, wer an diesen systematischen! Machinationen so lebhaft «interessiert ist. Von.Jacob Meir hörte man, daß es sich einstweilen noch immer lediglich um einen Entwurf handle, der von den beiden Oberrabbinern noch nicht unterschrieben ist. Auf' Befragen bestätigte auch Rabbiner Kuk, daß das Kompromiß noch nicht unterschrieben sei. Schon nach wenigen Stunden verkündeten auch neue Plakate, daß die Veröffentlichung eines Kompromisses im Namen der beioen Oberrabbimen eine nichtswürdige Fältäppischs Lösungsversuchs für dis ganz abnorme Kälte d>es diesjährigen Winters machen: den Schlüssel finden wir nicht! Wie ohnmächtig sind wir doch gegen des Winters grimme Gewalt, trotz aller Fortschritte einer hochentwickelten Technik! iw' is» nss 17333 ibv. imn@r gibt Schnee wie Flocken, Reif streut er gleich Asch« umher; nm?'in-,? '3-5, v'v-Q ini?.?r wirft Eis wie Brocken umher, vor Seinem Froste — wer kann da bestehen? D'» 1^71 1N11 3P' Doö’i 1131, Da sendet Er Sein Wort, läßt Säum Wind wehen — und schon. fließen wieder die Wasser. (Ps. 147, V. 16—18). In wenigen Sätzen und doch so vielsagend hat der königliche Sänger uns hier die furchtbare Macht winterlicher Kälte gezeichnet und deren -Besiegung durch das Eingreifen des Schöpfers selbst. Ob Schneeflocke oder Reis, ob Hagel oder Eis: wo Menschenkraft versagt, twt sendet E r sein Wort und sie schmelzen-, da laßt Er seinen Wind wehen und die Wasser fangen an zu fliehen. Keine Minute früher. Aus Berg und Tal, auf Wald und Wiese, auf Straßen und Feldern, aus Dorf und Stadt, aus Strom und Meer liegt unbezwingllich die lebentötende Allgewalt des Frostes: 0'» i5p inii 3271 Monn 1131 nto’ Nur die unendliche Kraft des Höchsten kann die. Macht auch des grimmigsten Winters brechen. — Längst vor Emanuel Geibel sang ein König in Israel: „Cs muß doch Frühling werden." Freilich, in engster Beziehung zu seinem Schöpfer. Welchen Reiz hätte überhaupt der Frühling ohne den gewaltigen Gegensatz zum vorangehenden Winter! Und Beides von einem und demselben Gotte. Ihm liegt die Natur gefügig bereit zu Füßen. Er tötet und belebt verwundet und heilt zugleich. Wir verstehen es, daß Heiden zu allererst und zumeist Sonnenanbeter waren: Sie gibt Licht, Wärme, Leben. Das christliche Osterfest steht heute noch unter heidnischer Bezeichnung: den Germanen brachte im Frühling die Göttin Ostara zunehmendes Licht und 7. März 1929 s ch u n g sei. Ein Ehrenmann wird gesucht. Der bekannte. Misrachiführer, Rabbi M. O st r 0 w s=. k y, meldet sich zu Wort. In einem schüchternen kleinen Plakat übernimmt er ^persönliche. Verantwortung für die durch ihn veranlaßt^ Veröffentlichung. Das Konzept trägt die Handschrift feines Verfassers, des Rabbiner Kuk. Jacob Meir habe zugestimmt und beide haben ihm die Erlaubnis erteilt, dieses Konzept zu veröffentlichen. Damit war diese typische Affäre nach allen! Regeln der Ritterlichkeit abgetan. Ein pamphletartiges Konzept. Doch immerhin von Rabbiner Kuk verfaßt, wenn auch nicht von ihm unterschrieben und als amtliches Dokument weder von ihm noch von Jacob Meir beglaubigt. Inhaltlich gleichlautend mit dem Text, den Jacob Meir an Rabbiner Horovicz lediglich alsEntwurf zugeschickt hat. Als Versuchsballon hat dieses Schriftstück feine ideale Aufgabe glänzend erfüllt. Es . war kein amtlich beglaubigtes Dokument/ Es war aber auch keine Fälschung. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Wer ist schuld! Zu unserem Feuilletonartikel in voriger Nummer unter der Ueberschrift: „Typen, Taren und Torheiten", in dem wir ü. a. den Fall P a - p 0 - N 0 t e l e s behandelten, erhalten wir aus Lehrerkreisen Zuschriften, die, ganz unabhängig von den laufenden Erörterungen über die Frage der künftigen Lehrerbildung, größte Beachtung verdienen. Wer ist schuld? fragen die Herren mit Recht, wenn auch nur in ein e m Falle ein Mann von der geschilderten Art, dessen Minderwertigkeit doch jedem bei der ersten Begegnung in die Augen fällt, Anstellung in einer jüdischen Gemeinde erhalten und so an die religiöse Führung kommen kann, um hinterher einen vVN bibm sondergleichen als einzige bleibende Spur seiner Wirksamkeit zu hinterlassen? Wer anders, als die Vorsteher solcher Gemeinden, die in ihrem privaten Leben wohl kluge, vorsichtige Leute sind, aber in Sachen der Jüdischkett eine kritiklose Gläubigkeit und eine Indolenz an den Tag legen, die mtt Rücksicht auf den Gemeindesäckel nicht zu rechtfertigen ist. Man sucht einen b i I l i gen Beamten, und da drückt man ein Auge zu, setzt sich über aufsteigende Bedenneues Beben. Der Jude spricht alltäglich m seiner Morgenandacht dagegen es -aus, baß .Frost Schnee und Eis aus der gleichen Hand hervorgehen, wie der milde, erlösende SonnenstrahL Man nennt den gegenwärtigen Mnter einen' Schrekkenswinter, einen Katastrophen Winter. Unglücksfälle, Krankheiten, Not und Tod überall. Auch die ältesten Leute können sich nicht entsinnen, daß durch winterliche KMe mehr als 500 Menschen in Deutschland erfrören. Inwieweit hier die trotz anerkennenswerter Leistungen noch immer mangelhafte soziale Fürsorge zu belasten ist dürfte zu erwägen sein. Im alten Israel machte -die Egla-Arufa-Jnstitutkon jede Stadt für das Unglück verantwortlich, das sich in ihrem Umkreis ereignete. Fand man in der Nähe einen Erschlagenen, ohne den Mörder ausfindig "zu machen, so hatten Ne Aeltesten der Stadt ein Kalb zur eigenen Sühne zu bringen undzu beteuern, daß ihrerseits nicht sträfliche Unachtsamkeit gegenüber dem Verunglückten vorliege nm oin ns 13327 ab irr-- „wir ließen den gemordeten Mann nicht ohne Speise ziehen und ohne sicheres Geleit". Kennt man solche Gewissensfrage angesichts der Opfer des Mnters auch in unseren Tagen? Oder ist es nicht grauenhaft, wenn man eine Menschengruppe von 20 und 40 Personen — auch wenn es sich „nur" um Zigeuner handelt— erfroren findet, das Kind noch an der Mütter Brust gepreßt? Auch sonst wußten die Tageszeitungen Schauerliches von Erfrorenen zu berichten. Man sollte es doch nicht gut für möglich halten, daß derartig wahrhaft tragische Fälle sich im 20. Jahrhundert inmitten von Kulturstaaten noch ereignen . Man halte dem den Jubel und den Trubel der Faschingszeit.zur Seite. Nein, die Menschheit ist noch weit entfernt von dem Geist und Ernst der Egla-Arufa. So mag uns Juden >das Leid und Elend der harten Wintertage, doppelt nachdenklich stimmen, 'Winter draußen, Frühling im Herzen; Frost draußen, sommerliche