Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1929)
- Date
- 1929-02-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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W?°"' Der Jsraelit Ur. 9 1929 H jl Jj7. L i« — r-- -1 Typen, Taten und Torheiten. Der Herr „Professor". Es sind rund zwei Jahre her, daß ich ihm / begegnete. An einem Nachmittage klopfte es an meiner Redaktionstüre. Herein trat sicher und gewandt ein junger Mann, so um die Mitte der Zwanzig, vielleich etwas älter. Nach seiner sorgsamen und dennoch etwas schäbigen Kleidung, seinen gewandten und doch nicht zudringlichen Manieren, konnte man ihn gerade so gut für einen Studenten, wie für einen stellungslosen Kellner halten. Er sprach etwas hoch, sehr gewählt und dennoch fehlerhaft in der Satzstellung, Das Gesicht bleich, etwas aufgedunsen und schlecht rasiert, aber rasiert; davon zeugten die vielen Schrammen. Kleine pfiffige Augen, schauten lauernd unter dunklen Brauen. Der ganze Mensch ein Gemisch von Korrektheit und Nachlässigkeit, vielleicht einer gewollten. Nachlässigkeit, die den Bohemien hervorkehren sollte. Mit wem ich das Vergnügen habe und was mir die Ehre verschaffe, fragte ich mit einiger durch Erfahrung gebotenen Vorsicht. Er sei Professor, erklärte er ohne viele Umschweife, doziere zurzeit in Erlangen, verlege aber sein Domizil nach G i e ß e n, wo er an der Universität als Dozent oder Lektor eine Anstellung hätte. „Was dozieren Sie?" „So allerlei, Philosophie, Sprachen, Naturgeschichte— — —" „ilnb was führt Sie zu mir?" , ' _ Nun kam es heraus: . Da er mal in Gießen tätig sein würde, so nahm er zugleich eine L e h r e r st e l l e in der nahegelegenen oberhessischen Gemeinde H. an. Der Vorstand der Gemeinde, mit dem mich einige Beziehungen verbanden, schickte ihn aber hierher, zu mir, daß ich ihn gewissermaßen begutachtete. „Und Sie glauben, das Professoren- oder Dozentenamt mit der Lehrerstelle in der kleinen Gemeinde vereinen zu können?" fragte ich sehr,, skeptisch. -.! . . ... ' o; ,;®J, gkauW schön. Warum auch 'nicht? .L^h'ren WWbiihren. v" , Das gefiel mir. „Aber", zweifelte ich weiter, „Sie werden dort auch als Korb et er fungieren müssen." „Kann ich. nach Scherst^ F", lautete die sichere Antwort. "Auchals Uchochet?" „^5arum denn nicht. Ich verstehe auch etwas von der T-ieranatdmie." „Aber wird W Gemeinde Sie nach Gebühr und Ihrem Bildungsgrade --zu respektieren wissen? Sie müssen bedenken, es sind nichtjüdische Metzger am Platz, und nicht von der besten Sor.^tz. --" „Schadet nichts", erwiderte mein Besuch üüberlegen. „Ich werde sie nur richtig anj ch a u e n. Ich kenne mich, Sie müssen wissen, auch einigermaßen in der Hystnose aus." „Fabelhaft! ..." . „ Aber etwas bedrückte ihn. -Ob. ich nicht beim Vorstand bewerkstelligen könnte, daß er über den Kopf des Zuständigen orthodoxen RabMe.rs in Gießen und ohne feine Genehmigung angestellt werde.? - ,: „Warum aber?", fragte ich. „Der Herr Rabbiner ist ein netter und hychgebildeter Herr. Und Sie sind AkadeMlker, da wird es doch gutes Einvernehmen geben." „Aber, — der Herr „Professor" dehnte die Stimme und zum ersten Mal klang sie etwas unsicher —, aber er verlangt, daß ich ihm meine Schächtmesfer zeige." . „Das ist doch ganz in Ordnung, ist sein gutes -Recht, ja, seine Pflicht/ Warum sollten Sie ihm nicht Ihre Schächtmesfer zeigen?" Nein, das, gerade das wollte und mochte er nicht, gewissermaßen aus P r e st i g e gründen. „Sie werden aber nicht darum herumkommen," sagte ich überzeugt. „Dann werde ich ihm meine Messer per Post zuschicken." Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, und er war nicht einmal beleidigt. Geniale Idee das, die Schächtmesser dem Herrn Rabbiner per Post zuschicken. Und gut aufgelegt, erzählte ich ihm die Anekdote von dem „klugen Söhn in Amerika", der vom alten Vater in der litauischen Heimat Bri^f für Brief ermahnt wird, doch ja seinen Bart zu hüten. Eines Tages bekommt aber der alte Vater einen dicken Einschreibebrief Äus Amerika. Darin liegen die Bavthaare des Sohnes. Und dazu die Bemerkung: „Leider habe ich keine Zeit, meinen Bart zu hüten. Tue Du es für mich..." Am zweiten Tag war der „Herr Vorstand" bei mir. „Ra, wie?" — fragte er. „Wenn er kein Hochstapler ist, dann ein Genie", war meine Auskunft. Da aber die Gemeinde weder einen Hochstapler noch ein Genie brauchte, sondern einfach einen Lehrer, Kantor und Schochet, so wurde aus der Sache nichts. Zwei Jahre gingen in die Lande, ich hatte im Drange und Wechsel der Geschäfte den hohen Besuch und die ganze Begebenheit längst vergessen. Da wurde ich dieser Tage auf ganz merkwürdige Art an den Herrn „Professor" erinnert. Vor wenigen Wochen brachten rechtsstehende Blätter die überraschende Kunde von einem „jüdischen Rabbiner", (als gäbe es'auch nichtjüdische Rabbiner) der als Kronzeuge alle Anschuldigungen gegen Juden, Judentum und Talmud, einschließlich des Ritualmordes, bestätige. Dieser wohlbestallte. Rabbiner heiße Dr. Papo und amtiere und dort. "'Den „Rechten" auf den Fuß folgt die Presse des Abwehr- und Zentralvereins: „Dieser Dr. Papo ist nicht Rabbiner, sondern allem Anschein nach ein gemeiner Schwindler. Cr nennt sich auch Dr.'Noteles und. , Not et es t Ich hierein. Richtig, N ö t e - l e s! So hieß der Mann» ,^Prof. Dr. Noteles", führte er sich damals bei mir ein.; . ■ .' Nun regnete es Notizen ' über Noteles-Papo in den jüdischen Zeitungen. Zuletzt die Mitteilung: „Besagter Noteles alias Papo ist in einer Gemeinde Oberschlesiens in dem Moment verhaftet worden, als er gerade daran war, Bücher der Breslauer Stadtbibliothek zu verpacken und damit zu verschwinden. In anderen Gemeinden hat er ganze Archive und Bibliotheken mitgenommen, anderswo sogar T h o r a r o l l e n. Auf Grund gefälschter Papiere bekam er da und dort Anstellung als Prediger, nannte sich Rabbiner, Doktor und akademischer Lehrer. Ein Rabbinatsdiplom vom Rabbinerseminar in Amsterdam erwies sich als plumpe Fälschung." So hatte doch dieser Noteles wenigstens sein Metier seinem imaginären Bildungsgrade einigermaßen angepaßt, daß sich keine Dissonanz ergab. Er war nicht mehr Kantor oder Schächter, mit anatomischen und hypnotischen Kenntnissen, sondern, wie es sich gehört, „Rabbiner", „Prediger" und „akademischer Lehrer". Inzwischen brachten Wiener Blätter weitere Aufklärung über Persönlichkeit und Wirken dieses vielseitigen Mannes. Noteles stammt aus Nikolsburg, hat wohl einmal eine Jeschiwo besucht, ist aber dort rasch genug an die Luft gesetzt worden. Er betätigte sich dann in Wien und in Deutschland bei den Kommuni st en, Wirkte beim Spartakusaufstande, mit und hattet seine Hand auch beim Kapp-Putsch mit im Spiele. Zuletzt hielt er es mit den D eu t s chv ö l k i s che n und Nationalsozialisten. Als ihn diese wegen seiner stark getrübten Rassenreinheit hinausschmissen, versuchte er es mit dem „Rabbiner" ufw. Einen evangelischen Taufschein besitzt der Gute auch. Und gerade dieser soll echt sein . . Nun sitzt dieser spekulative Kopf hinter Schloß und Riegel und sieht einer „Begutachtung" entgegen, die weit gründlicher ausfallen wird, als die, mit der ich ihm vor zwei Jahren dienen konnte. Ist der Mann ein. Verbrecher, ein Pfychopat oder nur einer der Splitter, die zu allen Zeiten vereinzelt aus der Sägemühle des Golus weitabspringen und fern hinausschießen? Es wird Sache der Gerichtspsychiater sein, dieses festzustellen. W e r. ist d er M an n? Man erinnert sich, wie vor etwa Jahresfrist ein anonymer Briefschreiber in Frankfurt vielen ehrbaren Leuten hart zusetzte und die halbe Gemeinde in Schrecken hielt. Ein bekannter Herr von besonders liebenswürdiger Wesensart, der gewiß nie jemand was zuleide tat, erhielt täglich Schand- und Brandbriefe voller Flüche, Drohungen und Verwünschungen. Kranken- und Rettungswagen wurden durch anonymen Anruf ans Haus dirigiert und alle möglichen Menschen mit Aufträgen und Lieferungenden Leuten an den Hals gehetzt. Später war ein Rabbiner in noch höherem Maße. Zielscheibe dieser konzentrischen Angriffe. Der Platzregen der anonymen Schmähungen hörte nicht auf, wurde zur Sturmflut, die mobil gemachten Lieferanten mit ihren unbestellten und ganz unmöglichen Lieferungen kamen nicht aus. dem Hause. Düs wurde doch der Frankfurter Kriminalpolizei zu bunt, und sie ging mit geschärfter Strategie vor. Und siehe, sie suchte und fand. Nach einiger Zeit las.man in. h en.lo kqlM.Blättern von der Verhaftung eines nicht ganz unbekannten Mannes, gegen den sich alle Verdachtsmomente zu lückenlosem^ Bilde hausten. Wer kann Menschen"m Herz und Nieren schauen? Wer kann sagen:- d e r rsts und kein - anderer?-- -Tatsache bleibt, daß mit der Entlarvung und Unschädliche machung des Mannes die Exzesse mit einein Mal aufhörten. '; . Gestern aber flog mit der Post eine Korrespondenzkarte auf unseren Redaktionstisch.' Sie ist am 18. Februar 1929 zwischen 9 und 10 Uhr vormittags in Frankfurt a. M. abgestempelt. Neben der Marke ist eine Reklame für die Frankfurter „älteste deutsche Messe" aufgedrückt. Die Schrift ist so holperig, daß sie ebensogut aus der Hand eines Schulkindes der untersten Klasse, wie aus der eines Greises auf dem Sterbebette kommen könnte. Unterschrieben ist die Karte von einem Jny Lyker-Ayok aus Lwow (es kann auch anders heißen) und ist mit einem Texte ausgefüllt, den wir hier mit allen Mängeln und orthographischen Fehlem wörtlich' wiedergeben wollen; einzig die darin genannten Namen mögen mit Rücksicht auf diese Herren nur mit Anfangsbuchstaben angedeutet werden: „An die orthodocks-israelit. Zeitung „Der Israelit" •' Ffm. Rechnei-Graben 7 p. partr. Teile mit, das ich'mit Anderen an die hiesigen Rabbiner K., $)-, D , I. u. an Privatleuten anonymen Briefe u. Waren usw. gesand habe. Auch schrieb ich an Gemeindebüroh (jüdische) u. an Herrn- I. R., J. V. M. Sp. Verzeihen mögen mir bitte doch alle. Auch hat man — chaß chohlile — einen Unschuldigen Mann nam.