Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1929)
- Date
- 1929-02-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. 9 Der Israelit 28. Februar 1929 S. F. Cckenh. Ldstrß. 6 beider verhaftet. Verzecht mir um I. Chr. Willen. Ich bin getaufter Jude. Hochachtend Jniy Lyther-Ayok. aus Lwow." Wer hat die Karte geschrieben? Der Verdächtigte selbst, um so den Verdacht an den bekannten „großen Unbekannten" abzuwälzen? Ein anderer, der wirklich schuldig oder mitschuldig ist? Oder ein dritter, einer von denen— Dostojewsky kennt solche Gestalten — die wollüstige Freude daran haben, Anderer Schuld auf sich zu nehmen? Wer schaut in Herz und Nieren eines Menschen? Im galizischeu Schnee bei 40" minus. .befürwortet, im April 1763, und — blieb unerhört. Erft am 26. Oktober 1763 wurde auf eine neuerliche Intervention von d'Argens das Privileg Mendelssohns perjfönlich bewilligt, der Nachkommenschaft aber verweigert. Im Februar 1771 wählte die .Akademie der Wissenschaft Mendelssohn zu ihrem Mitglied. Friedrich bestätigte die [ Ernennung nicht und schrieb unwirsch der Akademie,!sis solle sine neue Liste einreichen. Als auch auf dieser! Mendelssohns Name stand, strich Friedrich ihn aus. § Niemals war Mendelssohn Freimaurer; auch andere Juden waren es nicht; denn die Logen, vollends die preußischen, - waren ihnen verschlossen. Friedericus nahm feine Grafen und Prinzen und sogar seinen Kammerdiener auf, aber ganz gewiß keinen Juden, und Moses Mendelssohn so wenig in die Loge wie in die Akademie. Und dennoch behauptete Ludendorff, das Geheimnis der Freimaurerei sei überall der Jude, sie züchte „künstliche Juden", stemple ihre Mitglieder zu „künstlichen Juden" ab, habe nur ein Ziel, die jüdische Weltherrschaft. Und er behauptet, zu gewissenhaft zu sein, „um auch nur eine einzige Behauptung aufzustellen, die nicht durch sichere Quellenschriften belegt ist." Ein jüdischer Kaufmann aus Lemberg schildert im „Lodzer Tageblatt" seine Schreckensreise von Lemberg nach Stanislau bei 40° minus. Er benutzte den Schnellzug, der nach Sabbatausgang gegen 7.30 Uhr abend von Lemberg abfuhr. Die Reise ging ganz glatt vonstatten bis zur'Station Jesu pol. Hier blieb der Zug Sonntag morgen gegen 6 Uhr stehen und konnte wegen des gewaltigen Schnee fall es in der Nacht nicht werter. „Wir faßen im Wagen, zumeist Juden, Frauen' und Kinder, und froren fürchterlich. Der Proviant ging aus, da wir bei normaler Fahrt um diese Zeit schon längst in Stanislau hätten sein müssen. Man lief zum nahen Brunnen, um Wasser zu holen, aber wie das Wasser in den Wagen kam, da war es kein Wasser mehr, sondern ein Eisstück. Das Thermometer fiel auf 40 unter Null. Und in diesem Zustande blieben wir den ganzen- Tag bis zehn Uhr abends. Da brachte der Stationsvorsteher die Kunde, daß von Stanislau zwei Lokomotiven. abgegangen seien, die zusammen mit der Schnellzugslokomotive den Zug weiterführen wollten. Das klang wie frohe Erlösung. Inzwischen brachten die Einwohner von Jesupol Brot und andere Nahrungsmittel. Wasser war kaum zu haben, da alle Brunnen und Leitungen gefroren waren. Eine Stunde später kamen die rettenden Lokomotiven angesaust. Der Frost hatte sich um einige Grade verstärkt. Unter gewaltige^ Ruck setzte sich der Zug in Bewegung, aber schon nach einigen Minuten blieb er wieder im Schnee stecken. Da nützte aller Volldampf der drei Maschinen nichts. Sie spannten aus und fuhren allein zurück nach Stanislau. Wir blieben, erfroren an allen Gliedern, bei stockfinsterer Nacht — auch im Zuge gingen sämtliche Lichter aus — mitten im Schneefelde zwischen Jesupol und Stanislau, Die Weiber jammerten, Kinder wimmerten. Wir faßen eng zusammengedrängt und suchten uns aneinander zu wärmen. So ging es bis vier Uhr morgens. Die Lage wurde immer trostloser. Wir fingen dann im Finstern an, in aller Form zu tanzen? Ein schauervoller Teufel- und Hexentanz. Alles tanzte wahllos mit- unddurcheinander: Langröckige Chastidim, junge.Studenten, Arbeiter, Bauern, alte Frauen und junge Mädchen. Man tanzte und dazu ächzte die Musik. Montag früh, so gegen acht Uhr, kamen mehrere gutbespannte Schlitten an, und der Bahnvorstand, ebenso der Graf von Jesupol und dessen Sohn leiteten eigenhändig 'mit viel Aufopferung die Aktion, man darf schon sagen, die Rettungsaktion. Denn die Menschen waren buchstäblich halb erfroren. Zunächst nahm man sich der Frauen und Kinder an. Ein Kind fieberte und hatte eine schwere Lungenentzündung. Dann fuhren die Schlitten noch einmal, und holten die Männer. So wurden alle in der Stadt in' Privathöusern untergebracht, wo liebevolle Menschen sich um sie mühten, sie zu erwärmen und zu erquicken. Erst am Dienstag mittag wurde bekanntgegeben, daß der Zug bereitstehe, um weiter nach Stanislau zu fahren. Aber nicht alle konnten davon Gebrauch machen. . Viele lagen krank in I. und befanden sich in ärztlicher Pflege." (Friedrich II. und Moses Mendelssohn.) Eine Aeuße- . rung Ludendorffs in seinem Hetzbuche über die Freimaurerei in Deutschland gibt dem Publizisten Dr. I. Levy . Gelegenheit zu folgender Feststellung: Erich Schmidt bemerkt in seiner „Geschichte Lessings", daß Friedrich die Juden nur als Steuerzahler duldete und schröpfte. Jeder Jude mußte bei der Heirat für 300 Taler Porzellan aus , der Köm gl. Manufaktur kaufen. Juden wurden wie Vieh verzollt. Sie durften nur zu einem bestimmten Tor in Berlin einziehen. Sie' unterlägen den mannigfachsten Erpressungen und Bedrückungen... Moses Mendelssohn war ein begeisterter Vorkämpfer des Deutschtums. Aber da er nicht geborener Preuße war, konnte er nach dem Judenreglernent von 1750 nur unter dem Schutz eines ansässigen Juden, im Lastde bleiben. Sein Schutzjude war. 7-her Fahrikant jPexnhqrd./ als dessen Diener ,er eingetragen 3Jtar#ü\s, Wrgienh, Friedrichs philosyjjhischer )M^«Mchaft^«setztepes 6$, MenkMohn, bereich inMs/lchen HerhÄnüetz,hatte, »Priwurde dem Komg von dArgens persönlich überreicht und Ainderecke. Die Schabbosleuchter. Ein Märchen für große und kleine Kinder. Von n. rr. Es war einmal ein jüdisches Mädchen. Sie war nicht bös, jüdische.Mädchen sind nicht bös, sie war nur «in wenig eigensinnig und glaubte alles bester zu verstehen, als andere Menschen. Eines Freitags forderte der Vater sie auf, die Schabbosleuchter zu putzen, er wollte so gern, daß sein Kind auch regelmäßig etwas zur Verschönerung des Schabbos beitrage. Aber' sie sah ihn ganz erstaunt an — wozu hatte sie denn mit solch glänzendem Erfolge die höhere Töchterschule -absolviert, um jetzt eine solch „untergeordnete" Arbeit zu verrichten. Die Leuchter putzen! Das konnte doch das Dienstmädchen tun. Die Hauptsache war doch, daß die Leuchter blank geputzt wären. Wer dies besorgte, das war Nebensache! Don der Seligkeit, die darin liegt, eine Mizwoh selbst zu tun, anstatt sie von Anderen tun zu lasten, wußte das Mädchen scheinbar nichts. Auch davon, daß eine. getane Mizwoh immer etwas Liebes und Sanftes im Herzen zurückläßt, eine innere Befriedigung, die durch nichts Anderes sonst erreicht wird, eine Sehnsucht, immer wieder neue Mizwos-zu tun — auch davon hatte das Mädchen scheinbar keine Ahnung. Ich sage scheinbar.— denn sie war die Tochter eines Talmid Chochom und tief m ihrem Innern schlummerten sicherlich alle diese Dinge. Aber sie war sich ihrer nicht bewußt. Doch der Vater war ein guter Pädagoge. Er schalt nicht, "er strafte nicht, er gebrauchte auch keine iranischen oder sarkastischen Worte — die hätten das Herz^-des törichten Mädchens nur noch verstockter gemacht. Aber er tat, was alle guten Pädagogen tun: von Zeit zu Zeit Wiederholte er seine Mahnung in liebevoller Weise und siehe da: eines Tages siel sie auf fruchtbaren Boden; das Mädchen raffte sich auf und — putzte die Schabbosleuchter. Ae'rgerlich und widerwillig — aber sie putzte sie. Und als sie ganz blitzblank geputzt waren, da spiegelt« sich das Gesicht des Mädchens in ihnen wieder: sie sah ihr ärgerliches und verdrossenes Gesicht in den Leuchtern und da — da schämte sich das Mädchen tief, tief in ihr jüdisches Herz hinein. Flugs fetzte sie ein freundliches, lächelndes Gesicht auf und das wurde natürlich auch von . den Leuchternwidergespiegelt, aber wie so ganz anders, wie viel netter sah dies aus. Und die Hausgenossen, die sie ansahen, mußten auch unwillkürlich lächeln, denn Gähnen und Lachen, beide sind ansteckend wie Ihr wißt. Und als Jeder die schön geputzten Leuchter lobte, da freute sich bas Mädchen doch ein wenig. Aber das Schönste kam erst am Nachmittag. Kurz vor Schabbos zündete die Mutter die Kerzen an und di« Flammen spiegelten sich in dem blank geputzten Silber so vielfältig wieder, daß es aussah, als seien mindestens. 20 Kerzen angesteckt. Und das Mädchen konnte sich nichtsatt sehen — -ein Strahl von diesen Leuchtern fiel in ihr Herz hinein, zündete und weckte ganz ungekannte Gedanken in ihr. Wie so ganz anders als sonst genoß sie diesen- Schabbos, da sie etwas Positives zu seiner Verherrlichung beigetragen hatte. Er war ihr-etwas-Persönliches geworden — ein Freund, den man siebt und nur ungern scheiden sieht. Und sie freute^ sich über sich selbst und das machte' sie’freundlich gegen Andere. Am folgenden-Tag«' dächte sie schon mit Sehnsucht an den nächsten Schabbos. Am Freitag nahm sie von selbst, das Putzzeug zur Hand, um regten Schäbbosglanz' zu ^Aben.^ Nach Md siach^kam ihr der - Gedanke, ob sie nicht noch'-rLMke t könnte ^es-se^ dvch^sv schSrh^mSt sich>-selbst^züfrieden, zu sein,^ Ms M. sich eines Morgens am den. wbhlbesetzten Fruhstuck'siisch setzen ÄÄllte? Pek" i.ht ein, Hast sie gst den Haustieren, ihren Lieblingen, ihr Frühstück geben möchte. Wohl hatte der Vater ihr oft gesagt, daß man erst den Tieren ihre Mahlzeiten geben müsse, doch sie wußte, daß es pünktlich von Anderen besorgt wurde und hatte sich nicht darum bekümmert. Aber jetzt war sie eine Andere geworden, die Strahlen der Schabbosleuchter hatten hie und da ein dunkles Winkelchen in ihrem Innern beleüchtte. Nun schlich sie sich zum Käsige Hänschens, des Kanarienvogels hin, gab ihm ein Stückchen Zucker, frisches Wasser und frische Körner, und würde dafür mit einem dankbaren „piep, piep" Hänschens belohnt. Dann ging sie nach der Küche, wo Peter, der Hauskater, bereits auf seinem Platze neben der Ofenbank saß und sehnsüchtig aus sein Tellerchen blickte. Schnell füllte sie es mit Milch, die sie zuvor ein wenig gewärmt hatte, denn Peter liebte keine kalbe Milch, und sie freute sich, wie gut es ihm schmeckte. Nun hinunter nach dem Hühnerhof: da war die- Gesellschaft schon lange wach, -denn sie ging ja „mit den Hühnern" zu Bette. Das war ein Picken und geschäftiges Hin- und Herlaufen, als sie ansing, Hirse zu streuen. Endlich waren die gefiederten Herrschaften gesättigt. Nun ging das Mädchen wieder hinauf, wusch die Hände und machte Mauzi. Wie herrlich schmeckte jetzt das Frühstück! Sie aß mit doppeltem Appetit, ihre Wangen röteten sich, ihre Augen blitzten. Einige Wochen waren vergangen — ob sie nicht noch etwas Anderes zur Ehre des Schabbos tun könnte, außer dem Putzen der Leuchetr? Für frische Blumen auf. dem Schabbostisch sorgen? Der Mutter' -ein bißchen in der Küche helfen? Pünktlich holte sie jeden Freitag die schönsten Blumen aus dem Garten und -ordnete sie zu einem anmutigen Strauße. Aber als der Winter kam, da war sie traurig und niedergeschlagen, denn sie wohnte meiner kleinen Stadt und da gibt es Blumen nur im Sommer und allenfalls im Herbst. Aber Vlumenhandlungen, in denen man auch im Winter und Frühling Blumen kaufen kann, gibt es dort nicht. Da habt Ihr Großstadtkinder es doch bester, nicht wahr? So machte sie denn jeden Freitag mit flinken Fingern einige Papierrosen aus buntem Papier unb stellte sie in schöner Vase auf den Schabbostisch. Das war freilich nur ein klägliches Surrogat für den echten Blumenschmuck, aber ich denke in solch einem Falle nimmt der Schöpfer vielleicht auch den guten Willen für die Tat. Ost sann sie darüber nach, ob sie nicht noch mehr Mizwos tun könnte, ihre Studien nahmen ja nicht den ganzen Tag in Anspruch. Vielleicht dafür sorgen, , daß das Wohnzimmer bereits behaglich durchwärmt .war, wenn der Vater aus der ungeheizten Synagoge nach Hause kam? Ihm die schweren, schneebedeckten Stiefel ausziehen und di« bequemen Hausschuhe bringen? Dem Vater regelmäßig die Seforim aus dem Schranke holen und sie nach beendetem Gebrauch sorgfältig wieder hineinstellen? Der Mutter einige Besorgungen abnehmen-? Der alten Dame im Nachbarhaus«, die ihres hohen Alters wegen gar nicht mehr recht ausgehen konnte, manchmal ein halbles.. Stündchen mit fröhlicher Unterhaltung beleben? Du liebe Zeit! Wieviele Mizwos konnte man doch tun! Sie standen ja förmlich da wie Blumen am Wegesrande und warteten nur -darauf, gepflückt und zu einem herrlichen Strauße vereinigt zu werden, an dessen Duft und Farbenpracht man sich immer -erfreuen konnte. Denn das sind Wunderblumen, liebe Kinder, sie blühen das ganze Jahr hindurch, welken nicht in der größten Sommerhitze, erfrileren nicht im kältesten Winter. Und so hatte denn unsere Heldin «ine Entdeckung gemacht, die selbst vielen gelehrten Naturforschern und Professoren unbekannt geNieben ist: sie hatte den „Magnetismus der Mizwos" entdeckt, daß eine Mizwoh unausbleiblich die' andere anzieht. Da zerbrechen sich Menschen, kluge geistvolle Menschen die-Köpfe über alle möglichen und unmöglichen Dinge und dieses so einfache Naturgesetz haben sie noch nicht entdeckt IWer weiß,-auf welch hohem Stande -unsere Wissenschaft! jetzt stehen würde, wer weiß, ob die erlösuntzsbedürft!ge, ruhelose Menschheit nicht bereits am fehnlichst herbeigewünschten Ziele wäre, wenn dieses Naturgesetz zum Ausgangspunkte aller Forschungen genommen würde?! --1 — Das Mädchen konnte es sich gar nicht mehr oorstellen, daß es einmal eine Zeit gab, in der sie sich weigerte, die Schabbosleuchter zu putzen. Und der Vater liebte fern Kind jetzt noch viel mehr, als früher. Und ich kenne das Mädchen sehr genau. Und das alles haben „mit ihrem Glänzen die. Schabbosleuchter getan". SENKING WISiSll Wanne Kiicfie gratis! durch den neuen kombiäierten Senking-Her df Unübertroffen im Braten und Backen! Niedriger Anschaffungspreis. ELHcICJG &COa Eschenheimer Tor 3 2^äts" MoriizWcrif ^Zeili 49 Teleion RSmec 90- Verantwortlich für dev iallgeme S) 8 chä ch no rot tz^Frankfnrt m ebenda. -^-Für. bt^opa Lkau^«»«»^ i«^ Sprendlingen^ Israelit", Aktiengesellschaft, Frankfurt a. 1 e« Teil und da» r.; Jnserate i. S.j; __ r."'Offe»oaS>l. *