Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1929)
- Date
- 1929-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9. Seite 5 28. Februar 1929 närdozent Dr. M. Ä u e r b a ch-Berlin, Cemeinderabblner Dr. Hoffmann-Breslau, W. S. Jacobson - Hamburg (Direktor des beutscheu „Keren Hathora"), I. R o s e.n h e i m -Frankfurt a. M. (Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses). * Aus dem Berliner Gemeindeparlament. Berlin, 24. Februar. Wie bereits kurz gemeldet/ hat die Berliner Gemeinderepräsentanz in ihrer letzten . Sitzung einen mächtigen „Fortschritt" nach links, den Idealen des amerikanischen Reformjudentums entgegen vollzogen: Mit 10 gegen 9 -Stimmen und 2 Stimmenthaltungen ist zum ersten Male das gemischte Auditorium, d. h. das Zusammenfitzen von Frauen und Männern beim Gottesdienst für die neue liberale Synagoge in der Prinzregentenstraße beschlossen worden. Zu der gesetzwidrigen Orgel, dem wesentliche Glaubensgrundlagen verleugnenden Gebetbuch, dem bibelkritisch eingestellten Geistlichen tritt als neueste Errungenschaft der Berliner „Cinheits- Wmeinde" das leichtsinnige Hinwegschveiten über die wirklichkeitsnahe Weisheit unsrer LLeisen, über das nw ■vrnp. Hw» des. Bibelworles. Die Gründe, die von Nbevater Seite für diesen Schritt..angeführt wurden, sind so 'fadenscheinig, dast.es sichnicht lohnt, darüber zu diskütieren; es handelt sich einfach um ein Zugeständnis an den Jezer Hora der Reformsucht und der Anpassung an die nichtjüdrsche Umgebung, woraus die „Liberale Zeitung" gar kein Hehl macht. Grotesk dagegen ist das lächerliche Spiel mit 13 rabbinischen Gutachten, nach denen in der- Debatte kein Hahn krähte; mit Recht hält der liberale Moniteur den ehrwürdigen Herren vor, sie möchten sich doch fragen, ob sie durch solche Gutachten, „die doch nicht die genügende Beachtung fänden" ihrem An- '■ sehen dienten. ' Die befragten. vier konservativen Rabbiner, Dr. Dr. Bleichrode, Freier, A. Levy, E. Levy betonen, daß sie bisher grundsätzlich keinerlei, Gutachten in.Fragen des liberalen Kultus abgegeben hätten, daß sie aber im vorliegenden Falle, von der halachifchen Ablehnung abgesehen, im allgemeinen jüdischen Interesse ablehnend /Stellung nehmen müßten. Dagegen blieb der konservative Repräsentant, M. A. Loeb, bei dem Prinzip der Nichteinmischung in liberale Kultusfragen und gab folgende Erklärung ab: „Durch die Stimmenthaltung des Herrn De. Oskar Cohn entsteht für mich die peinliche Lage, daß meine Stimme für das Schicksal der Vorlage ausschlaggebend wird. In den zehn Jahren, in denen ich der Versammlung angehöre, habe ich mich bei a Ile n Frag e n - d i e den li.beralen Kultus betreffen, stets der Abstimmung enthalten. Daß ich persönlich aus halachifchen und anderen Gründen gegen eine Aufhebung der Trennung der Geschlechter bin, ist selbstverständlich. Aber die Synagoge/ um die es sich hier handelt, wird eine Orgel erhalten. Es wird in ihr -ein gemischter Chor Mitwirken, in dem ohnehin schon Heroen und Damen zusammensitzen. Der Gottesdienst wird nach dem Gebetbuch erfolgen, das unseren ve-ligionsgesetzlichen Auffassungen auf das schärfste widerspricht. Soll ich von meinem Prinzip der absoluten Neutralität um einer solchen Synagoge willen abgehen? Ich würde damit nur das eins bewirken, daß, wie im Anfänge meiner Tätigkeit in diesem Hause, die liberalen Repräsentanten wieder über unsere konservativen Synagogen,-and ihre Einrichtungen mitzusprechen wünschen. Ich möchte aber nicht dazu mithelfen, daß Zeiten wiederkehren, wie damals, wo man über die Einführung des Kol nidre, des Mifcheberachs ufw. nicht nur diskutiert, sondern mit dem Stimmzettel in der Hand entschieden hat." Die Volks-partei stimmte einmütig gegen den Vorstandsantrag, der dann durch die Stimmenthaltung der beiden erwähnten Herren mit der knappen liberalen Mehrheit angenommen wurde. Das Ergebnis zeigte die schier unmögliche Situation, in der sich die Konservativen in der Berliner Gemeinde befinden. Der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum lehnt eine Beteiligung an der Iewifh Agency ab. ' Berlin, 25. Februar. Nachdem seit längerer Leit innerhalb: der Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland Djskus- : sionen I inoffizieller -Art'!über die Frage der j Beteiligung! der Bereinigung an der erweiteirten Jewish Agency statt- D e r I s r a e l r t / gefunden haben, hat sich der Gesamtvorstand der Bereinigung in seiner am 24. Februar stattgefundenen Sitzung, zu der sich nahezu sämtliche Vorstandsmitglieder aus Berlin und dem Reiche eingefunden haben, zum ersten Male offiziell mit dieser Angelegenheit besaßt. Der Vorstand hat die folgende Resolution angenommen: „Der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. billigt die vom Arbeits-Ausschuß in der Frage der Erweiterung der Jewish Agency bisher unternommenen! Schritte. Er lehnt eine Beteiligung der Vereinigung für das liberale Judentum an der Jewish Me Woche. Berlin. Am 5. Februar wurde der Verein „Mensa academica judaica" in Berlin gegründet, der den jüdischen Studi-erenden aller Berliner Hochschulen einen rituellen Mittagstisch gewähren will. Vorsitzender ist Herr Konsul Dr. Ist Kahn-Jaffa. Die Mensa wird in den Räumen Hackescher Hof, Rosenthalerstraße 40/41 bei. genügender Beteiligung bereits im März, sonst zu Beginn des Sommersemesters 1929 eröffnet werden. Für die Mahlzeit ist ein Preis von 75—30 Pfg. in Aussicht genommen. Die Essenszeit wird sich von 12.30 bis 3.30 Uhr erstrecken. — Wie die antisemitische deutsche Presse mitteilt, hat der Allgemeine Studenten-AusschUß der Universität Erlangen den Antrag der Fraktion des nationalsozialistischen Studentenbundes angenommen, wonach die Regierung aufgefordert wird, an sämtlichen deutschenHochschulen den Numerus clausus für Nichtdeutsche, besonders aber-für Studierende der jüdischen Rasse einzuführen. »— In der (Brot* mannstraße zu Ebarlottenburg wurde am Sonntag das neue „ B e th - am - I w r i " eröffnet, das den Mittelpunkt für die hebräischen Kulturbestrebungen in Berlin bilden soll. — Im 78. Lebensjahre starb der berühmte Publizist Dr. Isidor Levy. Als Leitartikel-Redakteur der „Vofsifchen Zeitung" war er Wortführer der Demokratie und betätigte sich auch im Ke ntralverein. In einer kleinen Schrift „Fichte und die Juden" wies er nach, wie sehr zu Unrecht sich die Antisemiten auf diesen führenden Geist der deutschen Nation berufen können. — Am Freitag mittag kam es in der Berliner Universität zu Ausschreitungen mit ausgesprochen antisemitischem Charakter. Jüdische Auslandsstudenten wurden beschimpft und attackiert. Rektor und Senat sind über die Vorgänge informiert. München. Abg. S ch e m m betrieb in seinem Blättchen „Der Weckruf" eine Ritualmordhetze und versteckte sich dann hinter seiner Immunität als Landtagsabgeordneter. Der bayerische Landtag hob aber jetzt seine Immunität auf und Schemm kann dem Richer zugeführt werden. Altona. Wie die ITA. berichtet, hat der Reichspräsident von Hindenbura die Ebrenpatensckiaft für das nennte Kind des Herrn Oberrabb. Dr. Josef Carl eb a ch. übernommen. Gladbeck. Die beiden, jugendlichen Friedhossschänder von Gladbeck erhielten drei. bezw. vier Monate Gefängnis. Bewährungsfrist für den Rest der Strafe, der nach, der Unterfuchungsbaft noch übrig bleibt, ist in Aussicht, gestellt. Man findet das Urteil im Vergleich zu den Rohheitsakien, die seinerzeit 'überall so große Aufregung erregten, sehr milde, königsberq. Am 23. Februar abends drangen dte Nationalsozialisten in «ine Versammlung des Zentral - Vereins deutfcker Staatsbürger füdifchen Glaubens in großer Zahl ein. um sie zu sprengen. Nur durch starkes Polizeiaufgebot konnte die Sprengung verhindert werden. Die nationalsozialistischen Rädelsführer wurden mit Gewalt herausgesetzt, worauf das Referat des Syndikus Arthur Schweriner ungestört erfolgen konnte. London. In London verstarb, 99jährig. Frau Kate Vergfon, die Mutter des berühmten französischen Philosophen und Nobelpreisträgers Henri Bergfon und Gattin des verstorbenen aus Polen eingewanderten jüdischen Musikers Michael Bergfon. Das Ehepaar Bergfon übersiedelte später von London nach Paris und ließ sich dort naturalisieren. Agency ab. Für die Stellungnahme der Vereinigung für das liberale Judentum zur Jewish Agencysind folgende Erwägungen entscheidend: 1. Nach den Bestimmungen des Palästina-Mandates ist es Zweck , der Jewish Agency, Rat und Mitarbeit' zu, gewähren bei der Errichtung des jüdischen nationalen Heimes. Im Palästina-Mandat ist ausdrücklich bestimmt, büß durchdie- „Errichtung, eines nastonaley- Hei-, mes für das jüdische Volk in Palästina" „die historische Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina und die Grundlage für die Wiedererrichtung seines nationalen Heimes in diesem Lande anerkannt sind". Der Vorstand betont gegenüber der in diesen Formulierungen niedergelegten Auffassung wiederholt, daß die Vereinigung für das liberale Judentum im Judentum eine religiöse Gemeinschaft sieht, deren Bekenner zu den verschiedensten Völkern gehören. ' 2. Hieraus folgt, daß dem Land Palästina in der Zukunfsgestältung des Judentums nach liberaler Auffassung keine Sonderstellung eingeräumt werden kann. Die Palästinasiedlung kann einen Teil der zur Behebung der Judennot erforderlichen Maßnahmen bilden; sie muß sic?' jedoch dem kolonisatorischen Gesamtplan einordnen. 3. Die Besiedlung eines Landes kann in der Gegenwart nicht lediglich mit historischen Gründen gerechtfertigt werden. Eine Besiedlung Palästinas darf in der Gegenwart nur im Einvernehmen mit der Bevölkerung des Landes durchgeführt werden. Der Vorstand der Pereinigung für das liberale Judentum muß es der Zionistischen Organisation überlassen, die zur Zeit bestehenden Hindernisse für die Mitarbeit der Bereinigung zu beseitigen. Er ist überzeugt, dre Befriedung des Judentums am besten zu dienen, wenn er unter den jetzigen Umständen die Zionisten den' von ihnen befchrittenen- Weg allein gehen läßt. Fünfzig Waggons Alazzoth für die russischen Inden. Berlin, 25. Februar. Seitens der Berliner russischen Botschaft in Berlin ist dem Berliner Komitee zur Versorgung der russischen Juden mit Mazzoth die offizielle Mitteilung zugegangen, daß die Sowjetregierung die Bewilligung zur Einfuhr von 50 Waggons Mazzoth zur Versorgung der jüdischen Familien in Rußland für die kommenden Pessachtage erteilt hat. Das Komitee hofft, daß das bewilligte Einfuhrquantum ausreichen wird, um den Mäzzothbedarf von ungefähr 20 000 jüdischen Familien zu decken. Die Müzzoth werden in Lettland hergestellt und von dort sofort nach Rußland transportiert, da in Lettland der Anschluß an die Breitspurbahn vorhanden ist und darum eine Verzögerung infolge von Umladungen vermieden' wird. Auf' diese Weise werden die Mazzoth-Transporte auch in den entlegeneren Teilen Rußlands rechtzeitig eintreffeu. Ein Ruck nach links im deutschen Wisrachi? Leipzig, 25. Februar. Der gestrige außerordentliche Delegiertentag d-es deutschen „Misrachi" brachte allen denjenigen eine schwere Enttäuschung, die gehofft hatten, daß die nach rechts -gerichteten Tendenzen im deutschen „Misrachi" an Boden gewinnen würden. Es waren 49 Delegierte anwesend, wovon 18 Zeire-Misrachi. Nach eingehender Aussprache wurde der Antrag Dr. Ä. Barths auf Verselbständigung des deutschen Misrachi gegenüber der Zionistischen Vereinigung für Deutschland abgelehnt, nachdem er vorher auf dem Frankfurter Delegiertentäg eine Mehrheit gefunden hatte. Nach gleicher Richtung weift die Wahl eines zweiten - Vorsitzenden neben dem bisherigen, Alexander Adler; die Person des Gewählten, Dr. Oskar Wolffsberg, entspricht den Wünschen der weltanschaulich liberal orientierten Kreise des Mi'srachi und bedeutet leider eine Provokation des orthddoxen Flügels. Me bevölkerungspolitische Konferenz des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden. Berlin, 25. Februar. Auf Einladung des bevölkerungspolitischen Ausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden fand am Sonntag, den 24. Februar in seinen Räumenunter Vorsitz von Frau Siddy Wronsky eine bevölkerungspolitische Konferenz statt. Es. vertraten den Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes Prof. Dr. Türk, die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden Dr. Ollendorff, den Jüdischen Frauenbund Frau Martha Ollendorff und Frl. Edith Hirsch, die Großloge für Deutschland San.-Rat Dr. Goldschmidt, die Agudas Jisroel Frau Lea Salomon, den sozialen Ausschuß des Rabbinerverbandes Rabb, Dr. Emil Levy, den Verband der Leiter und Leiterinnen jüdischer Erziehungsanstalten Dir. Dr. Feist, den Deutsch-Israelitischen Eemeindebund Dr. Sandler, den Reichsäusschuß der jüdischen Jugendverbände Dr. Lubinski, die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge S.