Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1929)
- Date
- 1929-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr, 9 Der Israelit Zum Schluffe unseres Plädoyers für die „Wiederherstellung der Öffentlichkeit" in Jugenderziehung und Zeitproblematik sei auch noch auf die kultur-sozialen Notwendigkeiten hingewresen. So wirft die bekannte Tatsache, daß unsere Jugend auf Schritt und Tritt in Zeitung, Kino, Radio und sonstigen öffentlichen Kulturinstitutionen soviel anti-jüdische und anti-ethische Gedanken in sich aufnimmt, die Frage auf, ob nicht in der Einrichtung weiterer öffentlicher Erziehungsmittel im Sinne unserer Weltanschauung (wie etwa Tageszeitung, Volksbildungsstätten, Lanöheimerziehung, Aelteren-bünde, Klubs) gerade im Gebiet der Zeitproblematik moderne milieubildende Faktoren geschaffen werden könnten, die —was Schule, Haus und Jefchiwoh noch nicht fertig brachten — den Alltagsmenschen ins Deberzeitliche hineinziehen. Dieselbe Notwendigkeit ergibt sich aus der Erinnerung an die Welt- Mission des Judentums, Nur wenn eine .aktive und geeinte Orthodoxie mit ihren Erziehungsgedanken aus ihren Häusern mutig auf die Straße des geistigen Lebens tritt, nur dann kann das alte Jisroel in der Welt als Vorbild überhaupt noch gesehen werden! Was weiß denn sonst der Nichtjude, ja, was weiß denn sonst der taurohferne Bruder vom Heiligkeitsbestreben der Traditionstreuen? ... Er sieht sie Gesetze erfüllen, er sieht sie in ihr Eigenmilieu versponnen, — wo die geistigen Kämpfe sich abspielen, sieht er sie nicht! ... wo ihre eigene Erziehung bedroht ist, schweigen sie auch! . . . wie kann da der Fremde noch an uns glauben? Die künftige Lehrerbildung in Devkfchland. Vom Standpunkt der Gemeinden aus betrachtet. Von S—g—t. Die Schlacht ist geschlagen. Die liberale Partei und die protegierte bayrische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg haben einen Pyrrhussieg errungen, der ihnen aber wahrscheinlich wenig Freude bereiten wird: Das Kultusbeamtenseminar ist abgelehnt, die -vermeintliche Einheitlichkeit des Lehrerstandes ist gerettet. 'Und die Gemeinden? Für Volksschul- und Religionslehrer soll nach dem Veschlusse des preußischen Landesverbandes nur die alleinige Vorbildung zulässig sein, die über Abitur zur Akademie führt. Da aus diesem Wege eine tiefgründige jüdische Ausbildung nicht Möglich ist, soll nötigenfalls noch ein Jahr Jeschiwah hinzugefügt werden. Es liegt doch wohl auf der Hand, daß hie wenigen auf diese Weise ausgebildeten Lehrer,, die von Berlin, Köln und Würzburg entlassen werden, von den Großgemeinden und ihren ausgebauten Schulsystemen aufgesogen werden. Die Mittel- und Kleingemeinden, die sich nur einen Beamten leisten können, dW alle Kultusämter zu versehen hat, werden leer ausgehen und allmählich veröden. „Mögen sie veröden", sagen die Wortführer des Lehrerverbandes, „uns ist die Hauptsache, daß der jüdische Lehrer nicht gegen seine christlichen Kollegen zurückstehe." Und die jüdischen Gemeinden?, Wenn sie mit der Verödung nicht einverstanden sein wollen, werden sie über kurz oder lang genötigt sein, ein Kultusbeamtenseminar zu gründen, das ihnen jüdische Religionslehrer, Kantoren und Schochtim liefert. Dann wird es sich zeigen, ob die Gemeinden für den Lehrerstand oder der Lehrerstand für die Gemeinden da ist. Köln hatte sich bereit erklärt, die Ausbildung der Kultusbeamten zu übernehmen. Würzburg ist gegen diesen Plan, und der tertius gaudens in diesem lieblichen Bruderkampfe ist der Liberalismus. Nun solltenim preußischen Landesverbände nach dem Vorbilde Helds und Schmelzles die bayrischen Belange denen aller anderen Länder vorangestellt werden, Köln zurückgesetzt und Würzburg Reichsanstalt!! Dieses Mal jedoch siegte der gesunde Menschenyerstand, der Reichsverband fiel und der preußische Verband hat seine Mittel zunächst für die preußischen Anstalten zu verwenden. Und eine solche Selbstverständlichkeit mußte erst in heißem Kampfe erstritten werden. Wie ging das zu? Stoll-Würzburg hatte die Thesen aufgestellt: 1. Volksschul-Religions-Schulbildung und Kantorat vermittelt die Lehrerbildungsanstalt (Ausbauschule und Akademie). 2. Bayern ist hierfür prädestiniert und 3. Einrichtung von Stellen für Bezirks-Schochtim (mit Auto und Telefon). Daß der Liberalismus diesen Thesenzustimmt, ist zu verstehen. Ihm genügt für die jüdischen Lehrer dieselbe Ausbildung, die die christlichen Lehrer erhalten. Er begrüßt' die Loslösung der Schechitah vom Lehramt. Aber die Konservativen staunen, daß gerade vom Wohnorte des Würzburger Raws, des rrn» die Parole ausgeht: Trennung von Lehramt und Schechitah. In Hunderten von Gemeinden ist doch kein anderer da, dem man letztgenannte Funktionen anvertrauen könnte. Der Beztrks- Schochet ist wohl nur ein am grünen Tisch ersonnener Scherz, der der Wirklichkeit in keiner Weise Stand hält. Es ist doch in heutiger Zeit nicht erforderlich, zu.beweisen, warum ein, solcher Plan garnicht diskutabel ist. Die Liberalen haben erkannt, daß der ganze Streit „Hie jüdische Gemeinde — hie Lehrerstand" tatsächlich ein Kampf pro und contra Schechita ist, Lehnt die Lehrerschaft die Schechitah ab und gibt sie der Ungewißheit preis, dann ist es tatsächlich höchste Zeit, ein Kultusbeamten-Seminar zu eröffnen, das den Bedürfnissen der Kehillo Rechnung trägt. Den Volksschulunterricht wollen wir nach den ^Anforderungen des Staates einrichten, unsere jüdischen Obliegenheiten aber.nach unseren jüdischen Bedürfnissen. . :;; . Hr Was soll also geschehen? Für. die Volksschulbildung haben wir den liberalen Oberbau in Berlin, die konservative Jawne in Köln und die Aufbauschule in Würzburg. Wir verlangen noch eine jüdische staatliche Akademie. Für die Kultusämter in den Mittel- und Kleingememden aber brauchen wir ein Kultusbeamten-Seminar^. das Religionslehrer, Kantoren und Schochtim ausbildet. Köln ist dafür eingerichtet und dazu bereit, stellen wir ihm die Mittel zur Verfügung — und die jüdischen Gemeinden sind versorgt. Das Einzige, das passieren kann, ist, daß die akademisch ausgebildeten Volksschullehrer die Kultusbeamten nicht als ebenbürtig betrachten und nicht in ihren Verband aufnehmen. Dieser Schmerz wird zu ertragen sein und muß überwunden werden; denn es gilt Höheres: die Aufrechterhaltung der deutschen Kehillaus. Dafür darf, uns kein Opfer zu schwer sein. Verhält sich der Landesverband in dieser Existenzfrage der Kleineren und Mittleren passiv, dann müssen die Gemeindevorstände die Initiative ergreifen und. sehen, wie sie zu ihrem Ziele kommen. An Fürsprechern in allen Kreisen wird es ihnen nicht fehlen. Korrespondenzen « nacbricbteit. Deutsches Reich. Agudas Jisroel-Kundgebung. Be kt ln, 24. Februar. 2tm Sonntag den 3. März, 20 Uhr, findet im ehem. Herrenhaus, Leipzigerstr. 3, anläßlich des bevorstehenden zweiten A g u d i st e n - K o n g r e s s e s (Kenefsio Gedaulo) eine ö f f e n t t l ch e K u tf i> g e b u n g. statt. Zur Erörterung gelangen W i r t f ch aftsfragen (Angestelltenhilfe, Arbeiterbewegung, namentlich in Polen), Erziehungs aufgaben, Jewish Agency;. J ug endar beit. Es sprechen u. a. die Herren Semlfmd und sie die heutige'mätLkiÄe Position in Palästina als noH i unsicher anfehen. Ingenieur Beschkin teilte mit, daß - er im Irak Oel-, ,• .Seifen- und Chemiefabriken mit .Hiffe deutschen und heimischen Kapitals erbaut. (Vo ist da der MH?) Folgende nette Geschichte, wird dem „Berliner Tageblatt" aus Budapest berichtet?'Zum Semesterfchluß pur Weihnachten trifft der Schuloberinspektor in einem kleinen Bauernstadtchen ein, um den Halbjahrprüfungen der dortigen Realschule zu präsidieren. Gegenstand: Geographie. Der Oberinspektor läßt sich am Globus die Weltteile zeigen. Dann fragt er Mit strenger Miene den Schüler, warum denn der Globus an beiden Enden, am Nordpol und am Südpol abgeplattet fei. Der Schüler wird ängstlich und antwortet mit Tränen im Halse, er könne nichts dafür, er habe das nicht gemacht, er fei unschuldig, das war immer fo. Der Ober wendet sich zum Herrn Lehrer, und dieser eilt dem Lieblingsschüler zu Hilfe: „Wirklich, Herr Oberinspektor, der Junge hat recht, die Schule hat wirklich den Globus schon so „eingetepscht" erhalten." Der Oberinspektor ist sprachlos, eilt zum Direktor, erzählt, was Schüler und Lehrer ihm gesagt haben — der Direktor will die Sache gut machen: „Ja, ich kannmich auch erinnern, ich Habs gleich gesagt, daß man beim Juden nichtsbestellen darf." Die Geschichte ist noch nicht aus. Sie macht die Runde im Unterrichtsminister!um und gelangt so auch zu einem Abgeordneten. Der benützt den ersten Tag des Wiederzusammentritts des Parlaments, um sie vor einer großen Korona zum besten zu geben. Eine laute Lachsalve lohnt den Erzähler. Nur ein bäuerlicher Abgeordneter in hohen Schaftstiefeln bleibt ernst, schüttelt sein Haupt, und sagt: „Wo ist da der Witz? Natürlich darf man nichts beim Juden kaufen..." Oie sfarkschäumende Seuerstoff-Zahnpesfo ■ Wird von vieleil Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und, selbst benutzt. Kleine. Tube 80 Pf. BIOX-IHUND WASSER Flasche 1.— und 2.~ Mk. Gegen lockere Zähne. Probe-Flasche gratis. Max Elb A. G.. Dresden (Die Juden in der Reichshochschulstatistik.) Im Sommersemester 1928 wurden/die deutschen Universitäten von 81 917 Studierenden besucht, darunter 3571 Juden. Der Anteil der Juden an der Zahl der Studenten betrug 4,4 Proz., während der jüdische Bevölkerungsanteil . in Deutschland nach der Volkszählung im Jahre 1925 nur 0,9 Proz. ausmacht. Unter den 4019 ausländischen Studenten, enthalten in den obigen Zahlen, befinden sich 787 jüdischen Glaubens. Sie machen 22 Proz. der Juden überhaupt aus, 19 Proz. der Ausländer. Cs studieren 2733 jüdische Männer, 1838 jüdische Frauen. Unter den jüdischen Studierenden befinden sich also etwa zwei Fünftel Frauen, während die Gesamtzahl der' Studentinnen in Deutschland 11883 beträgt, so daß von sämtlichen tudierenden Frauen 15 Proz. Jüdinnen sind. 32 Proz. der jüdischen Hochschüler studieren Rechtswissenschaft, davon 1013 Männer, 109 Frauen, 114 Ausländer und 16 Ausländerinnen. 27 Proz. der jüdischen Hochschüler studieren allgemeine Medizin, davon 661 .Männer und 295 Frauen. Bei diesem Studium betragen die jüdischen Ausländer 25 Proz. Die meisten jüdischen Hochschüler tu dienen m Berlin, und zwar 1100 (287 Ausländer) unter 10 691 Studierenden (994 Ausländer). Es fojgen-Frankfurt mit 369 Juden unter 3657 Studierenden, Freiburg mit 285, Heidelberg' 251; Münster 247, Breslau 224,^G difchen Studierenden, In Aachen, Münchenj BraMschweig usw. studieren, zurzeit nur wem ge/Juden- Bonden. Technischen Hochsci; ulen hat Berlin-Charlyttenburg^ weitaus die meisten-jüdischen Studenten.. (Die 500 Jahre alte Synagoge der'«KöäigisiEstörke".) Die Warschauer jüdische Gemeinde erhielt ein- Schreibenvom Rabbiner des Städtchens Janow, Morgenstern, in. welchem imtgeteM wirb, daß dve mehr als 500 Jahve alte Stadtsynagoge. die als -ein Wahrzeichen von besonderer' Schönheit von Reisenden und Touristen fleißig ausgesucht wird, wegen Bausälligkeit einzustürzen droht. Die Warschauer Gemeindeverwaltung wird um einen . Beitrag Zu den Menovierungskosten ersucht. Die alle Synagoge von Janow spielt eine Rolle in der Legende der als Jüdingeborenen Königin Esterke, der Gattin des polnischest Komgs Kazimtr. Nach der Legende hat Königin- Esterkedie Synagoge in Janow erbauen lasten und auch dem ersten Gottesdienst-in derselben beigewohnt. jüdischen Altertümer in Belh Alpha.) Nach einer ' Mitteilung der Hebräischen Universität hat Pros. Sukonik Mit Genehmigung der Negierung den Fundort in Beth Alpha emer -eingehenden Untersuchung unterzogen 'Cs ^llte^stch heraus, daß der entdeckte Mosäikboden' mit hebräischen Inschriften und Bildern einem Synagoaenbau aus den ersten Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels angehörte. Wie.alle bisher entdeckten Synagogen, nördlich Jerusalems ist auch diese dem Süden zugewandt. Der Grundriß zeigt eine dreiteilige 'Basilika von der das Mittelschiff besonders gut erhaltene Sternbilder aufwerft. Sternbilder und Sonnenräder hat man ' ruher schon in den Synagogen-Ueberresten von Ludd, - Jericho,. Kfar, Beram und Naaren -aufgefunden- : >■.