Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1929)
- Date
- 1929-02-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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»T»J nr. $ \m Das unbekannte Kind. Ein nebenberuflicher Gang führt mich täglich, jo kurz nach 8 Uhr morgens, am Paimengarten vorbei. Ich pflegte eine kurze Minute anzuhalten, hinüberzuschauen zu den Palmenalleen im Vorgarten und den Blumenoierecken darunter; mein Morgengruß an die Flora. Dieser Tage sah ich hinüber, wie bei minus 23 0 die Palmen und Blumen froren. Oder auch nicht! Sorgsam zugedeckt, unter wollenen Tüchern streckten sich die Edelpflanzen aus dem Lande der Tropen. Warme Decken lagen über den Glasscheiben der Treibgärten und in den .Pflanzenhäusern, so sagte mir mein Freund im betreßten Rocke am Eingang, hielten, riesige Oefen und Heizanlagen die Tropenluft gegen die 230 minus. Recht so! dachte ich, daß sich der Mensch des Tieres, des Vogels annimmt und für die Vegetation sorgt, daß sie nicht friert. Es ist schön und kommt aus der wärmsten Ecke der Menschlichkeit in uns. Wir sind ihnen viel schuldig, den Blumen und Pflanzen, für die Freude und den Duft, die sie uns spenden. Warurp sollten wir ihnen nicht danken? Warum sollten wir für die schönen Kinder der Natur nicht besorgt sein, daß sie nicht darben in der ach so kalt gewordenen Welt! Es hat etwas Rührendes und Ergreifendes, diese Verbundenheit des Menschen mit der Welt der Pflanzen. Und am gleichen Abend las ich in der Zeitung: Dort irgendwo im äußersten Ostend ist nachts ein K i n d i n se i n e m B e t t ch e n erfroren. Eine zugige Baracke, keine Heizung, keine Decke zum Zudecken -und das.Kind erstarrte . . . Ich las es in einem warmen Zimmer. Der kleine irische Ofen knisterte, darauf .der kochende Wasserkessel sein, monotones Lied fang; auf dem Tische dampfte die Kafseekrmne. Die Kinder erzählten beglückt vom Eisläufe auf dem Main. Im Schlafzimmer blies das Hausmädchen das Feuer für die Nacht an . . . Ein arbeitsreicher Tag gab wohl einen Rechtsanspruch auf diesen Happen von Behaglichkeit. Und dennoch! Ich dachte an die gut zugedeckten Blumen und an . . . Und schämte mich einer Tat, die i ch nicht begangen hatte . . . Daß ich in dieser Nacht kein Auge zutat und oft nach dem ruhigen Atem meines lleichterkälteten Jüngsten hinhorchen mußte, hing wohl, mit der Zeitungsnsüz zusammen; daß es mich im gut gewärmten Zimmer und unter der warmen Decke fror, .ebenfalls. Die ungemeinen Tränen der Nacht galten.km Kinde, nicht dem Kinde, das ich nicht kannte, dessen Name nicht genannt wurde, es galt dem Kinde schlechthin, dem unbekan n te n SU nb e. So wie der gäntze Schmerz und der ganze Weltjammer des Krieges dem unbekannten Soldaten gilt, auf das unbekannte Grab sich konzentriert und von dort in tausend Ausstrahlungen sich in alle Gassen der Welt, in die Gänge der Herzen und Seele ergießt. Der „unbekannte Soldat", — Krieg dem .Kriege! Das unbekannte Kind, — Krieg dem Elend, der Not, dem Hunger, Krieg der Kindernot! Ein Kind ist erfroren. Bei'aller Liebe zum Tier, zum Vogel, zur Pflanze hätte man vergessen, eine junge menschliche Pflanze schützend zuzudecken und sie ist erfroren. Wer wird nicht dabei von einem Kälteschauer durchrieselt in seiner warmen Stube, unter der wärmen Decke?! . ' Fast scheint es mir, als hätte ich ähnliches schon einmal irgendwo gelesen. Ja, richtig: in einer uralten 'Urkunde, im Talmud. Da erzählt Rabbi Josua, Sohn ChaNanjas: Fuhr ich da von Jerusalem nach Rom'. Jerusalem, die Stätte Gottes, atmete milde Wärme. Rom, -die Stadt der Steinbauten und Kasernen, starrte in eisiger Kälte. Stand ich vor einem riesigen Kaisermonument und sah, wie das Standbild in Tücher und Decken eingehüllt war, daß der Frost am Erz und Stein nicht nage, und ich rief voller Bewunderung: Groß ist Rom in der Verehrung seiner Heiden; wie es doch feine Denkmäler zu schützen weiß! Aber eine Straße weiter lag, das Armenquartier. Dort stieß ich auf Menschen, die kaum einen Fetzen am Leibe hatten, um ihre Blöße zu bedecken und sie vor der beißenden Kälte zu schützen. Ein zum Skelett herabgemagertes Weib mit' einem bleichen, halbnackten Kinde auf dem Arm flehte mich um ein Almosen an, auf daß sie nicht samt ihrem Kinde vor Hunger und Kälte verkomme. „Die Reichen und Vornehmen in der oberen Stadt haben keine Zeit und kein Herz für uns," — jammerte das Weib. Wie sich alles im Leben der Menschen wiederholt! Wie doch der Mensch bei Kulturerrungenschaften von zweitausend Jahren im Grunde immer Mensch geblieben ist! Schön ist es mit der Hetdenvevehrung, schön mit dem Denkmalschutz, schön mit der Gräberpflege. Noch schöner spiegelt sich des Menschen Seele im Schutze, den er Natur und Kreatur angedeihen läßt. Aber e i n e Menschenblume, die darüber zu Grunde geht, zerstört all diese Schönheit. Das erstarrte Blut eines Kindes schreit aus der Erde: „Menschen, Ihr decket die Pflanzen zu und lasset die Pflanze aller Pflanzen erfrieren!" Der Ruf des „unbekannten Kindes" ertönt in den Hilferufen der Fürsorgekasse, der „Jüdischen Frauenvereinigung" und aller Instanzen, die die Kinder suchen, um sie in Hort und Wärmehalle zu wärmen; die auch d i e „Fälle" suchen, die nichtan die Türe klopfen, um den letzten ausfindig zu machen, der von lauter Organisation und Zentralisation unserer Wohltätigkeit verhungert und erfriert. Es ist hart, wenn zum Hunger noch die Demütigung, zu der Kälte des sibirischen Winters noch die Polarkälte aus Herzen von Menschen kommt, die in gutgeheizten Stuben an grünen Tischen vor langen Büchern Mensch Meid fein säuberli ch registrier en. Auch das kann von Nutzen sein. Aber nicht in einer Zeit, die bei . . . undzwanzig minus alle Rationierungsweisheiten zu Eis erstarren läßt und ganz eigene schauerliche Eintragungen im Lebensbuche der auf die kalte Seite des Lebens Gestellten macht. . ■ Denkt an das unbekannte Kind! -tz. Wie der Rabbi des Räuberhauptmanns Kraft bricht. Lme Historie aus Kolomea. Mitten, in den wilden Karpathenbergen, wo Ostkleinpolen an Siebenbürgen grenzt, dehnen sich endlose Wälder, die. heute noch jeden Wanderer mit Grauen erfüllen. In diesen finsteren Wäldern hauste vor hundertfünfzig Jahren eine Räuberbande unter Anführung des im gar,zen Lande gefürchteten Räuberhauptmanns D o b o s ch. Der Name wird heute noch in der Gegend mit Schrecken genannt: der „Schinderhannes" der Karpathen. Wehe, wer ihm ins Gehege kam. Von seinem Gute blieb nichts mehr übrig, Pferd und Wagen wurden ihm genommen, .auch die Kleider vom Leibe. Der Unglückliche, der etwa versuchte, sich zur Wehr zu setzen, konnte sicher sein, schon hier im dunklen Waldesboden sein Grab zu finden. Fuhrleute, die die Gegend befahren mußten, pflegten am Rande des Waldes Halt zu machen und. zu warten, bis noch andere Fuhrwerke kamen. Waren genügend Leute da, so pflegten sie sich, bewaffnet mit Messern, Dolchen und Sensen, mit ihren Fuhren, dicht hintereinander, in den Wald hineinzuwagen. Es pflegte in der Regel wenig zu nützen. Dobosch wurde fertig mit den Menschen und Pferden und Hunden, auch mit den primitiven Waffen der Bauern, und Fuhrleute. Sein Name und sein Auftreten jagten den Leuten solche Schrecken ein, daß sie zumeist ihre Messer und Dolche zu Boden warfen und sich selber ebenfalls, um Erbarmen flehend. . In solchen Fällen pflegte Dobosch ein wildes Gelächter ertönen zu lassen, daß der Wald weit und breit erzitterte. Seine^ weißen Zähne fletschten wie die eines reihenden, Tieres. In aller Ruhe plünderte er dann die Reifenden aus. Und wenn sie bar all ihrer Habe, auch ihrer irgendwie brauchbaren Kleider waren, schickte er sie halb nackt mit guter Empfehlung nach Hause. Manchesmal, wenn er gerade schlecht gelaunt war, ging diese Entlassung nicht ohne blutige Schläge ab. Ein Menschenleben galt bei Dobosch nicht viel. Verging eine Zeit, ohne daß Dobosch Beute fand, da sich keiner durch den Wald wagte, so war der gute Mann nicht träge, sich die Beute zu holen. Er überfiel dann Dörfer und Städtchen, wagte sich auch bis K o l o m e a hin, in die Stadt, die fast nur von Juden bewohnt war, und nahm alles, was ihm in die Hand fiel. Wurde ruchbar, daß Dobosch auf dem Wege nach der Stadt sei, so verkroch und versteckte sich alles, was sich verstecken konnte. Keiner dachte daran, ihm Gegenwehr zu leisten. Sogar Polizei und Soldaten verschwanden auf irgend eine Weise und kamen erst zum Vorschein, als die Gefahr vorüber war, das heißt, das Städtchen wie ausgebrannt dalag. So ging es viele Jahre. Bis die Umwälzung eintrat. Und. diese kam nicht durch die Polizei, das Militär, die Behörden, sondern kam von den Juden, unter denen damals eine große religiöse Bewegung ihren Anfang nahm. Es war die Zeit der Entstehung des Chassidismus. In einem Dorfe in den Karpathenbergen lebte Rabbi Israel, genannt Baalfchemtow, der Begründer des Chassidismus. Noch hatte sich der Baalfchemtow nicht offenbart. Nur ein kleiner Kreis von Nahestehenden' kannte seine' Größe und hütete das Geheimnis. Einer aus diesem Kreise war Rabbi Leib Pistiner, so genannt, weil er aus Pistin, einem Städtchen neben Kolomea stammte. Besagter Rabbi Leib Pistiner war damals schon selber ein großer Zaddik, aber auch ihn kannte die Welt noch nicht. Er. lebte in, Kolomea als einfacher Kaufmann. Seine Geschäfte führten ihn mehrmals im Jahre, durch die Karpathenwälder. Mehr denn einmal war er schon im Bereiche des Räubers Dobosch größten Gefahren ausgesetzt. Aber jedesmal geschah etwas wie ein Wunder, daß er dem Räuber entgehen konnte. Wie oft hatte Rabbi Leib Pistiner den großen Baalschemtow angefleht, er möge doch kraft seines Einflusses in den höheren Regionen etwas gegen Dobosch unternehmen, der es in letzterer Zeit besonders auf Juden abgesehen hatte, sie ausplünderte, mißhandelte und ihrer viele auch tötete. Aber der Baalschemtow schüttelte den Kopf und sagte: „Noch ist nicht Zeit. Wenn die Zeit da ist, kommt auch die Hilfe." Die Rot der Juden in Kolomea und Umgegend . wurde aber infolge dieser Umtriebe immer größer. In Kolomea selbst häuften sich die Ueberfälle, und immer waren es Juden, die als Opfer herhalten mußten. Merkwürdig genug war es, daß sich Dobosch tue an Rabbi Leib Pistiner vergriff, obwohl dessen Haus sich in der Nähe der großen Schul befand, in einer Straße, die von Dobosch mit Vorliebe heimgesucht wurde. Es war beinahe so, als fürchtete der Räuber etwas, als ahnte er, daß mit einem Angriff auf dieses Haus und dessen Bewohner sein Glück zu Ende gehen würde. Aber einmal konnte Dobosch dem doch nicht widerstehen. Es war an, meinem Freitagabend. Ein Verwandter Rabbi Leibs kam mit seiner ganzen Familie aus einem nahen Dorf, um die Hochzeit einer Tochter in Kolomea zu feiern. In Rabbi Leibs Haus hatte am Freitag die Hochzeit stattgefunden, und jetzt, am Abend, waren alle Räume hellbeleuchtet und an reich gedeckten Tischen