Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1929)
- Date
- 1929-02-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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■ -*c-**^*ev^ —--- w- - FÄH GSO Jiullüil / WC Rabbiner Samson Raphael Hirsch nnd die Gegenwart.*) Rede anläßlich des 40. Jahrzeitstages. Don Rabbiner Dr. Julius Werzvach-Aarmstadt. iSchlutz.) Und dann gibt es solche, denen die Gedanken S. R. Hirschs schon zur Gewohnheit geworden sind, die sich fest verwurzelt wissen in seinen Ideen, denen sie schon zur zweiten Natur geworden; Gefahr liegt darin, denn, nichts ist gefährlicher als die Gewohnheit. Gefahr, daß die Klarheit oft nur in der Selbsttäuschung besteht, aber nicht, wie von nwn bei dem Stiftzelt, an jedem Tag von neuem das Gebäude unserer Weltanschauung aufgerichtet werden kann. Aus der Geschichte ein Beispiel: Im Geschlecht des Königs Ehiskijahu, erzählt der Talmud, war Taurohlernen so verbreitet und heimisch wie bei keinem andern Geschlecht und im ganzen heiligen Lande war nicht ein Am Hoorez zu finden, nicht einer, der nicht Bescheid wußte in den schwierigsten Teilen der mündlichen Lehre in ni^nrri D*y» Und das nächste Geschlecht, das doch gewiß Tauroh gelernt, war das Geschlecht des Königs Menascheh, m dem Götzendienst, in dem Unsittlichkeit herrschte wie nie zuvor. Wie anders ist dies zu erklären, als daß sie die Grundlagen des Judentums nicht erkannt hatten, die den Vätern selbst Gewohnheit geworden, und als die Jugend aufstand, sie die Jugend nicht mehr begreifen konnten und so sie nicht mehr imstande waren, in Klarheit und Wahrheit ihnen den rechten Weg zu zeigen. Und Götzendienst und Unsittlichkeit zogen so ein. Immer wieder zu forschen und Hirschs Gedanken stich zu den e i g e n st e n zu machen, bleibt ewige Aufgabe jeden Geschlechtes. „Zur lebendigen Erkenntnis", so waren seine Worte für unfern eigenen Kreis. Es ist rein Zufall, daß, wenn wir heute einen gewinnen wollen, der fern von den Wahrheiten des Judentums, fern von dessen Quellen erzogen wurde, es wieder Hirschs Schriften sind, die wir in die Hand ihrn reichen werden, weil hier die G r u n d l y g e n, das Fundament, geboten wird, und dies ist das Wichtigste. Es ist kein Zufalldaß die Reform auf dem Rückweg zum r>v8 rronh— o, noch himmelweit davon entfernt, — als ersten Schritt den gegangen ist, um den Hirsch zeitlebens kämpfen mußte. Auf der letzten Tagung des liberalen Judentums wurde es von den Führern gesprochen, und eine Meinung wars: „Zeitgemäßheit der Religion? Es kann keine Zeitgemäßheit der Religion geben." Man möchte rufen: *p»ry» ‘isy ■»»' Samson Raphael Hirsch! Wofür Du gekämpft, weswegen Du bespöttelt, verhöhnt worden bist Dein Leben lang, dieses Prinzip, daß das Judentum niemals abhängig sein kann von. der Zeitanschauung, gegen die, die unsere Religion zeitgemäß gestalten wollten, heute ist es die Anschauung, selbstverständliche Grundlage selbst derer, die noch durch Abgrundtiefen von uns geschieden sind. „ Andere Prinzipien sind es, um die wir heute kämpfen müssen: Drei sind es insbefon- *) Der erste Teil der heutigen Fortsetzung ist aus Versehen voriges-Mal weggeblieben und kann heute ohne Einnstörung nachgetvagen werden. dere: Individualismus der Willkür, oder Gehorsam forderndes, jeden bezwingendes, alles bindendesGottesgesetz;Stammesg e m e in s ch a ft in Weltorganisation und Ortsgemeinde oder auf Tauroh fundierte, von ihr allein geleitete G e m e in s ch a ft; G o t t e s Religion oder von Menschen, aus Furcht vor den Tiefen ihres eigenen Ich s, als Deckmantel ihrer natürlichen Rackthett, geschaffene Religion. Roch längst ist der Kampf nicht beendet. Biel liegt noch vor uns, viel eigene Arbeit wird noch notwendig sein, um den Sieg zu erreichen. Den Ausgangspunkt unseres Denkens aber hat Hirsch uns gezeigt. Wenn Hirsch, um seine Zeit zu gewinnen, Schönheit und Geistesinhalt des Judentums in den Mittelpunkt gestellt hat, wir für unsere Zeit haben die absolute Wahrheit des Judentums in eigener Arbeit zu lehren. Aber fußen müssen wir auf den Weisheitsgrundlagen, die er uns geschaffen, auf den Wahrheitsfundamenten des Judentums. Auf feine E h o ch m o h gestützt, werden wir in B i n o h, im Weiterschaffen, kämpfen müssen und können. Und nicht nur Lehrer unserer Anschauungen war uns Hirsch: auch im Leben, wurde er unser Führer. Zwei Wege waren es, die er ging, um zunächst sein Geschlecht zu erretten. Der eine: der K a m p f gegen jede jüdische Halbheit, wo immer sie sich auch fand, gegen all das Unjüdische und Pseudojüdische. Haßte er ja nichts so sehr wie die Halbheit, die unmerklich den Menschen von dem Wege der Wahrheit ablenkt. „Nicht das Vorhandensein der Gefahr, so sprach er einmal, dasNichterkennen derGefahr, das ist es, was uns bedroht." Und so zeigte er blutenden Herzens oft all die gefährlichen Stellen bei den. Anschauungen und Richtungen seiner Zeit auf, und das war unsre Rettung. So erhielt er uns das Judentum rein und unverfälscht. So schuf er im Kampf fast aus dem Nichts diese seine nVnp oder besser, schuf er die alte, verlorene Frankfurter nVnp neu. So kämpfte er gegen die falsche jüdische Wissenschaft, schlug die Reform und alle, die ihr nahe standen. Auch wir in unsrer Zeit sollten von ihm lernen, ganz zu sein. Brüder, der treuesten welche mögen es sein, die sich in andern Lagern in der Judenheit unseres Landes finden, die vom Augenblickserfolg ihrer Jüdischkeit, weil es ihnen hie und da gelingt, manche Fernstehenden für die Wahrheit zu gewinnen, hinweggetäuscht werden über die Riesengefahr, die überall dort herrscht, wo der Grund und Boden nicht gesichert ist; denn das Gebäude steht schwankend, auch wenn im Augenblick es noch so schön ist, wenn der Boden drunter nicht fest ist. Und wenn es sich heute noch nicht zeigt, Gott verhüte es, in der Z u k u n f t kann es sich aufweisen. Man kann nicht sagen: Was für Tauroh und Mizwaus Hirsch gesagt, was meiner Person in jüdischem Denken er gegeben, das nehme ich an; was er aber über die Grundlagen der jüdischen Gemeinschaft erdacht, was für das Gesa m t h e i t s l e b e n er als Wahrheit erkannt, das lasse ich fallen. Ganzheit nw'vn war ja die Wesensart eines S. R. Hirsch. So wie er es ja auch ablehnt, durch Apologetik Menschen zu gewinnen, weil er wußte, daß jenes viel gebrauchte und viel mißbrauchte Wort des n» yi in der Gemoro die Einschränkung erfährt vn'ip'sn^ rm maa ■»sd “IpDT uh hinur»' „Nur vom nichtjüdischen Gottesleugner gilt das Wort, den jüdischen Gottesleugner werde ich mit solchen Worten »nicht überzeugen können. Nur noch mehr wird er sich abwenden. Ihm muß die Ganzheit unsres Denkens ich entgegenhalten. Ganzheit, bitter not tut sie unsrer Gegenwart! Der zweite Weg zur Rettung des Judentums: Es war seine Maxime pK “pi ny min wie er sie uns gelehrt. Es gibt ja nur eine Wahrheit, dies war sein Gedanke,.wo immer sie auch zu finden ist. Es gibt nur eine Sittlichkeit, w o a u ch ich sie suche. Was wahr ist, und sei es selbst aus den Hallen der Wissenschaft geholt, muß eins fein mit der Wahrheit der Thauro, muß in unsrer Anschauung harmonisch ^erarbeitet werden. Was gut und schön ist, und sei es selbst von den Dichtern seiner Zeit genommen, muß uns befruchten. px *]Yi ay min eine innige Harmonie und gewiß nicht ein Widerspruchdas war sein Grundsatz, der ewige Gülttgkeit gewonnen hat. Anders liegen heute vielfach die Verhältnisse. Ein anderer Derech Erez herrscht heute vielfach draußen. An Stelle des Idealismus seiner Zeit ist heute krassester Egoismus und Materialismus urd Naturtriebhaftigkeit in Wissenschaft und im Weltenleben zur Macht gelangt. Feinde sind es, die vielfach draußen herrschen, und es ist in jedem Falle zu prüfen, ob nicht die Türe einem falschen Derech Erez geöffnet wird, der im Widerspruch mit der Tauro steht. Und wer sollte sich vermessen, selbst entscheiden und erkennen zu können, ob eine Einheit oder ein Widerspruch mit der Tauro vorliegt, “psyn paxn ^>8wer wollte an sich und seine Unfehlbarkeit glauben. Und ferner: Niemand ist auf der Welt, der den gesamten Wahrheitskomplex zu erfassen imstande ist, niemand, der alles in Tauro und Derech Erez begreifen kann, und gewiß nicht eine ganze Generation. Und so muß jedes Geschlecht e i n t e i I e mi lernen, wie viel von mm und wie viel von p« pT muß jedes Geschlecht prüfen, wo die G r e n z e zu ziehen ist, muß fragen, ob nicht etwa zu viel Kraft dem Urjüdischen hinweggenommen wird. Aber damals ward wegen der Wahrheit des Grundsatzes von der Einheit alles Wahren dies uns zur Rettung, und wer weiß, vielleicht wird es noch einmal unfern Kindern Rettung sein. Damals ward es uns Rettung — und siehe, die veraltete, erstarrte, verfolgte Tauro wurde lebendig unter seinem Meisterwort: immer weniger wichen von ihr, immer fester wurzelte sie unter den Treuen. Wenige Jahrzehnte — und ein letzter Stamm ward für immer gerettet; wenige Jahrzehnte wiederum — und mächtig und kraftvoll sprossen neue Keime und neue Blüten aus ihm hervor, Lebendiges Wachstum, einem Jeden sichtbar. Wohl ist es mitzudanken — und ewiges Verdienst bleibt es gerade ihnen — all den Hunderten, die ihm G e f o l g j chaft leisteten, die sich umihn scharten und seine Worte im Leben i,- "■' 4";■ J