Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1929)
- Date
- 1929-02-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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21. Februar 1929 Der Israelit Nr. 8. Seite 9 bekannt gegeben werden muß und diesen düs Recht zuftehe, innerhalb eines Monats ihren Austritt zu erklären. Die Versammlung ging auseinander mit einem Versprechen der Pressevertreter, die Sache der Knesses Jisroel kräftig zu unterstützen und einer Zusage vonseiten des Waad leumi, stets die Presse zu informieren und an die Arbeiten heranzuziehen. Palästinensische Amazonen. Jerusalem, 12. Februar. Folgende ergötzliche Begebenheit erzählt „Dojar hajom": Seit Wochen lausen da zwei Frauen dem Rabbinat mit einer Klage gegen ihre Männer das Haus ab, die ihre Pflicht versäumen und es ablehnen, ihre Frauen zu ernähren. Bei den Zuständen, die in der Rybbinatskanzlei herrschen, wurden die armen Frauen von Tag zu Tag und Woche zu Woche hingehalten. Als gestern wiederum die Rabbinen die Gerichtsstube verlassen wollten, ohne sie anzuhören, schlossen die Frauen kurzerhand von außen die Türe ab, so daß die rabb mischen Richter mehrere Stunden eingesperrt waren, bis ihnen von außenher die Befreiung kam. Die Sache hat noch eine andere, als eine heitere Seite. Dr. Lhacham und die Bibelkritik. Jerusalem, 8. Februar. Der misrachistifche „Hataur" veröffentlicht Erklärungen von Dr. Chacham, A. M. Lipschitz und der Leitung des Poel hamisrachi, wonach die dem ersteren zugeschriebenen traditionswidvigen Behauptungen über den angeblich nichtmosaischen Ursprung einzelner Stellen des 6. Buches der Thora von ihm niemals a u f g e st e l l t w o r de n s i n d. Es handele sich um völlig mißverstandene Aufzeichnungen junger Hörer, die diese mißverstandenen Aeuherungen ohne Autorisation vervielfältigten und verbreiteten (s. auch Sprechsaat dieser Nummer). Ermordung eines jüdischen Nachtwächters. Jerusalem, 14. Februar. Montag nachts wurde der jüdische Nachtwächter der Kolonie Rechowoth im Süden von Jaffa, Joseph Niniwitsch, während der Ausübung seines Dienstes ermordet. (Weitere Nachrichten besagen, daß ein Unglücksfall vorliegt.) AUsrachi klagt Agudas Jisroel vor dem Oberlotttmiffat an. * Jerusalem, 17. Februar. Bei dem Empfange der Misrachi-Delegation durch den Oberkommissar Sir John Chancellor betonten die Misrachisten, die Rabbiner Fishman, Uziel u. a. m., daß der Weltverband Misrachi rückhaltlos und mit aller Energie die Politik des jüdischen Nationalheims unterstützt. Die Delegierten sprachen ihr Bedauern über die separatistische Tätigkeit der Agudas Jisroel bezüglich der Einheitsgemeinde Kenesseth Israel aus.' Sir John Chancellor sagte in seiner Äntwortrede, auch er glaube, daß der Separatismus den jüdischen Interessen in Palästina sehr schade. Weder er, noch die Regierung hätten die Absicht, diese Separationsbewegung zu unterstützen. (Es ist schmerzlich, in welcher Weise hier gesetzestreue Juden jedes Gefühl der Solidarität mit ihren für Thora uNd^Mizwoth kämpfenden Brüdern mit Fü-, ßen treten, statt die Gemeinsamkeit des Zieles bei aller Verschiedenheit der Wege zu betonen. Red.) Personalien. Rabbiner Dr. John Cohn 70 Jahre. Breslau, 15. Februar. Es ist in i altjüdischen Kreisen nicht Sitte, Geburtstage zu feiern.' „Pharao hat Geburtstage gefeiertl" heißt eine ostjüdische ^Redensart. Diese Scheu vor Geburtstagefeiern hängt nicht allein mit dem jüdischen Volksglauben, seine Tage nicht zu zählen, zusammen, sondern hat seine tiefere Begründung in dem uralten Bibelworte: Das Geborenwerden, das Leben an sich ist kein,persönliches Verdienst, das gefeiert zu 'werden, als bedeutsame Epoche gewürdigt zu.werden verdient. Nicht die runde Zahl Fünfzig oder /Siebzig geben , dem Lebey des Einzelnen eine höhere Bedeutung, sondern jeder Tag füll dem religiösen Juden bedeutungsvoll selb, ihn vor eine Aufgabe der Pflichtrfeüllung gegen Gott und Nebenmenschen stellen. Nie soll ein jüdischer Mensch von sich sprechen: Mein» Leben ist bisher «in erfülltes gewesen; vielmehr jeder kommende Tag stellt neue Forderungen cri ihn. Erst des Lebens Grenze kündet feine Bollendung. Nur bei zwei Jahresgrenzen hat die allgemeine jüdische Scheu vor dem Geburtstagsfeiern Halt gemacht: vor der Zahl Siebzig und Achtzig, auch gemäß dem bekannten Psalmenwort: Unser Leben währet siebzig Jahre und bei voller Kraft achtzig Jahre. Diese Altersgrenzen enthalten eine solche Zielsetzung aller Lebensenergien, daß sie als Wegscheide, als Probe für das Können und di Leistungen des Menschen, gewertet werden dürfen. So wird es Herr Rabbiner Dr. John Cohn-Breslau trotz seiner wohlbekannten Abneigung vor dem Gefeiertwerden überhaupt wie vor dem Geburtstagfeiern im besonderen uns nicht übelnehmen, daß wir feinen siebzigsten Geburtstag nicht ohne einige Worte der Würdigung und Verehrung feiner Persönlichkeit vorübergehen lassen. Rabbiner John Cohn entstammt einem altjüdischen Rabbinerhause. Seine Jugend verbrachte er in Alto n a, als dieser Ort noch eine der führenden Thorapflanzstätten Deutschlands gewesen und noch Talmudgrößen von Weltruf wie Jakob Ettlinger, Dr. M. Löb, Rabbiner Munk, Rab Jekew Cohn u. a. zu den ihren zählte, zu deren Füßen unser Jubilar noch gesessen hat und deren Rabb. Dr. Sohn Cohn in Bresian. Liebltngsschüler er schon in frühesten Knabensahren gewesen. (Schon mit neun Jahren hat John Cohn in der Altonaer Hauptsynagoge einen halachijchen Vortrag gehalten.) Nach Absolvierung des Gymnasiums (Christianeum) in Altona ging er, im Talmudischen wie im Weltlichen gleich gut vorgebildet, ans funggegründete Berliner Rabbinerseminar, wo er zu den ersten Schülern von Dr. Ezriel Hildesheimer und David Hoffmann und Jakob Barth zählte. Rach Beendigung seiner Studien am Rabbinerseminar und der Universität Berlin, wo er mit einer arabischen Arbeit über Saadja seinen Doktortitel erwarb, kam er in noch jungen Jahren als Rabbiner nach W r e s ch e n , 1894 als Kreisrubbiner nach Ra witsch. In beiden Gemeinden war die Verbundenheit zwischen Rabbiner und Gemeindemitgliedern eine ungewöhnlich innige. Das Schicksal jedes Einzelnen ging ihm so nahe wie Seibsterlebtes, größtes wie kleinstes Erleben seiner Gemeindekinder ging ihm an die eigne Seele, für Heiliges und Alltägliches war er ihr Vater und Berater. So ist es nicht verwunderlich, daß alle Wrefchner und Rawitscher ihrem Rabbiner Cohn bis heute eine rührende Anhänglichkeit bewahren. Infolge der geänderten politischen Verhältnisse verließ er nach einer sechsundzwanzigjährigen segensreichen rabbinischen Tätigkeit Rawitsch und übernahm 1919 als Dajan die Leitung des Kaschruswefens in Breslau. Was Rabbiner Cohn hier in nahezu zehnsährigen unermüdlichen Bemühungen um die mustergültige Ausgestaltung der Kaschrus-Jnstitutionen der Gemeinde' sich an Verdiensten erworben, wie es ihm auf diesem Gebiete gelungen, sich den Zuspruch und das bedingungslose Vertrauen auch derjenigen Gemeindemitglieder' zu sichern, die die strengsten rituellen Forderungen stellen, wie er für das Breslauer Israelitische Krankenhaus den Ruf! absoluter ritueller Zuverlässigkeit neu begründete, wie! er bei aller religiösen Unbestechlichkeit durch seine persönliche entwaffnende Liebenswürdigkeit und kluge Vermittlungskunst alle Widerstände zu beseitigen, alle Gegensätze zu versöhnen verstanden hat — dies alles ist den Eingeweihten wohl bekannt. Auch ist es Rabbiner Cohn privatim-gelungen, einen Kreis von Freunden und lerneifrigen Schülern um. sich zu scharen, die in allen Tages- und Abendzeiten bemüht sind,"von -dem reichen talmudischen Wissen und den allgemein weltlichen Geistesschätzen des Jubilars Nutzen zu ziehen. Doch beschränkte sich die Lebensarbeit des Jubilars nicht auf die Wirksamkeit in den einzelnen Gemeinden. Ihm war auch eine reiche wissenschaftliche Tätigkeit nach außen beschieden. Neben vielen Cinzelarükeln in Zeitschriften und Beiträgen in Festschriften sei als sein Hauptwerk seine Mischna-Uebersetzung genannt (in Zusammenarbeit mit anderen namhaften Gelehrten), oie bei ihrem Erscheinen von fachwissenschaftlicher Seite (jüdischer wie nichtjüdischerseits) als die beste ihrer Art gerühmt wurde und auch in Laienkreisen begeisterte Aufnahme und Verbreitung gefunden hat. Feinsinnige, Sprach-.und Uebersetzungskunst und scharfsinnig wägende Knappheit machen das profunde Werk,, .besonders feiner gelehrten Fußnoten wegen, zu einer Fundgrube für Laien und Gelehrte. Auch wird fein n^onn «12» (eine Einführung in den Sprachschatz des Gebetbuchs) in pädagogischen Fachkreisen hochgeschätzt und ist schon seit Jahren vergriffen. Bekannt ist weiter in Fachkreisen' feine „Geschichte der Juden in Rawitsch" av . ► aio» besser als feinstes Oel ist ein guter Name. Das Bild von Rabbiner Dr. John Cohn wäre unvollständig, wenn wir nicht als Letztes, Höchstes noch ein Wort von seinem guten Namen, von seinem Menschentum sagen würden. Rabbiner Cohn als Mensch ist das Köstlichste, was wir von ihm zu rühmen wissen. Gradsinn, Schlichtheit, die sich ihres Wertes wohl bewußt ist, Herzensfrcmmigkeit, Herzensoptimismus, ein offener kluger Blick fürs Leben, eine kompromißlose Wahrheits- und Wissensliebe, eine alles versöhnende, alles verklärende Liebe zu den Menschen und Dingen bis zum kleinsten Geschöpf, «in wahrer pipw NI'IIN jik anix -aito ht*vi aito amx — dies sind einige der auszeichnenden Eigenschaften von Rabbiner John Cohn, die'ihn zu ein>em echt«n Priester und Jünger aus Aarons Stamme machen. Mögen dem ehrwürdigen Jubilar noch viele Jahre segensreichen Wirkens in der Gemeinde Breslau beschieden sein. Möge ihm vor allem die mar unermüdlicher A k t i v i t ä t, die ihm wie wenigen seines Alters eignet, noch weitere Jahrzehnte erhalten bleiben! Rabbiner Benjamin Millakowsky ^"^7. Königsberg. 14. Februar, nnanva pnaxi *>an - „Wehe um diejenigen, die dahingegangen und nicht wiederkommen." Es ist das Wort, das ein ein jeder in seiner wahren Bedeutung fühlte, als die Trauerkunde unsere Stadt durcheilte Rabbi Benjomin Millakowsky ist nicht mehr. Groß' ist der Verlust, den sein Hinscheiden nicht nur für seinen hiesigen Wirkungskreis, sondern auch für die ganze jüdische bedeutet, denn Rabbi Binjomin Millakowsky war ein Raw alten Stils, der mit einem Thaurowissen ausgerüstet war, wie es heute selten zu finden ist. Als Schüler seiner großen' Lehrer des Gaon 'imw 'an des Leiters der Woloschiner Jeschiwoh und des berühmten Kownver Gaon pnir wurde er als Achtundzwanzigjähriger nach hier berufen, um der russisch-jüdischen Judenheit Königsbergs, in deren Reihen seinerzeit Männer von bedeutendem Talmudwissen standen, ein Führer zu sein. Und dazu befähigt« ihn sein großes n-*ri?a Kann man doch von dem Dahingegangenen ohne Uebertrelbung sagen, er war in ^aa v"v rmai nnai ro pbn "1 ,noT> rrs »uv .crann »niaoin ,*wSwrv* derart bewandert, daß er auf Befragen sofort imstande war, die Stelle mit absoluter Sicherheit nach Das und Omud anzugeben. An ihm bewahrheitete sich das Wort „das Lernen führt zur Tat". Und so war sein ganzes Leben ausgefüllt von wahrer echter Awaudoh, und von Gemilus Chastodim. Sein Haus war im wahren Sinne des Wortes nnni> nva Im herein mit seiner vor etwa zwei Jahren dahrngegangenen Gattin stand er jedermann ohne Ansehen dre Person, besonders aber den armen Kranken, die aus dem nahen Litauen und Rabbiner Benj. Millakowsky Vst. Polen zu uns kamen, um Heilung zu suchen, mit Rat und Tat zur Seite. Die Lewajoh, die am Donnerstag, den 14. d. M. stattfand, gestaltete sich zu einer gewaltigen Trauerkundgebung. Freunde des Verstorbenen hielten die m-ri? und ließen es sich nicht -nehmen, ihren toten Meister nach der nahe gelegenen Alten Synagoge zu tragen; wo seine Bahre vor dem Oraun hakaudesch niedergesetzt wurde. Nach einleitendem Gesang des Herrn Kantor Weinstein ergriff Herr Dr. Lewin im Namen der Gemeinde das Wort und würdigte in längerer Rede die Verdienste des Dahingegangenen um die Gemeinde Königsbergs. Der Redner hob besonders hervor, wie es dem Verewigten gelungen sei, durch Einfühlung in die ihm vorher unbekannten deutschen Verhältnisse auch über den Kreis der russisch-polnischen Gemeinde hinaus segensreich zu wirken. Sodann betrat Herr Rabbiner Peritz die Kanzel, um in zu Herzen gehenden Worten Abschied zu nehmen von dem Verewigten, mit dem ihn treue Freundschaft verband. Anknüpfend an die Worte unserer ^Weisen " vipvn ma t>m!|annn *mv> D’pnx pito nwp schilderte er die ganze Größe des Verlustes, der durch das - Hinscheiden von Rabbiner Millakowsky ä>"n ent» standen, ist. Dann. widmete Semknardozent Dr. W e i n - der g-Berlin dem Verblichenen Worte treuen Gedenkens. Redner hob besonders die überragende Größe des Da-