Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1929)
- Date
- 1929-02-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450555--75753-2533292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8. Nr. 8 Frankreich. Atme Paillere über seine Deutschland-Reise. Paris, 14. Februar. Arme Paillere veröffentlicht im „Univeis Israelite" einen Brief über die Eindrücke, die er auf seiner soeben beendeten Reise durch Westdeutschland empfangen hat: Einige Auszüge daraus mögen das deutsche Publikum interessieren. Paillere schreibt: „Wir lassen uns oft durch Worte narren. Was wir in Frankreich konservatives Judentum nennen, ist nichts anderes als das liberale Judentum in Deutschland: Verschönerung des öffentlichen Gottesdienstes durch Orgeln und Chöre, Unterdrückung einiger Stellen des Rituals, Einführung einiger zusätzlichen Gebete in deutscher Sprache. Die Orthodoxen, welche die traditionellen Riten unversehrt bewahren, und die Liberalen sind in einer und derselben Gemeinde unter einheitlicher Verwaltung vereinigt, was sie zu gewissen gegenseitigen Konzessionen zwingt. Nur einige Gruppen strikter Observanz, wie die der Friedbergeranlage in Frankfurt — eine von S. R. Hirsch gegründete, noch heute sehr zahlreiche und sehr lebenskräftige Gemeinschaft und die Adaß Jisroel in Berlin — sind vollständig unabhängig, in dem sie jede auch nur administrative Verbindung mit Synagogen, die nicht genau den Schulchan Aruch befolgen, von ihnen als unmöglich betrachtet wird," Paillere schildert dann seine Vorlesungen im Frankfurter Hof, in der Westendsynagoge und im Philantropin in Frankfurt und hebt hervor, daß das Deutsch des fremden Besuchers selbst den Kindern niemals auch nur ein Lächeln hervorgerufen habe. Von Frankfurt aus machte Paillere einen Abstecher nach Würz bürg, wo er sich besonders sympathisch von der Wärme der Jugend berührt fand. Er spricht dann von dem „warmen Empfang in dem orthodoxen MMeu der Friedbergeranlage und bei der Vereinigung jüdischer Akademiker." Er habe sich an diesem Abend teilen müssen, da auch di zionistischen Studenten ihn empfangen wollten. Bei diesen sprach man Hebräisch. „Aber was auch die Sprache war, die man anwandte, bei alldiefen Frankfurter Gruppen, die ich nacheinander besuchte, war ich in Israel." Ausführlich berichtet Paillere dann über seine verschiedenen Zusammenkünfte und Vorträge in Berlin, wo er sowohl bei Dr. Baeck als bei Dr. Munk freundschaftlich empfangen wurde. Den letzten Besuch machte Paillere in Alton a. Holland. Die Mazzosnok.in Rußland. A m ste r dam, 15. Februar. Das hiesige Oberrabbinat fordert das jüdische Publikum in der Pcksse zu reichlichen Spenden für die Zwecke der Mazzosversorgung der Juden in Sowjetrußland auf. Wie die Umstände liegen, müßten, wie zuverlässige Vertrauensleute melden, die zweieinhalb Millionen russischer Juden auf Pgsfach ohne Mazzos bleiben, wenn ihnen nicht von außen geholfen wird. Die Gaben werden von der in Holland bestehenden Vereinigung „Israel" gesammelt und ihrer Bestimmung zugeführt. England | Londoner Brief. j Palästina als britisches Dominion. — Sabbalh und Sonntagsruhe. — Ehefcheidungsfragen. — Jewish Agency. London, 14t Februar. Colonel Wedgwood, dessen Buch über „Palästina als siebentes Dominion des englischen' Imperiums" weit über die zionistischen Kreise hinaus starken Anklang gesunden hat, ist jetzt damit beschäftigt, seine Ideen aus der Welt der literarischen Träume in diejenige der politischen Realitäten zu übertragen-. Er hat unter dem Namen „Liga für das siebente Dominion" eine Gesellschaft gegründet, deren Aufgabe es sein soll dafür zu sorgen, daß in Palästina diejenigen Bedingungen geschaffen werden, die den Bewohnern Palästinas die Möglichkeit geben nach dem Ende der Mandatperiode aus Palästina ein autonomes Dominion im Rahmen des britischen Weltreiches zu machen. Dabei soll Palästina als Ganzes das Nationalheim für das jüdische Volk werden, während das Mandat bekanntlich nur ein Nationalheim i n Palästina vorsieht. Die Liga will darüber wachen, daß das britische Parlament die Kontrolle über die palästinensische Verwaltung behält, bis die Majorität, sowohl der Juden als der Araber, Der Israelit 21. Februar 1929 dereinst eine parlamentarische Regierung verlangt. Der Beitritt zur Liga steht allen Freunden der zionistischen Bewegung offen, ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens. Das Unterhaus hat am vorigen Donnerstag in zweiter Lesung eine Novelle zur Gewerbeordnung angenommen, die sich mit der Sonntagsruhe im Frifeurgewerbe beschäftigt, und die unter anderem eine der englischen Tradition entsprechende Sonderbestimmung für sabbattreue Juden enthält. Der wichtigste Teil der betreffenden Bestimmungen lautet: „Unbeschadet der Bestimmungen dieses Gesetzes darf jede Person jüdischer Religion das Geschäft eines Friseurs oder Barbiers am Sonntag betreiben, falls er sein Geschäft a m S a m s ta g n i ch t b e t r e i b t, der lokalen Behörde von seiner Absicht, am Sonntag geöffnet zu halten, Mitteilung macht, und durch einen Anschlag in seinem Laden das Publikum davon verständigt, daß er am Sonntag geöffnet und am Samstag geschlossen hat. Die Bestimmung des Gesetzes, wonach Angestellte in Friseurläden an einem Wochentagsnachmittag nach Y22 Uhr nicht mehr beschäftigt werden dürfen, wird für die am Sabbat geschlossenen Geschäfte auf Freitag gelegt." Es ist zu hoffen, daß die Bill auch in dritter Lesung keinen Widerstand findet. Die Erörterungen über MaßnahmenJ zur Verhinderung von Mißbräuchen auf dem Gebiet? des jüdischen Eherechtes 'gehen in der Presse immer weiter, obgleich man allmählich rnerkt, daß weder der Chiefrabbi, noch das spanisch-portugiesische Rabbinat di« Absicht haben, auf den zwecklosen Plan der Einberufung einer großen rabbinischen Synode, ernzugehen. „Mentor" macht im „Jewish Chvonicle" den praktischen Vorschlag, man solle versuchen, auf dem Wege der Gesetzgebung durchzusetzen, daß die -englischen Gerichte Scheidungsurteile für Juden nur unter dem Vorbehalte des Nachweises der rabbinischen Ehescheidung erlassen. Aus diese Weise könne unter Umständen durch Vermittlung der staatlichen Instanzen in solchen Fällen, in denen das rabbinische Gericht selber den Ehemann als zur Ausstellung des Scheidebriefes für verpflichtet erklärt, ein gewisser Druck auf renitente Ehemänner ausgeübt werden. So schwierig die praktische Ausführung einer solchen Idee auch sein mag, so hat sie doch den Vorzug, sich auf dem Boden der tatsächlichen Rechtslage zu stellen und die Aufmerksamkeit von. radikalen Neformplänen abzulenken, die in Wirklichkeit keine „Reformen sind, sondern Umsturzpläne, die zur völligen Zerreißung der jüdischen Familieneinhelt und -reinheit führen würden. In der nächsten Sitzung des Board of Deputies wird ein Schreiben der zionistischen Organisation zur Vorlage kommen-, worin der Board aufgesordert wird, Vorkehrungen zur Wahl von englischen Nichtziomsten in die Agency zu treffen. L o n d o n,, 19. Februar. Der Board of Deputies hat am Sonntag die Wahl einer zwölfgliedrigen Kommission beschlossen, die den Eintritt nichtzionistischer englischer Juden ch die Jewish Agency vorbereiten und auch mit den nicht zionistischen Juden anderer Länder zu dem gleichen Zwecke in Verbindung treten soll. palüMna. Der Streit um die Felder von Chedera. Jerusalem, 15r Februar. Die Beduinen, di-e sich, vor. einiger Zeit auf den Böden dre jüdischen KÄonisten von Chedera festgesetzt haben, griffen in diesen Tagen abermals die jüdischen Kolonisten, die mit dem Pflügen der Jnfiath-Böden b*- chäftigt waren, an und erklärten, auch diese Böden wären ihr Eigentum. Als der zur Aufrechterhaltung der Ordnung dorthin kommandierte Polizeiposten 'herankam, liefen sich die Beduinen in einen Kampf mit demselben ein. Die Beduinen sind von. den Böden noch nicht ge-' wichen. Gestern ist in Chedera der Direktor der Landespolizei mit Gefolge eingetroffen und hat eine vorläufige Entscheidung des High Commistioners Sir John Chancellor bezüglich der Väbey von Chedera bekannt gegeben, die nicht allein -tratet? dett Kolonisten von Chedera, . sondern, in allen Kreisen des jüdischen Aufbaus in Palästina Betürzung hervorgerufen hat. Ungeachtet dessen, daß die irdischen Kolonisten von Chedera schon seit 49 Jahren im Besitz der Eigentumsdokumente für die von den Beduinen ihnen plötzlich strittig gemachten Böden sind, hat der Oberkommissar entschieden, daß die Angelegenheit dem Gericht vorgelegt werde und daß bis zu dem Zeitpunkte wo das Gerichtsurteil ergangen ist, di>s noch nicht angebauten Böden weiter unbebaut gelassen werden sollen, daß die bis zum Ausbruch des Streites von den jüdischen Kolonisten kultivierten Böden weiter von den Juden bearbeitet werden und die von den Beduinen einstmals in Besitz gehabten Böden auch weiter von den Beduinen benutzt werden sollen. Am Freitag, den 13. Februar, fand eine Beratung von Vertretern sämtlicher jüdischen n-ateort-aften Institutionen in Palästina in dieser Angelegenheit statt. (I. T. A.) Die Presse beim „Waad leumi". Jerusalem, 15. Februar. Der Waad leumi lud die Pressevertreter zu einer Aussprache über Knesses Jisroel ein. Dr. Thon leitet die Versammlung mit einem Referat ein und beantwortete mehrere von den Journalisten gestellten Fragen, zunächst über das Verhältnis der Knesses Jisroel zur Agudas Jisroel. Nach dme Ereignis an der Westmauer sei ein Abkommen zwischen Waad leumi und Agudas Jisroel zwecks eines gemeinsamen Vorgehens zustande gekommen. Darauf seien auch Schritte unternommen worden, eine Verständigung zwischen Knesses Jisrvel und der Aguda herbeizuführen. Die- Forderung der letzteren ging dahin, Waad leumi möge die rechtzeitig angemeldeten Austritte aus Knesses Jisroel anerkennen, wogegen sich Aguda verpflichte, keine öffentliche Agitation gegen Knesses Jisroel zu führen. Demgegenüber beantragte der Waad leumi, daß eine Zweierkommission, von beiden Parteien vertreten-, an jeden einzelnen noch einmal herangehe und je nach der Antwort des Betreffenden von Fall zu Fall entscheide. Die Aguda lehnte diesen Vorschlag ab, erklärte' aber lhre Zustimmung zu einer Dreier kommission (ein Neutraler als dritter), die alle strittigen Fälle zu schlichten hätte. Die Aguda habe aber ihre Zustimmung zurückgenommen*) und der Streit sing von neuem an. Einen großen Raum nahm in der Aussprache die Haltung des Rabbinats ein. Es wurde von Teilnehmern hervorgehoben, daß in dem Rabbinat Männer sitzen, die avs ausgesprochene Gegner der Knesses Jisroel gegen sie wühlen. Auch die beiden Oberrabbiner bringen nicht in genügendem Maße ihre Sympathien zu Knesses Jisroel zum Ausdruck, so' daß dadurch das Mißtrauen gegen die Organisation genährt werde. Es wird verlangt, daß -sie sich nunmehr deutlicher aussprechen. Passivität werde fortan als feindliche Haltung betrachtet werden-. Ferner wurde mitgeteilt, daß die Listen zu Knesses Jisroel ca. 90.000 großjährige Männer (von 18 Jahren hinauf) aufweisen. Ausgetreten sind auf Veranlassung der Agudas Jisroel etwa 10 000 und 2000 auf Bemühung der Orthodoxie außerhalb der Aguda. Nach dem Staatsgesetz gelten aber nur d i e Austritte, die innerhalb .eines Monats nach Bekanntgabe - der großjährigen Mitglieder angemeldet wurden.; (Es wird aus der Versammikung dem Waad leumi der Vorwurf gemacht, daß die Handhabung des Gesetzes und der Gemeindebildung schwebe, technische Mängel aufweise. Die Bekanntmachungen seien unklar und dazu angetan, -allerlei dunklen Gerüchten Nahrung zu bieten, besonders über'Mzugröße Besteuerung. Vom Waad leumi wird dem entgegengehalten-, daß das Budget, wie alle Steuervoranschläge der Genehmigung des -Oberkommissars unterliegen, so daß hier Geheimtuerei oder ungerechte Behandlung, selbst wenn:sie beabsichtigt wären, gar nicht durchgeführt werden könnten. Zuletzt wurde die Frage gestellt, ob nicht mit einer Gesetzesbestimmung der 'Knesses Jisroel mehr Autorität uerlieh-en werden könnte, so daß die ewigen Drohungen: „Wir treten aus!" einmal für allemal aufhörten. Darauf weiß der Vorsitzende zu erwidern: Zunächst sej eine Geietzesänderung undenkbar. Erst dann, wenn die Knesses Jisroel eine entscheidende Majorität in sich einschließt und eine unbedeutende Minorität -ihr -fern bleibt,- kann eine olch« gesetzliche Bekräftigung mit Sicherheit erwartet - werden. Vorerst stehe die Sache so, daß' alljährlich im Monat Nissan die Liste der heranreifenden - Mitglieder k: )Weil der Waad leumi nur die Austrittserklärunaen »5s. Asuda anerkennen wollte, nicht aber diejenigen der „2ldas Israel", mit der sich di? Aguda solidarisch erklärt hatte. Red.