Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1929)
- Date
- 1929-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 8 D e r Israeli t 21. Februar 1929 Darüber hinaus ist jedoch folgendes festzustellen: Die Zeugenvernehmungen,, die das Jaffaer Rabbinat vorgenommen hat, bezog'en sich gar nicht auf die Schechita selber, sondern auf die Handhabung des Kaschrus in den Metzgereibetrieben. Ursprünglich sollte, wie uns mitgeteilt wird, diese Feststellung und Unterscheidung auch . in der Entscheidung des Jaffaer Rabbinats deutlich zum Ausdruck kommen. Die politischen Scharfmacher aber, denen das Ganze nur ein Mittel zum Zwecke der Vernichtung der Schechita des Makvwer Raws und der Stärkung der Autorität des Jaffaer Rabbinats war, wußten durchzusetzen, daß diese wesentliche Unterscheidung wegblieb. ' - Die zweite „Unregelmäßigkeit" ist die von uns bereits vor Wochen mitgeteilte Veröffentlichung eines Aufrufs, in der angeblich Rabbi Chajim Sonnenfeld nicht allein wie früher die Schechita des Makower Raws deckt, sondern trotz der stattgehabten Zeugenvernehmungen! schlechtweg zum Genuß des Fleisches, wie es in den Metzgerläden seilgeboten wird, auffordert. Diesen Aufruf hat Rabbi Chajim Sonnenfeld nie erlassen, er ist ein unautorisiertes Machwerk, von der Makower Seite fabriziert — ebenfalls zu politischen. Zwecken. . Wir sind weit davon entfernt, alles verteidigen und rechtfertigen zu wollen, was von einzelnen Fanatikern oder auch von Gruppen von Fanatikern im Lager der Orthodoxie irgendwo in der Welt geschieht. Sittliche Grenzüberschreitungen liegen auch dem echten immer nahe und sie zu vermeiden gehört zu den schwersten Prüfungen für die von der Absolutheit ihres Ideals Durchdrungenen. Aber eine Persönlichkeit wie Rabbi Chajim Sonnenfeld in so schamloser Weise zu verleumden, wie es jetzt von misrachistischer Seite geschieht, übersteigt doch die Grenzen des entschuldbaren Parteihasses. Diese Grenzen werden auch überschritten, wenn der Einsender der „Jüdischen Rundschau" es wagt, das Auftreten der „Agudas Jisrvel" vor dem Völkerbund, auf das diese für alle Zeiten stolz sein darf, ja, ihren erfolgreichen Kampf für die Freiheit der Gewissen in Erez Jisroel überhaupt mit dem Verrate des heiligen Landes an die Römer in Zusammenhang zu bringen. Wir bemitleiden die kleinen Geisterdie ihre Parteisuppen an dem Feuer einer solchen Haßpropastanda kochen zwmüssen glauben und sprechendem Leiter des' „'Jüdischen Wochenblattes" unsere Anerkennung dafür aus, daß er sein Blatt dieser Sorte von „Einheitspolitikern" nicht dienstbar machen will. 2. sind selbst bei völliger Gleichheit der Probgleich wird auch in unsern Schiurimplänen auf leme, sowohl die Denk-Methodiken zu verschiedeweltanschauliche Verbreiterung, insbesondere auf nen Zeiten völlig verschieden (etwa: scholastische,, intensive T' n a ch lektüre und Heraushebung Der intuitive, empirische), als auch die Sprachbegrifse dort enthaltenen Lebensformen, zu dringen sein, einer Wandlung unterworfen (man denke etwa Diese Umorientierung wäre aber unvollkommen, Zeikprobleme, Jugenderziehung und Oeffenklichkeik. Von D.r. Ärnot'o WerzbaH in Ararrksurt a. M. II. F o r in e n. Der „Israelit" hält die Gegenwartsfragen für die immer wiederkehrenden Fragen aller Zeiten und Generationen und verweist deshalb zur Lösung unseres Erziehungsproblemes auf die Schriften unserer Vergangenheit, wo alles menschliche und auch jugendliche Ringen schon längst seine zufriedenstellenden Lösungen gefunden . . . Wozu also unser Lärm? Setzen wir ruhig voraus, die Probleme der Gegenwart seien Probleme aller Generationen, und es genüge die Rückschau zur Klärung der Gegenwart, dann wären noch immer folgende Einwänöe zu machen: 1. könnten die Ansatz-Punkte, wo diese Probleme ins Leben eingreifen und Lebensfragen erzeugen, zu verschiedenen Zeiten völlig verschiedene sein. Früher war es etwa die Bibelkritik, die Verwirrung erzeugte, heute ist es das Problem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, und beides gehört doch in das große Gebiet Glauben und Wissen! an die Begriffsverschiebungen des Wortes Tal mud-Taurah im Derech-Erez!), so daß die Anwendung älterer Erfahrungen auf die Gegenwart Schwierigkeiten des begrifflichen Erfassens und Einlebens bieten; hierdurch werden die Fehlerquellen und die Möglichkeiten des Dagegenfragens viel zu groß, als daß man diesen Weg der historischen Gegebenheit als den, erzieherisch allein einzuschlagenden bezeichnen könnte. Einfach und sicher soll der Weg, den der Erzieher anwendet, sein! Das na ra nn isn ist als Erziehungsgrundsatz ungeeignet. 3. aber ist der Weg des „Israelit" nur dann als einziger möglich, wenn, sich die geeigneten Menschen, die jugendnahen Lehrer finden, die das Problem im Anschluß ans Buch plastisch und packend zu verlebendigen wissen. Daran hapert es aber gerade. , 4. macht der „Israelit" für seine These die Voraussetzung, daß es sich um eine „in jüdischer Lebensanschauung bekräftigte Jugend" handelt. Das Problem ist doch aber gerade, daß die heutige Jugend, selbst wenn sie „in jüdischer Lebensanschauung gekräftigt" ist, sich oft doch nicht in den Tagesfragen zurecht findet, ja, sogar angesichts ihrer Entscheidungen, die ihr im Lehrhaus unpersönlich dargebrachten Ansichten als beziehungslos zum Leben, empfindet. Dürfen wir uns in solchen Stunden auf die Ausstrahlung einstiger Lehrhaus-Keduschv verlassen? Es soll natürlich nicht verkannt werden, daß das Lernmilieu, insbesondere eine Jeschiwoh, eine Erleichterung der jugendlichen Lebensfragen durch die dort erfolgende Umstellung und Niveauhebung innerhalb der Gesamtpersönlichkeit zur Folge haben kann; aber es bleibt doch die Fratze, ob nicht auch hier die Methodik im Sinne einer Erfassung des Gesamtlebens, einer weltanschaulichen Verbreiterung, eine.r Verjagendlichung umzugestalten, ist: Jeschiwo als systematische Jugendbildungsstätte. Und 5. endlich muß berücksichtigt werden, daß in der heutigen Zeit der Versachlichung eine jede Idee, und erst recht eine erzieherische Besprechung, sofort an Wirkungsmöglichkeit verliert, sobald sie in ein Gewand eingekleidet wird,: das als. widersprechend dem Sinn der Zeit empfunden wird. Alles Predigerhaste also, alle Verbrämung mit D'rofchaus, mag all das noch so ehrlich gemeint sein, gilt bei der Jugend von vornherein als tendenziös und unsachlich, sogar als innerlich unwahr, weil dadurch der wahre Kern verhüllt wird. Und gleichwie die Künste, das Bauen, die Verkehrssitten ihre frühere schwülstige Aufmachung abgeworfen haben, die geraden Linien mehr Herausstellen, und wie dort jetzt das Material selber leuchtet, — so muß auch die Religion, will sie nicht ihre Wirkung auf die Jugend verlieren, ,auch ihrerseits auf den sie heute belastenden Stil von gestern verzichten. Sie muß i h r Material und ihre geraden Linien zeigen; sie muß aber nicht nur ihren Wahrheitsgehalt, sondern auch ihren iWirk-lichkeitscharakter erweisen. Die kluge katholische Kirche scheint dies erkannt zu haben, denn es ist sicher kein Zufall, wenn sie ruhig zusieht, wie ihre jungen Kaplane von Stadt zu Stadt durch die Vortragssäle ziehen, vor aller Oeffent-- lichkeit in Für und Wider die Probleme der Zeit aufzeigen und so ihre sittlichen Gedanken den Höheren tiefer einbrennen, als es Predigten in Kirchen vermögen. Aus alledem ergeben sich auch für uns erzieherische Forderungen.. Für die Jugend, die sich zu Aussprachen herbeiläßt, müssen wir, sei es im Anschluß an Schiurim, sei es in zu bildenden Berufsgemeinschaften, innerhalb von Altersgruppen und Arbeitszirkeln, sei es auch in einer geeigneten Oeffentlichkeit, immer und immer wieder w e l t a n f ch a u l i ch e Diskussionen veranstalten, in denen wir sachlich, aber warmherzig die Zeitprobleme und Lebensfragen wenn nicht auch der Jugendliche, der schüchtern ist oder Sonderfrägen zu haben glaubt, m öffentlich eingerichteten und allgemein zugänglichen orthodoxen Ingen d berat un g sst e lle n Gelegenheit fände, sich auszusprechen und. Klarheit zu finden. Wenn es nun aber noch zutrifft, was wir im Gegensatz zum „Israelit" glauben,, daß vielt Fragen und Situationen der Gegenwart sich nicht einfach auf frühere Probleme Zurückführen lassen,, sondern neue Konstellationen in der rechtlichen,, wirtschaftlichen, soziologischen, geistigen Sphäre darstellen, so gelten unsere Einwände und Forderungen in erhöhtem Maße: es darf die Gesamtheit weder den einzelnen Jugendlichen seinen Erziehern noch den einzelnen Erzieher seinen Zöglingen, noch beide einfach den Folianten überlassen; sie muß die Zufallsentscheidung der Einzelerziehung in Systematik der Gemeinschaftserziehung verwandeln und sie muß das Erziehungsziel der Gegenwart in seinen Einzelheiten schärfer und allgemeinverbindlicher herausarbeiten; sie muh also kontrollieren und aufbauen. Dazu ist noch zweierlei nötig: ein Appell an die schweigenden Führer der Zeit, daß sie gemeinsam mit. den Männern der Praxis über die Zeitfragen zu Rate sitzen und daraus die Erziehungsforderungen formulieren, — und die Auswahl von Gemeinschaftserziehern mit weitgehenden kollektiven Aufträgen. (Hier halten wir wieder an dem entscheidenden Punkte: wo sind die Menschen?) III. Menschen und Milieu. Der „Israelit" hält aber auch weiterhin erzieherische Besprechungen" von Mund zu Mund, , von Mannzu Mann, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter" für völlig ausreichend. So sehr wir die Berücksichtigung der individuellen Gegebenheiten in der Erziehung stets befürwortet haben, so wenig glauben wir heute, daß'diese Methode, in der Einzelerziehung allein angewandt, heute zu einer der Gesamtheit oder auch pur diesem Einzelnen selber dienlichen Lösung führen kann. Wenn man etwa daran denkt, wie ungeheuer groß bei alleiniger Erziehung durch die Eltern, und ganz besonders noch bei jüdischer Jugend, die Gefahr der zu starken Bindung an die Eltern mit ihrer Folge der Verzärtelung und dann' der Selbstsucht, Unselbständigkeit und Gemeinschaftsuntüchtigkeit ist, so wird es schon aus diesen positiv e n Gründen allein ein ehrlicher Berater garnicht wagen dürfen, die Erziehung allein nur auf die Hände dieser .natürlichen Erzieher zu stellen. Hauptsächlich aber sind es negative Momente, welche — b'K Einstellung aus die personale n .Träger der Erziehung —'die Einzel-' erziehung als ergänzungsbedürftig erkennen lassen, und somit verlangen, daß die Oeffentlichkeit sich im weitesten Maße auch mit dieser Einzelerziehung beschäftigt. Sprachen wir früher von dem Risiko und der Unkor.trollierbarkeit der pädagogischen Lösung in der Einzelerziehung, so haben wir jetzt auf das Risiko und die Uttkontrollierbarkeit der personalen Bindung in der Einzelerziehung Hinzuwersen. Wer weiß denn überhaupt, wer der Mund ist, von dem die heutige' Jugend ihre Belehrung empfängt oder . . . sich selber holt? Kennt man schon kaum die Strukturder Elternpersönlichkeiten, so kennt man noch viel weniger die. Genossen und „Freunde" der- Jugend, die sie absichtlich oder unabsichtlich beeinflussen. Das imponierendste Faktum in der heutigen Zeit aber,-das die Einzelerziehung von vornherein aufs äußerste erschwert, ist der Mangel der Bindungen zwischen Jugendlichen und Erziehern. Es muß einmal offen ausgesprochen werden, selbst unter der Gefahr, es könnten dader Jugend zu besprechen, zu lösen, oder doch durch einzelne selbstbewußte Jugendliche aeaen wenigstens zu relativieren versuchen werden; zu-,ihre Erzieher aufgehetzt werden, daß die heutige