Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-02-07 · Heft 6 (7.2.1929) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 6 (7.2.1929)
Date
1929-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450553--75715-2533252
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Nr. 6 -Der Israel i t ,7. Februar 1929 Reichsverband geschritten. Es stehen 45 gegen 45 . Summen-- bei:? 7 Stimmenthaltungen. Geschloffen gegen den Entwurf stimmten Jüdische Volkspar tei, PD.ale Zion, Mittelpartei und einzelne Liberale.und Konservative. Der Entwurf ist d a m i t a b g.e l,eh n t, was von der Volkspartei mit lebhaftem Äeffall.begrüßt wird. Zum Schlüsse .wird noch die A n l e i h e v o r lage angenommen. " Bulgarien. Das bulgarisch-jüdische Konsistorium gegen die Ritualmord-Propaganda. Sofia, 27. Januar. Das Konsistorium -der jüdischen Gemeinden Bulgariens ersuchte das Kultusministerium, der von der antisemitischen „Rodna Zachtita" im Zusammenhang mit einem in Hascova.vorgekommenen Ritualmord-Tumult eingeleiteten anrijüdischen Hetze autoritativ entgegenzutreten und Schritte zu ergreifen, die geeignet wären, den Massen die Absurdität ähnlichen Legenden ein für allemal darzutun. — In .Nascova entstand ein Ritualmord- Tumult dadurch, .daß eine christliche Frau die Behauptung aufstellte, eine jüdische Frau hätte ihr Schokolade in den Mund gestopft, um sie wehrlos zu machen und ihren Körper den Juden zu Nitualinordzwecken auszuiiefern. Polen. Rabbmerkonferenz in Lodz. Lodz, 3. Februar. Auf Initiative der -Lodzer Kehilaverwaltung fand im Gemeindehaus eine Konferenz von Rabbinern aus Lodz und Umgebung statt, um über die Besserung des Kafchrus in Lodz zu beraten. Einen großen Teil der Verhandlungen nahm die Frage der Mazzobäckereien ein. Es sollen Maßnahmen getroffen werden, daß nur Mazzoth unter rabbinischer Aufsicht in den Handel gebracht werden. Andere Fragen wurden beraten und wichtige Beschlüsse wurden gefaßt. Grünebaum gegen die Ehedarim. Warschau, 3. Februar. In der Budgetkommission des Sejm protestierte Grünbaum zunächst gegen die ungenügenden Summen, die für jüdische Zwecke im Budget ausgeworfen werden. Er verlangte größere Subventionen für die jüdischen Schulen. Von den Staatssteuern, die die Juden in erhöhtem Maße zahlen, werden alle Religionen ausgehalten, mit Ausnahme der jüdischen. Die 100.000 Zloty, die man der Regierung mit Müh und Not für die jüdische Religion abgezwungen hat, stehen in gar keinem Verhältnis zu den jüdischen Lasten. — Ein Deputierter der Sozialisten erklärt, er würde sich den Vorschlägen Grünbaums anfchließen, wenn ihm die Versicherung gegeben, werde, daß die bewilligten Gelder nur den weltlichen Schulen und n i ch t d e n C h e d a r i m zugute kommen. Auf die Frage des Präsidenten an Grünbaum, wie er sich dazu stelle, gab dieser zurück, er verlange angemessene Subvention für alle Schulen, deren Unterrichtssprache Hebräisch oder Jiddisch fei, unabhängig von Programm und Richtung. Die Chedarim kommen aber dabei g ar ni ch t in Betracht, da sie keine modernen Schulen sind. Trotzdem er so das Cheder opferte, wurde der Vorschlag Grünbaums zum Schuletat wie all feine anderen Vorschläge, für die nur-di« nationalen Minderheiten stimmten, mit großer Stimmenmehrheit a b gelehnt. In dritter Lesung wurde dann am Samstag das Budget ohne Berücksichtigung der Grünbaumschen Anregungen angenommen. Rumänien. Stühe für die hungergebiete in Reharabien. K i s ch i n e w, 28. Januar. Der Bevollmächtigte von Joint in Rumänien, Herr Milstein, hat in den letzten Tagen die Hungergebiete Beßarabiens besucht und dabei mit einigen lokalen Komitees vom Roten Kreuz «inc Verbindung zwecks gemeinsamen Vorgehens zur Linderung der Rot hergestellt. Das Rote Kreuz übernahm die Versorgung der Kantinen mit Lebensmitteln, Joint wird jeder Ortskantine monatlich 25 000 Lei zuweisen. Die Zuwendungen vom Joint für die Hungergebiete betragen monatlich 232.000 Lei. Herr Milstein stellte fest, daß 30 bis 40 Prozent der Kinder aus Mangel an Kleidung und Schuhwerk d>je Schule nicht besuchen können. "Joint hat'darum'332.000 Lei für Kinderbekleidung bestimmt. 'x Iugoslnvien. Die Juden unter dem jugoslavischen Diktatur- Regime. B e l g r a d, 27. Januar. Die Presse stellt fest, daß König Alexander den Juden starke Sympathien entgegenbringt und daß die Juden gleich den anderen Minderheiten in Zugöslavien! gegen das Diktatur-Regime keine Einwendungen erhoben haben. Mehrere jüdische Gemeinden hätten sogar den König zu seinen vermehrten Aufgaben beglückwünscht, der König habe allen diesen Gemeinden aus telegraphischem Wege den Dank ausgesprochen. Mit dem Oberrabbiner A l c a l a y hege der König nach wie vor freundschaftlichen Verkehr, der Oberrabbiner ist ein häufiger Besucher bei Hofe. Ein neues Iudengeseh in Jugoslawien. Belgrad, 27. Januar. Unter den Gesetzen, welche die neue jugoslawische Regierung demnächst verlautbaren wird, befindet sich auch das Gesetz über die jüdische Konfession. Am 19. Januar übergaben die Vertreter der Judenheit dem Kultusminister, Dr. T. Alaupovic, einen vom jüdischen Standpunkte bearbeiteten Gesetzentwurf über die jüdische Konfession. Das neue Gesetz soll die jüdisch-konfessionellen Angelegenheiten, die jetzt in den einzelnen Landestellen nach verschiedenartigen Gesetzen behandelt werden, einheitlich regeln. Der Kultusminister erklärte, er werde sich bemühen, den von jüdischer Seite vorgeschlagenen Gesetzentwurf mit dem von einer Regierungskommission ausgearbeiteten in Einklang zu bringen. Frankreich. kafchruswefen in Paris. Paris, 3. Februar. Mit der starken ostjüdischen Einwanderung nimmt das Kafchruswefen in Paris einen früher ungeahnten Aufschwung. Das Konsistorium beschäftigte sich in einer eigenen Sitzung mit der Frage der Aufsicht in den jüdischen Hotels und Restaurants. Es wurde beschlossen, keinem Restaurant die Bezeichnung Koscher zu verleihen, das nicht vom Konsistorium durch einen Schomer auf Einhaltung der Kaschrusvorschriften und des Sabbats beaufsichtigt wird. Dagegen bestreiten in einer Versammlung die Restaurateure, daß den Rabbinern bezw. dem Konsistorium das Recht zustehe, einem Restaurant den Kofchercharakter abzuerkennen. Die Rechtsvertreter sind der Meinung, die Sache gehe nicht so einfach, da die Bezeichnung „Koscher" nicht patentiert sei. Andere Restaurateure erklären, daß der strenge Koscherbetrieb eine ganze Umwälzung erfordere, die eine Verteuerung der Preise nach sich ziehen müßte. Man darf hoffen, daß das Konsistorium in diesem Kampfe stark bleibt, denn die Zustände sind längst reif für eine Besserung. Amerika. Das Kolonisationsabkommen zwischen dem amerikanischen Agro-Ioint und der Sowjetregierung. Newyork, 18. Januar. Louis M a r f h a l l, der Präsident des American Jewish Committee, in dessen Büro am 16. Januar der Vertrag zwischen der von den amerikanisch-jüdischen Führern gebildeten Gesellschaft für jüdische Landansiedlüng in Rußland (American Society for Jewish Farm Settlements in Russia, Jnc.) und den Vertretern der Regierung der Sowjetunion unterzeichnet worden war, erklärte nach der Unterzeichnung des Dokuments, daß bei Durchführung dieses Vertrages zu den schon bis jetzt angesiedelten 125.000 Juden sich die gleiche Zahl jüdischer Bauern innerhalb der nächsten zehn Jahre gesellen wird. Auf diese Weise werden wiederum viele Tausende jüdische Familien aus einem Zustand beschämender Not in den Ehrenzustand der Selbsterhaltung auf eigenem Boden versetzt werden. Das Joint Distribution Com- Mittee hat seit 1914 ungefähr achtzig Millionen Dollar ür die Rettung der Juden Europas und Palästinas von den schlimmen Begleiterscheinungen und Folgen des Weltkrieges ausgegeben. Bei der ln Rußland geleisteten Arbeit tat die Sowjetregierung mit und leistete nicht nur einen gleich großen Teil der Ausgaben wie Joint, sondern sie stellte auch den nötigen Boden zur Verfügung und gewährte den jüdischen Neusiedlern gleich wie den Siedlern anderer Nationalitäten Privilegien und Erleichterungen. - Herr Saul G. Bron, der Leiter der russischen" Handelsvertretung in Amerika, der die Unterzeichnung im Namen der Sowjetregierung vornahm, sprachim Namen von Komzet den Herren von Agro-Ioint den Dank für die in Rußland geleistete Aufbauarbeit aus und sagte, Joint habe zehntausende verelendete jüdisch« Familien zu Bauern herangebildet. Soeben habe Pe Sowjetregierung in der Krim Siedlungsland für weitere 15 000 jüdische Familien zur Verfügung gestellt. Sobald die auf Grund des Vertrages in Aussicht genommene Arbeit in Gang sein wird, werde die Sowjetregierung weitere große Vodenflächen gewähren. (JTÄ.) Palästina. Die Agudaaudienz beim Oberkommissar und der »Doar Hajom". Jerusalem, 1. Februar. Die von uns mitgeteilte Audienz der Agudadelegation beim neuen Oberkommissar bringt den „Doar Hajom", der bekanntlich seinen Besitzer und damit seinen Charakter gewechselt hat, ganz aus dem Häuschen. Das Blatt fordert zum unversöhnlichen Kampf gegen den Rechtsradikalismus auf. „Aber," trauert Jabotinsky, dessen revisionistischen Geist das Blatt jetzt atmet, „die zronistische Leitung verhandelt mit der Aguda, eine Absurdität, wie sie nur bei der offiziellen zionistischen Leitung von heute denkbar ist." Diese Leitung, die es auf der einen Seite fertig bringe, die liberalen Afstmilanten in die Jewish Agency hineinzusetzett, sie mache sich natürlich auch kein Gewissen daraus, mit den orthodoxen Feinden des Zionismus zu paktieren. Mit einem Worte, auf der ganzen Linie eine Verfälschung der zionistischen Prinzipien. Wie, fragt das Blatt entsetzt, wird der neue und neueste Jischuw aussehen, der von einer zum guten Teil nichtzionistischen Jewish Agency und von der Frankfurter Orthodoxie versorgt wird? So sieht heute das revisionistisch umgetaufte führende Blatt in Palästina aus. Nationalismus um jeden Preis, Nationalismus bis zum Chauvinismus und mag darüber die Sache und das Nationalheim selbst zu Grunde gehen. Personalien. Rabbi Eliefer kah Eine Patriarchengestalt der Preßburger jüdischen Gemeinde ist Mittwoch, den 12. Schwat aus dem irdischen Leben geschieden. Rabbi Elieser Katz, der seit Generationen von der gesamten jüdischen Bevölkerung wie ein Heiliger verehrt wurde, weil er einem Heiligen gleich in Reinheit und Frömmigkeit der Thora, dem Judentum und der Menschenliebe gelebt und gedient hat, wurde, im Greisenalter von 85 Jahren ins Jenseits abberufen Esgibt in der Preßburger Judenschaft sicherlich nicht einen Menschen, der nicht von der tiefsten Ehrfurcht vor diesem wahren Zaddik erfüllt wäre. Alles, was im jüdischen Schrifttum in menschlichen Eigenschaften als edel und gottgefällig gilt, war in der Perfon Rabbi Elieser Katz' zur abgerundeten Einheit zusammengeschmolzen. Grenzenlose Liebe zur Thora und Opferbereitschaft für sie, rastloses Forschen in der Thora und restlose Hingabe an sie, vorbehaltlose Unterordnung unter das Diktat der Thora und uneingeschränkte Lebensbetätigung in ihrem Geiste, Pflichttreue im Amte, kindliche Sanftmut und demütige Bescheidenheit im Verkehr mit Menschen, gelenkt von minutiöser Ehrlichkeit, peinlichster Gewissenhaftigkeit und strenger Wahrhaftigkeit gegen sich selber waren die Grundzüge seines vornehmen, Charakters. Güte und Milde beherrschten sein Wollen und leiteten sein Urteil über Dinge und Menschen, aber er blieb gerade und fest, so oft es galt, für Rechtschaffenheit 'und Thoratreue im öffentlichen Leben eine Lanze zu brechen. Er gehörte zeitlebens zu den Talmide Chachomim, die ' sich immer im Hintergründe halten, wenn die Thora Achtung genießt, aber er trat furchtlos. hervor, wenn die öffentlichen Verhältnisse es erforderten, der Menge. Respekt vor dre Thora zu gebieten. Er beugte sein Haupt vor einem Kinde, das sich „mit der Thora beschäftigte",, und wandte ihm selbstlos und treu seine ganze Liebe zu, er war jedoch unerbittlich und unbeugsam, wo er Abkehr von der jüdischen Tradition wahrnahm. Jüdische Midos und jüdische Moral gingen ihm über alles, sie , pflegte er, sie.lehrte er überall und zu jeder Zeit. Selbst in der nichtjüdischen Bevölkerung war dieser zurückgezogen lebende Greis als Sinnbild vollkommener Güte und Rechtschaffenheit allbekannt und allverehrt. Noch, jetzt spricht man davon, mit welcher Selbstverständlichkeit dieser materiell unbemittelte Mann nach der Feüersbrunst im Jahre 1913 von den reichlich vorhandenen Hilfsgeldern auch, nur einen Heller mehr anzunehmen sich weigerte, als sein tatsächlicher Schadenbetrug. - Währenddes Krieges ging er von Laden zu Laden und forderte-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.