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Der Israelit · 1929-02-07 · Heft 6 (7.2.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 6 (7.2.1929)
Date
1929-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 6 Der Israelit 7. Februar 1929 Mühe während unseres Lebens errungen haben, auf unsere Nachkommen vererben, oder daß wir durch eine veredelnde Beeinflussung der gleichzeitig mit uns lebenden Generation zukünftige Geschlechter ohne weiteres verbessern können, so wenig hält er der wissenschaftlichen Kritik stand. Nur das einzelne Individuum wird durch die Erziehung stark beeinflußt, nicht aber die erbliche Veranlagung seiner Nachkommenschaft und das Maß seiner Erziehbarkeit ist durch die Erbanlagen-Mitgift bestimmt." (Dr. Leven: Erblichkeitslehre und Ausleseprinzix). Hieraus folgt: das Einzelmdividuum ist und bleibt auf das Sittengesetz angewiesen. Die sittliche Persönlichkeit ist ihm höchste Aufgabe, und sie muß von jeder Generation aufs neue erstrebt und errungen, werden. Nur durch sein Beispiel und seine Lehre kann der Mensch auch indirekt in diesem Punkte auf die Nachfahren einwirken. 2. „Jede Art von Lebewesen ist an ihre Lebensbedingungen seit ungezählten Generationen angepaßt; und diese Anpassung liegt natürlich in der Erbmasse begründet. Wenn die Erbmasse nun durch irgendwelche physikalischen oder chemischen Einflüsse eine Aenderung erfährt, so wird das natürlich in der Regel die Anpassung beeinträchtigen. Grundsätzlich wichtig ist dabei, daß diese Erbänderungen in der Regel nicht den Charakter von Anpassungen tragen, sondern im Gegenteil eine verminderte Lebenstüchtigkeit bedingen." (Dr. Lenz: Ueber die biologischen Grundlagen der Erziehung). Die Wirkung der natürlichen Auslese ist also in der Regel negativ. Um ihr zu begegnen, bedarf es besonderer Maßnahmen, die vor allem eine Entartung, eben das negative Moment, verhindern. Damit gewinnen die obenerwähnten Zeremonialgesetze eine neue .Bedeutung. Im Lichte dieser Erkenntnis lassen sich für die Ehevorschriften uvb Eheverbote einerseits, und die Speisegesetze andererseits starke Motivierungen aufzeigen, denn nur mit Hilfe dieser Faktoren kann auf die Erbmasse chemisch-physikalisch eingewirkt werden. Es wäre allzu genügsam, sich mit dem Ergebnis zu bescheiden, daß Religionsgesetz und naturwissenschaftliche Forschung übereinstimmen. Es eröffnen sich hier viel weitere Perspektiven. Was Gesetzgeber und Denker aller Zeiten von Lykurg bis Nietzsche unablässig bewegt und beschäftigt hat, die Veredelung und Hinaufzüchtung des Menschen, scheint hier gelöst und wie alles Große und Wahre auf die einfachste und selbstverständlichste Weise. Für die Gemeinschaft, sowie für den Einzelnen ergeben sich die weitgehendsten Konsequenzen. Im Rahmen dieser Ausführung kann, dies alles nur artgedeutet werden, richten und erfreute sich der Freundschaft des Gouverneurs. Dort kam er mit einem katholischen Geistlichen zusummen, der des öfteren mit ihm religiöse Diskussionen führte. „Die Juden," sagte der Geistliche, „dienen heute noch dem goldenen Kalbe. Für Geld'würden sie allesamt ihren Glauben verkaufen, auch den Sabbat hergeben." „Verzeiht, Hochwürden," sagte Mapu, „ich stehe den Juden näher und kenne sie besser. Ich wette, daß kein Jude in Kowno des Geldes wegen den Sabbat zu entweihen fähig wäre." „Dann wetten wir und lassen es auf die Probe ankommen," meinte Hochwürden. Am nächsten Sabbat mittags um zwei Uhr, es war ein klarer Winternachmittag, sah man zwei würdige Männer die Schloßstraße hinausgehen. Die Straße wimmelte von Juden, Knaben und Mädchen, die nach dem Sabbatefsen sich in der Wintersonne ergingen und herumtummelten. Die Kinder ließen sich aber in ihrem Spielen nicht stören. Bald trat der katholische Geistliche in die Mitte der Jungen, nahm mehrere Silbermünzen aus der Tasche und warf sie in den Schnee. Die Kinder sahen verwundert nach den blinkenden Münzen. Die Gier regte sich in ihnen, aber keines wagte es, eine Münze aufzuheben. Zwei vorwitzige Burschen versuchlen, einige Münzen mit den Füßen in den Schnee zu verscharren, um sie nach Sabbatausgang zu holen. Aber sie wurden von den anderen angefallen und daran verhindert. So blieben die verwaisten Münzen im Schnee liegen. Mapu hatte die Wette gewonnen. aber ich besorge nicht, daß das Problem, einmal angeschnitten, sobald wiedex zur Ruhe kommt. Ich hoffe gerne, daß berufenere Federn sich der Sache annehnken werden und daß dem Hermann Cohenschen Werke: „Die Religion der Vernunft" in nicht allzuferner Zeit „Die Religion/ des Bios" von einem begnadeten Denker'gegenübergestellt wird. Dr. David Spiegel Vs*- Von Oberrabbiner Dr. Carlebach in Altona. i^ain nspi nxp mnr6» iao ivvi ^aan wv'v' rn unn onm in^iy by spp san iavi im nitnV •rmnn nVaa Dna nnm ('a rra p"in) ’pn p'ix vrn i'i>n rraa nvvi vv mais? aan Aus altem Stamm kam 'er von Babel herauf, Begleitet vom Buch der Kämpfe Gottes, Trauer und Weh packt uns doppelt stark, - Daß wir das Unglück und den Bruch Sinears sehn müssen. Gott zürnte über seine Welt und entriß ihr Seelen und freute sich ihrer wie einer Braut, Der Weltenlenker freut sich jubelnd. Da zu ihnen kommt die fromme, reine Seele. Mit diesen Worten des alten Träuerredners begleiten wir den plötzlichen, tief erschütternden Heimgang des Rabbiners Dr. Dav.. Spiegel k"xt Und wenn in Kürze auch schon die Nachricht seines Todes in diesen Blättern bekannt gegeben worden, so hat der edle Mann es doch ver-- dient, daß feiner ausführlicher gedacht wird und die wehmütige Erinnerung an seinem Charakterbilde immer neu sich erhebt und aufrichtet. Aus altem Geschlechts von Talmide Chachamim, aus Ungarn, dem Babel gleichen Talmudlande, stammend, ist er zu uns gekommen und brachte mit sich das wahre Buch vom Gotteskampfe, die Thora. Einer der ersten Jünger der Frankfurter Jeschiwa, als Salomon Breuer i’-sr sie gegründet hatte, war er von Preßburg, aus der Schule der „Schreiber", nach Deutschland verpflanzt worden, in den Spuren seines Meisters die Kampfkraft der alten Lehre in ihrem Siege über alle Profanbildung erprobend und erweisend. Dankbar hing seine Seele lebenslang an seinem großen Lehrer und dessen Gründung. Kinder zum Lernen zu führen, dafür alle persönlichen Opfer an Zelt und Geld zu bringen, hatte er von ihm als heiligste Lebensaufgabe überkommen. Die Thora war ihm das TnnnV» iso, das immer bei ihm war; Israel beburftc für ihn sonst keiner Wehr und Waffen. Sein Glaube an die Siegkraft des Gotteswortes war vorbildlich, rührend. Mit der Bibel in der Hand trat er vor die Großen der Welt, um für jüdische Arme und Unglückliche zu bitten. Was er forderte und bat, begründete er mit naivem Freimut aus dem alten Buch der Gotteskämpfe und gewann mit ihm die Herzen auch der Andersgläubigen. Seine schöne, ehrwürdige Erscheinung erweckte für ihn die Sympathie; die mannhafte unerschrockene Betonung des ethischen Standpunktes, den die Bibel allen Menschen erweist, überzeugte selbst die preußische Bürokratie. Dr. Spiegel vereinte in sich echte Thoralilebe und tiefe Menschenliebe. Jede jüdische Seele lag ihm am Herzen. Er warb um sie, um sie ihrer jüdischen Bestimmung zu erhalten und zurückzugewinnen: er kämpfte für sie, Not und Elend und äußere Bedrückung von ihr: abzu-, wehren. Es gab keinen gefälligeren, herzlicheren'Menschen als ihn. Wo er nur jemand eine Freude beraten konnte, war er unermüdlich. Ganz besonders dem Fremden, Zugewanderten, noch Heimatlosen war er ein Ääter. Sein Wirkungskreis in Altona, das eine / Zufluchtsstadt für viele Unglückliche gewesen ist, gab seinem jüdischen Herzen ein überreiches Betätigungsfeld. Seine Liebe und Brüderlichkeit wuchs mit der Größe der.Aufgabe. Hier schaffte er für die Kinder zum Lernen die nötigen v'iao. dort erwirkte er bei den Behörden Aufenthalts- und Gewerbeberechtigung: jetzt rüstete er für eine arme Braut, Aussteuer und Hochzeit, dann war die Versorgung eines Kranken feine eigene Sorge. Für Jeschiwaus, vor allem auch für die in Frankfurt, war sein Interesse immer wach. Der Klall Jisroel, wie er in der Aguda seine.n Ausdruck gefunden, war sein Ideal, für das er überall und unentwegt eintrat. Ganz besonders, als der Weltkrieg die Wohlfahrtsausgaben zum unendlichen Problem steigerte, hat er Bewunderungswürdiges geleistet. Er hat für jede jüdische Seele und ihre Bedürfnisse heldenhaft gekämpft, trug er doch stets in. Herz und Hirn das Buch vom Gotteskampf für die leidende, irrende, nach Trost und Heil dürstenden Menschheit. So herrscht jetzt doppelter Schmerz über seinen Hintritt; wie der alte Trauerprediger die doppelte Klage anstimmte, als zwei der wertvollsten von Babel hinaufgetragen wurden. In Dr. Spiegel sind zwei Menschen uns entrissen; der Thoralehrer, der Talmidchacham und der Menschenfreund, der Meister in Gemilus Chessed. Zwiefach erheben wir die Klage: rrav -osn iupa mx-ii’ '□'lya trrm mi7s7 tik den schweren Verlust tragen zu müssen, daß dieser edle Mann in so jungen Jahren dahinging. Undank war leider oft sein Lohn, Mißdeutung seiner reinen Absichten blieb ihm nicht erspart. Ruhig und vornehm trug er das Leid der Verkennung in seinem Herzen. Wer Gott rra liebt, 1711333 VVÜ7N 718X3 N3N181. wer nickst aus Eigenliebe' handelt, der hört seine. Beleidigung und erwidert nichts der gehört lieber zu den Unrecht leidenden als zu denen,, die Unrecht tun, der wartet geduldig, bis der Tag des- Guten kommt, bis die Sonne ausstrahlt in ihrer Macht. Aber genagt hat.es still <m ihm, denn sich nicht verstanden zu wissen, tut weh, schrecklich weh. Immer wieder zeigt es sich, daß in. unsren Gemeinden kein Vertrauen züm Talmid Chochom Herrscht,' daß man allzuleicht einen falschen Maßstab an ihn anlegtt Das.. Urteil, das oberflächliche.: der Menschen, das..Mrteil.' des Mißtrauens .und des Argwohns sitzt über den Thoragelehrten und Menschen fte und zu Gericht und fällt seinen Spruch kurzer Hand, ohne Ehrfurcht, ohne Verständnis. Das Größte an Dr. David Spiegel war, daß er ohne Groll und Haß in seiner Seele blieb und auf seinem Wege treu verharrte. Nach wie vor war er der treusorgende Annehmer jedes Hilfsbedürftigen, nach wie vor forderte er die Thora, wv sie das piTn» der moralischen und materiellen Unterstützung benötigte. Selbst als seine Gesundheit geschwächt, die Körperkräfte volle Schonung verlangten, arbeitete er rastlos weiter; bei jedem Schiur war er zugegen, durch Fragen und Mitarbeit das Interesse aller zu erhöhen und jedem zu zeigen, wie unerschöpflich die Lehre, wie in dem Zusammenwirken von Lehrenden und Hörenden die Wahrheit sich schöpferisch gebiert. Bis zum letzten Atemzuge trug er so das Buch der Gotteskampfe mit sich, bis das Herz zu schlagen aufhörte, das so erfüllt war von der Liebe Gottes und der Menschen. Der p-w piis> den wir an seiner Bahre zu sprechen haben, ist kein andrer als der im obigen Hefpedwort: Gott zürnte über feine Welt und raubte ihr die schöne Seele. Ueber s e i n e Welt, die Welt derer, die sich Ihm nahe fühlen, zürnte Er; daß in unsrem Kreise nicht alles so ist, wie es fein soll, wie es der Würde unsrer Bestimmung entspricht. Daß der Gute noch keine Stätte unter uns hat, daß er nicht blühen und gedeihen kann, das zeigt uns der strenge Richter, indem er uns vorzeitig, plötzlich die Seelen raubt, di« schön und herrlich sind wie eine Braut. Denn wir sollen lernen, uns des Frommen, Tätigen in unsrer Mitte zu freuen, ihm zu helfen in feinem Wirken, seine Ideen zu den unsren zu machen und bestrebt zu sein, sie in ihrer Kraft zur vollen Geltung zu bringen. Sonst „raubt" er sie uns, sonst sind wir nicht wert, Genossen der Edlen zu sein. Der Lenker der Welten aber freut sich und jubelt, wenn zu ihm kommt die Seele des Frommen und Reinen, Er freut sich, einen 71'V813 7IVN03 .1711V einen Genossen und Teilhaber am Werk' des Anfangs, an der Ausgestaltung der Welt zu besitzen. Möge daher die Nachwelt ganz geben, was dem Lebenden nur halb zuteil geworden. Möge sein Andenken zur Nachahmung spornen, seine Liebe zur Thova und seine Gesinnung brüderlicher jüdischer Liebe Alle erfüllen. Möge Gott rra seine gleichstrebende, tiefgebeugte Gattin und seine frommen Kinder, deren einer sich, einer Urenkelin S. R. Hirschs vermählt hat, trösten in dem Bewußtsein, daß sie teilhatten an dem Leben und Leisten einer p’ixi ’pa vo: einer reinen und frommen Seele, über die der Weltenlenker sich freut und jubelt. rramn Korrespondenzen « Hachricbtcn. Deutsches Reich. Ministerielle Erhebungen zur einheitlichen Regelung des Schächlens in Preußen. Berlin, 1., Februar. Der preußische Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat soeben, einem Beschluß des Landtages folgend, eine Verfügung an die Regierungspräsidenten erlassen, die folgendermaßen lautet: Der Landtag hat am 21. März 1928 folgenden Ent-, schließungsantrag angenommen: Das Staatsministerium wird ersucht, geeignete Maßnahmen zu treffen, daß 1. das Schlachten von Tieren durch das rituelle Schächten nicht über den Bedarf der jüdischen Bevölkerung an gefchächtetem Fleisch hinaus erfolgt und das Verbot des wilden Schlichtens strenger durchgeführt wird, 2. das Schächten ordnungsmäßig ausgeführt, ferner bei der Vorbereitung des Schächtens, insbesondere bei der Niederlegung der Tiere, Vorkehrungen getroffen werden, die geeignet sind, die Schlachttiere vor unnötigen Aengstigungen und Schmerzen zu schützen. - 3. b e i m Schlachten überhaupt die vorhandenen technischen Verbesserungen in humanitärer Hinsicht angewandt und alle Roheiten möglichst verhindert werden. Zwecks Ausführung dieses Beschlusses ersuche ich ergebenst festzustellen, und binnen längstens drei Monaten darüber zu berichten, wie hoch schätzungsweise der Bedarf der jüdischen Bevölkerung an gefchächtetem Fleisch

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