Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1929-01-24 · Heft 4 (24.1.1929) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 4 (24.1.1929)
Date
1929-01-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450547-2450551--75682-2533217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. 4 i-rtST Der Jsr aelit % s 'yK»rv '.vXw'~ X? 2M> Der Prinz und fein Opfergang. Eine tragische Geschichte nach alten Urkunden. (Fortsetzung). Ob C h a n n a noch seiner dachte?. Der Prinz konnte ihrer nicht mehr vergessen. Abend .für Abend, wenn alles dunkel ward, pflegte ein hochgewachsener Mann in weitem Mantel und mit verhülltem Gesichte sich in das Ghetto einzuschleichen und durch die finstere Gasse wie ein Schatten dahinzuhuschen, bis er vor einem Hause stehen blieb, dessen Türe und Fensterläden fest verschlossen waren. Immer und immer ries er den lieben Namen, der ihm in der Seele saß. Er klopfte zuweilen auch an den Laden, aber es kam keine Antwort. . . - Channa, die Schritte des Prinzen wohl vernehmend, blieb ruhig und reagierte auf das Rufen nicht. Aber in der Tiefe ihres Herzens hämmerte es gewaltig. Sie ließ die Empfindungen >gax nicht hochkommen. Der leiseste Gedanken an den Prinzen schien ihr schon schwere Sünde. Channa wurde bleich und immer bleicher, einsilbig, verträumt und verdrossen. Die Eltern fragten nach dem Grunde und sorgten sich um: sie. Man ließ auch Heilkundige kommen, aber der wahre Grund blieb ihnen verschlossen. Wochenlang pflegte Channa abends nicht mehr aus dem Haufe zu gehen. Aber einmal, als sie am frühen Abend, um Luft zu schöpfen, sich für eine Weile in den Garten begab, sprang durch die Hintertüre der verkappte Mann an sie heran. Sie wollte davoneilen, aber etwas hielt sie fest. Da warf der Mann den Mantel von sich. Vor ihr stand der Prinz. Channa war nicht wenig überrascht. Daß in später Nachtstunde sichs draußen regte und was sich dort regte, ahnte und wußte sie schon längst, wenn sie auch nichts merken ließ und die Flamme in ihrem Herzen. eindämmte. Nun aber in so früher Stunde, da noch alle Häuser offen waren und in allen Fenstern Licht brannte? Sie wollte davonlaufen. Der Prinz packte sie aber bei der Hand und bat: „Bleibe; nur einige Minuten. Ich habe Dir Wichtiges zu sagen". Totenbleich blieb das Mädchen an den Gartenzaun gelehnt stehen, in Angst und Beben, es könnte jemand über den Weg kommen und sie mit dem fremden Manne erblicken. .Mit abgewandtem Blicke stieß Channa hervor: „Warum verfolgt Ihr mich Und kommet alle Abend hierher?" „Weil," lautete die Antwort des Prinzen, „weil ich Dich liebe, weil mich eine geheime Gewalt hierhertreibt, weil seitdem ich Dich erblickte, für mich nichts anderes gibt. Auch mein Leben nicht, denn ich setze mich Nacht für Nacht der Lebensgefahr aus und stehe vor Deinem Fenster. Nicht wie ein Prinz, wie ein geschlagener Hund. Ich flehe. Dich an, aber Dein Herz bleibt kalt und verschlossen. Hast Du kein Mitleid mit mir?" „Ich darf Euch nicht sehen," sagte sie tonlos, „denn es ist nicht allein das, daß ein jüdisches Mädchen, Tochter redlicher, frommer Eltern, jeden Verkehr mit fremden Männern meiden muß, es ist auch ganz sinn- und zwecklos. Ich kann nur an Euch denken als an meinen Retter und Gott anflehen, daß er Euch gesund erhalte und' Euch glücklich mache." „Glücklich ohne Dich?" gab der Prinz zurück. „Es sind nicht Worte-des Herzens, die über Deine Lippen kommen. Siehe mich recht an, was Du aus mir gemacht hast. Nichts mehr von Glück und Glanz. Laß mich nicht ganz ohne Hoffnung von dannen gehen." Channa weinte. „Eure Hoheit", — sie betonte scharf die Distanz, — „haben mein Leben gerettet, ich bin jede Minute bereit, für Euch zu sterben. Mehr als dies dürft Ihr nicht fordern." „Mehr als das Leben", sagte er bitter, „ist die Liebe, und davon hast Du keine Spur für mich? Sitzt im Grunde Deines Herzens auch gar nichts für mich?" Channa schwieg, aber das Schweigen war wie ein-ganz kleines, leises „Ja". „Nichts mehr?" „Nichts mehr," zitterte das Mädchen. „Deine Erregung und die bebende Stimme besagen mehr. Ich beschwöre Dich beim Leben Deines Vaters, sage mir die volle Wahrheit." Das Mädchen rang schwer mit sich. Ihr Herz zitterte zwischen einer menschlichen Wallung und dem klaren Bwußtsem schwerer Gefahren für sich und für alle, die sie heiß liebte. Nochmals versuchte sie, ihn mit Tränen zu beschwören, daß er alles vergesse, daß er an den Abgrund denke, der zwischen ihm, dem Prinzen und Thronfolger, und ihr, dem armen Judenmädchen, liege. Sie werde nie und nimmer ihren Glauben abschwören, und es fei ebenso undenkbar, daß er den seinigen verlasse. Wehe aber, wenn die Stadt und der Hof von seinen Beziehungen zu einem Judenmädchen erfahren. Scheiterhaufen würden dann brennen. Alle Juden würden, allein durch ihre Schuld, daraus rösten. Die Situation und die Aufregung legten ihr warme Worte in den Mund. Sie verfehlten ihren Eindruck auf den Prinzen nicht. Eine Weile stand er ganz still, sah mit Bewunderung und Mitleid zu dem Mädchen hin. Klare Einsicht rang sich mählich durch. Er war ein Held, hatte ein armes Wesen vor de? Volkswut mutig und unerschrocken gerettet. Er müsse weiter Held sein. Die Liebe erforderte ein noch größeres Heldentum. Er mußte entsagen, das Mädchen schonen, von ihm lassen — für ewig. Schon gab er sich einen Stoß und wollte sich entfernen, da blieb er noch eine Minute stehen. Ein Gedanke blitzte durch sein Hirn, ein Gedanke, der ihn wie aus Wahnsinn geboren zuerst anmutete, der sich aber in Herz und Hirn immer mehr eingrub und von ihm ganz Besitz nahm. Sein Angesicht leuchtete in ungekanntem Glück, wie in höherer Erleuchtung. Emmerich, der künftige Herrscher von Tyrnau, hatte in diesem Momente im Herzen' beschlossen, Jude zuwerden, und komme und koste es, was wolle. '' Der Plan mußte überlegt, die Einzelheiten , durchdacht werden, der Entschluß stand aber fest. Nur eines bat er sich noch zum Abschiede aus: „Gib mir das Versprechen, daß Du noch ein volles Jahr wartest, bis Du einem Manne die Hand zum Ehebunde reichst." „Wenn Euch das zur Beruhigung dienen soll, dann verspreche und schwöre ich Euch sogar, daß ich noch länger als ein Jahr damit warten werde." Er drückte ihr mit stillem Danke die Hand und ging. „Diese Worte," sagte er im Gehen, „werden mich auf den neuen Weg, den ich jetzt einschlage, begleiten. Mein Plan steht fest und sicher. Erwarte ein Wunder, Channa!" Ohne all dies richtig zu erfassen, ging Channa, zerschlagen und in großer Verwirrung, auch voller Angst, es könnte sie jemand gesehen haben, ins Haus. Noch sah sie, wie er in den weiten Mantel gehüllt über den Gartenzaun kletterte. Hufe eines Pferdes wurden hörbar. Hinter dem Zaune verschwanden Roß und Reiter im Dunkel der Nacht. Eine ganze lange Nacht saß der Prinz in seinem königlichen Gemach und arbeitete an dem Plane. Je mehr er sich darin vertiefte, um so rascher schlug sein Herz vor Glück und Freude. Bei all dem wich die himmlische Gestalt Channas nicht aus seiner Seele. Dieses Bild sollte ihm als guter Engel auf dem neuen Wege voran zum Ziele führen. Andere Gefühle mischten sich in dieses Glück: die Liebe zur Mutter. Aber alle Bedenken und Empfindungen wurden verdrängt von dem Neuen, das über ihn kam. Was sollte er zunächst tun? Noch in dieser Nacht heimlich entweichen? Das war nicht ratsam; seine Mutter würde es nicht dabei bewenden lassen. Sie würde ihre Fangarme nach allen Seiten aussenden und zuguterletzt bittere Rache an allen Juden nehmen. Entsetzen packte ihn bei bet#* Gedanken, ihre rächende Hand könnte auch jenes holde Wesen erfassen und das köstliche Leben vernichten. Der eigentliche Mörder all dieser Menschen wäre dann er und kein anderer. Gegen morgen schlief er ein, ohne für die erste Flucht den richtigen Weg gefunden zu haben. Erst gegen Mittag entstieg er müde und zerschlagen dem Bette. Und so ging es jetzt Nacht für Nacht, Tag für Tag. Sein Aussehen und Benehmen entging der Fürstin nicht. Auf ihre Fragen konnte er zunächst beruhigende Antwort geben. Es sei vorübergehendes Unwohlsein, es werde bald alles wieder gut sein. Eines Tages aber stieg er munter und fröhlich aus dem Bette, mit leuchtenden Augen und strahlendem Gesichte. Der Weg aus dem Haufe war gefunden. Er konnte sogar mit Zustimmung der Muttcheingeschlagen werden. Bei Tisch war er weit über seine sonstige Art hinaus munter und vergnügt. Mit kindlicher Sorglosigkeit plauderte und scherzte er und liebkoste die Mutter. Dann fragte er ganz von ungefähr, wie sie sich dazu stelle, wenn er eine Vergnügungsreise machte, um sich ein wenig in der Welt umzusehen. Es würde nicht so lange dauern. In wenigen Monaten könnte er wieder in Tyrnau sein. Das kam der Fürstin gerade recht. Sie hoffte, daß der Sohn durch die Ablenkungen einer Reise von seiner Schwermut völlig gesunden werde. Außerdem sei es für den künftigen Herrscher eines Landes vonnöten, daß er die Welt, fremde Länder und Menschen, die er bislang nur aus Büchern kannte, mit eigenen Augen sehe. (Fortsetzung folgt.) Rückkehr zum alten Glauben. Von Dr. Lavoslav sik.*) „Zeichen und Wunder geschehen", heißt es in unserer alten Hagadah! Etwa vor zehn Jahren, eines Freitags abends, kam in die Synagoge zu Lissabon ein portugiesischer Häuptmann und bat -den Präsidenten, Professor und Redakteur der Tageszeitung „O S-ecolo", Moses B. Amzalak, dem Gottesdienste beiwohnen zu dürfen. Er kam noch einigemal und dann erklärte er seinen neuen Freunden, er wolle zum Judentum« übertreten. Seine Mutter war Katholikin portugiesischer Abstammung, sein Vater aber Marrane, der an den jüdischen Gebräuchen stets festgehalten chatte. Er selbst habe während des Weltkrieges, speziell in Frankreich, zu seinem größten Erstaunen und zu seiner größten Freude erfahren, daß es in Bordeaux, in Paris, Amsterdam und in London noch portugiesische Juden gäbe. Nun sei er fest entschlossen, den jüdischen Glauben anzunehmen. Tatsächlich war er — Barros Basto — seit vielen Jahrhunderten der erste Marrane, der offen in das Judentum zurückkehrte. Anfangs belächelten viele diesen „bizarren" Einfall, aber gar bald entstand eine religiöse Bewegung, wie sie der Gegenwart noch nie bekannt war. Hunderte, ja, Tausende, jung und alt, Männer und Frauen, Gelehrte, Aerzte, hohe Offiziere und Beamte, anderseits wieder Kleinkaufleute, Handwerker, Taglöhner, Leute, die auf hoher Stufe portugiesischer Kultur standen, erinnerten sich auf einmal, daß sie jüdischer Abstammung *) Aus einem Aufsätze im in Zagreb erscheinenden „Morgenblatt".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.