Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1929)
- Date
- 1929-01-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450547-2450551--75683-2533218- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Nr. 4 Der Israelit 24. Januar 1 ,'29 seien und daß sich ihre Ahnen vor vielen Jahrhunderten zum jüdischen Glauben bekannt hatten. Vergebens wurde von kirchlicher Seite darauf hingewiesen, daß ja von einer reinen untermischten Abstammung von den alten Juden her keine Rede sein könne, weil doch fortwährend Mischehen zwischen der alten christlichen Bevölkerung und den sogenannten „Christuos Novos" eingegangen worden waren; aber die Bewegung griff immer werter um sich. Barros Basto, oder ,wie fein hebräischer Schriftsteltername lautet, „Ben-Rosh", der mittlerweile in Porto eine hohe militärische Stellung eingenommen hatte, ist der unermüdliche Führer und gegenwärtig auch der Präsident der dortigen Gemeinde. Er gibt eine eigene Zeitschrift, „Ha Lapid", portugiesisch „O Fachg" („Die Fackel"), heraus. Sie unterscheidet sich wesentlich von allen jüdischen Blättern und Zeitschriften der übrigen Welt. Hieß es doch schon im 16. Jahrhundert in Holland, die Marranen wären Christen ohne Glauben und Juden ohne Religionsbekenntnisse! Hier wußten alle die vielen Tausende, die nun zu ihrer jüdischen Religion wieder zurückkehrten, von ihr so gut wie gar nichts. Im „Ha-Lapid" werden nun die Grundbegriffe der jüdischen Religion, die Gebete und Feste, die Vorschriften und Riten, Me Geschichte und die Volkskunde so entwickelt, als ob es sich um ein Lehrbuch für Mittelschüler handelte. Dabei sind alle Artikel von einer ungeheueren Begeisterung erfüllt, die wir heutzutage anderswo nicht vorfinden. — Die Bilder großer portugiesischer Synagogen werden gebracht und dazwischen in jeder Nummer wieder Verlautbarungen neuer Uebertritte. Jünglinge, Männer, ja, selbst Greise, lassen die Circumcision an sich vornehmen. Mit Feuereifer macht man sich an das Studium der hebräischen Sprache, die heute nicht nur an den Volks- und den Mittelschulen, sondern auch an der Universität in Porto gelehrt wird. Eine der größten neuen Gemeinden ist in Braganza entstanden. Die dort am 22. Juni 1928 eingeweihte Synagoge führt den Namen „Schaare Pidjon", (Tore der Erlösung). Groß sind auch die neuen Gemeinden in Macedo de Cadaleiros, in Mogadouro, in Tras-os-Montes und speziell in dessen Hauptorte Moncorvo, auf den Azoren und schließlich in Castel Branco. Beim letzterwähnten Namen horcht wohl der Kenner kroatischer Geschichte und Literatur auf: Rodriguez de Castel Branco hieß ja Amatus Lufitanus, der berühmteste medizinische Schriftsteller seiner Zeit, der gemeinsam mit seinem Freunde, dom gelehrten Humanisten Didacus Pyrrhus, genannt JaÄbus Cvorenfis, im 16. Jahrhundert in Ragusa (Dubroonik) vom Senate der Republik Ragusa in jeder Hinsicht gefördert, wirkte. Der leider so früh verstorbene Universitätsprofessor Dr. Gjuro Körbler hat im Jahre 1917 in den Publikationen der Jugoslawischen Akademie in Zagreb die Biographie dieser beiden Gelehrten, die den Stolz des jugoslawischen Judentums bilden, gebracht. Es gibt bereits eine wissenschaftliche Literatur über die Marranen; ein in Portugal lebender jüdischer Gelehrter, Samuel Schwarz, hat eine reich mit Illustrationen versehene eingehende Abhandlung über die hebräischen Inschriften in Portugal sowie über die Marranenbewegung geschrieben, zu der Senator Jorga ein schwungvolles Vorwort verfaßt hat. Ein zweiter Autor, I. Lucio D'Azevedo, befaßt sich m.'t der Geschichte der Marranen, während außerdem eine ganze Reihe kleinerer, teilweise von Barros Basto verfaßter Schriften und Musiktexte jüdischer Gebete, vornehmlich aus der Zeit des Kryptojudentums, während dessen Verfolgung, dann von Predigten, von Werken über jüdische Geschichte, speziell jener aus der Zeit der Inquisition entstanden ist. In London hat sich ein eigenes Komitee für die portugiesischen Marranen gebildet. Aehnliche Organisationen bestehen auch in Paris, wie in Italien- und zweifelsohne werden bald auch überall persönliche Beziehungen zu jenen gefunden werden, die von ihren Brüdern im slawischen Süden Jahrhunderte hindurch wohl getrennt waren, die aber trotzdem noch immer unseres Glaubens und unseres Stammes sind. Der General der Audenaustreibungen. Der bei Nizza Verstorbene frühere Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, ein Onkel des letzten Zaren Nikolaus und Oberbefehlshaber im russischen Heere in den ersten Krtegsjahren, arbeitete als Chef der Großfürstenpartei stets auf den Krieg hin. Bei Ausbruch des Krieges trat er an die Spitze des russischen Heeres. Obwohl die russischen Juden von Anfang an einen opferwilligen Patriotismus und eine tadellose Loyalität an den- Tag legten, leitete Nitolajewitsch eine das Heer verseuchende antisemitische Politik ein. Er verfügte die Deportierung von Hunderttausenden Juden aus den westlichen russischen Gebieten in das Innere Rußlands und brachte auf diese Weise Tod und Elend über unzählige jüdische Familien. Bei den rücksichtslos und eilig vor sich gegangenen Deportierungen kamen zahlreiche Juden, Greise, Frauen und Kinder, ums Leben, die übrigen verelendeten wirtschaftlich, und nur dem unbeschreiblichen Opferwillen der Judenheit im Inneren Rußlands, die sehr schnell eine Hilfsaktion organisierte, ist es zu danken, daß die Deportierten nicht alle untergingen. Die antisemitische Heerespolitik von Nikolajewitfch sührte auch dazu, daß im Kriegsgebiete zahlreiche Juden ohne Untersuchung als „Spione" hingerichtet wurden. Unter den Hingerichteten befanden sich nicht nur hoch-angesehene Bürger, sondern auch Rabbiner und Mitglieder berühmter Rabbi-Familien. Erst als Nikolajewitsch nach seinen großen Niederlagen abgesetzt worden war, trat für die Juden in den Kriegsgebieten eine Wendung zum Besseren ein. Ainderecke. Chamischo Osor-Lied. Tiefes Aechzen und Stöhnen Wie vor Aexten und Föhnen Durchschauert kalt Schneeweißen Wald. Hochgewachsene Eichen Ihre Häupter verneigen; Denn überlaut Heult Sturmesbraut. Lang schon verstummten die Weisen -Unsrer Finken und Meisen. Nicht mehr beschwingt Ein Böglein singt. Aus dem harten Kiesel und Quarz Schöpft die Wurzel goldenes Harz. Das weckt den Baum 1 Aus tiefem Traum. Bon dem erdenfernen Kreise Tritt hervor die Sonne leise. Ein blumiges Gewand Schmückt bald den Waldesrand. Bo gelstimmen. erklingen. Die von Lieb' und Frühling singen-. Die Lerchen jubilierend steigen. Die Welt erwacht aus eisigem Schweigen. Frühlingszeichen, die süßen/ Blätterknospen schon grüßen. Von jung und alt Erjauchzt der Wald. Nürnberg. Lehrer Nathan Adler. Neujahr der pflanzen und Bäume. Von Lya Steif in Brünn. Ach, was wünschen doch die Leute einander und sich alles zu Neujahr? Jeder will glücklich, und was eigentlich doch auch sehr wichtig ist, reich sein. So hört man die ganze Zeit über fast nichts anderes als Gespräche vom Wünschen und in Erfüllung gehen. Was so laut und so oft gesagt wird, das hören alle, und so hörten es auch die Bäume und Pflanzen. Die klagten es Gott. „Schau doch,"'sagten sie, „wie kommen denn wir eigentlich dazu. Unrecht zu leiden? Wir waren doch ftüher da als der Mensch, der erst ganz zuletzt geschaffen wurde. Jetzt örängt er sich vor, das ganze Jahr müssen wir ihm alles schenken, was er von uns will, und kommt unser Neujahr. Chamischo offer beschwat, dann kräht erst recht kein Hahn nach uns und wir können Zusehen, wem auch wir einmal unsere Wünsche unterbreiten können." Und sie waren sehr unzufrieden und murrten. Der liebe Gott aber kann so etwas gar nicht leiden. Er will alle seine Geschöpfe. Menschen und Tiere, Bäume und Pflanzen zufrieden und glücklich sehen, denn er mag keine verdrießlichen Gesichter nach der großen Menge Arbeit, die er ohnedies schon hat auf dieser Welt. Darum sagte er: „Eigentlich seid ihr nicht so sehr im Unrecht mit eurer Beschwerde über den Menschen. Aber ich habe ihn ausdrücklich dazu geschaffen, damit ihr ihm dienet. Euch aber will ich auch Gerechtigkeit widerfahren lassen. Jedem das Seine. Ihr sollt mir eure Neujahrswünsche nennen und, wenn ihr nicht gar zu unbescheiden seid, so will ich sie erfüllen." Da drängten sich Bäume und Pflanzen und jeder gab seine Wünsche bekannt. Die'Eiche rief: „Ich will stark sein, so stark, daß meine Stärke sprichwörtlich wird" . Die Linde rauschte: „Meine Blüten sollen süß duften, süßer als die Blütenaller meiner Genossen". Der Orangenbaum sagte: „Meine. Früchte sollen fein sein und ein Leckerbissen für alle". Und so ging es der Reihe nach. Jeder Baum hatte seine besonderen Wünsche. Und erst die Pflanzen. Die Rose wollte die Königin sein, schöner, als alle anderen Blumen, beneidet und verehrt von Groß und Klein. Die Orchidee wollte leuchten und duften, -daß niemand an ihr vorbei könnte, ohne sie zu bewundern-. Die Tulpe wollte bunt sein, das Veilchen blau, wie die Augen der schönsten Frau> alle, alle kamen, im langen- Zuge, niemand wollte Zurückbleiben und die gute Gelegenheit vorübergehen lassen, die vielleicht niemals wiederkommt. Zum Schluß kam das Schneeglöckchen. Da fragte der liebe Gott: „Nanu, kleines Glöckchen, was hast denn du auf dem Herzen; mir scheint, du traust dich'nicht recht heraus mit der Sprache." Da flüsterte das Schneeglöckchen und neigte dabei sein Glockenköpfchen ganz tief und schüchtern: „Großer mächtiger Herr des Himmels und der Erde! Wenn es mir gestattet sein soll, um etwas zu bitten,^ dann flehe ich. gar sehr, laß es doch einmal ein bißchen wärmer werde hier bei uns unten auf der Erde. Ich friere gar zu sehr und kann es vor Kälte gar. nicht mehr aushalten. Dies ist mein einziger Neujahrswunsch": Da freute sich der liebe Gott, daß es auch noch bescheidene Geschöpfe gebe. Er lachte sehr und sagte auf den Kalender blickend: „Da hast du schon das Richtige getroffen; ich denke, wir machen Schluß mit dem Winter für Heuer, denn es ist ja schon Chamischo-Osser Bischwat." Und seither ist an diesem Tage die Herrschaft des Winters zu^Ende. ■ Familiennachrichken. Barmizwo: Adolf, Sohn des Herrn S. Bodner, Frankfurt a. 22t., Ostendstr. 45. Synagoge Rechneigraüenstratze 12 ll n^V2 ne>ie. — Udo. Sohn des Herrn Emil Breslauer, Breslau, nvns VW. Sklower Schul. Verlobte: Trude Gans, Frankfurt a. 22t., Baumweg 37 mit Dr med. Manfred Weichsel, Wiesbaden (Rimbach 70). Briefkasten. Scherzfrage. Sie fragen: Warum hat es der große Dichter 12 *21 unterlassen, in den ll'vi'S die er für den stedten Tag Peffach gedichtet hat, einen besonderen jaw einzufügen? Und antworten : Weil es in der Stdroh heißt: ,tzirr t\x io*i 1'M221» Ara» <X. K. tu A. Wir haben Ihre Variation zu der Skizze des Herrn H. Neubauer mit Interesse gelesen. Besten Dank. ♦I A N N O N C E N JULIUS SCHMIUI ANNONCEN-BÜRO FRANKFURT-MAIN LANGESIRASSE7 TEL HANSA 4641 POSTSCH.-KONTO FRANKFURTMAIN 142 353 EINZIGE IHSERIITEN- FUR FRANKFURTER GESCHRFTS-INSERATE DES »ISRAELIT« U R O!♦ AUSSERDEM ANNAHME VON INSERATEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE UND AUSWÄRTIGE TAGESZEITUNGEN,WOCHEN- UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINAL-PREISEN ANNAHME VONDRUCKSACHEN HANDEL.GESCHÄFTE.PRIVATE FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLERISCHER AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ UND BUNT-DRUCK Lassen Sie Ihre UHREN bei Neeser-LAPP, Allegasse Z reparieren. Sie Preise sind billig. gehen gut und die Alles unter Garantie. Qualitäts- MoHtZ Wolf Zigarren BeranuoorMch 6. Schachnow «vVitz, ebenda. für de« allgemeine» Teil und Vas Femlleton itz, Meaukfurt a. R.; Inserate i.B: «.Schach« u — Für die pädagogische Beilage : Lehrer L. «anfmann nt Sprendlingen (Kt. Offenbach). — Verlag ,J«raelit", T.«.b.S.. Franlfirrt a.». — Druck Sermon Berlags« Mttengefellschaft. Frankfurt a. 9t. m 70