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Der Israelit · 1929-01-24 · Heft 4 (24.1.1929) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 4 (24.1.1929)
Date
1929-01-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 4 Der Israelit \m‘W Lehrmeinung daraus und ein dritter noch etwas andres. Aber alle diese herrlichen Worte kamen aus der am Sinai offenbarten erhabenen göttlichen Thora". Und diese Lehren waren darin enthalten, in all ihrer Mannigfaltigkeit, so verschieden sie auch zu einander sein mochten: Es waren Worte des lebendigen Gottes: iVxi i^-x L>"n '121- Alle diese Lehren hatte Gott gegeben. Die Thora bewies es. Herford zitiert den Midrasch: „Ist nicht mein Wort wie ein Hammer, der den Felsen sprengt?" So wie dieser viele Funken sprüht, birgt auch ein Schriftwort vielfachen Sinn; das, was Gott gesagt hat, hat unendlich mehr als einen Sinn und kann durch eine einzelne Auslegung niemals erschöpft werden. „Und das," sagt Herford, „trifft zu auf alle Gebiete der Haggada. Die Resultate der Auslegungen wurden in einwandfreier Weise gewonnen, durch berufene Lehrer überprüft; erst dann wurden sie als giltig anerkannt. Und doch wurde von niemandem etwa (ungleich der christlichen Dogmatik) gefordert, an alle diese Behauptungen der Haggada blindlings zu glauben. Es lag nicht in der Absicht der Haggadisten, in dieser Hinsicht einen Zwang auszuüben." Damit tritt Herford jener von gegnerischer Seite unausgesetzt behaupteten geistigen Versklavung beim Judentum des Talmuds entgegen. Dabei verläßt Herford auch nicht auf einen Augenblick traditionelle Pfade; immerfort stützt er sich auf die Gewährsmänner des Talmuds, ohne einen Deut an Ueberzeugungskraft etwa dadurch einzubüßen. Woher er auch feine Logik hergeholt haben mag: in tiefstem ^Grunde ist sie rabbinisch. Und so erklärt er auch .i)as innerste Wesen der Haggada; klar, bündig, lapidar.. Und diese Bestimmtheit im Ausdruck, .jede Widerrede, souverän abschneidend, wie z. B.: „Ich habe gesagt, Haggada ist Schriftauslegung nach jeder Richtung hin, außer nach der gesetzlichen (halachischen). Und das ist zutreffend. Die Haggada soll vor allem der Erbauung dienen, das religiöse Denken des Lernenden bereichern, feine moralische Natur veredeln und seinen Geist andauernd erfrischen durch die Betrachtung der immer wechselnden Erscheinungsformen der göttlichen Wahrheit. Es hieße sonst, den Kernpunkt ihn das Judentum des anderen an solcher Verbundenheit nicht hindern, sofern eben der wertvolle Mensch im Vordergrund steht. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" (Nathan H). — So ist Lessing in einer Hinsicht gewissermaßen ungewollt Führer und Streiter im Kampf um die Anerkennung der religiösen, der menschlichen, der bürgerlichen Gleichberechtigung des Judentums geworden. — Prof. Walter Kinkel (Gießen) schreibt über „Lejsing als Erzieher zur Humanität" und gibt eine Analyse von „Nathan der Weise". (Rambam-Aeier in Kairo.) Die jüdische Gemeinde in Kairo beging am 2. Januar den Geburtstag von Maimonides (Rambam). Das jüdische Viertel war festlich illuminiert. In der Synagoge sprach der Oberrabbiner in hebräischer und arabischer Sprache über Rambam. — Der ägyptische „Mokatam" bemerkt, daß Aegypten stolz darauf sei, Mose Ben Amram und Mose Ben Maimon hervorgebracht zu haben. Lhamischo Ossor. Von Isaac Schönberg. Schon atmen schneller Wald und Feld, Wie beben die starren Lüfte; Ein stilles Regen durchzieht das Land Und lockert die harten Grüfte: Ihr kahlen Wipfel, was raunt ihr euch zu, Was wißt ihr freudig zu künden? Was ist's, das euch scheucht' aus der Schlummers Gefilde, Emporriß aus des Todes Gründen? Ihr glitzernden Bäche in neblichtem Tale, Wie eilet behend ihr dahin! Wie klinget so froh das plätschernde Lied, Voll wonniglich heiterem Sinn! Der Sonne Gold tränkt heilend die Flur, Aufblicket der nackte Strauch; Und über der Ferne Schleier schwebet Ein Ahnen, wie Gotteshauch. Ein Ahnen, das leise, doch hoffnungstrunken Auch wohnet in deiner Brust, Und, gleich des Baumes Werdensdrang, Empor sich rankt zur Wirkenslust . . . der Haggada verkennen, was christliche Gelehrte gewöhnlich tun." Auch der Widerstrebendste dürfte zugeben, daß diese Sprache an Deutlichkeit und Ausdruckskraft ihresgleichen sucht, und dabei — was das.Wichtigste ist — über alle Maßen wahr ist. Unaufhörlich warnt Herford vor Seichtheit oder Nachlässigkeit, wenn man daran geht, die Haggada zu betrachten. „Denn die Haggada zeigt nicht ihren Sinn auf der Oberfläche, noch offenbart sie ihn dem oberflächlichen Hörer oder Leser, der ihr nur einen eiligen Blick oder ein flüchtiges Ohr leiht." Und das ist, angesichts der großen Anhäufung haggadischer Lehrmeinungen in Talmud und Midrasch, für viele ein sehr nützlicher und heilsamer Rat. Anläßlich einer Selbstkorrektur entwickelt Herford in Kürze eine Definition der haggadistischen Materie, die hier gegeben werden soll: . „Der (oben gebrachte) Ausdruck „Auslegung" muß in einem sehr weiten Sinne genommen werden. Eine Verknüpfung irgend einer Art besteht ja immer zwischen der .Schrift- und der Haggada, doch ist sie oft nur eine lose. Denn der haggadische Ausleger entledigte sich seiner Aufgabe auf zweierlei Art: entweder führte er aus, was er für die wahre Lehre der Schrift über diesen oder jenen Punkt hielt, oder er suchte in der Schrift einen Beleg für Wahrheiten, die er schon glaubte, und nicht bloß für bestimmte Wahrheiten, sondern auch für alles, was dem Zwecke der Erbauung dient: ethische Grundsätze, mystische Spekulationen. Gedanken über die Vorsehung und die Wunder der Schöpfung, die Gebilde frommer Phantasie und sogar das Spiel kühnen. Witzes. Es gab nichts, was der Haggada nicht einverleibt werden konnte, wenn es nur an irgend einen Text oder ein Wort oder auch nur einen Buchstaben der Schrift angeknüpft wurde. Die angewandten Methoden waren, vom Gesichtspunkt strenger Exegese betrachtet, oft wild und abenteuerlich. Keine noch so gesuchte Allegorie, kein Wortspiel, kein phantastisches Verrenken von Buchstaben und Silben, das man in der Haggada nicht gelegentlich finden könnte. Doch die Männer, welche solche Methoden anwandten, wußten sehr wohl, daß das, was sie vorbrachten, nicht der schlichte Wortsinn der heiligen Schrift war. Was sie mit ihrem inneren Gesicht sahen, war die göttliche Wahrheit. Heiligkeit, Schönheit, Güte, Liebe. Sie lasen es in ihrer eigenen Erfahrung und verfolgten die Spuren davon in der Natur, in der Geschichte und im Menschen. Sie waren davon überzeugt, dies alles in der Schrift widergespiegelt zu finden. In ihr war ja die göttliche Offenbarung, und daher mußte alles, was sie für göttlich hielten, in ihr enthalten seien . Manches davon konnte klar gesehen werden, denn in allem wesentlichen hielt sich ja die haggadische Lehre über Ethik und Frömmigkeit an die Grundlinien der Schrift. Was man nicht klar genug darin sehen konnte, wurde erschlossen, und keine Andeutung war zu schwach, um jene Lehre als dort vorhanden zu erweisen. Wir sagen: das heißt in den Text hineinlesen, was nicht drin steht. Zweifellos ist das auch der Fall. Aber der Haggadist faßte das was er tat, nicht so auf. Wenn er Anschauungen, Gedanken und Meinungen hatte, die ihm aus verschiedenen Gründen gut erschienen, dann mußte, da für ihn die Schrift das einzige Gefäß göttlicher Offenbarungen war, irgendwo in der Schrift all das verschiedene Gute angedeutet sein, und jede Methode, die das ermitteln und klar machen konnte, war gerechtfertigt. Das halte ich für die Theorie der Haggada. Die Haggada ist wie die Halacha eine natürliches vielleicht sogar notwendige Entwicklung der Religion der Thora. Beide sind integrierende Bestandteile der Thora, und ein. eindringendes Verständnis des Wesens und der Aufgabe beider ist notwendig zum Verständnis des ganzen. Halacha und Haggada umfassen den ganzen Bereich religiösen Bewußtseins des Pharisäers. Debn es ist vollkommen unrichtig, wenn man sagt, der Pharisäer habe sein volles Genügen gefunden an der Halacha, der Disziplin der direkten Vorschrift. Kein Pharisäer beschränkte sein Denken und Sehnen, sein Glauben und Hoffen auf das Gebiet der Halacha, noch hätte er es können. Gewiß, die Halacha lehrte ihn, wie er sich im täglichen Leben zu. verhalten hatte, aber nicht wie er seine eigene persönliche Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater zu gestalten habe. Die Haggada war es, die ihm Erkenntnis vom Wesen 'und Wirken Gottes in Vorsehung und Menschengeschichte brachte und ihm behilflich war, sein Denken zu vertiefen, sein Gebet zu verinnerlichen und sein Leben zu veredeln."; Herford protestiert heftig gegen den Gedanken, den christliche und leider auch nicht wenige jüdische Kritiker so oft hegen, daß die Fülle der Halacha und Haggada eine große. Belastung des gläubig-frommen Juden bedeuten müsse, oder doch von diesem als Last empfunden wird. Aber schroff weist Herford dies ab: „Denn die sich unter ihrem (der Thora) Willen beugten, empfanden diese Vorschriften nicht als eine Last, sondern als eine Lust," weil sie in jenen Disziplinen nichts andres sahen als die Wege, welche es ermöglichten, Gott zu dienen und ihm gefällig zu sein. Je mehr der verhüllten Gedanken aus der Thora yerausgeholt wurden, desto besser und glücklicher 24. Januar 1929 fühlte sich der, dem es ein Frohlocken war, seinem Schöpfer zu dienen. Und zu dieser gewaltigen Kopfarbeit der talmudischen Großen, die lebendiges Blut in die feinsten Verästelungen jüdischen Wesens und Seins treibt, alle diese langen und bitteren Jahrhunderte finsterster Golusnächte hindurch, meint Herford (ich wiederhole bereits oben Gesagtes), daß das überlieferte ungeschriebene Wort dem Pharisäer fast noch wichtiger und größer scheine, als das geschriebene, „denn jenes. enthüllte, was in dem geschriebenen Wort verborgen lag, was seine Anwendung erweiterte!"' Und da die Thora in sich unerschöpflich ist, weil sie die vollständige Offenbarung Gottes war, muß alles Herausschälen und Entfalten ihres Sinnes dem Menschen stets zum Bewußtsein bringen, was die Thora von allem Anfang an , gewesen war. Daher war auch weiter jede neue Auslegung der erkannten Thora eine Erweiterung ihres Sinnes oder besser eine Hinüberleitung ihres Sinnes aus dem Bereich des Unbekannten in das Bereich des Bekannten. Und selbstvergessen trotzig, gleichsam als durchschnitte er das, was ihn mit seinen andren Genossen bindet, läßt Herford zuguterletzt Rabbi Abbahu reden: „Ein irdischer König regiert und hat einen Vater oder einen Bruder, doch der Heilige, gelobt sei er, sagt: Ich bin nicht so, sondern (Jesaija 44, 6;); Ich bin der erste, ich habe keinen Vater; und ich bin der letzte, ich habe keinen Sohn, und neben mir gibt-es keinen Gott, ich habe keinen Bruder!" -Und Rabbi Abbahu war auch ein Pharisäer, der die Haggada pflegte, es aber auch verstand, wie man hier sieht, weitläufigen Diskussionen, wenn es darauf ankam, mit Hilfe derselben Haggada ein jähes Ende zu bereiten. Wie schon in der Einleitung zu dieser Artikelserie bemerkt wurde, hat Herford noch ein weiteres umfangreicheres Werk über dieselbe Materie unter dem Titel: „The Pharisees", London. 1924 („Die Pharisäer", verdeutscht durch W. Fischel, Leipzig 1928) veröffentlicht; aus diesem sei zum Schlüsse folgender Exkurs gestattet: Herford -ergeht sich dort des längeren über die Schwierigkeiten, denen ein Christ begegnet, wenn er zu verstehen sucht, in welcher Beziehung das Sittengesetz zur Thora steht und wie sich eine Gewissensfreiheit unter den beschränkenden Bestimmungen der Halacha behaupten kann,. (Ihm selbst fiel es anfänglich ungemein schwer.) Als endgültiges Resultat seiner Untersuchungen, konstatiert er daß eben im Judentum Religion und Sittlichkeit (S- 170 a. a. O.) „nicht zwei verschiedene Dinge sind, sondern ein und dasselbe bedeuten", wie auch immer vom philosophischen Standpunkt zwischen jenen Postulaten unterschieden werden möge. Bet dem Judentum wäre eine Trennung eines von dem andern nicht möglich, denn es gab nie eine jüdische Religion und daneben eine jüdische Sittlichkeit". In der jüdischen. Seele häuft sich eine Fülle von Ideen, Bestrebungen, Gefühlen, die insgesamt aus dem tiefen Sinn für die Nähe Gottes hervorgehen, und das bedeutet alles das, was man in Religion und Sittlichkeit zu teilen gewohnt ist. Und „will man bei diesen beiden Ausdrücken bleiben, dann läßt sich sagen., daß das Judentum ganz Religion und ganz Sittlichkeit ist." „Das Judentums (sagt Herford, geradezu weltentrückt das Ganze überschauend) hat nun mit großer Mühe Aeguivalente für diese beiden Ausdrücke zu finden vermocht; in der eigenen Sprache des Judentums, der Sprache der Seele und des Herzens mehr noch als in der Sprache der Lippen, gibt es e i >n Wort, das die Einheit dieser beiden ausdrückt, und dieses Wort heißt: „Thora". Hiermit schließe ich meine Artikelreihe über Herford, widerstrebend und wenig selbstzufrieden, denn ich habe aus den vielen Schriften und Vorträgen Herfords ein einziges Werk erwählt, und aus diesem bloß vereinzelte Stellen wiederzugeben versucht, dabei eine Unmenge gleich sch': ner oder noch schönerer Perlen beiseite gelassen. Wer sie sucht, lese die ganzen Schritfen; und sie ind es wert, gelesen zu werden! Aber ich habe hier vor, eine andre Pflicht zu erfüllen: Wie be-

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