Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1929)
- Date
- 1929-01-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WMW 24. Januar 1929 D e r Israelit Nr. 4. Seite 3 g e i st i g e n Interessen und r e l i g i ö s e n Bedürfnissen der Massen volle Rechnung trägt. An Verständnis für die geistige Not der jüdischen Handwerker scheint es dem „Ort", nach den uns Zugehenden Berichten, nirgends zu fehlen. Möge sich dieses Verständnis zu einem E i nd erst ändnis auswachsen und auswirken, zu einem Eingehen auf alle Wünsche dieser Art. In dieser Erwartung begrüßen wir die Bestrebungen des „Ort" und empfehlen seine Ausstellungen der - Beachtung und dem Interesse aller Kreise. Der Sonntagsgottesdienst auf dem Marsch? Nach München Karlsruhe! Die „Jüdisch-Liberale Zeitung" jubelt und fragt zwischen Aerger und Hoffnung, wann das in Berlin möglich sein würde, was in München und Karlsruhe bereits durchgeführt ist? Der Jubel ist das 'Echo eines im „Jsr. Gemeindeblatt für Baden", — nebenbei: einem Blatte, das auch von konservativen Beiträgen erhalten wird, — abgedruckten überschwenglichen Berichtes über die erste religiöse Sonntagsfeier in der Karlsruher Synagoge. Der Bericht im Badischen Gemeinde- , blatte und seine Glossierung im Berliner offiziellen Organ des liberale Judentums werden ihre Wirkung auch anderswo, vor allem in F r a k - furt, nicht verfehlen, wo, wie wir jüngsthin im lokalen Teile berichteten, man sich auf Grund einer Enquete den Sonntagssabbat erringen möchte. Der Sonntag soll das Erbe des vom thorafernen Leben über den Haufen geworfenen Sabbat antreten. Das ist, und daran kann alles Schönreden nichts ändern, das Fazit all der sogenannten „Rechtsreformbestrebungen" des Liberalismus in den letzten Jahren. , Als in München die Orgel den zweiten „Sonntagssabbat" präludierte, just zur selben Stunde, tagte in Berlin der „Weltverband der Scho m re Schab b o s " , der den Sabbat als nervus rerum des Judentums nicht erst seststellen und proklamieren mußte, sondern zu beraten hatte, wie diese historische Tatsache zum Bewußtsein aller, die sich noch zum Judentum zählen, zu bringen ist. Wer wird siegen im Kampfe der Gewalten um und gegen den Sabbat? Denn' daß neben dem „Sonntagssabbat" der sabbatliche Sabbat des siebenten Tages mit der ganzen ihm ausstrahlenden Segensfülle bestehen könnte in den von Reform und Indolenz beherrschten Gemeinden, werden die Einsichtigen unter den Liberalen selber nicht glauben. A i m e P a l l i e r e , der aus dem katholischen Christentum zu uns kommt, sprach dieser Tage in Frankfurt nach einigen Verbeugungen gegen die Liberalen, die er leider bis jetzt allein kennt, vom z e n t r a l e n H e i l i g k e i t s ch a r a k t e r des Sabbat, der jüdischen Familie, von der E r w ä h l t h e i t Israels, die keine andere Macht, das Leben nicht und die moderne Kultur nicht, auch nicht die Straße, der Verkehr, die Technik übernehmen können. Bei aller Vorsicht seiner Aeußerungen fühlt man aus den Worten dieses Franzosen und früheren Christen deutlich heraus, daß er mit dem Ideengehalte aus dem Liberalismus das Vakuum, das für seine tiefempfindende Seele zwischen Christentum und Judentum entstanden ist, nicht auszufüllen vermag. Werden sich unsere liberalen Brüder, vielleicht auf dem Umwege eines Mannes, der früher nicht zu uns gehörte und heute noch nicht ganz zu uns zählt, eher belehren lassen über Wesen und Wahrheit ihrer eigenen angestammten Religion — u-nd dieSeele dieser Religion, die S a b b a t s e e l e, die nie und nimmer am Sonntag mit Orgelpfeifen zum Singen und klingen geweckt werden kann? Vielleicht! Ein Frommer der «ichijüdifchen Umwelt. Von h. Neubauer in Hermannsberg. (Fortsetzung und Schluß.)*) Weiteste Kreise, auch die unserer Strenggläubigsten, sind sich darüber einig, daß Herfords mannhaftes Eintreten für die Pharisäer und für das, was ihnen naturgemäß als das Heiligste gilt, die Thora, eine geradezu erstaunliche Umwälzung tiefwurzelnder, verschrobener und boshafter Meinungen auf religionsphilosophischem Gebiete bedeutet. Meinungen, die bis dahin als unerschütterliches Gut modernster Forschungsergebnisse auf den Kathedern gelehrt, in das Judentum verunglimpfenden Streitschriften gepredigt und —- zu deren eigenen Schande sei es gesagt — selbst von Juden aller neologen Schattierungen als kräftigste Waffe im Kampfe mit dem kleinen und verlachten Häuflein ihrer standhafteren Brüder gebraucht wurden. Ich kann nicht umhin, dies immer wieder von neuem zu betonen: Das gläubige Judentum schuldet dem Heroismus Herfords ein gerüttelt Maß von Dank. Ist es doch ein positiver Christ, der diesen Liebesdienst aus tiefinnerster Ueberzeugung und mit einem superben Hang zur Wahrheit leistet. In hohem Grade bemerkenswert sind Herfords Ausführungen bei dessen Bewertung der Haggada, jenes integrierenden Teils des *) Siehe „Israelit" Nr. 44. Der Verfasser war durch längere Abwesenheit bis jetzt außerstande, den Schluß seiner Aufsatzreihe zu liefern. Red. grandiosen Talmudwerks,' die eine wildgewordene Meute von Kritikern mit mehr Eifer als Verstand ins Lächerliche zu ziehen sucht. Dagegen beweist Herford in sorgfältiger und — wie schon erwähnt — weihevoller Weise (SS. 191 ff.), daß eine ganze Reihe von Gelehrten, wie Weber, Charles, H a r n a ck **) in der Bebezw. Verurteilung der Haggada aus Unkenntnis, «Vorurteil oder Mutwillen den stets ethischen Kern haggadischer Sentenzen bewußt mißverstanden, unterdrückt oder verhehlt zu haben. Etwas malitiös vergleicht Herford diese Wissenschaftler mit jenen, die sich veranlaßt sahen, einen Dschungel im tropischen Urwald zu beschreiben, ohne ihn je betreten zu haben, und sich hierbei eine nahe Baumschule zum Muster nahmen, weil doch in beiden ein reicher Baumbestand vorhanden ist. Das soll heißen: Die besondere Eigenart talmudischer Dialektik und ernstesten Scharfsinns, die sie aus Mangel an Wissen weder verstehen noch begreifen konnten, haben sie mit Spekulationen heidnischen und hauptsächlich frühchristlichen Ursprungs zu identifizieren gesucht. Es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn jene Kritiker zu solchen Ergebnissen kommen mußten; war es doch ein untaugliches Mittel an einem untauglichen Objekt. Und daher tut sie Herford mit der Gelassenheit des erprobten Haudegens und unverhohlener Nichtachtung ab. Ihm sind Haggada und deren Schöpfer Heilige, Weise, Führer ihres gottsuchenden Volkes, das zu ihnen als den Erklär.ern der heiligen Thora in Demut, Ehrfurcht und Liebe emporsah: zumal, als die Propheten gegangen waren ***) Es bekümmerte die Pharisäer auch wenig, ob die Lehren, welche jene großen Gelehrten in der sakrosankten Offenbarung, der Thora, fanden, des Oeftern miteinander nicht haargenau übereinstimmten. Was machte es aus? „Ein Lehrer zog d i e s e, ein andrer jene **) In feinem obenerwähnten Vortrag: „Was verdankt die Welt den Pharisäern?" sagt.^rrford u. a.: „Sogar ein Mann von der Autorität Harnacks, von dem man was besseres hätte erwarten dürfen, leistet sich die unerhörte Behauptung (Lehrbuch der Dogmengeschichte), daß der Pharisäismus seine weltgeschichtliche Mission erfüllt hätte, indem er den Apostel Paulus heroorgebracht habe. Ein so absolut verkehrtes und die Tatsachen vollkommen mißdeutendes Urteil wie dieser Ausspruch von Harnack findet kaum seinesgleichen. Ohne Zweifel glaubte er, mit diesem netten Epigramm die ganze Sache befriedigend erledigt zu haben." ***) Baba Bathra 12 a, wo es heißt: Die Prophetie wurden Propheten genommen und den Weisen verliehen, d. h. den Rabbinen, und daß sie ihnen nicht genommen wurde. Vgl. auch Sukka 20a: Als die Thora osrgessen war, kam Esra aus Babylonien und setzte sie wieder ein, und als sie wieder vergessen war, kam Hillel aus Babylon und setzte sie wieder ein, und als sie wieder vergessen war, kamen Rabbi Chija und feine Söhne aus Babylon und setzten sie wieder ein. ob Erwerb, — unsere Väter kannten nur ein Ziel. Das Ziel aber blieb keine Utopie, kein Uebermenscbenideal und kein Fernziel bei ihnen. Es beherrschte alle ihre Tage und Stunden; es ließ sie in jedem Atem ihres Mundes Gottes Tatenlob leben; es lehrte sie göttliche — Lebensgestaltung. Erwiderung. Zu der Entgegnung des Herrn K. in Nr. 48 des „Israelit" fei zunächst festgestellt, daß nicht ich, sondern der •myaw DipV’ zu onjsw 13, li an Stelle des in Brachst 61a angeführten, aber nicht existierenden Posuks uw!* nrw naxchrr 'st'i den Posuk in Samuel I. 2, 11 m»a bv nnain nipVx einsetzt und nach diesem 'zivaV die erwähnte Gemoroltelle korrigiert. Ich habe nur erklärend hinzugefügt ir wa. Die Entgegnung des Herrn K, daß in dem als Ersatz angeführten Posuk das Wort *-nrW" fehle, richtet sich also gegen ->2lvaV und b"Winn und gewinnt somit an Bedeutung. In meiner Antwort an Herrn Dr. Khabe ich bereits die Frage bezüglich des fehlenden ->*iriK behandelt. Das Wort im Pöfuk bv nnain ur>n ist ohnedies schwierig, weshalb »i-,: Vk — V» und Tnxrn — *?sr erklären. Die Gemoroh jedoch scheint das by als 'in« auszufassen, wie ijqvj v'yln b» O’ima (matt 35, 22 s. dazu i"aai) u. ö; m ' Wenn nun 'inx — b$ und irwrr — irv»n, so kann man statt mp« -nn« ruj?Vx 'iwa by napV» 'st'i Bedenkt man noch, daß nach rrsp mp 'Bin "inrr ppVa -,ai^i ispb tmn -j-n" rjnai nn (s. auch st'i m «"v 'Din), so ist die Korrektur des V'tznna nicht nötig. Rabb. M. Glaser, Brünn. Kleines Feuilleton. Gotthold Ephraim Lesfing. (Zu seinem 200. Geburtslage.) Was Gotthold Ephraim Lessing der deutschen Literatur und der Menfchheitskultur gewesen und immer bleiben wird, darüber sind sich heute alle, denen der Wertmesser wahrer Kultur zugesprochen wird, einig. Wie er am Bau des jüdischen Rechtes, dieser oft entscheidenden Abteilung des allgemeinen Menschenrechtes,, mitarbeitete, das spricht Dr. Georg G 0 thein in einer Sonderfestnummer des „ Ab wehr ve rei n s " in klaren, schönen Worten aus: „ ... Das furchtbare Unrecht, das die christlichen Kirchen, die Regierungen und die Gesetze der christlichen Staaten den jüdischen Mitbürgern antaten, aus deren Religion doch die ihre erwachsen war, drückte schon dem Zwanzigjährigen zu dem Lustspiel „Die Juden" die Feder in die Hand. Die Einschätzung des Menschen nach seiner Persönlichkeit verband rhn, den bereits berühmten Dichter und Schriftsteller, später in inniger Freundschaft mit dem unscheinbaren jüdischen Handlungsgehilfen' Moses Mendelssohn, dessen ehrlicher Wissensdrang ihn aufs stärkste anzog.. Nur bei völliger Gewissenssteiheit war für ihn wahre Sittlichkeit möglich. Daher fein Kampf gegen die unduldsame Art des Hamburger Hauptpastors Goeze, dem er zu trauriger Berühmtheit verholfen hat. Und als ihm die weltliche Macht die Fortsetzung der literarischen Fehde mit ihm untersagte, flüchtete er in das freie Gebiet der Kunst, schuf in „Nathan dem Weifen" das Hohelied der „Gleichberechtigung der Religionen". Das Bibelwort „in allerlei Volk, wer Gott fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm", hat in diesem „dramatischen Gedicht" eine herrliche Auslegung gefunden. Nicht das „Evangelium der Toleranz", als das man es häufig bezeichnet hat, ist es, sondern das der Achtung vor dem, was anderen als Religion heilig ist. ... Der Kampf, den er gekämpft hat, muß stets aufs neue gekämpft werden. Die traurigen Gesellen, deren Fanatismus, Dünkel und Ueberheblichkeit ebenso groß sind wie ihre geistige Armut, werden nicht alle. Immer wieder versuchen sie das Volk der Denker und Dichter auf die niedrigste Stufe finstersten. Mittelalters herabzuziehen. Uns aber soll das Gedächtnis des großen Geistesheroen ein steter Ansporn sein, nicht nachzulassen in dem Kampf für Freiheit, Recht und Sittlichkeit." Professor August Ziegler, Hannover, steuert einen Aufsatz, „Lessing im Kampf der Geister", bei. „Aus dem allgemeinen und ganz grundsätzlichen Welt- und Lebensgefühl der Aufklärung", schreibt er, „erwächst auch Lessings Stellung zum Judentum. Sein Eintreten dafür, seine persönliche Verbundenheit mit jüdischen Freunden ist nichts Zufälliges, nichts willkürliches, was so und vielleicht auch anders hätte fein können. Es ist der notwendige Ausdruck des Gefamtgeistes, der in Leffing lebt, für ein bestimmtes einzelnes Lebensgebiet. Was Lessing als Befreier für den „Menschen" erkämpfen will, wird damit auch zugleich für den Juden erkämpft. Und wenn er dem Menschen als Mensch sich verbunden fühlt, kann