Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 3 Der Israel i> t gründet. Woher soll diese ihre Dozenten nehmen, wenn sie den staatlichen Akademien gleichwertig sein und deren Hochschulcharakter tragen soll? Mögen doch die Propagandisten der jüdischen Akademie im preußischen Unterrichtsministerium anfragerti, wie schwer es ist, Akademie-Dozenten zu gewinnen,, die in dem von ihnen zu vertretenden Fache wissenschaftlich ausgebildet sind, darin derart gearbeitet haben, daß sie es, wie schon gesagt, als Dozenten an einer Universität vertreten können und die zugleich über die nötige Unterrichtserfahrung in der Volksschule verfügen. Wie umfangreich denkt man sich dann die lebende Galerie dieser jüdischen Wissenschaftler für Philosophie, für Pädagogik, für Psychologie und Methode der einzelnen Unterrichtsfächer? Schließlich werden doch, da die großen Verbände die Sache machen sollen, auch die Liberalen für sich mit vollem Recht eine Lehrerbildungsanstalt verlangen. In Berlin entsteht eben eine solche, der der Minister nach dem Kölner Vorbild, wie unlängst eine Zeitungsnotiz berichtete, das Recht zur Ausbildung nach den alten Vorschriften erteilt hat. Nebenbei ein Kapitel, über das auch einmal einige Worte zu sagen wären. Denn daß die vom Würzburger Raw und von Rabbiner Plato ‘txt ins Leben gerufenen Anstalten zu „Einheits"anstalten denaturiert werden sollen, das hätte Verfasser auch ohne die Erklärung der Kuratoren des Würzburger Seminars im „Israelit" diesen Herren niemals zu unterstellen gewagt, solange die A n st a 11 in ih re r alten Selbstcindig - feit w e i t e r b e st e h t. Aber, das Vermögen ist nicht mehr sehr groß, die Spenden sind gering. Wie steht es dann mit der Selbständigkeit, wenn der auf neue Grundlagen gestellte Betrieb ganz auf Konto der Einheitsverbände geht? Muß also gesagt werden: die jüdische pädagogische Akademie ist eine Utopie einmal, weil es an Dozenten fehlen wird, und noch viel mehr, weil der jüdische Aufbauschulabiturient voraussichtlich viel eher seinen Beruf als Arzt, Jur i st oder höhe r e r Lehrer wählen wird, so müssen doch die Wege angedeutet werden, wie künftighin die Ausbildung der jüdischen Lehrer geschehen soll. Eine Ketzerei zunächst hinsichtlich der zukünftigen Volksschullehrer. Der für die Juden noch zugelassene Ausbildungsweg ist auf die Dauer nicht gangbar. Darum gibt es für jüdische Kandidaten nur eine Möglichkeit: die staatliche pädagogische Akademie. Unschwer dürfte ein Abkommen mit dem Staat zu erreichen sein, wonach an einer Akademie (besser an zweien je für die gesetzestreuen und liberalen Studenten) Vorsorge für die Ausbildung jüdischer Studenten geschaffen wird. Es muß durchaus keine Simultanakademie sein. Für die jüdischen Studenten könnte sogar ein Lehrstuhl für einen vollwertigen jüdischen Dozenten (für die Religionsfächer) erlangt werden. Mit einem Bruchteil der Kosten für eine jüdische Zwergakademie — immer wieder die Möglichkeit ihrer Gründung bestritten — können Studienbeihilfen und andere Einrichtungen für Studenten geschaffen werden. Wird daran nur die eine, absolut zulässige Bedingung geknüpft, daß der Student sich nach abgelegtem Examen zu einem nachfolgend enStudiumaneinerJeschiwah oder einem Rabbinerseminar verpflichtet, dann ist auch für eine genügende Fundierung jüdischen Wissens gesorgt. Ohne einen Widerspruch mit den oben ausgesprochenen Ausführungen zur Religionslehrerfrage zu befürchten, mag gesagt werden, daß ein solches zweijähriges Nachstudium auch für städtische Religionslehrer ausreichen dürfte. Besser aber ist es, eine Sonderausbildungsstatte für zukünftige Nur-Religionslehrer zu gründen — vielleicht in Verbindung mit einer Jeschiwah oder einem Rabbinerseminar? — wo sowohl Vollabiturienten als auch junge Leute, die nur mittlere Reife erlangt haben (diese als Mindestforderung), sich auf den Lehrerberuf vorbereiten .Ein.Teil der Studien kann wohl gemeinsam betrieben werden, ein anderer muß getrennt werden. Dieser akademisch auszugestaltende pädagogische Studiengang — die Vorlesungen formten, an einer pädagogischen Akademie besucht unb| große Ausgaben gespart werden — müßte von allem befreit werden, was nur für den künftigen Volksschullehrer Bedeutung hat; es blieben dann nur systematische Pädagogik, ihre G eschichte, die pädagogischen Hilfswissenschaften und Psychologie übrig, die im Lehrplane der Akademie etwa den vierten Teil des Gesamtstudiums in Anspruch nehmen. An Stelle der übrigen Fächer tritt dann ein intensives Studium religionswissenschaftlicher Stoffe. Dann gewinnen wir pädagogisch nach dem besten Stande der Wissenschaft und Praxis ausgerüstete Religionslehrer, die für ihr Spezialgebiet ein vertieftes Maß von Wissen mitbringen und den Rabbiner als Lehrer bei weitem übertveffen. In einem Rhön¬ oder Vogelsbergdorf werden sie wohl nicht amten wollen. Hier dürfte auch der einfacher ausgestaltete Studiengang genügen, um brauchbare Lehrer auszubilden. Eine Verbindung der beiden Abteilungen kann in vielen Gebieten keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten. Möchten diese Ausführungen dazu führen, die, wie es scheint, recht weit gediehenen Pläne einer Nachprüfung zu unterziehen. Freilich ist zu befürchten, daß eine Ernüchterung der erhitzten Phantasien, die manchmal cm längst entschwunden geglaubte Jnflationsstimmungen erinnert, viel-' leicht schon aus Prestigegründen verhindert wird. Wenn wir etliche Jahre weiter sind, werden die Warner von heute eher Gehör finden. Melammed tinaukaus. 50 Jahre Antifennlismus. Von A. Mannheimer in Dellelbach. (Schluß.) , Reif wurde die Zeit für eine derartige öffentliche Abwehr durch verschiedene gravierende Vorgänge. Wilhelm H. hatte so gut wie Bismarck Gelegenheit, das Ränkespiel und die Hinterlist des Hofpredigers Stöcker zu erkennen. Rüge folgte auf Rüge. Im berüchtigten „Scheiterhaufenbrief" befürwortete Stöcker, Mißtrauen zu säen zwischen Kaiser und Kanzler. Die Entlassung Bismarcks 1890 öffnete manchem auch in dieser Hinsicht die Augen.') Bezeichnend für die antisemitische Korruption jener Zeit ist ein Absagebrief des Antisemiten Wilhelm Marr an die Partei: „Der moderne Antisemitismus — recte Fabrikgeschäftsschwindelantisemitismus ist für mich gegenstandslos geworden. Er belügt sich selbst um andere zu belügen und zu beschwindeln . . ." Hamburg, im Juli 1891. — Und später bekennt er, er habe nie mehr Erzschelmenbande gefunden als unter den Geschäftsantisemiten. Mit Ekel bis zum Erbrechen wende er sich vom Antisemitismus ab. Er werde diese Aeußerung nie widerrufen. Man mag aus solchen Beispielen ersehen, daß der Oeffentlichkeit damals doch schone die Augen aufgingen und dies in der Gründung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus' zum deutlichen Ausdruck kam. Wir stellten diese „Streifzüge" für das jüngere Geschlecht zusammen. Man wird daraus in groben Umrissen ein Bild vom Antisemitismus gewinnen, der vor 50 Jahren seinen Ausgang von unserem Vaterlande nahm. Man wird die verschiedenen Phasen desselben unterscheiden können: Salon- und Radauantisemitismus, wissenschaftlich verbrämter, religiös und national fundierter, rassisch eingestellter und wirtschaftlicher. Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem 3) Stöcker fiel später in Ungnade. Zu, seinem 70. Geburtstag bekam er keinen Glückwunsch, die Witwe beim Ableben Stöckers nicht einmal ein Beileidsschreiben. — Bismarck war kein Antisemit, wenn er in seiner Abneigung gegen die Demokratie dem Antisemitismus zeitweise die Zügel schießen ließ. „Ich mißbillige entschieden diesen Kampf gegen die Juden" äußerte er sich 1880 bei einem Familiendiner. Sein- Verhältnis zu Bleichröder blieb nach wie vor ein herzliches, nicht nur freundliches. 17. Januar 1929 auf dem Nationaltiätsprinzip aüfgebauten Weltfrieden trat der Rassenantisemitismus mehr und mehr in den Vordergrund, obwohl gerade im Weltkrieg das Rassenprinzip so jämmerlich" zusamrnengebrochen: alle Rassen, gegen alle Rassen. Und der RadauantisemttisMus unserer Tage zeigt klar die Gefährlichkeit des latenten Judenhasses, gezüchtet durch eine 50jährige Infizierung der Massen mit dem Gifte dse Antisemitismus. 50 Jahre stehen wir dauernd im Abwehrkampfe^ Was'das bedeutet an seelischer Erregung, geistiger Arbeit und materiellen Opfern! — Wahrlich, sie hätten besser zu friedlichem, produktivem Schaffen verwendet werden können. Sage keiner, der Kampf lege ungeahnte Fähigkeiten bloß bringe ungeahnte Kräfte zur Entfaltung. Es ist nicht das Normale. Im gewöhnlichen Leben bleibt es bei des Dichters Wort: Großes wirket ihr Streit, Größeres wirket ihr Bund. Der Not gehorchend, müssen wir weiter auf der Hut sein. 50 Jahre Volksgeistvergiftung: düs frißt gm Marke. Mit allen, rechtlich Denkenden und Gutgesinnten wollen und müssen wir weiter kämpfen gegen mittelalterliches Vorurteil und gegen Bosheit, Lüge und Gewalt; denn die Lüge ist nicht eine, sondern, die Waffe des Antisemitismus, sie ist das Blut in seinen Adern, der Odem in seiner Nase. Brutale Gewalttaten wie Friedhofsschändungen verraten im Grunde nur seine Schwäche, sein böses Gewissen, seine Furcht vor der Macht der Wahrheit. F ü r s i e a l l e i n g i l t. unser Kampf! — Korrespondenzen Mricbten. Deutsches Reich. VIII. Bundestag des Bundes Jüdischer Akademiker. (Schluß.) Berlin^ 10. Januar. Nach einer Darlegung der kulturpolitischen Notwendigkeit dieser Einstellung -in Anbetracht der geistigen Situation des Judentums der Gegenwart schloß der Redner mit einem ivrrv der Gemoro in mp, in dem er seinen Grundgedanken ausgesprochen fand. Nach dieser formvollendeten, mit großem Beifall aufgenommenen Rede sprach Herr Semmadozent Dr. Josef W o h l g e m u t h, Berlin, über das eigentliche Thema des Abends: , „Die Erwählung Israels." Redner beschränkte sich in der Behandlung , seines Stoffes auf die heilige Schrift und behandelte das Problem des Begriffs der Auserwähltheit nach Aufgabe und Verheißung-. Wie verträgt sich der universalistisch-monotheistische Gottesgedanke damit, daß nicht die Gesamtmenschheit für den Herlsplan Gottes seine Aufgabe erhalten hat, sondern nur ein einzelnes Volk, und wie kann die Verheißung, die Israel geworden ist, vor feiner tatsächlichen Geschichte bestehen. Nach Zurückweisung der Darstellungen der neueren religionsgeschichtlichen Schul«, die einen Widerspruch aufweisen will zwischen der Erzvätertradition und Auszugstradition und dabei zu den seltsamsten Konstruktionen greifen muß, führte er unter Benutzung eines Gedankens, den zuerst Jehuda Haleoi ausgesprochen hat, aus, daß das Problem aufhört, ein Problem zu sein, wenn wir die Erwählung Israels als eine gewissermaßen naturgesetzliche Gegebenheit erfassen. Im ersten Menschen ist an sich die gesamte Menschheit erwählt. Die Reinheit des ersten vollkommenen Menschen konnte sich nicht in allen folgenden Geschlechtern erhalten. Und für den Plan Gottes boten sich daher immer nur einzelne Glieder dar. Alle Gnadenerweisungen sind nicht willkürliche Akte Gattes, sondern bedeuten nur die Hinwegräumung des gefährdenden Milieus, um die in einer gewissermaßen natürlichen Auslese sich darbietenden Tauglichen als Werkzeuge für den von Gott am Anfang aller Ge-; schichte gesetzten' Plan zu retten. Unter diesem Gesichtspunkt, daß der Universalismus am Anfang aller Menschheitsgeschichte in der Bibel steht, und daß der Partikulavismus durch die von Gott selbst in die Natur gelegten Gesetze bedingt, ist, vor allem aber unter dem