Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1929)
- Date
- 1929-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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17. Januar 1929 De r Isra e l i t Seile 3. Nr. 3 fchästigt aus eigenem Entschluß auch ohne Kenntnis des Erziehers. ■ . SelbstverskänLiich übernehmen wir die volle Verantwortung für unsere Arbeit, die wir im Aufträge der 1926 vom Keren Haitorah einberufenen Erziehungs- Lonferenz geleistet haben, auf uns. Es ist jedoch unrichtig, daß die Veröffentlichung, wie der ArWelfchreiber behauptet, „gegen den ausdruMchen Widerspruch der Keren Hatorah-Zentrale" erfolgt sei. Auf die Zusendung mehrerer Exemplare des Verzeichnisses etwa 2 Monate vor der Veröffentlichung haben wir vielmehr bis heute noch 'keine- Nachricht erhalten. Selbst, wenn unsere Arbeit, „die gut gemeint wckr, schlecht gemacht ist", so würden wir uns freuen, wenn durch sie veranlaßt andere an die Arbeit gehen, das sicher in mancher Hinsicht verbesserungsbedürftige Verzeichnis durch ein besseres zu ersetzen." Wir müssen zunächst feststellen, daß die Auffassung, das Verzeichnis sei „nur für Erzieher" bestimmt gewesen, so daß die empfohlenen Bücher gewissermaßen nur eine Art Unterlage zur Besprechung und Klärung unter kundiger Leitung bieten sollen, nicht aufrecht zu erhalten ist. Ein Verzeichnis, das in vielen Tausenden von Exemplaren m alle jüdischen Häuser getragen und damit sogar den Kindern selbst in die Hand gegeben wird, wirkt unter a l l en Umständen werbend für das empfohlene Werk nicht nur, sondern für die G e s a m t p e r s ö n l i ch k e i t des Dichters und Schöpfers, der hinter dem Werke steht. Es ist von gewissenhaften, pflichtbewußten, mit dem Geiste des Vitzob wn n1? *ny erfüllten jüdischen Jugenderziehern nicht zu verantworten, wenn sie ungewollt eine derartige Werbearbeit für bt» leisten, ohne selber die^ Kontrolle über die geistigen Wirkungen dieser Werbearbeit.in der Hand zu behalten. Auch wir wollen kein „geistiges Ghetto" aufrichten, ' obgleich es recht fraglich ist, inwieweit wir f'in ja berechtigt sind, unsrer reiferen Jugend mehr oder minder virulente Giftstoffe als Arzneimittel zu Jmmunisierungszwecken, .ob auch nur in kleinsten Dosen, zu reichen. Keinesfalls aber darf die weitherzige Auffassung, die um ästhetischer Gesichtspunkte willen — deren Richtigkeit zunächst einmal vorausgesetzt — ganz oder halb vom überlieferten Judentum abgefallene Autoren vor warmherzigen, tief religiös empfindenden Dichtern und Schriftstellern bevorzugt, bei der geistigen Beeinflussung unreifer Kinder zur Geltung gebracht werden. Wenn die Verfasser behaupten-, es sei unrichtig, daß die Veröffentlichung „gegen den ausdrücklichen Widerspruch der Keren hathora-Zentrale" erfolgt sei, so können wir uns nur auf eine uns vorliegende Zuschrift des Direktors der Keren hathora-Zentrale vom 4. Dezember 1928 beziehen, in der es wörtlich heißt:! . ., daß ich vor einigen Wochen das Verzeichnis der jüdischen Jugendschriften erhalten und sofort dem Sekretariat des „Merkas hachi-ivuch" nütMteilt habe, daß ich die Zusammenstellung sowohl vom religiösen, wie vom li t e ra r i sche n, wie vom pädagogischen Standpunkte für unzulänglich halte. Gegen eine Veröffentlichung habe ich mich in noch schärferen Worten ausgesprochen. Daß eine Veröffentlichung gegen meinen ausdrücklichen Willen erfolgt ist, bedaure ich auf das Lebhafteste. Es bleibt nun nich-s anderes übrig, als dieses in den Blättern bekannt zu geben." Damit dürfte die formale Frage der Verantwortlichkeit wohl erledigt sein. In der Sache selbst sollte man innerhalb des Kreises der gesetzestreuen Pädagogen zu einer Klärung der Ansichten zu kommen suchen. Auch auf dem Gebiete der Pädagogik dürfen unsres Erachtens die weitgehenden Forderungen der jüdisch-religiösen Ethik, wie sie in dem oben erwähnten halachischen Grundsatz und zahlreichen verwandten Gedankengängen der Halacha niedergelegt sind, nicht außer acht gelassen werden. Die Meldung der für die unsrer Kinder bedarf keiner geringeren Achtsamkeit als die Reinheit der physischen Nahrung, der das jüdische Volk durch die Jahrtausende hindurch eine so gewaltige geistige und praktische Pflege zugewandt hat. Offensive der Wahrheit. Herr Dr. Ludwig Holländer vom Centralvereindeutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zieht in Nr. 1 der „C. V.-Zeitung" eine Bilanz der Tätigkeit im C. V. zwischen Ende 1918 und 1928 und kommt zu der folgenden Schlußfolgerung: „Gewiß ist die Rechtsgleichheit von ungeheurer Bedeutung; gewiß ist die Stellungnahme der Behörden zu uns von wesentlichem Einfluß; ober entscheidend ist die Arbeit, die sich aus die Gestaltung der Volksstimmung als solche einstellt. Im heutigen, im demokratischen Staatswesen kann die Volksstimmung alles erreichen. Die Stimmung nach unten' ist wichtig,er als die Stimmung nach oben. Mit dieser Beeinflussungnach unten arbeiten unsere Gegner. Der Nationalsozi-alismus bietet feine unmittelbare Gefahr für den Staat, aber er sucht die Stimmung im Volke systematisch zu unterhöhkenl. Er wird am Ende an seiner inneren Unwahrheit zugrundegehen. Aber der Bankrott der Lüge wird immerhin einige Zeit dauern, und bis dahin ist das Volk massenweise vergiftet. Wer infolgedessen der Judenheit nützen, wer mit ihr den Frieden im deutschen Volk schaffen, wer dem Wiedererstarken der deutschen Gesamtheit einen Weg weisen will, muß Kulturarbeit nach unten treiben. Die Einzelseele zu erfassen, die Gesamtheit von der Wertigkeit ihrer einzelnen Teile, auch ihres jüdischen Teils, zu überzeugen, innere Propaganda zu leisten, das ist heute die Aufgabe/ Gewiß wird an der politischen- Bekämpfung der Gegner ununterbrochen weiter gearbeitet werden müssen. Entscheidend ist aber die Aenderung der Gesamtstimmung , . . Wer die judenfeindlichen Strömungen in der heutigen Zeit überwinden helfen will, der kann und darf sich niemals in der Defensive halten. Offensiv>e besteht in einer großzügigen, von seelenkundlichen und gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen ausgehenden Aufklärung. Niemals hätten völkische Irrlehren, nationalsozialistischer Verhetzung, das Jonglieren mit im Grunde genommen lächerlichen Wirtfchaftstheorien im Volk solchen Eindruck machen können, wenn d-itz deutsche Judenheit den Wunsch und die Kraft besessen hätte, die Offensive für ihre jüdische Ehre und für ihr Deutschsein zu ergreifen. Diel zu viel Organisaiiönchen,, viel zu viel Quacksalbereien, viel zu viel Glauben an die Wirksamkeit persönlichen Einflusses haben die Wirklichkeit überschattet, die von uns für die Zukunft nachdrückliches Handeln und unermüdEchen Fleiß im Einzelnen beanspruchen." In dieser Bilanz scheinen uns em> paar wichtige Posten zu fehlen: der verlorene Krieg, die wirtschaftliche Krisis und die sich daraus ergebende Not und Unzufriedenheit in den Mittel- und unteren Schichten des Volkes. Es sind dies Aktivposten im Hauptbuchs der Nationalsozialisten und Konsorten, mit denen sie sehr gut und gewinnbringend arbeiten. Der einfache Mann im Volke ist schon zufrieden, wenn man ihm die angebliche Ursache seiner Notlage zeigt und eine Zielscheibe, dahin sich seine ganze Erbitterung entladen kann. Er greift gierig nach den Hetzschriften und sie bestimmen die Zielrichtung für seinen Haß. Wird er auch die Offensive der Wahrheit und Aufklärung über sich ergehen und auf sich einwirken lassen? Wird das Wort der Belehrungen in die Niederungen dringen, ohne sich an den Staudämmen, die ihm dort blindwütiger Haß errichtet, zu brechen? Wir konstatieren es, ohne die Aufklärungsarbeit des Zentralvereins in ihrer Bedeutung im mindesten herabzusetzen. Jüdische Lehrerbildungs-Inflation. (Schluß.) Und noch eins: das Nebeneinander zweier Anstalten, die ihre Zöglinge im Geiste des gesetzestreuen Judentums ausbilden und die ihre Existenzmittel .in der Hauptsache aus denselben z Kassen beziehen. Würzburg verlangt sogar (oder erhält schon?) Unterstützung vom preußischen Landesverband für feine weitgesteckten Ziele. Das wirtschaftliche Leben steht heute unter der Parole der Rationalisierung. Eine preußische vollausgebaute Akademie soll in zwei Jahrgängen 300 Studenten ausbilden, d. h. jährlich 150 Lehrer in die Praxis entlassen. Unsere zwei jüdischen Anstalten bringen es im Jahre nicht einmal auf je den zehnten Teil. Eine Anstalt genügt also vollständig. Die Unterhaltung zweier, an den allgemeinen Maßstäben gemessen, Zwerganstalten ist eine nicht zu verantwortende Verschwendung von Mitteln, die von der jüdischen Allgemeinheit zwangsweise aufgebracht werden. Selbst angenommen, es wird nur eine Akademie — dann immer noch eine Zwerganstalt — ge- Kleines Feuilleton. Rabbi David Deukfch, ein Freund des Schemen Rokeach. Nach einer Darstellung von Rabb. Dr. Lazar Münz. (Mitgeteilt anläßlich seiner Jahrzeit am 24. Tebeth.) Rabbi David Deutsch zählte zu den bedeutendsten Talmudgelehrten seinerzeit und veröffentlichte auch unter dem Namen Ohel David 1 n zwei Schriften, die sein tiefes, gründliches Wissen bekunden. Bewundernswürdiger steht er aber da mit feinem erhabenen Charakter. Rabbi David Deutsch führte eine asketische Lebensweise und hatte sich an eine seltene, ganz ungewöhnliche Bedürfnislosigkeit gewöhnt. Dabei übte er Werke der Milde und Barmherzigkeit in einem Maße, die alle Grenzen überschritt., Wenn ein Armer an ihn herantrat, so griff er in die Tasche und reichte ihm eine Spende, ohne vorher das Geld zu sehen und zu zählen. War sein Geldvorrat bereits erschöpft, so gab er, wie es nicht selten vorkam, seine silberbeschlagene Pfeife oder ähnliche Sachen, die ihm gerade zur Disposition standen, dem Armen hin. Seine hohe Frömmigkeit äußerte sich auch darin, daß er aus Scheu und Demut vor Gott dem Herrn Nicht mit erhobenem Auge ausschaute, nicht über seine nächste Umgebung, „über die vier Ellen" hinausblickte. ' Bei dieser idealen Gesinnung und ernsten Lebensanfchauung war Rabbi David Deutsch stets heiter gelaunt, und seine Rede sprudelte von Witz. Nach der Gemeinde des R. David Deutsch pflegten aus der Umgegend jüdische Gutsbesitzer am Sabbat hereinzukommen. Der Rabbiner hatte erfahren, daß sie, entgegen den rekigionsgesetzlichen Vorschriften, auf ihnen Feldernam Sabbat mit ihren Rindern arbeiten ließen. Einst trat R. David an die Gutsbesitzer heran, und nachdem er ihnen den üblichen Gruß „Schalom alechem" geboten, richtete er an sie ' die Frage, was sie denn eigentlich ln der Stadt zu tun hätten. Auf die Antwort, sie seien, um den Sabbat würdig zu fetern, von dem Lande nach der Stadt gekommen, sprach er zu ihnen, ihnen gleichsam einen wohlmeinenden Rat erteilend: „Schicket lieber eure Ochsen herein." — In Mitlvo, wohin R. David Deutsch öfters zu Besuche kam, sah er einmal einen alten Mann, .der ohne Bart war, entgegen der altjüdischen Sitte, und eine schwere Last trug. Rabbi David ließ dann den Mann zu sich kommen und frug ihn: „Was hat mau euch für das Tragen jener schweren Last gegeben?"!„Zwanzig Kreuzer," antwortete er. „Ich will Euch mehr geben, wenn Ihr etwsa Leichteres tragenwollt." „Sehr gern." sprach der jüdische Lastträger. „Da habt Ihr einen Gulden und tragt einen Bart." Diese und ähnliche witzige Worte, die uns von R. Deutsch bekannt sind, zeugen von dem Humor und dem heitern Sinn, der jenem so ernsten, frommen Mann eigen waren.! Dieser bedeutende Mann war der intimste Freund des Rabbi Eleasar Löw. genannt Schemen Rokeach. Er kam zu ihm öfter zu Besuche und war ihm überaus zugetan und ergeb-en. Er nannte den Schemen Rokeach nie anders als „Rabbi" (mein Lehrer); er betrachtete sich, da er so oft Belehrung von ihm sich erwarb, gleichsam als dessen Schüler. j Zollte Rabbi David Deutsch dem Schemen Rokeach Liebe und Verehrung, so fühlte sich auch Rabbi Eleasar zu seinem Freunde mit ganzer Seele hingezogen. Er nennt ihn-: „Freund meiner Seele", „Freund, der mir - wie ein Bruder ist." - Er zitiert in seinen Werken mit großer Vorliebe Bemerkungen, die ihm sein Freund! schriftlich mitgeteilt, und als dieser im Jahre 1830. durch den Tod ihm entrissen wurde, setzte er ihm ein literarisches Denkmal. Rabbi Eleasar ließ die Responsen sammeln, die er im Lause her Jahre dem Rabbi David Deutsch auf dessen Anfragen erteilt hatte, um sie der Oeffentlichkeit zu übergeben und so seinem Freunde, wie er sich ausdrückte, „ein Gedächtnis zu stiften". Wochenkalender. v. 19. — 26. Jan. 1929 v. 8.,- 15. Schebat Samstag Jan 19 V2v 8 Sonntag 20 9 Nontag 21 - 10 Oienstag >22 11; Nittwoch 23 12 vonnerstag 24 13 sreitag 25 14 Samstag 26 15 «2 n*w na® ")»J7 nvvn Briefkasten. ZS. in K. und' Andere. Vorsitzende des „Comitc pro Leysin” ist F.aa E. Botschko in Montreux Kassiererin Frau Dr. Ascher in Bex les Bains (Schweiz) 3». W. in Ar. Es ist nicht üblich, so übe, Iah zeiten zu berichten Brückenau. Resi Schuster für Rabbi Meir bal Hanes 2.—, Keren Hatorah 3.— eingegängen.