Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1929)
- Date
- 1929-01-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Eine Jeschiwo im Schnee Der Höchstpunkt von Montreux. Ein Stückchen Schweizererde, auf die der Weltenschöpfer seinen ganzen Farbenkessel ausgegossen hat. Gewaltig erheben sich die weißgekrönten Höhen in Zacken und Ketten über den glitzernden, in allen Farben spielenden Genfersee. Unten alabasterweißer, hartgefrorener Schnee,' und von oben eine warme strahlende Sonne, als käme der junge Frühling zum alten Winter zu Besuch und küßte ihn so herzhaft, daß der Alte lachen muß. Sind alle Menschen hier nur. deswegen so froh, so heiter, so freundlich und voller Entgegenkommen, weil die Sonne über den schneeigen Höhen alles, alles, selbst die hartgefrorene Wintererde, zum Lachen bringt?! Es gab wohl Zeiten, da die Menschen auch hier zwischen Berg und See dieses Lachen des Schöpfers nicht verstanden. In den See direkt hineingebaut, steht das Chateau de Chil - l o n, ein graues, hartgebautes Schloß, tausend Jahre alt, mit Zinnen und Kuppeln, mit einem Labyrinth von Zimmern, Gemächern, Dunkelkammern, Prunksälen mit altem Zinn und geschwungenen Waffen, mit Kellern, Ketten und Gefängnissen, Foltermaschinen und Galgen. Hier kann man das Grauen lernen. Hier hatten sich Ritter befestigt. Wehe dem Armen, der als Gefangener in diese Katakomben hinuntergeführt wurde. Er sah das Sonnenlicht über den weißen Bergen nie mehr und den See vielleicht nur durch die schmale Schießscharte in der Mauer, kurz bevor er als Leiche zu den französischen Bergen hmübertrieb. Und Menschen kommen aus allen Erdteilen, aus Amerika und Australien und allen Ländern Europas, um zu schauen und zu staunen, sich von einem Führer die Keller und Ketten zeigen zu lassen und die Steine, die durchweicht waren von Tränen Unglücklicher und Unschuldiger. Welche Worte des Hasses, des Flehens, der Verzweiflung, der Sehnsucht mach Sonne und Leben sind in diese grauen Quadern mit zittriger Hand eingegraben! Jeder Stein spricht von einer versunkenen Welt des Leids und des Lastres, der Hßchgelagen. oben und der dumpfen Verzweif- Mng unten.. 'Vexs unken .ist diese Welt, Gott sei es gedankt. - Der. unweit d« dies er Stadt tagende B ö l t.e jz b u it d sieht sich zuweilen diese Stätte an. Aus den. kalten, grauen Gräbern der Menschenschänönng in der Ritterzeit mag ettoajs Licht und 'Freükie^ für? ein Geschlecht der Gegenwart und 'für die Zukunft erblühen! Auf der anderen Seite erhebt sich der Hügel Ehatelard., und darauf ein noch nicht so altes Schlößchen, die Villa „Quisisana". Wir steigen die vierhundert Meter hinauf Und stehen wiederum auf Geschichtsboden: mitten in der jüdisch e n .Vergangenheit, die gar nicht Vergangenheit, ist,j sondern lebendige Gegenwart und erst .recht Z u k u n f t. Die Steine und Mauern, eingerahmt von weitem Baum- und Gartengelände, besagen' nicht so viel. Hier hat vor noch nicht so! langer Zeit ein ägyptischer Eh e.d i v seine Sommerresidenz gehabt. Heute wohnt darin die-THora, eine? J eschiw o; eine regelrechte Jeschiwo, wie man siewohl bi größerem Ausmaße, aber in n ihrer inneren Struktur nicht anders auch in Litauen öder Ungarn sehen kann. > . i : Eine Jeschiwo! Du lieber Himmel! Wenn ich in meiner Kindheitszeit aus dem Fenster des Jeschiwobaues hinausschaute, da sah ich graue Haufen, graue Holzhäuschen, graugelbe Schindel¬ und Strohdächer, weißgrauen Rauch aus dem steilen Schornstein des Gemeindebades, - graue Sorgenfurchen auf schmalen Gesichtern von gebeugten Menschen, einen Tümpel, in dem Frösche im Chore quakten vor einer grauen! Sandebene, die man die „Sarde" nannte. Hier stehe ich auf dem Gipfel des Chatelard vor der Jeschiwo zu Montreux und sehe hinab auf den leuchtenden See zu meinen Füßen, sehe hinüber zu den schneebedeckten Bergketten, die die französische Erde einsäumen. Unten zwischen Berg und See langen drei Häuserzungen, die am Abend lichtgarniert sind wie bei einer italienischen Nacht in einem Park, mitten in das WasiZr hinein. Und darüber ein kristallblauer Himmel, der gegen Abend ein Feuerrot aufnimmt, das das Blau .nicht verdrängt. Hellblau, Feuerrot und Violett in einem. Herr, was ist deine Welt schön! . . . Und da oben hat sich die Thora ein Schlößchen gebaut und. sie sieht all das gar nicht. Sieht nicht? Sie. siehts, fühlts zutiefst und zuinnerst, ist mit ein Stück dieser erhabenen und erhebenden Weltschönheit, und singt im Chore mit am Lobliede für den Meister und sein Werk; ja singt in Worten, was Berge, Seen, Schnee und Sonne in Leuchten, Glitzern, Scheinen sagen und singen! Fünßunddreßig Jungen treffe ich im großen Saale beim Lernen, beim „Ehasern". Ein Wunder im Wunder der Schöpfung tut sich meinen Augen und Ohren auf. Ein Stück Litauen mitten in der Alpenwelt erblüht, ein S l a b o d k o und T e l s ch aus den Bergen ge-' zaubert. Die untergehende Sonne schüttet Farbenpracht über Berg und Tal, drinnen sitzen die .Fünfunddreißig und lernen, lernen und lernen; singen, schreien, reden, einzeln und im Chore. Alle Sprachen und Dialekte sind vertreten, aus sieben Ländern kommen die Jugnen. Den Geist beherrscht Litauen, die Sprache die Schweiz und das liebe Schwyzerd eutsch. Daß ein Maharschoo „ch a ipe" schwer sein kann, hörte ich hier zum erstenmal in meinem Leben. Ich wohne dem Unterricht in den einzelnen Gruppen bei. Es sind im ganzen vier Abteilungen, von Anfängern im Alter von vierzehn und fünfzehn Jahren bis zu Zwanzigjährigen, die selbständig ein Blatt mit allen Kommentaren lernen. Ich bin in der dritten.Gruppe. Fünfzehn Jungen, alle frisch, froh und sechszehnjährig. Eine schwere Sugja im Traktate Gittin wird durchgenommen. Der Schöpfer utzd 'oberste Leiter dieses Wunderwerkes, Herr Bötschkd, eine sittliche Persönlichkeit, aus dsr^Muffaratmosphäre der litauischen Hochschulen hervorg^- wachsen, mit.. ganz hervorragender ckalmudischer ■ Gelehrsamketi und pädagogischer Bchahü)rg7'.gearbeitet die Materie mit alles Tiefe und Gründlichkeit, unter Heranziehung der ganzen einschlägigen Literatur. Ich fürchte, die Jungen mit den.lachenden Augen in ihren' grobwollenen Sweatern, die eher auf Ski und Fußball Hinweisen, als auf diese verschlungenen- Gänge der Halacha, könnten nicht alle folgen. Aber sie sind alle dabei, und die Kleinsten wiederholen das Pensum in allen Nuancen mit einer Sicherheit, die mich frappiert. Inzwischen arbeiten im andern Zimmer die acht älteren Jünger der vierten Gruppe selbständig an einem schweren Tossafot. Wenn sie mit ihrer Sache fertig sind, wird sie der Leiter selbst abhören und das Ganze mit einem Pilpul krönen. Und in den oberen Gemächern lernen zur gleichen Zeit je fünf oder sechs Jungen der ersten und zweiten Gruppe, einfach „Pschat" mit Raschi und kleineren Tossafot. Ihre Lehrer sind noch selber Schüler, die ältesten Bachurim und jüngsten Dozenten. Die Luft in allen Räumen ist mit Thora angefüllt. Gegen acht Uhr abends sind die Schiurim zu Ende und alle sind im großen Betfaale vervr. i sammelt, wa das Maariwgebet mit einer Innigkeit und Inbrunst verrichtet wird, daß die Welt mit ihrem Jagen und Hasten einfach vergessen ist. Alle Schönheit der Alpennacht hat sich in die Tiefen der Seelen, der Herzen verzogen, aus denen die Andacht wie der Bergbach frisch sprudelt. Dünne, feine Stimmchen zittern wie im Märtyrerglück das „Echod" des „Schma" und in Sportjacken gekleidete frische Jungen schaukeln sich beim Achtzehngebet wie alte Rabbis. Und bei all dem keine Stubenhocker, die hinter Licht und Sonne leben, mit dem Buche dem Leben, der Schönheit, dem ersten Rechte der Jugend, dem Frohsinn, entführt werden. Das ist keineswegs der Fall. Den großen Schneemann mit dem Besen in den robusten Fäusten im Garten vor dem Jeschiwohause muß man sehen« und die große Schneehütte davor, die die Jungen in den kurzen Pausen hier mit Meisterhand errichtet haben! Es gibt auch Pausen für Spazierengehen, sogar für Rodeln und Skifahren. Daß manche Jungen darauf verzichten, daß manche sogar nach dem Abendessen, , was nicht fein soll, noch einmal nach der Gemoro greifen und ein großes Loch in die Nacht hineinlernen, ist nicht schuld der Jeschiwo. Oder doch? -- Und betrat kommt der Sabbat über die Alpenhöhen ins Bergtal, schleicht sich mit den Abendschatten die Stufen hinauf zur Billa Quisisana. Im Schlößchen, wo früher die ägyptischen Herrschaften orientalische Feste gaben, brennen alle Lichter. Die Jungen, frisch, pausbäckig und frohgemut, stecken in ihren Sabbatanzügen. Am Vorbeterpulte steht der Leiter selbst. Mit einem „Lecho daudi" in der'herzinnigen Slobodkoer Mussarmelodie wird der Sabbat, empfangen. Gebete an der Peripherie werden im herrlichen Chore gesungen. Im Nebenraume sind die langen Tafeln weißgedeckt. Von unten her, aus der Küche herauf, dringt der liebliche Duft gefüllter Fische. Auch das ist litauisch. Eine Stunde später ist die ganze Korona unten im Tale tan der Privatwohnung des Leiters, der im Nebenamte (er sagt, im Hauptberufe) Kaufmann und Besitzer eines großen Ausstattungsgeschäftes ist, versammelt. In der Sabbatstube brennen auf dem Tische, von der Decke herab, an den Wänden sämtliche Lichter und Kandelaber. So saßen wir einst, viele Jahrzehnte liegen dazwischen, um unseren Rebben in Woloschin. Der Respekt ist . so grenzenlos wie die Liebe endlos ist, Schwierige Erziehungsprobleme, mit denen die moderne ^Pädagogik nicht fertig wird, sind hier .spielend, einzig' durch'die^! Disziplin, die aus, der Materie, dem . KyMex zwischen Lehrer und Schüler kämmt, gelöst. Schweizer Jungen, mit denen keine Schule was anfangen konnte, sind hier Menschen, Juden, echte rechte Thorajünger geworden. Versuch am untauglichen Objekte, rieten Kundige ab. Von der Kraft der Thora und des Musiar erfaßt, wird das Objekt tauglich. Letzteres bestätigte mir kein geringerer, als Herr Dr. Ascher in Bex, einer unserer besten jüdischen Pädagogen, der Gelegenheit hat, Geist und Gang der Jeschiwo aus nächster Nähe zu beobachten. Der Leiter und väterliche Hausherr ruft aufs Geradewohl den einen und den anderen auf, zieht ihn an sich heran, fragt ihn aus, hört ihn ab - Wer so ausgezeichnet ist, strahlt und zeigt, was er kann. Indes die Hausfrau und Mutter der Jeschiwo unermüdlich und Unerschöpflich „ihrd Kinder" betreut und bewirtet. „Habt Ihr, Jungens, schon den Tee?" „So greift doch zu, hier Kuchen und Obst." „Du, mein Kind, gehe nicht so in die Luft hinaus, bist so leicht erkältet." Und so weiter, und westen Die Jungen strahlen, singen, hören, erzählen. Einer unter ihnen wird „Josiele" genannt, wiewohl er ganz anders heißt, Josiele Rosenblatt, wegen seiner